EVE Online - gefährliches Spiel

Von Kigosh · 24. Juli 2019 · ·
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  1. Lesezeit: ca. 15 Minuten;
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    Mein Herz rast. Meine schweissnassen Finger rutschen auf der Tastatur. Die Hand an der Maus zittert. Eine aufgeregte Stimme im Teamspeak schreit «Check, check, check, Stratios auf D-Scan in unsere Richtung!».

    Wie konnte ich bloss so unvorsichtig sein? Ich habe einen Fehler gemacht. War gierig! Obwohl ich das gegnerische Schiff bereits auf dem Scanner entdeckt hatte, machte ich mein Siege-Modul an. Im Wurmloch! Ich brauchte die zusätzliche Feuerkraft, um die letzte Welle der Sleeper-NPCs zu vernichten. Ich konnte dieses ganze Geld doch nicht einfach so liegen lassen. Wer den Metal-Scrap nicht ehrt, ist des Titanen nicht wert. Wer wäre schon so waghalsig meinen Partner und mich anzugreifen? Wir fliegen zwei der teuersten, skill-intensivsten und mächtigsten Schiffe im Universum. Er sitzt im mittelgrossen, schnellen und wendigen Tech-3 Kreuzer, der Tengu. Ich im gemächlichen und massiven Tech-2 Marauder-Schlachtschiff Vargur. Ich bin langsam, stecke dafür viel Schaden ein und teile noch viel mehr aus. Erst recht, wenn mein Siege-Modul an ist. Dummerweise bewegt sich in diesem Zustand mein Schiff keinen Meter. Es bleibt für einen ganzen Zyklus, 60 Sekunden, regungslos im Weltraum, während seine Gross-Geschütze die feindlichen Sleeper aus 70km Entfernung wegsnipern. Eines nach dem anderen verschwand aus meiner Zielerfassungsanzeige.

    Genau das wird mir zum Verhängnis. Ich bin noch 20 Sekunden im Siege und der Gegner in einem auf Wurmloch-Aufklärung spezialisierten Kreuzer, der Stratios, ist auf direktem Wege zu uns. Je nachdem wie gut der Pilot ist – und damit meine ich seine menschlichen Fähigkeiten als Spieler – und in welcher Entfernung er bei uns aus dem Warp austritt, kann dieses Schiff uns den Tag so richtig versauen. Wir sind für PVE ausgerüstet. Darauf eine Vielzahl von sehr spezifischen NPCs auszuschalten, massiven Schaden auf sehr genau definierte Entfernungen auszuteilen und deren Waffen zu tanken. Er hingegen ist ein Jäger. Urthuk nennt er sich. Ihn interessiert Geld nicht. Er sucht den Nervenkitzel des Kampfes, den Ruhm des Siegens. Er sammelt alle Abschüsse auf seinem Killboard. Stellt sie dort aus wie Trophäen, für das ganze Universum zu bestaunen. Als unser Gegner den Wurmloch-Space betrat, die wohl gefährlichste Ecke im Universum, war er auf Blut aus. Und in uns witterte er seine nächste Beute.

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    Die Stratios - Der Jäger. Ein Schiff, das ein Stealth-Modul ausrüsten und getarnt warpen kann. Das Modullayout lässt es viel DPS und einen starken Armor-Tank ausrüsten. Diese Kombination macht die Stratios zu einem gefürchteten Jäger im EVE Online Universum. Es ist nicht so Skill-intensiv wie T-2 oder T-3 Schiffe, weshalb es auch relativ früh von neueren Piloten geflogen werden kann.


    Mein Partner, Mike, richtet sein Schiff auf einen Fluchtvektor aus. Er könnte längst den Warpantrieb anmachen und fliehen.

    «Ich deck dir den Rücken», ertönt es im TS. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Zu zweit könnten wir vielleicht aus dieser Sache heil rauskommen.

    Er lässt mich nicht hängen. Keine Selbstverständlichkeit im gnadenlosen Universum von EVE Online. Hier weiss man nie, ob man sich auf den Mann nebenan wirklich verlassen kann, bis das Universum ihn testet oder in Versuchung führt. Würdet ihr eure hart erarbeiteten Schiffe, euer Geld, eure Zeit opfern, um einer Internet-Bekanntschaft, deren Stimme ihr kennt aber der ihr noch nie begegnet seid, zu helfen? Ökonomisch betrachtet macht Mikes Entscheidung jedoch Sinn. Wir sind in derselben Corporation. Um genau zu sein führen wir die Corp gemeinsam. Sein Schiff ist ca. eine Milliarde Interstellare Kredits (ISK) wert, die Ausrüstung mitgezählt. Meines kostet etwa das Vierfache. Um das in Kontext zu setzen: ein Spieler, der sechs Monate aktiv EVE spielt und seinen Charakter rein auf PVE ausgebildet hat, müsste etwa einen Monat intensiv farmen, um eine Milliarde durch PVE zu verdienen. Damals konnte man ein Monat Spielzeit in EVE für ca. 700 Millionen ISK kaufen, was gut 15 Euro entsprach. Es stand also viel Geld auf dem Spiel. Das ist das bittere an EVE, jeder monetäre Ingame-Wert lässt sich in Echtgeld umrechnen und kriegt somit eine ganz andere Bedeutung, eine reales Gewicht. Mike droht ungefähr 18 Euro zu verlieren, ich etwa 75 Euro. Sollten wir unsere Schiffe verlieren, verlieren wir alles! Die Schiffsversicherungen auf T-2 und T-3 Technologien sind lächerlich und mehr symbolischer Natur. Und der Verlust wäre auf dem Killboard von unseren Charakteren und der Corporation zu sehen. Die ganze Welt würde von unserer Schmach erfahren. Unsere Corp-Mitglieder würden über uns lachen. Sie würden den Respekt vor ihren Anführern verlieren. Es steht viel auf dem Spiel. Also entschloss sich mein Partner zu kämpfen.


    Die Stratios trat aus dem Warp aus und erschien im Normalraum. Sie war dreissig Kilometer von mit entfernt. Mist! Zu nah für meine auf hohe Reichweite ausgerichteten Waffen. Ausserdem war sie viel schneller und wendiger als meine Vargur. Ich konnte ihr nichts anhaben.

    Sie war in unmittelbarer Nähe zur Tengu meines Partners. Sie tackelte ihn – unterbrach seinen Warpantrieb. Er konnte nicht mehr fliehen, selbst wenn er wollte. Da die Stratios schneller war als die Tengu, würde sie den Warpscrambler permanent auf ihr drauf haben. Mein Partner hatte nur eine Option übrig: den Jäger vernichten, bevor er ihn erlegt hatte.

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    Das Schiff von Mike. Die Tengu - eine Legende im EVE Universum. Das wohl beliebteste PVE Schiff von gut betuchten (und geskillten) Veteranen. Aber findet auch Verwendung in Top Tier PVP Flotten. Ein Charakter, der direkt und fokussiert auf die Tengu skillt, kann sie nach ca. einem Jahr sinnvoll fliegen.


    «Mein Schild hält, aber meine Missles machen zu wenig Schaden. Verdammt, er ist Armortank mit Dualrep. Den Tank kann ich nicht brechen», berichtete Mike verzweifelt. Er hatte die Situation schnell und wie sich im Nachhinein herausstellte, richtig analysiert. Keine Selbstverständlichkeit bei einem so komplexen Spiel wie EVE Online. Mike war aber ein PVP Veteran mit jahrelanger Erfahrung. Er hatte fast jedes Schiff in diesem Spiel ins Gefecht geführt und kannte ihre Stärken und Schwächen, wusste über die gängigen Strategien bescheid und erkannte sofort den Ernst seiner Lage.

    In diesem Augenblick konnte ich nichts für ihn tun. Ich sagte nicht viel, denn ich wusste genau wie angespannt Mike war. Er brauchte jetzt seine Ruhe, musste sich konzentrieren, um sein Wissen abzurufen. Nervöses Geplapper im TS hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Ich wartete bis mein Siege-Modul seinen Zyklus beendete und richtete mein Schiff auf einen Save-Spot aus. Das war ein zufälliger Punkt im All, der nur mir bekannt war. Dort konnte man mich nicht so einfach abfangen. Ich zählte die Sekunden, ganze sechszehn, bis sich mein Schiff ausgerichtet hatte und initialisierte umgehend den Warp mit einem Hammerschlag auf die linke Maustaste. Endlich in Sicherheit. Mein Puls beruhigte sich langsam. Die Gedanken werden klarer, das Adrenalin nahm etwas ab.

    Mike und der Angreifer beschossen sich mit allem, was sie zu bieten hatten. Die Tengu war bis an die Zähne bewaffnet mit Missiles und die Stratios führte gefährliche Drohnen und Blaster-Waffen ins Feld. Sie befanden sich in einer Pattsituation. Beide tankten den Schaden des anderen weg. Allerdings hatte Mike ein Problem. Sein aktiver Shield-Tank war nicht stabil.

    «In sieben Minuten bin ich tot, wenn das so weiter geht.»

    Mike hatte einen Shield-Booster ausgerüstet. Dieser regenerierte alle drei Sekunden seinen Schildschaden, benötigte aber viel Energie. Obwohl Mike eigentlich genügend Energie ausgerüstet hatte, konnte er nicht lange durchhalten, denn Urthuk hatte einen Energy-Neutralizer und saugte sie ihm ab. Solche "Neuts" waren unglaublich effektiv im PVP und gehörten zur Standardausrüstung. Es war beachtlich, dass Mike aus dem Stehgreif abschätzen konnte, wie lange ihm die Energie reichen würde. Ein beeindruckendes Zeugnis seiner Pilotenfähigkeiten.

    Jetzt musste ich eine Entscheidung treffen. Ich konnte entweder das System durch unser Heimatwurmloch verlassen und mein immens teures Schiff in Sicherheit bringen, oder meinem Partner helfen. Er drängte mich zur Flucht. Zuviel stand auf dem Spiel. Lieber eine Milliarde auf dem Killboard verlieren, als fünf. Recht hatte er. Einen Augenblick war ich versucht. Aber ich konnte nicht fliehen. Nicht nachdem er sich für mich opferte.

    Verdammt, ich spiele dieses Spiel schon seit sechs Jahren, sagte ich zu mir. Besass mehr Geld auf dem Konto, als so manche Corporation oder sogar Allianz. Hatte genug Skillpunkte, um die gefürchtetsten Raumschiffe des Universums zu fliegen und – am wichtigsten – war ein Fleetcommander. PVP lag mir im Blut. Es musste einen Ausweg geben.

    «Richte dich auf die Sonne aus!», sagte ich ihm. Langsam formierte sich ein Plan in meinem nervösen Verstand.

    «In welcher Entfernung umkreist er dich?», wollte ich wissen. Das nächste Manöver würde kompliziert werden. Ein Fehler und wir könnten alles verlieren. Ich hatte nur diesen einen Versuch und die Berechnung musste passen.

    Wenn zwei Schiffe sich im Einzelkampf bekämpfen, umkreisen sie sich normalerweise. Damit lässt sich die Entfernung zum Gegner am einfachsten regulieren. In einem PVP-Gefecht hat ein Pilot so viel zu tun, so viel zu bedenken, dass es unmöglich ist das Schiff «manuell» per Mausklicks zu steuern. Also orbiten sich die Kontrahenten gegenseitig. Dabei hat das schnellere der beiden Schiffe die sogenannte Rangecontrol. D.h. dieses Schiff wird bestimmen, in welcher Entfernung der Kampf stattfindet. Dies kann von wenigen hundert Metern bis hin zu fast 200 km betragen, je nach Schiffstyp und Ausrüstung. Rangecontrol ist einer der wichtigsten Aspekte im One-on-One Kampf. Jeder Waffen- und Munitionstypus hat eine bestimmte optimale Entfernung. Wird diese über- oder unterschritten, macht die Waffe weniger Schaden. Wer also die Kampfentfernung diktiert, kann seinen Schaden optimal übertragen. Oder den gegnerischen Schaden unterlaufen. Rangecontrol war mein Problem. Obwohl mein Schiff so mächtig war, dass es den Gegner mit einem Schuss aus dem All hätte pusten können, war er zu nah an mir und zu schnell unterwegs, als dass meine Waffen ihn ernsthaft hätten bedrängen können. Ich hatte eine Long-Range Ausrüstung und meine optimale Reichweite lag bei 90 km. Da mein Gegner aber viel schneller war als ich, hätte er niemals zulassen, dass ich mich auf diese Entfernung begab. Um ihn zu überlisten, musste mein Partner ihm eine Falle stellen.

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    Ein Wurmloch. Hinter diesem natürlichen Tor befindet sich der WH-Space. Hier gibt es keine NPCs-Polizei, die einen vor Angriffen schützt. Es gibt keine Raumstationen, an die man andocken könnte. Man sieht nicht, wer sich gerade im System befindet, wie in allen anderen Systemen in EVE. Es ist die gefährlichste Ecke - aber auch die lukrativste - im ganzen Universum. Betreten auf eigene Gefahr!

    «Er orbitet mich in 10km Entfernung. Bin auf die Sonne ausgerichtet.»

    Er stellte mir keine weiteren Fragen. Vielleicht ahnte er, was ich vorhatte. Oder er vertraute mir einfach. Was es auch war, er wusste, dass jetzt Disziplin gefordert war. Er musste seine Nervosität kontrollieren und mir Zeit geben, meinen Plan vorzubereiten.

    Jetzt hatte ich alle Informationen, die ich benötige. Ich kannte die Flugrichtung des Gegners und ich wusste, wie weit weg er von meinem Partner war. In EVE Online kann man ein gegnerisches Schiff nicht einfach so anfliegen. Man muss es entweder ausscannen, wofür es spezielle Ausrüstung braucht, die ich nicht hatte, oder eine Struktur, respektive Instanz, im Universum anfliegen und hoffen, dass sich dort ein Gegner befindet. Anders verhält es sich mit Verbündeten, mit denen man sich in einer Flotte befindet. Da reicht ein Rechtsklick auf sein Schiff im Flottenmenü und die Option «warp to» erscheint. Ich setzte meine Warpdistanz auf 80 km. Wenn ich meinen Partner auf 80 km anflog und der Gegner ihn auf 10 km orbitete, würde ich beim Austritt zwischen 90 und 70 km Entfernung zum Gegner aufschlagen. Ich musste allerdings auch meine Flugzeit im Warp bedenken. Ich schätzte sie auf ca. 20 Sekunden. In dieser Zeit würden sich die beiden weiterbewegen. Ich überschlug die Zahlen in meinem Kopf und schätzte, dass sie in dieser Zeit 10 km zurücklegen würden. Also sollte meine Distanz zu Urthuk zwischen 100 und 90 km betragen, sobald ich den Warp verliess.

    Kompliziert? Das war erst die Hälfte des Problems! Der Winkel, in dem ich aufschlagen sollte, würde ebenfalls entscheidend sein. Ich besass Artilleriewaffen, die auf Geschütztürmen montiert waren. Diese haben eine gewisse Tracking-Geschwindigkeit, die aussagt, wie schnell sie ein bewegliches Ziel auf optimale Entfernung verfolgen können. Ist das gegnerische Ziel zu schnell und bewegt sich in eine der vier Himmelsrichtungen (vom Geschütz aus betrachtet), wird kaum Schaden übertragen. In diesem Fall wäre die Transversallgeschwindigkeit des Ziels zu hoch für das Tracking der Geschütztürme. Es gibt aber eine Lösung. Wenn das Ziel sich direkt auf das Geschütz zu bewegt, oder von ihm weg bewegt, ist seine Transversallgeschwindigkeit Null und die Geschütze können ihm eine volle Breitseite verpassen.
    Um sicherzustellen, dass ich den richtigen Austrittswinkel erwischte, schaute ich mir die Systemkarte an. Planet neun lag in einer direkten Linie zum Standort des Geschehens und zur Sonne. Wenn ich von da aus in den Warp ginge, sollte alles passen. All diese Berechnungen musste ich in unter zwei Minuten hinkriegen. Nur dank meiner langjährigen Erfahrung und etlichen Verluste, aus denen ich schmerzliche Lehren ziehen musste, gelang mir das so schnell.

    «Ich hab noch ca. 3 Minuten», informierte mich Mike. Die Zeit wurde knapp, aber es sollte reichen. Es musste einfach reichen. Ich flog Planet neun an. Wertvolle Sekunden verstrichen, während mein Schiff sich ausrichtete und im Warp den Planeten anflog. Im Orbit von Planet neun richtete ich mich auf die Sonne aus, wählte die Tengu von Mike im Flottenmenü und initialisierte den Warp.

    Die Nervosität kam wieder hoch. Selbst nach hunderten von Kämpfen, in riesigen Massenschlachten, kleinen Flottenroamings oder One-on-One Fights, reagierte mein Körper immer noch auf dieselbe Art kurz vor einem Kampf. Denn es ging um etwas. Wenn ich verlieren sollte, wäre das Schiff weg, meine Fracht weg und mein Geld weg. In EVE Online ist Geld gleichzusetzen mit Spielzeit. Oder Progress. Stellt euch vor, ihr würdet in eurem Lieblings-MMO Progress verlieren, wenn ihr im PVP eines auf die Rübe gezogen bekommt! Aber ich liebte diesen Nervenkitzel. Er war wie eine Droge. Dafür spielte ich EVE!

    Es war soweit. Meine majestätische Vargur betratt den Normalraum. Bingo! 95 km Entfernung und sie wurde geringer, weil die Stratios meinen Partner in meine Richtung umkreiste. Ein Quäntchen Glück gehörte eben auch dazu. Ich erfasste den Jäger, der plötzlich zum Gejagten wurde. Die Zielaufschaltung dauerte wenige Sekunden. Das war sein Zeitfenster, in dem er reagieren konnte. Jetzt lag es an ihm die richtige Entscheidung zu treffen. Er brach seinen Orbit, richtete sich auf die Sonne aus, die hinter ihm lag. Mein Herz machte einen Freudensprung, denn ich wusste, dass er gerade einen tödlichen Fehler begangen hatte. Er wollte instinktiv in Richtung der Sonne in den Warp fliehen. Um eine 180-Grad Drehung zu vollziehen, musste sein Schiff komplett abbremsen. Das war sein Fehler. Er hatte seinen einzigen Vorteil aus der Hand gegeben: seine Geschwindigkeit. Denn ein ruhendes Objekt sollte die volle Wucht meiner Waffen abbekommen, weil seine Transversalgeschwindigkeit Null betrug. Ein sich bewegendes Ziel, vor allem eines, das so schnell war wie die Stratios, hätte einen beachtlichen Teil des Schadens vermieden.

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    Mein Schiff, die Vargur. Ein hässliches Gefährt aber gehört zur Crème de la Crème der Kampfschiffe. Kann nur von äusserst erfahrenen Piloten geflogen werden, die schon mehrere Jahre spielen. Hauptsächlich auf PVE ausgerichtet, da es für PVP zu teuer ist. Trotzdem gibt es waghalsige und v.a. verdammt reiche Piloten, die es im PVP ins Gefecht führen. V.a. im Wurmloch anzutreffen.


    Das Ziel wurde erfasst. Ich initiierte das Siege-Modul, um das Maximum aus meinen Waffen herauszubekommen. Ein Klick. Vier grosse Artilleriegeschütze feuerten eine Salve ab und die Stratios verschwand von der Übersicht. Ein Schuss hatte gereicht. Jubelgeschrei im Teamspeak. Mike war ausser sich vor Freude und ich konnte die Erleichterung in mir fühlen. Nervosität wich Euphorie.

    Wäre der Pilot besonnener gewesen, hätte er nicht unmittelbar zu fliehen versucht, sondern wäre in Bewegung geblieben, hätte den ersten Volley genommen, den er wahrscheinlich überlebt hätte, und wäre erst dann geflohen. Aber ich konnte mir gut vorstellen, wie er sich gefühlt haben muss, als er das Marauder-Schlachtschiff auf seiner Übersicht erblickt hatte. Das Adrenalin, die Anspannung, die Angst sein Schiff zu verlieren und gerade mal eine Handvoll Sekunden Zeit, um die richtige Entscheidung zu treffen. Später schrieb ich ihm eine Nachricht. Gratulierte ihm zum Kampf und gestand, dass er uns einen Schrecken eingejagt hatte. Ich erklärte ihm aber auch seinen Fehler. Er antwortete. Komplimentierte unsere Ruhe und wie wir den Kampf drehten. Ihm war der Fehler bewusst, er habe ihn auch sofort erkannt, aber da war es schon zu spät. Die Hitze des Gefechts eben. Wir fügten uns gegenseitig zur Freundesliste hinzu. Das bedeutete nicht, dass wir uns das nächste Mal aus dem Weg gehen. Im Gegenteil, wer den Fehler macht, dem anderen vor die Flinte zu laufen, sollte gnadenlos dafür bezahlen. Aber in EVE kann man Gegner sein und sich gegenseitig respektieren. Es schadet ausserdem nie, die richtigen Leute in den richtigen Organisationen zu kennen. Man weiss nie, wann man einen Gefallen braucht und gute Fights verbinden, selbst Feinde.


    Mein Partner und ich jubelten. Wir hatten eine potentiell tödliche Situation in einen absoluten Sieg verwandelt und einen Kill verdient. Als wir die Killmail betrachteten, blieb uns die Spucke weg. Wenn ein Spielerschiff zerstört wird, kann ein Teil seiner Ausrüstung dropen und von den Siegern (oder dem schnellsten Dieb) aufgesammelt werden. Die Stratios hatte in diesem Fall ein Modul gedropt, das 200 Millionen ISK wert war. Normalerweise rüstet man nicht solch teure Module auf PVP-Schiffe, denn in EVE gibt es eine Regel: fliege niemals ein Schiff, das du dir nicht leisten kannst zu verlieren. Unser absoluter Glückstag! Die Killmail offenbarte, dass der Kreuzer unseres Gegners satte 600 Millionen ISK wert war. Das war ein richtig saftiger Kill und machte eine gute Figur auf unserem Killboard. Und wir konnten die Beute aus den PVE Sleeper-Kills behalten.

    Unsere Corp-Kameraden sahen die Killmail später auf unserem Corp-Killboard. Eine öffentlich zugängliche Seite im Internet, auf der Piloten, Corporations und Allianzen all ihre Kills und Verluste zeigen. Sie feierten uns natürlich als PVP-Helden und gratulierten uns zum Top-Kill der Woche. Wir übertrieben natürlich die Geschichte masslos und den Teil, in dem wir uns fahrlässig in Gefahr gebracht hatten, verschwiegen wir grosszügig. Wir predigten unseren Leuten äusserst vorsichtig zu sein, wenn sie im Wurmloch PVE machten. Hätte ich ihnen erzählt, dass wir nicht sofort flohen, als ein feindliches Schiff auf unseren Scannern auftauchte, hätten wir jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Aber auch das gehört zu EVE. Jeder muss das Risiko selber abschätzen und entscheiden, wie weit er gehen will. Ich hätte mir selbst beim Verlust meines Schiffes sofort einen gleichwertigen Ersatz kaufen können. Ich wäre weiterhin handlungsfähig gewesen. Ausserdem hatte ich Vertrauen in meine PVP-Fähigkeiten und in meinen Wingman Mike.

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    Ein nettes Gespräch unter Feinden im Local-Chat. Mit guten Fights verdient man sich Respekt in EVE-Online. Random Screenshot im Internet.


    Aber diese Geschichte zeigt gut, warum EVE Online so viele Leute fasziniert. Der Einsatz ist hoch, der Verlust real, auch wenn man nur Internetpixel verliert, wie die Community zu sagen pflegt. Ich war bei so mancher epischen Schlacht dabei, von einigen wurde auf Gamestar und anderen Seiten berichtet. Allerdings sind es nicht diese Erlebnisse, die mir im Gedächtnis blieben, sondern Geschichten wie diese. Zwei Freunde driften durch das Universum, verdienen in Ruhe etwas Geld, indem sie Wurmlöcher säubern und plötzlich kommt ein ungebetener Gast ins Spiel. Nicht jede Geschichte ist für uns gut ausgegangen. Aber auch diese bleiben einem. Vor allem der Schmerz. Auch der ist real. Und jedes dieser Erlebnisse teilte ich mit anderen Leuten. Manche davon nenne ich heute noch (Internet-) Freunde. Leider hatte die Geschichte zwischen Mike und mir kein Happy End. Einige von euch haben vielleicht von spektakulären Diebstählen und Intrigen in EVE gelesen, die aus der Feder von George R. R. Martin stammen könnten. Leider wurde die Versuchung für Mike eines Tages zu gross und er versuchte mich auszurauben. In diesem Fall aber mit illegalen Mitteln und er flog auf. Auch dieser Schmerz war real. Aber es war ein anderer Schmerz als beim Verlust eines Schiffes. Ein Gefühl von Verrat und Betrug. Enttäuscht von einem Mann hintergangen worden zu sein, von dem man es am wenigsten erwartet hätte. Dem man vertraut hat. Für den man sich aufgeopfert hat und der sich für einen selbst aufgeopfert hatte. Den man seinen Freund nannte. Es spielte keine Rolle, dass wir uns nur aus dem Internet kannten, Raumschiffpixel spielten und virtuelle Güter hin und her bewegten. Der Schmerz diskriminiert nicht zwischen Real-Life und virtueller Realität. Für ihn ist alles Realität. Auch das gehört zur Faszination EVE Online, auch wenn es für Aussenstehende schwer nachzuvollziehen ist.

    Trotzdem bereue ich die Zeit nicht. Auch nicht die mit Mike. Denn die positiven Erlebnisse überwiegten doch das eine, negative am Schluss. Vielleicht erzähle ich euch einmal diese Geschichte.

    Über den Autor

    Kigosh
    Ich beschreibe mich nicht gerne, darum hier einige Stimme von Freunden und Bekannten:

    "Nicht gerade der hellste Stern am Himmel" - New York Times

    "Braucht die Welt das?" - Joko&Klaas

    "Er wurde adoptiert" - Meine Mutter

    "And you call me dumb?!" - Donald Trump
    Frankyb, Blackharaz, Rotas und 4 anderen gefällt das.

Recent Reviews

  1. Amitab
    "Das ist EVE!"
    5/5, 5 out of 5, reviewed 28. Juli 2019
    @Kigosh
    super geschrieben, fesselnd und mitreißend!
    Da bekommt man wieder Lust sein Schiff zu entstauben und in die Weite zu fliegen.
    Meine Pause geht schon seit einigen Jahren, letzte große Schlacht war Bob vs. Goon und nach den Jahren der Pause immer wieder erneut überfordert bei Wiedereinstieg gewesen.

    Doch solch Berichte lassen mich erinnern, erinnern an die guten alten Zeiten. Damals, als ein Battleship das größte Schiff war, war das Risiko schon groß, doch es ist immer ein Hauch von Gier und Risiko... das Eve ausmacht.

    Deine Story und ähnliche die auf Gamestar veröffentlich werden, ziehen einen schon wieder magisch an. Ich wünsche dir weiterhin alles Gute und vielleicht sieht man sich ja doch mal im All oder darf weitere Geschichten von dir lesen. Gern mehr davon! Sensationell! DAS IST EVE!

    Fly save!
    Kigosh gefällt das.
    1. Kigosh
      Vielen Dank für deine nette Bewertung und das Lob! Freut mich, dass Dir der Text gefallen hat und hoffe Du kannst die Begeisterung für EVE wieder finden. Ich versuche es im Moment auch wieder :)
  2. Nick2000
    "Toller Erlebnisbericht, trifft des Pudels Kern!"
    5/5, 5 out of 5, reviewed 27. Juli 2019
    Kigosh gefällt das.
  3. Xiang
    "Mitreißend geschrieben."
    5/5, 5 out of 5, reviewed 27. Juli 2019
    Hat mir gut gefallen. Bitte mehr davon. :)
    Kigosh und Nick2000 gefällt das.

Kommentare

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  1. Voidlight
    Spiele selbst zwar kein Eve, aber immer toll, solche Geschichten aus der Eve-Welt zu lesen.
      Nick2000 und Kigosh gefällt das.
  2. Nick2000
    Da fällt mir noch was ein:

      Kigosh gefällt das.
    1. Kigosh
      Mit Impyrian bin ich damals einige Male geflogen und ja, das Video übertreibt nicht :)
  3. Mett macht fett
    Toller Beitrag von dir, Kigosh!

    Kann man sich eigentlich PLEX im Spiel verdienen, also dass man (theoretisch) gar kein Echtgeld-Abo braucht?
      Kigosh gefällt das.
    1. Kigosh
      Vielen Dank für das Lob!
      Ja, das kann man. Du kannst Plex im Markt kaufen und mit Ingame-Währung bezahlen. Die Preise stimmen nicht mehr überein mit denen im Blogbeitrag, da diese von 2011 sind. Aber der Aufwand ist immer noch ähnlich.
      Und es ist absolut möglich Omega-Status zu haben, ohne Echtgeld auszugeben.
      Du kannst aber auch das Spiel Free-to-play spielen, nur kannst Du nicht alles skillen. Für die ersten Monate ist das aber kein Problem.
      Mett macht fett gefällt das.
  4. Kigosh
    Hey @Nick2000, vielen Dank für deinen Kommentar und das nette Review!
    Du hast absolut Recht mit deiner Kritik. Ich habe meinen Vergleich auf die Situation 2011 abgestützt als dieser Fight passierte. Ich hätte das klarer im Blog ausarbeiten müssen.
    Im moment mache ich nur sporadisch solo FW und bin nicht sonderlich aktiv. Darum kenne ich den "neuen" pve content gar nicht so. Mit was fliegst du die Abyssal Rifts? Vielleicht schau ich sie mir mal bei Gelegenheit an.
    Cool, dass Du dich am PVP versuchst. Ich hoffe, dass es dir gefällt. Falls du Blut geleckt hast und deine Corp die Möglichkeit bietet, empfehle ich gleich eine Ausbildung zum FC - oder learning by doing. Nichts schlägt das Gefühl die Verantwortung für eine ganze Flotte zu haben und im Fleetfight den Ton anzugeben. Bei meinem FC Training hatte ich am meisten über PVP gelernt, weil ich mich mit allen Schiffstypen auseinandersetzen musste.

    Fly dangerously 07
    1. Nick2000
      Kigosh und Blackharaz gefällt das.
  5. Nick2000
    Hey Kigosh, toller Erlebnisbericht und für mich auch genau zur richtigen Zeit, da ich seit ca. 3 Wochen wieder aktiv spiele. Ich bin mit Unterbrechungen schon seit 2012 dabei, habe aber bis auf wenige Ausnahmen nie PVP gemacht. Will es diesmal aber mal richtig ausprobieren. Bin in einer tollen Corp und da gibt es PVP-Schools, bei denen ich mich angemeldet habe. Irgendwie muss ich meine 130 mio Skillpunkte ja mal für was Sinnvolles einsetzen, nachdem man ja seit einiger Zeit keine SP mehr durchs podden verliert.

    Bei einem würde ich dir aber widersprechen: Für eine Billion ISK braucht man keinen Monat mehr, ich mache ca. 200 mil ISK in 2-3 Stunden mit Lvl 3 Abyssal Rifts, das können auch 6 Monate alte Klone schon ganz gut hinkriegen. Mache ich ca. 3-4 mal die Woche abends zum entspannen. Seitdem habe ich keine Geldprobleme mehr. Ich trau mich noch nicht an Lvl 4, aber da soll es noch mehr abgehen, ca. 500+ mil isk in derselben Zeit.
      Kigosh gefällt das.
  6. TAR4C
    Habe EVE-Online auch ca. ein Jahr lang gespielt und fand die Politik der Spieler und die Kriege in denen es wirklich um etwas geht, wo man halt wirklich Risiko hat und wirklich was verlieren kann als Fraktion, wirklich spannend. Ich hoffe, dass Star Citizen ein ähnliches Gefühl generieren kann in kleinerer Größe, denn leider musste ich nach dem Jahr feststellen, dass mich das Gameplay von EVE einfach nicht genug unterhalten konnte.

    Dennoch, großartiges Spiel in meinen Augen.
      Kigosh gefällt das.
    1. Kigosh
      Die Sov-Kriege geben zwar gute Storys ab und hinterher kann man sagen "Ich war dabei", aber es gibt kaum langweiligere Schlachten in EVE als die grossen Blobfights. Mehr als F1 zu drücken und das richtige Ziel aufzuschalten, muss man nicht tun. Ich konnte mich eher für smallscale pvp begeistern
      TAR4C gefällt das.
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