Eine Frage der Perspektive

Von 8Lisa91 · 4. November 2015 ·
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  1. *** Achtung: Dieser Blog-Eintrag bezieht sich auf spezifische Inhalte aus SOMA. Jeder, der sich hiervon nicht spoilern lassen will und das Spiel selber noch unbeeinflusst spielen möchte, sollte nicht weiter lesen. ***



    Es ist schon einige Zeitlang her, dass ich SOMA durch habe, aber dennoch beschäftigt mich das Ende noch immer.

    Hier eine kleine Erklärung, auf was ich mich beziehen möchte:
    SOMA spielt in einem Zukunftsszenario, in dem auf der Erde kein Leben mehr möglich ist. Gehirnscans von Menschen werden in eine Arche transferiert, die in den Weltraum geschossen werden und so ein Vermächtnis der Menschheit darstellen soll. Diese Gehirnscans sind anfangs Kopien der (noch) lebenden Menschen, sobald das "reale" Vorbild stirbt, kommt schnell die Frage auf, ob die Kopie, die beispielsweise in Maschinen transferiert werden kann, "aufrückt" oder in ihrer Geltungsposition aufsteigt, da das Vorbild und die erste Version ja nicht mehr existiert oder ob Vorbild und Kopien schon von Vornherein gleichgestellt sind. Sind echter Mensch und Kopie also gleich viel wert oder gibt es da einen Unterschied?

    Die meisten Menschen würden wohl sofort sagen, dass der reale Mensch natürlich viel mehr wert sei als seine Kopie. Das ist nur logisch und vernünftig. Die Sache ist nur, dass die Kopie, die die gleiche Persönlichkeit und die gleichen Erinnerungen hat wie das Vorbild, das anders sehen würde. Immerhin nimmt sie sich als Person/eigenständig denkendes, fühlendes und handelndes Wesen und sowohl als geltungsberechtigt wahr. (Zumindest ist das beim Protagonisten Simon so. Er weiß zwar, dass er eine Kopie ist und dass er nicht mehr der Gleiche ist wie einst sein Vorbild in der Vergangenheit, aber dennoch will er überleben und sieht sich selbst als echt, wichtig und geltend an. Vielleicht auch vor allem deswegen, da der Real-Simon schon sehr lange tot ist, ehe der kopierte Simon erwacht.)

    Im Spielverlauf wird man mit einer Umfrage konfrontiert, in der man solche Fragen beantworten kann.
    Beispielsweise ob man überhaupt auf die Arche möchte oder ob man lieber sterben will. Ob man einen virtuellen Lebensraum überhaupt als lebenswert ansieht oder ob man eher nicht in so eine Lüge eingefügt werden möchte. Ob man sich anders fühlt, ob man sich anders sieht, anders wahrnimmt.
    Zu diesem Teil des Spiels irrt man schon durch die Horrorstationen unter Wasser und wird von seltsamen Wesen verfolgt, die einem ans Leder wollen. Alles ist trist und schrecklich. Die Welt wie man sie kannte, die Menschheit existieren nicht mehr, das eigene Vorbild (also man selbst?) ist schon seit Jahrzehnten tot und damit auch alle Menschen, die man mal kannte und gern hatte. Es scheint, als gebe es nichts mehr, was einem das Leben lebenswert macht, und dennoch weigert man sich, sich einfach töten zu lassen.
    Man beantwortet die Fragen in dem Fragebogen also eher neutral bis negativ. Die Fragen, ab wann ein Mensch ein Mensch ist, ob die Kopie überhaupt lebenswert oder genauso wichtig ist, über virtuelle Lebensräume und über vieles mehr bereiten einem Kopfzerbrechen, sind jedoch irgendwie auch abstrakt. Sie betreffen einen eher nur peripher bzw. hypothetisch. Man selbst bzw. die eigene Kopie irrt ja am Meeresgrund herum.

    Spannend wird diese Thematik aber dann vor allem noch mal am Ende nach dem Abspann.
    Eine Kopie von Simon hat es schließlich auf die Arche geschafft. Nach all den furchtbaren Dingen, die man am Meeresgrund und in der Handvoll besetzter Unterwasserstationen durchleiden musste, kann man sein Glück kaum fassen, als man in der virtuellen Umgebung der Arche zu sich kommt. Die Sonne scheint, es gibt sattes, grünes Gras, klare Bäche, hübsche Blumen, blauen Himmel, Vogelzwitschern und idyllischen Frieden. Was man sonst vielleicht kitschig gefunden hätte, scheint nun regelrecht paradiesisch.
    An einem Weg findet man noch einmal die gleiche Umfrage, die eine vorherige Kopie in einer Station bereits beantwortet hat, und plötzlich findet man alles super. Die durchgestandenen Gefahren haben die Wahrnehmung der eigenen Person und der eigenen Geltungsberechtigung, sowie der Umgebung erheblich aufgewertet: Man fühlt sich plötzlich super, alles ist toll. Die Arche ist kein abstraktes, virtuelles Gebilde, in dem Daten gespeichert sind und eine Scheinrealität vorgegaukelt wird, nein, sie ist der blanke Himmel im Vergleich zu den letzten Stunden unten im Meer und dazu auch noch eine neue Welt, in der man von nun an lebt und die man entdecken kann.

    Es ist sehr interessant, wie unterschiedlich man ein und dieselbe Sache/Situation wahrnehmen kann. Dabei hängt es nur vom Blickwinkel ab:
    Ist man jemand, der sich vorstellt, dass eine Kopie von einem in eine virtuelle Welt transferiert wird, kommt einem die Aussicht zum Teil seltsam und heuchlerisch vor. Man fragt sich, ob man es da überhaupt aushalten würde, ob man in etwas Nicht-Realem leben könnte und ob man das überhaupt will.
    Ist man hingegen dort oben und hat die Aussicht auf ein schönes Leben, auch wenn es nicht echt ist, sieht die Sache schon anders aus. Man freut sich, findet die vorgegaukelte heile Welt gar nicht mal so schlimm. Zumindest vorerst.
    Wie gravierend sich in SOMA der Blickwinkel gewechselt hat und wie die Wahrnehmung auf einmal auf den Kopf gestellt wird und wie einfach man sich schließlich beeinflussen lässt, war ein interessantes Gedankenexperiment und eine spannende Erfahrung.
    Dabei muss man jedoch auch betonen, dass der erlebte Horror einen großen Teil dazu beiträgt. Nach all dem ist man einfach nur froh, alles überstanden zu haben.
    Natürlich besteht zudem die Frage, wie lange die Euphorie bei der Kopie auf der Arche andauert und wann man realisiert, dass man eben nur in einem virtuellen Gebilde als Kopie abgespeichert wurde, ob man kein Problem damit hat oder ob es einen jeden Tag mehr beschäftigt. Wie man das alles nach längerer Zeit wahrnimmt und sieht, das ist wohl die Frage für ein anderes Spiel.

    Abschließend hoffe ich, dass man meinen Erklärungen und Gedankengängen folgen kann. Vielleicht habe ich hier einiges an Mist verzapft, aber mir kam das alles beim Spielen, darüber Nachdenken und Schreiben logisch vor :D
    Ich entschuldige mich schon mal, falls ich hier Infos falsch wiedergegeben habe. Es handelt sich hier um eine komplexe Thematik und daher möchte ich nicht ausschließen, dass ich den ein oder anderen Denkfehler gemacht habe, aber andererseits gebe ich hier auch viele meiner eigenen Gedankengänge und Eindrücke wieder, denn die Thematiken und das Ende von SOMA waren mir das Grübeln auf jeden Fall wert :)

    Über den Autor

    8Lisa91
    Schreiben, Kino, Games&Medien, Kultur

Kommentare

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  1. Bastius
    Der Spieler nimmt zu einem bestimmten Zeitpunkt das Gedächnis in Besitz und übergibt es dann dem Nachfolger, der auch der Spieler ist, weshalb das wohl auch so gut funktioniert. Das ist interessant und paradox, denn aus Spielersicht würde einen die Idylle ja nicht lange festhalten. Und damit könnte man auch meinen, dass der Protagonist nicht in dieser virtuellen Realität verbleiben wird, Fortsetzung?

    Matrix behandelt das ja auch, solange man nicht weiß, dass alles nicht echt ist, stört es einen nicht, sobald aber diese Fassade fällt, fehlt der ganzen Existenz ein sinnstiftender Kontext. Aber das ist nur eine Meinung, vielleicht kann die Idee der Irrelevanz nicht wieder zurückgenommen werden.
    Natürlich sind dort (in der Matrix und in der Arche?) alle Lebewesen körperlos und interagieren miteinander in derselben Welt. Solange sie aber in dieser Welt gefangen sind, können sie keinen Einfluss auf die zweite, reale Welt nehmen. Wie soll man feststellen, ob etwas lebt, wenn es nach außen hin keine Handlungen durchführt? Vermutlich wird die Arche irgendwie Strom produzieren, also etwas tun, das wir aber üblicherweise nicht mit einem Bewusstsein verbinden. Wenn wir soetwas finden, wir würden wohl eher glauben, es sei eine Art Datenspeicher.

    Die Arche kann aber Maschinen entsenden und damit kann die virtuelle Gemeinschaft Personen entsenden, um Einfluss zu nehmen; allen Lebenwesen dort wird die Möglichkeit gegeben, in einem Kontext zur realen Welt weiterzuexistieren.
    In Matrix ist das anders, zumindest glaubt das Morpheus.

    Ich kann mir das vorstellen, nur noch virtuell zu existieren, obwohl das Paradies, siehe Matrix, vielleicht nicht der geeignete Lebensraum ist, im Paradies kann man wohl nur alleine leben mit Illusionen von realen Menschen, die einen nur umgeben, weil man selbst existiert. Wie ein Computerspiel eben, für den Moment des Spielens ist alles für mich vorbereitet, nur dass Spiele nicht genug Informationen haben, um eine perfekte Welt für mich zu erzeugen.
    Der Unterschied zur heutigen Welt ist auch gar nicht so groß, auch wir stellen hier Dinge her, von denen wir uns den Gebrauch nur vorstellen können oder nur virtuell präsentiert bekommen.
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