Gaming wird Salonfähig.

Von AmonLFK · 20. November 2017 ·
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  1. Eine Frage, die mich in den letzten Monaten aus verschiedenen Gründen umtreibt. Einerseits erinnere ich mich immer noch an die Hetztiraden konservativer Politiker, die nach dem einen oder anderen Amoklauf zu rituellen Gameverbrennungen aufgerufen haben, andererseits erinnere ich mich auch an das Entstehen einer leidenschaftlichen Kultur, dessen Zeuge ich aus erster Hand war. Vor nicht mal 5 Jahren war es noch Salonfähig, in allgemeinen Diskussionen das Wort "Killerspiel" um sich zu werfen, heute kann kaum eine Zeitung oder Sendung, die ernst genommen werden möchte, derart einseitig darüber berichten. Das Gaming scheint in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein.

    Um so auffälliger ist es, dass selbst die konservativsten Redaktionen das Gaming in ihr Repertoire aufnehmen. Es ist für mich als Gamer immer wieder spannend, mit welchen Begriffen Gaming-Fremde Formate das Gaming zu beschreiben versuchen, und je näher man bei der Betrachtung der Gegenwart kommt, desto differenzierter und auch positiver wird das Bild.

    Mir persönlich fiel ganz besonders am Beispiel der Redaktion des Verlagshauses "Frankfurter Allgemeine Zeitung" auf. War die Reaktion der Politik-Redaktion auf Merkels Eröffnung der Gamescom dieses Jahr eher verhalten, pries die Wirtschafts-Redaktion der Zeitschrift "Frankfurter Allgemeine Woche" den umsatzstarken E-Sport-Markt (auch wenn im selben Atemzug deutlich wird, dass sie fürchten, das Gaming laufe dem traditionellen Sport den Rang ab). Und besonders interessant wurde es vergangenen Sonntag.

    In der Ausgabe #46 der Frankfurter allgemeinen Sonntagszeitung schrieb der Feuilleton-Journalist Thomas Lindemann einen durchaus differenzierten Artikel über das neue Wolfenstein II: The New Colossus. Es scheint, als stieße dem Herrn Lindemann lediglich die schockierende Gewaltdarstellung sauer auf, denn an sonsten ist der Tonus durchaus positiv und Amüsant. Wer sonst hätte General Totenkopf nicht als "ein erschütternd popkulturelles Abziehbild [...] zwischen Joseph Mengele und Darth Vader" beschrieben? Dennoch wäre dem lieben Herrn Kollegen Lindemann zu viel unterstellt, wenn er lediglich erwähnte, dass die Gewalt überhand nimmt. Der Umstand, dass es sich bei Wolfenstein II um einen Ego-Shooter handelt, stieß auch bei Herrn Lindemann auf Missfallen, und das ist angesichts dessen verständlich, dass die Leser seiner Zeitung zu den eher betagten und wohlhabenden gehören. Allerdings gesteht er diesem "abstoßenden Kulturprodukt" durch aus zu, dass es "gesehen werden will und etwas zu sagen hat." Man möge nicht hinsehen, könne jedoch die Augen kaum abwenden.

    Schließlich lässt sich dennoch sagen, dass Wolfenstein II bei den Kollegen von der FAS gut weggekommen ist. Und genau das ist ein sehr gutes Indiz, das Gaming wirklich angekommen ist - auch bei der betagten, einkommensstarken und konservativen Schicht. Wenn ich also schreibe "Gaming wird Salonfähig", dann deshalb, weil es als Phänomen immer mehr ins Bewusstsein der Masse rückt, und auch positiv wahrgenommen wird. Kannten die Leser der FAZ Spiele bisher nur von ihren Enkeln oder Kindern als kleinen, unbedeutenden Zeitvertreib, so wird ihnen jetzt klar, dass es sich um einen starken Wirtschafssektor und um ein ernstzunehmendes Kulturgut handelt. Die Frage "Sind Games Kunst" steht nicht länger zur Disposition, und das sind gute Nachrichten.

    In diesem Sinne

    live long and prosper

    Über den Autor

    AmonLFK
    Beschreibung: Mensch, Männlich, europider Phänotyp.
    <br/>Hobbies/Interessen: Ninjutsu, Philosophie, Krafttraining

Kommentare

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  1. Ritter des Herbstes
    Wurde Myst nicht schon anfang der 90er u.a. im Rolling Stones Magazin besprochen?

    Das sich die Nicht-Fachpresse hin und wieder mal mit Spielen auseinandersetzt ist glaub ich wirklich kein Indikator dafür, dass wir "jetzt" in der Mitte der Geschellschaft angekommen sind.
    Wer das Pech hat, über die Kölner Messe pendeln zu müssen, wird dieses Ankommen schon seit Jahren bestätigen und verfluchen können.
    Wenn ich über sowas stolpere muss ich aber auch meistens grinsen, die Herangehensweise ist teilweise echt ulkig, wobei sich mittlerweile ja viele der großen deutschen Tageszeitungen ihren Medienmenschen halten.

    Ob aber die müßge Kunstdebatte durch ist, wage ich zu bezweifeln.
  2. Reddok
    Na ja, irgendwie wird fast alles salonfähig, wenn man genug Geduld hat.

    Ich habe letztens in den Lokalnachrichten (mit einem Ohr) was von einem Tiermuseum mitbekommen, welches quasi auch Furries als Austellungsobjekte bietet.
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