Level up your Real Life! - Teil 2

Von Kalnasir · 14. Juli 2020 ·
In Level up your Real Life schildere ich in kurzen Beiträgen ausgewählte Episoden meiner Gaming-Biographie, die entweder meine Art zu spielen und Spiele wahrzunehmen beeinflusst haben oder mich anders über die Welt und mich selbst haben nachdenken lassen. Die Beiträge sind unabhängig voneinander, können also in einer beliebigen Reihenfolge gelesen werden.

Spiele in Teil 2:
World of Warcraft
Fallout 3
Vampire: The Masquerade - Bloodlines
Kategorien:
  1. In Videospielen ist Erfahrung eine Sammelware. Man sammelt sie in Punkten, sie sind quantifizierbar; wenn die Spielfigur genug gesammelt hat, wird sie mächtiger. Der Spieler hingegen hat davon erstmal gar nichts. Die Momente des Verstehens fallen selten mit Levelaufstiegen zusammen. Erfahrungen, die wir in Videospielen machen sind nicht quantifizierbar, belohnen uns nicht hinter einer festgelegten Grenze mit neuen Talenten, Weisheit oder Stärke. Stattdessen müssen wir sie uns erarbeiten, ohne vorher zu wissen, worauf unser Handeln hinausläuft.

    World of Warcraft – Gruppendynamik, Rollenverteilung, Konkurrenzkampf


    Ach, ich weiß nicht, was mich damals dazu getrieben hat, mit diesem Spiel anzufangen. Die Aussicht auf ein neuartiges Spielerleben mit tausenden anderen Spielern weltweit? Die schönen Erfahrungen mit Warcraft 3? Irgendein Bericht, den ich mal irgendwo gelesen habe? Ich weiß es nicht, aber ich habe 2006 damit angefangen und bin seitdem mehrmals zurückgekehrt. Ich habe derart viele Geschichten über World of Warcraft zu erzählen, dass ich dafür einen eigenen Blog erstellen könnte, aber das meiste davon ist vermutlich für keinen anderen Menschen interessant, also lasse ich das.

    Meine ersten Gehversuche in World of Warcraft waren kläglich und enden mit einem Mensch Magier auf Level 48, der im Auktionshaus grüne Schultern mit Beweglichkeit und Willenskraft gekauft hat. Dann höre ich erstmal auf.
    Mit der neuen Erweiterung Burning Crusade und befeuert durch den Einstieg meines Cousins kehre ich aber zurück. Dieses Mal aufseiten der Horde und euphorisiert durch das PvP-Video „World of Roguecraft“ als Untoter Schurke. Ich war nicht sehr viel besser als vorher, aber die Schurkenklasse knallt den meisten anderen Klassen im PvP übel vor den Bug, sodass ich Erfolge feiern kann und mir einrede, ich sei ein dufter Typ. Der Untote Schurke (dessen Name bis heute mein Gamer-Tag ist) erreicht dieses Mal auch die Maximalstufe und versucht sich dort ohne Erfolg in PvE-Aktionen und mit mittelmäßigem Erfolg im PvP. Ehrlicherweise hatte ich zu dem Zeitpunkt auch keine Ahnung, was ich eigentlich tue. Ist aber auch nicht so wichtig…

    Irgendwann verlässt uns die Lust, mein Cousin hört auf, ich farme mir noch den Netherdrachen zusammen, höre dann auf.

    Das hält uns allerdings nicht davon ab, mit der Erweiterung „Wrath of the Lich King“ wieder einzusteigen. Dieses Mal ist alles anders. Wir sind älter, reifer und haben aus den Fehlern vergangener Tage gelernt. Mein Cousin tauscht die beklemmende Enge der Plattenrüstung seines Kriegers gegen das geschmeidige Leder eines Schurken. Ich wiederrum tausche dessen Mordlust gegen die reinigenden Kräfte des Schamanismus. Statt unsere Zeit damit zu verschwenden der Allianz in den immergleichen Schlachtfeldern den Kiefer zu richten, um dabei irgendwelche Punkte zu sammeln (die Sinnlosigkeit dieses Vorgehens verdient eigentlich einen eigenen Eintrag…), konzentrieren wir uns dieses Mal darauf, das die Welt bedrohende Böse von selbiger zu tilgen. Naxxrammas: Fliegende Festung vom eiskalten Superfiesling Kel’Thuzad, der rechten Hand von Arthas, dem Lichkönig. Wir feiern schnell Erfolge, sind in unseren neuen Rollen so viel besser als zu der Zeit des brennenden Kreuzzugs und haben uns schließlich bis zu Kel’Thuzad vorgekämpft. Der allerdings findet unsere Siegesserie gar nicht so töfte, und verdeutlicht uns sehr praxisnah, wie cool todsein eigentlich ist… Dabei bleibt er relativ stur, denn auch dass wir nach jedem Tod immer wieder quicklebendig vor ihm stehen, hält ihn nicht davon ab, das Prozedere zu wiederholen. Nach Stunden des Scheiterns geben wir uns um drei Uhr in der Nacht irgendwann geschlagen.

    Doch mit der aufgehenden Morgensonne werden unsere heldenhaften Recken von neuerlicher Kraft erfüllt und stürzen sich erneut wagemutig ins Gefecht gegen den unheilvollen Erzlich, der die Nekropole weiterhin in eisiger Umklammerung hält. /pathosoff

    Jedenfalls gelingt uns der Sieg am nächsten Tag im ersten Versuch. Wir haben Blut geleckt. In den folgenden Wochen suchen wir wieder und wieder den Kampf gegen die Bossgegner in Naxxrammas und bleiben erfolgreich. Unsere Ausrüstung wird dementsprechend besser, es läuft. Die Spannung lässt allerdings nach als sich das Spiel dem nächsten großen Patch nähert, der den neuen Raid Ulduar eröffnen soll. Viele Gildenmitglieder sind in dieser Zeit nur noch sporadisch aktiv, Raids kommen nicht mehr so stringent zustande. Ich fasse also einen Plan: Warum nicht selbst einen Raid zusammenstellen? Mein Cousin ist dabei, was soll schon schiefgehen?

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    Neck hat während seiner Zeit in Nordend mitunter prachtvolle Ausrüstung gesammelt...

    Ich bin zu dem Zeitpunkt 15 Jahre alt.
    Nicht das typische Alter, das man sich für einen Raid-Leader vorstellt.
    Nicht das Alter, das ICH mir für einen Raid-Leader vorstelle.
    Aber ich will diesen Raid spielen. Also frage ich an und die Gruppe füllt sich schnell. Als wir acht von zehn Leute sind, fange ich an zu begreifen, dass es jetzt ernst wird. Ich kenne den Raid. Aber ihn anderen Leuten zu erklären ist eine völlig andere Nummer. Zaghaft füge ich meinen Anfragen den Hinweis hinzu, dass ein erfahrener Raid-Leader gerne gesehen wäre.

    Es meldet sich aber niemand, der den Job machen will.

    Als wir vollzählig sind frage ich nochmals in die Runde: „Will das jemand von euch übernehmen? Ich kann wohl auch, aber mache das nur ungern…“

    Es will keiner. Scheiße. Worauf habe ich mich hier eingelassen? Na gut, nichts anmerken lassen, keine Schwäche zeigen. Die ersten Bosse sind eh stulle, das geht schon. Zudem spielt mir in die Karten, dass die Mitspieler mich zwar hören, aber nicht sehen können. Meine Stimme war schon immer tief. Mein Stimmbruch war eher eine sanfte Wölbung, maximal ein Stimmknick. Wo manche Mitschüler von mir zwei Wochen lang nicht richtig reden konnten, habe ich drei Mal gehustet und hatte es hinter mir. Es kam also keiner auf die Idee, ich sei ungeeignet für den Job.

    Und wie sich herausstellen sollte, war ich es auch nicht. Es lief herausragend gut. Wir kommen ohne Komplikationen bis zu Kel’Thuzad.

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    Vor exakt 11 Jahren - am 14.07.2009 - stehe ich das erste Mal vor Kel'Thuzad. Ein Screenshot aus den Untiefen einer externen Festplatte. Die Gruppe dort ist nicht die, von der der Text berichtet.

    Nun ist Kel’Thuzard seiner Position angemessen einer der schwierigeren Kämpfe des Schlachtzugs. Es gibt einige Dinge zu beachten, man muss richtig stehen, der Kampf hat mehrere Phasen usw. Zudem platziert der magisch äußerst talentierte Tote eine tödliche Zone von schwarz-lilafarbener Leere, die Betroffene Spiele bei Aufenthalt nach kurzer Zeit aus dem Leben pustet. Das ist kein Problem, wenn man es weiß. Die Zone hebt sich deutlich von allem anderen ab und wenn man sie sieht, geht man einfach raus. Unser Ork scheint das nicht zu begreifen. Er stirbt bei erster Gelegenheit. Wenn von deinen zehn Leuten einer stirbt, ist dein Schlachtzug 10% schwächer. Beim Endkampf: unsexy. In so einer frühen Phase des Kampfes könnte man nun sagen: Gut, wir wählen alle den Freitod, ehe wir hier jetzt minutenlang rummachen und dann sterben. Ein Vorgehen, das ich zutiefst ablehne. Wir halten also durch. Wir kämpfen. Wir bringen die erste Phase hinter uns. Arthas hilft seiner rechten Hand mit weiteren Schergen aus, die uns auf den Leib rücken, während der Lich weiterhin fröhlich Frostblitze um sich schießt. Die genauen Ereignisse verschwimmen in meiner Erinnerung, aber das Ende vom Lied ist, dass wir triumphieren. Das liegt unter anderem an unserem äußerst fähigen Tank J***y – einer Tauren Kriegerin. Sie ist herausragend ausgerüstet. Lediglich ein Gegenstand reizt sie noch: Eine Zweihandaxt mit dem eindrucksvollen Titel „Verräter der Menschheit“. In den Überresten von Kel’Thuzad finden wir eben diese Waffe tatsächlich. Problem: Unser Ork hätte diese Waffe auch gerne.

    Ja, genau. Der Ork, der sich den Kampf minutenlang aus der Horizontalen hat ansehen müssen, weil er aus Unachtsamkeit direkt am Anfang an einer einfach zu vermeidenden Bedrohung gestorben ist und damit praktisch nichts zum Gelingen dieses Kampfes beigetragen hat.
    Wenn mehrere Spieler den gleichen Gegenstand haben wollen, wird gewürfelt. Der Ork würfelt höher. Normalerweise bekommt der Spieler mit der höheren Zahl dann den Gegenstand. Normalerweise… Wer den Gegenstand letztlich wirklich bekommt, entschiedet der Leiter des Schlachtzugs. In diesem Fall: Ich.

    J***y meldet einen berechtigten Einwand an: Der Ork habe in diesem Kampf nichts geleistet. Welches Signal sende ich, wenn ich diesen Fehler belohne? Er ist aber Teil des Raids und hat die höhere Zahl gewürfet…
    Ich bin dezent überfordert. Taktiken erklären und Rollen verteilen? Kein Problem. Aber wer belastet die zarten Schultern meines fünfzehnjährigen Ich mit dieser hochkomplexen moralischen Frage?
    Ich sehe das so: Unsere Tauren-Kriegerin hat deutlich mehr geleistet und die Waffe verdient – vor allem in diesem Kampf. Aber der Ork war Teil unserer Gruppe bis hier hin und als Teil der Gruppe sollte jeder gleichbehandelt werden – und da hat das Los nun einmal für ihn entschieden. Auf das Problem angesprochen hüllt sich der gute Mann in Schweigen… Ein Verzicht seinerseits hätte mich enorm entlastet, aber Pustekuchen. Letztlich gibt es aber doch etwas, dass ausschlaggebend für meine Wahl ist: Über den ganzen Schlachtzug hinweg hat J***y überflüssige Gegenstände zu Materialien verarbeitet, die am Ende eigentlich auch verlost werden sollen. Nun verspricht sie mir die Materialen im Tausch gegen den „Verräter der Menschheit“.

    Na also. Das ist doch mal eine Wendung, mit der ich etwas anfangen kann. Endlich hat sich das Gefüge vom Patt zu einer Entscheidung, die ich guten Gewissens vertreten kann, geändert. Bitteschön, Ork mit dem Namen, den ich lange vergessen habe und der den Bosskampf tot auf dem Boden verbracht hat, hier ist deine Axt.

    Bestechung findet mein 15-jähriges Ich gar nicht sexy (mein 25-jähriges Ich übrigens auch nicht). So hat sich die Tauren-Dame selbst ins Aus katapultiert. Hat sie die höhere Leistung – sowohl in diesem Kampf als auch im gesamten Raid – erbracht? Ja. Rechtfertigt höhere Leistung in jedem Fall bessere Belohnungen, wenn man dabei rücksichtslos gegen andere vorgeht? Ich denke nicht. Ich weiß nicht, ob die Entscheidung, die ich getroffen habe, richtig war. Nur, dass sie sich für mich richtiger angefühlt hat. Und das nach einem Entscheidungsprozess, der mir mehr noch als der eigentliche Schlachtzug im Gedächtnis geblieben ist…

    Aber ich darf nicht vergessen: Der Schlachtzug war erfolgreich und ich sein Anführer.

    Fallout 3 – Anschlusskommunikation und kollaboratives Spielen

    Es war eine ziemliche Herausforderung meinen Eltern Fallout 3 aus dem Kreuz zu leiern. Ich war zwar immerhin schon sechzehn… eventuell… Ich weiß auch gar nicht mehr, was am Ende ausschlaggebend war. Ich vermute, gute Noten. Die Aussicht, Mutanten mit Plasmagewehren faustgroße Löcher in den Körper zu schießen, wird es jedenfalls nicht gewesen sein… Aber egal. Ich hatte es jedenfalls irgendwann und das war nach den Erzählungen meines Freundes A. auch bitter nötig. Jeden Tag hatte er nichts anderes zu erzählen als das, was er in Fallout erlebt hat. Wie er die Straße runter ging und dann kamen Supermutanten, aber er konnte sie besiegen. Und wie er dann in einem Haus ein weiteres Tonband gefunden hat. Und dass er in Megaton die Bombe entschärft hat. Und wie er sich für Moira Brown den Fuß gebrochen hat. Und und und… Ich wusste jedenfalls: Dieses Spiel musst du haben.

    Und so konnte ich dann irgendwann um Ostern herum auch endlich aus Bunker 101 heraus in das Ödland der Hauptstadt treten. Und von da an waren die Gespräche zwischen uns für niemand anderen aus unserem Freundeskreis mehr verständlich. In jeder Pause haben wir uns erzählt, was wir erlebt haben, Lore-Bruchstücke ausgetauscht, Quests nachbesprochen. Wie hast du dich entschieden? Was? Und was passiert dann? Aber, was ist dann mit ihr? Hast du da mal etwas weiter westlich von der Corvega-Fabrik geguckt? Ach und: Guck doch mal im Todeskrallen-Gebiet, nur mal so als Tipp… Noch ein Transkript der Familie Keller? Wie viele haben wir jetzt 4? Warst du schon in der Republik von Dave? Wie, du hast die DLC gar nicht? Sind die denn gut? Junge, kauf sie dir! Die Geschichte geht ja noch weiter! Ja und in The Pitt gibt es den Menschenöffner! Den was? Den Menschenöffner! Welches ist dein Lieblingsaddon? Und welche deine Lieblingsvault? Wie viele Stunden hast du schon insgesamt gespielt? Was, so viel?! Und du? Naja… auch… Weißt du, wo die Wackelkopffigur für Schlösserknacken ist? Ne, aber ich habe die für Energiewaffen! Hm, dann müssen wir weitersuchen! ICH HABE DAS LETZTE TRANSKRIPT DER FAMILIE KELLER! Was, wo? Geh mal zum Grisly Diner! Und was bringt das eigentlich? Wart’s ab… Welchen Perk hast du auf Level 30 gewählt? Moment mal. Wenn man die Figuren erst hinterher findet, könnte man ja…

    In diesem Moment fängt A. an, das Spiel nochmal von vorne zu spielen. Sein Ziel: Den perfekten Fallout 3 Charakter erschaffen. Es sollte ihm gelingen. Ich hingegen bin nach gut 200 Stunden, allen fünf Addons und zwei erkundeten Karten irgendwann zufrieden.

    Was aber bleibt ist das Gefühl, zusammen mit A. an der Erkundung dieser für uns fremden Welt gearbeitet zu haben. In den Pausen ist es so, als wären wir Teil einer gemeinsamen Welt gewesen. Als wären wir durch dasselbe Ödland gewandert und uns bloß zufällig nicht begegnet, aber stets per Funk miteinander verbunden. Wo andere Multiplayer heutzutage daran scheitern, dass ich eine Verbindung zu meinen Mitspielern aufbaue, hat Fallout 3 als Singleplayer-Titel dafür gesorgt, dass mein Mitspieler das Spielerleben für mich entscheidend mitgeprägt hat. Und das war gut.


    Vampire The Masquerade: Bloodlines – The Ankaran MacGuffin

    Befeuert durch den Stay Forever Podcast entwickle ich irgendwann einen Hang dazu Klassiker nachzuholen. System Shock 2, Fallout, Baldurs Gate, Deus Ex, solches Zeug… Und eben auch Vampire: The Masquerade. Nach zehn Jahren haben versierte Leute das anscheinend halbwegs gesundgepatcht. Inhaltlich soll es brillant gewesen sein. Für ´n Fünfer auf Gog… Warum nicht.
    Ich spiele einen Toreador, eine Art gebildeten und intelligenten Künstlervampir und versuche Quests über kluges Vorgehen und Dialoge zu lösen.

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    Fragwürdig überzeichnet, aber deutlich attraktiver als die anderen Clans kommt der Toreador daher.

    Das rächt sich, als ich in einer Galerie einen Blutgeist bekämpfen soll. Der wischt mit mir theoretisch den Boden auf, ist praktisch aber etwas langsamer als ich. Ich prügle also auf ihn ein bis ich fast tot bin und beginne dann damit, solange im Kreis zu rennen, bis sich meine Lebensenergie wieder aufgefüllt hat. Das wiederhole ich schlappe drei Mal und ringe ihn so nieder. Ein Dialog war das zwar nicht, aber ein kluges Vorgehen vielleicht doch…

    Hauptquestgeber der ganzen Geschichte ist ein schnöseliger Vampir namens LaCroix. Der will irgendetwas mit dem Ankaran Sarcophagus anstellen, den ich besorgen soll. Er liegt mir mit seinem gespielten Akzent jetzt noch in den Ohren: „Under no circumstances open the Ankaran Sarcophagus.“ Uff, ja dann halt nicht.
    Dabei treten natürlich Schwierigkeiten auf, yatta, yatta, yatta. Er schickt mich von Pontius nach Pilatus, aber ich habe irgendwann keinen Bock mehr den Laufburschen für ihn zu spielen. Ich soll dem ollen Koffer dauernd hinterherjagen. Mach deinen Scheiß doch selbst, du Knallkopf.

    Weil das Spiel sonst auf alles eine Antwort hat, komme ich auf die Idee, seine Aufgabe einfach zu verweigern. Tja, Spiel, was machst du jetzt? In jedem Spiel ist es selbstverständlich, dass ich die Aufgaben erledige, die es mir gibt, sonst geht es nicht weiter. Bioshock denkt sich eine kluge Idee aus, warum das so ist. Aber die meisten anderen Spiele? Uninspiriert. Vampire hingegen traue ich nach allem, was ich bisher gesehen habe, etwas anderes zu.

    Als er mir also erklärt, was als nächstes zu tun ist, halte ich kurz inne. Und tatsächlich: Die Dialogoption ist da.

    Ich verweigere.

    LaCroix ist etwas pikiert über meinen Widerstand und erläutert mir mit Nachdruck die Wichtigkeit meiner Aufgabe.

    Ich kann jedoch wieder verweigern.

    Er wird ungehalten, sein Ton schärfer.

    Ich kann jedoch wieder verweigern.

    „Get. The Sarcophagus. Now!“, befiehlt er. Gleichzeitig zeichnet er eine Art Bannkreis auf meinen Bildschirm. Meine Antwortmöglichkeit beschränkt sich auf ein „Yes, of course.“ Ich bin beeindruckt.

    Ich besorge das blöde Ding also, werde verwickelt in Intrigen und Politik der Vampirwelt. Angeblich lauert irgendeine geheime Macht in dem Sarg, die sich der machtgeile Schnösel-Vampir unter den Nagel reißen will. Irgendwann habe ich aber die Möglichkeit es ihm heimzuzahlen, seinen Leibwächter zu zerholzen und ihn seines Amtes zu entheben.

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    LaCroix ist ein Freund großer Inszenierungen und fühlt sich auf Bühnen anscheinend sehr wohl. Der emotionslose Koloss links ist sein Leibwächter.

    Und dann steht da der Sarkophag…
    Hm… Wie war das noch mal mit der Macht? Vielleicht guckt man doch mal rein… So ein bisschen Macht… Ich meine: Ich habe LaCroix besiegt. Wem gebührt die Macht, wenn nicht mir? Ich lüfte also den Deckel.

    Im Inneren befindet sich eine Sprengladung, die mich zusammen mit der Inneneinrichtung des Zimmers in die Nacht von San Francisco schleudert. Hupsi… Wie war das noch mal? „Under no circumstances open the Ankaran Sarcophagus…“ Wie war das noch mal? Ich wollt LaCroix loswerden, weil er so machtgierig geworden ist.

    Hm… Ich sitze vor meinem Bildschirm. Mein Charakter war gebildet und intelligent. Jetzt ist er bloß noch ein bisschen Fleischrest, der brennt. Ich dagegen bin zwar gesund, komme mir aber ziemlich dämlich vor…

    Über den Autor

    Kalnasir
    Ich bin Lukas, spiele seit 20 Jahren Videospiele, wollte mal Journalist werden, bin stattdessen Lehrer geworden. Hmpf...

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