Gaming und Depression

Von Simba. · 2. April 2019 ·
Eine Aufklärung und Überblick über die aktuelle Studienlage
Kategorien:
  1. Wenn auf Gamestar eine News über Depression geschrieben wird, dann gibt es in kürzester Zeit ausufernde Diskussionen im Kommentarbereich. Es wird deutlich, dass das Thema den Nutzern und Lesern sehr wichtig ist. Schließlich scheint die Depression mit dem Gaming ja gefühlt irgendwie in Verbindung zu stehen. Zumindest hat die Depression mit einer Lebenszeitprävalenz von fast 20% in Deutschland quasi jeder einmal Kontakt mit der Erkrankung gehabt, ob selbst oder bei einem Verwandten oder Freund bzw.Freundin.

    Dieser Artikel soll dazu dienen den Wissensstand bezüglich der Depression auf ein gewisses fachliches Niveau zu heben und Einblicke in die derzeitige Studienlage zu geben, vor allem natürlich im Hinblick auf das Hobby Gaming. Vermutlich haben die einen oder anderen bereits bemerkt, dass im Internet (bspw. in der Kommentarsektion von Gamestar) eine Menge Mythen und fragwürdiger Aussagen kursieren, mit denen ich hier aufräumen möchte.

    Vorweg möchte ich darum bitten, den teilweise heiteren Ton nicht mit mangelndem Verständis oder Einfühlungsvermögen für die Erkrankung Depression zu verwechseln. Im Gegensatz zu meiner Doktorarbeit kann ich hier ja davon ausgehen, dass dieser Artikel von dem einen oder anderen gelesen wird, weshalb ich mir die Freiheit erlaube mit etwas Witz das schwierige Thema aufzulockern. Wer auf psychiatrischen Stationen gearbeitet hat, weiß, dass offener und ehrlicher Umgang für alle Beteiligten deutlich gesünder und befreiender ist als mit Samthandschuhen ein zerbrechliches Kind zu bemuttern. Das Stigma „psychische Erkrankung“ findet sich fast überall.


    Depressive Episode oder depressive Störung?

    Scrollt man einmal durch Online-Plattformen wie 9Gag, wo sich bizarrer Internethumor mit Selbstmitleid paart, berichten meiner Meinung nach überaus auffällig viele von ihrer Depression. Zur Zeit hat noch keiner aufgrund meiner Beobachtung eine Analyse über die Zahlen von Depressiven gegenüber Nicht-Depressiven auf 9Gag geschrieben (welche vermutlich signifikant wäre), doch möchte ich damit in erster Linie aufmerksam machen, dass die Erkrankung von Menschen gerne selbstdiagnostiziert wird. Das führt zwangsläufig zu einer Menge Probleme. Thema Krankheitsgewinn.

    Ohne auf die Untergruppen der schizoaffektiven und bipolaren Störungen einzugehen, kann man die Depression grundsätzlich in vorübergehend und chronisch, wiederholend einteilen.

    Eine depressive Episode haben vermutlich die meisten einmal bei sich selbst oder anderen beobachten können. Diese trifft zu, wenn die Kriterien der Depression einmalig für einen gewissen Zeitraum vorhanden sind (z.B. wenn man den ersten Zwischenboss in Sekiro nicht gelegt bekommt). Wenn sich diese Episoden wiederholen, spricht man von einer depressiven Störung. Darüberhinaus kann man die Depression noch in verschiedene Schweregrade einteilen.
    Die Diagnosekriterien zur klinischen Diagnosestellung der Depression ist ziemlich komplex [1]. Es müssen mehrere Symptome (der gesamte Katalog umfasst mehrere Seiten) unterschiedlicher Kategorien für mindestens 2 Wochen zutreffen.
    Die wichtigsten derer sind auch die bekanntesten Vetreter: Gedrückte Stimmung, Antriebsverlust und Interessenverlust. Darüber hinaus gilt Gewichtsverlust, Gefühl der Gefühllosigkeit und Freudlosigkeit bspw. ebenfalls als klassische Manifestation der Depression.

    Wer das jetzt liest und die Brücke zum Gaming schlagen möchte, ist möglicherweise erstmal verwundert. Zocken bereitet schließlich Freude (außer natürlich im Sekiro-Beispiel), erfordert einen gewissen Antrieb und natürlich auch Interesse am Spiel bzw. am Spielen. Wie sollen also Gamer scheinbar vermehrt an Depressionen leiden? Dafür muss man die organischen Vorgänge bei Depression im Körper erstmal nachvollziehen. Das ist leider nicht so einfach, da die Erkrankung nicht gänzlich erforscht ist. In der Realität ist die Freude des Studenten („wo nichts erforscht ist, gibt es auch nichts zu lernen“) das Leid des Patienten. Dennoch gibt es ein paar Annahmen.


    Von Hypothesen und Pocken

    Wesentlicher Bestandteil der Pathophysiologie, also die am Problem beteiligten Umstände im Körper, ist die Monoamin-Hypothese. Monoamine sind spezielle Arzneimittel, die bei Depression eingesetzt werden. Folgendes hat zu dieser Hypothese geführt: Man hat ohne Kenntnisse über die Auswirkung irgendwann jemandem mit depressiver Symptomatik Monoamine in den Rachen gestopft und gemerkt, dass es ihm dadurch besser geht. Daraufhin sind diese klugen Köpfe auf den Gedanken gekommen, dass die organischen Probleme, die bei der Depression vorliegen irgendwie im Zusammenhang mit der Wirkungsweise der Monoamine zusammenhängen. Eine erfolgreiche Therapie gibt retrospektiv also Hinweise auf die eigentliche Pathophysiologie. Keine sehr elegante Methode, aber anders geht es manchmal nicht (siehe auch Geschichte der Pockenimpfung)


    upload_2019-4-1_23-9-47.png
    Edward Jenner käme heutzutage durch keine Ethik-Kommission​


    Monoamine wirken über die Blockade der Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin im synaptischen Spalt neuronaler Zellen. D.h. dass diese beiden Neurotransmitter einfach länger wirken, wo sie wirken sollen.
    Also haben depressive Menschen scheinbar ein Problem mit einem Mangel an Serotonin und Noradrenalin. Wer sein Biologie-Wissen in der 9. Klasse noch parat hat, weiß, dass Serotonin immer als das „Glückshormon“ bezeichnet wurde und Noradrenalin irgendwas was mit Adrenalin zu tun hat, was die im Fernsehen immer den Patienten mit Nulllinien-EKG spritzen. Wichtig für uns ist, dass Noradrenalin aus Dopamin entsteht, was landläufig aus purer Boshaftigkeit auch als Suchthormon bezeichnet wird, dabei aber äußerst wichtig zum Leben und Überleben ist. Allerdings ist das so ne Gratwanderung mit der Menge an Dopamin, die wir benötigen. Zu wenig davon und man hat eine Parkinson-Symptomatik - kippt man zu viel in den Spalt, bekommt man psychotische Wahnvorstellung. Macht Sinn.


    Die Henne oder das Ei

    Diverse Studien [2] zeigen, dass Internetgaming eine Suchtspirale über Dopaminausschüttung begünstigen kann. Das bedeutet auch, dass wir durch das Spielen dieser Medien unser Belohnungszentrum aktivieren und vermehrt Dopamin produzieren. Nun, wer jetzt 1 und 1 zusammenzählt, kann hier versuchen eine Kausalitätskette herzustellen: Die Monoamin-Hypothese sagt, dass depressive Menschen zu wenig Dopamin (-> Noradrenalin) haben und dieses holen sie sich nun über das Gaming. Wie wir in Matrix vom Architekten gelernt haben, sind Kausalitäten leider nicht so einfach herzustellen. Zumindest darf man in der wissenschaftlichen Welt keine Annahmen als Fakt darstellen, solange sie nicht bewiesen wurden. Sonst passiert sowas wie die aktuelle Anti-Vaxx Bewegung, die Slagathor Juniors frühkindlichen Autismus mit der Masernimpfung begründet, weil beides in den ersten Lebensjahren auftrat und deshalb natürlich ein Zusammenhang existieren muss.


    upload_2019-4-1_23-14-55.png
    Bei Kausalitäten gilt: Wer während des gesamten Monologs des Architekten aufmerksam war, gilt als außerordentlich geduldig in allen Lebensbereichen!​


    Was war nun zuerst da? Spielen vermehrt depressive Menschen am PC? Oder werden Menschen durchs Zocken depressiv? Und ist Zocken ungesund bei Depression?

    Im Gegensatz zur Kommentarsektion auf Gamestar ist sich die Wissenschaft zu diesen Fragen noch uneinig. Eine brandaktuelle, großangelegte Studie zeigt zumindest, dass Vielnutzer digitaler Medien (mehr als 5 Stunden am Tag) sich als deutlich unglücklicher und trauriger einschätzen, als Wenignutzer (weniger als 1 Stunde am Tag) und das in einem Verhältnis von 171% zu 48%! Ebenfalls sind Suizidgedanken deutlich ausgeprägter unter ersteren. [3].

    Das bedeutet, dass depressive Menschen länger an digitalen Medien sitzen, als weniger depressive. Eine andere Studie zeigt auf, dass vermehrtes Surfen auf Facebook (über 5 Stunden am Tag) vermehrt mit Depression einhergeht [4]. Im Umkehrschluss bedeutet das jedoch nicht, dass das Zocken für das psychische Wohlbefinden schädlich oder direkt die Ursache darstellt (siehe weiter oben: Kausalitätsbedürfnis). Im Falle der Facebook-Studie spielen auch noch ganz andere Faktoren eine entscheidende Rolle (Neid durch Vergleich usw). Tatsächlich gibt es aber eine aktuelle Studie, die zeigt, dass das Spielen von Action-Spielen eine signifikante Reduktion auf das Grübeln bei Depression ausübt, welches nachweislich depressive Episoden triggert oder verstärkt [5].

    Als Mediziner darf man jetzt natürlich nicht einfach so eine Empfehlung aussprechen, nur weil in der Studie steht, dass es den Menschen dadurch besser geht. Studien werden gerne aus dem Kontext gerissen, damit der Autor seine Meinung bekräftigen kann.

    Das beste Beispiel hierfür hat der Physiker Bobby Henderson gebracht, der die Satirereligion „Fliegendes Spaghettimonster“ erschuf um den einseitigen Religionsunterricht seiner Schule an den Pranger zu stellen. Der gute Bob hat die sinkende Anzahl klassischer Piraten ins Verhältnis zu der steigenden Temperatur der letzten Jahrhunderte gesetzt und gesagt, das beides in Zusammenhang stehen muss.


    upload_2019-4-1_23-15-23.png
    Oh, ein hübsches Diagramm! Der Zusammenhang zwischen sinkender Piratenzahl und steigenden Temperatur ist somit belegt!​


    Wir verfälschen hier jetzt keine Statistiken, jedoch könnte man nun sagen, dass die oben zitierte Baller-Studie beweist, dass Zocken für die Gesundheit gut ist. Schließlich hat sie bewiesen, dass es eine absolute Grübel-Reduktion gibt, wenn man viel schnetzelt. Das mag natürlich schon stimmen, nur darf man sich nicht verleiten lassen, daraus gleich eine Empfehlung auszusprechen. Da nur einige ganz explizite psychologische Faktoren gemessen wurden, sind in diesem Zusammenhang nicht die bekannt, die nicht gemessen wurden, wie z.B. mögliche Realitätsflucht oder Suchtsteigerung durch Zocken. Es bringt also nichts einem depressiven Menschen uneingeschränkt das Ballern am PC zu empfehlen, wenn er dadurch süchtig wird. Klingt wie klarer Menschenverstand, muss aber für Therapieleitlinien alles genaustens erwogen werden.


    Moral

    Aufgrund dieser und vieler weiterer, noch gänzlich unerforschter Aspekte wird das Thema Gaming noch recht stiefmütterlich behandelt. Die Psychologie hat erst angefangen sich mit den Themen Internetsucht und Gaming und deren Auswirkung auf Psyche, körperliche Gesundheit und Sozialverhalten zu untersuchen. Zocken ist in der Allgemeinbevölkerung immer noch etwas verpönt, auch wenn nicht mehr im gleichen Maße wie vor 25 Jahren. Erschreckenderweise wird das Zocken bei Depressionen sogar von anderen Zockern kritisiert, da diese darin einen Schaden an deren Gesundheit sehen.
    Depressive, die Freude am Zocken haben, empfinden manchmal keine andere Freude mehr im Leben außer an eben jenen digitalen Medien. Wenn dann in der Kritik klar signalisiert wird, dass jemand mit Depression hier nichts zu suchen hat, dann wird dieser aus seiner einzigen verbleibenden Gemeinschaft ausgestoßen. Vor 20.000 Jahren war Exil mit einem Todesurteil gleichzusetzen. Und unser Geist hängt unseren zivilisatorischen Fortschritten noch einige tausend Jahre hinterher.
    Daher gehen einige Evolutionspsychologen auch davon aus, dass die pure Angst einen Korb zu kassieren aus genau diesem Gefühl herrührt. Wer in seiner Höhle damals von einer Frau verstoßen wurde, wurde auch von anderen Frauen als Minderwertig angesehen. Somit wurde sein Fortpflanzungsorgan nutzlos und er hat sein biologisches Lebensziel verwirkt. Diese Angst soll bis heute vorhanden sein.
    So so, wieder was Unnützes gelernt.


    upload_2019-4-1_23-19-21.png

    Nun soll das Gaming natürlich nicht der einzige Faden sein, der zwischen Leben und Exil hängt. Doch diesen durchzuschneiden, bringt einen auch nicht voran. Stattdessen ist es ratsam auf Basis der vorhandenen Ressourcen weitere zu rekrutieren. Mit unbedachten Aussagen kann das nach hinten los gehen.
    Genau wie meine konservativ eingestellte Hausarzt-Kollegin damals einen Kraftsportler als Steroidjunkie verurteilt hatte, weil er Proteinpulver supplementierte und sie sich gleich an Anabolikamissbrauch assoziiert gefühlt hat, geht es hier manchmal zu. Unwissenheit führt zu falschen Entscheidungen und dummen Meinungen. Im Falle des Internets, wo jeder Hans und Franz seine Expertise über Quantenmechanik und Landwirtschaft kundtut, kann dies sogar fatal enden. Vor allem eben für Erkrankungen, wie die Depression, wo der Weg in die Suizidalität manchmal nur noch durch einen schmalen Lichtblick namens Gaming aufgehalten wird.

    Gaming ist keine Schande, wenn man an einer Depression leidet. Im Gegenteil kann das Hobby Stabilität und Hoffnung geben, wie beispielsweise in der News über Division 2 berichtet wurde [6]. Soziale Kontakte existieren auch in der Onlinewelt. Sozialen Rückhalt kann man auch über solche Freunde erhalten, ggf. sogar gleichgesinnte Treffen. Diese stärkenden Faktoren werden zusammenführend in der Psychologie als Resilienz bezeichnet und beschreibt in etwa den Verteidigungswert eures Diablo 2 Barbaren, nur eben auf psychischer Ebene.
    Ich möchte damit nicht die Wichtigkeit von Beziehungen auf physischer Ebene relativieren oder abtun. Familie, Freundschaften und Partnerschaften stärken die Resilienz wie nichts Vergleichbares. Doch sind das Dinge, die nicht jeder Mensch jederzeit zur Verfügung hat. Freundschaften bilden fällt sehr vielen Menschen schwer, auch ohne stigmatisierte psychische Erkrankung.

    Das Ziel ist es also, die Resilienz des Betroffenen zu stärken. Dies gelingt als Online-Community vor allem dadurch, dass das Gemeinschaftsgefühl gestärkt wird und nicht durch Kritik an deren Lebensstil.

    Abschließend bleibt für mich nur noch zu betonen, dass die Depression mittlerweile gut therapiert werden kann. Durch Medikamente und Psychotherapie existieren bewährte und gut etablierte Konzepte, die deutlich mehr Lebensqualität und Stabilität geben können. Gaming ist selbstverständlich kein Ersatz für eine professionelle, interdisziplinäre Behandlung die in jedem Fall angestrebt werden soll, steht dieser aber auch nicht im Wege. Vorausgesetzt, man betreibt dieses Hobby als das was es ist: Ein Hobby. Genau wie Weintrinken in Maßen genossen gesund fürs Herz-Kreislaufsystem ist, ist Gaming eine spaßige Beschäftigung mit gewissem Nutzen.

    Ich möchte mit den drei folgenden Aussagen diesen Beitrag beenden:

    Hört auf euren Körper und geht zum Arzt, wenn es euch nicht gut geht.

    Ihr werdet nicht durch eure Krankheit definiert.

    Und lasst euch nicht die Freude am Daddeln nehmen.


    Vielen Dank fürs Lesen!



    Quellen:
    1. https://www.leitlinien.de/nvl/html/depression/kapitel-2

    2. Brain activity and desire for internet video game play doi: 10.1016/j.comppsych.2010.04.004

    3. Media Use Is Linked to Lower Psychological Well-Being: Evidence from Three Datasets, doi: 10.1007/s11126-019-09630-7

    4. The association between Facebook addiction and depression: A pilot survey study among Bangladeshi students, doi: 10.1016/j.psychres.2018.12.039.

    5. Fighting Depression: Action Video Game Play May Reduce Rumination and Increase Subjective and Objective Cognition in Depressed Patients, doi: 10.3389/fpsyg.2018.00129

    6. https://www.gamestar.de/artikel/the-division-2-trauer,3342109.html

Kommentare

Um einen Kommentar zu schreiben, melde dich einfach an und werde Mitglied!
  1. Diese Seite verwendet Cookies, um Inhalte zu personalisieren, diese deiner Erfahrung anzupassen und dich nach der Registrierung angemeldet zu halten.
    Wenn du dich weiterhin auf dieser Seite aufhältst, akzeptierst du unseren Einsatz von Cookies.
    Information ausblenden
Top