Mike Morhaime existiert nicht. Oder: Was geschah wirklich zwischen Blizzard und seinem Gründungsvater?

In diesem Artikel wird ein skurriles Kapitel von beisspiellosem Firmen-Geschichtsrevisionismus offen gelegt, der auf ein viel größeres Drama hinter verschlossenen Türen hindeutet.
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    BlizzCon 2018

    Mike Morhaime gibt gleich zu Beginn der großen Show die Zügel an J. Allen Brack ab. Dafür dass er nach fast zwei Dekaden die Führung an dem von ihm selbst mitgegründeten Unternehmen und Lebenswerk beendet, wirkt er überraschend gefasst, freut sich auf mehr Zeit mit der Familie. Bei weitem nicht der emotionalste seiner vielen BlizzCon-Momente über die Jahre.

    Morhaime steht noch für das alte Blizzard. Er trägt auf jeder BlizzCon immer demonstrativ das Terraner-Shirt, obwohl StarCraft, sein Lieblingsspiel, schon spätestens seit 2016 kaum noch Relevanz für die Firma hat. Er wirkt ein wenig wie die hartgesottenen StarCraft Fans, die jedes Jahr zur BlizzCon pilgern, obwohl sie dort höchstens das eSport-Finale auf der Nebenbühne feiern können.

    Das Silicon & Synapse, dass er 1991 mitgegründet hat und das Blizzard im Jahr 2018 sind kaum noch vergleichbar. Aus einer kleinen, ambitionierten Klitsche mit chronischen Finanzierungsproblemen wurde ein Vorzeigestudio der Spielentwicklung mit Unfehlbarkeitsnimbus, welches sich spätestens seit der Activision "Fusion" zu einem praktisch gelddruckenden Entertainment-Moloch wandelte.

    Es gibt eine lange, etwas unbeholfene Umarmung und großen Dank für seine Verdienste. An sich kein Grund zur Beunruhigung. Seine Zeit ist vermutlich eh vorüber.

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    Keine Stunde zu früh könnte man meinen, den die BlizzCon 2018 endete in dem legendären Diablo Immortal Debakel, in dem man einer Horde Hardcore-PC-Zockern in völlig weltfremder Weise eine China-Handyspiel als das nächste große Ding verkaufen wollte. Die neue Blizzard Führung durfte unter Buh-Rufen seiner treuesten Fans ihre Amtszeit starten.

    Was folgte war eine Serie von Tiefschlägen, die das Ansehen der vormals universell gefeierten Firma immer mehr verkommen lies. Von wenigen Lichtblicken wie dem größtenteils gefeierten WoW-Classic Release abgesehen gab es Negativschlagzeilen wie das Beenden von eSports Sparten ohne Vorwarnung, die Blizzchung Affäre und massive Stellenstreichungen.

    Im April 2019 verlässt auch Mitgründer Frank Pierce das scheinbar sinkende Schiff. Im gleichen Monat gibt Morhaime seinen verbliebenden Beraterposten auf. Übrig von den Blizzard Gründungsmitgliedern bleibt somit nur noch Allen Adham, der das Unternehmen zwischenzeitlich für viele Jahre verließ, um einen Hedgefonds aufzubauen.

    Einige Monate später folgte der absolute Tiefpunkt der Blizzard Firmengeschichte mit der katastrophalen Warcraft Remastered Veröffentlichung.



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    BlizzCon 2021

    Wirklich kann man es J. Allen Brack nicht abkaufen, dass er nach eigener Aussage lieber vor tausenden Fans sprechen würde. Nach einem desaströsen Jahr ohne eine einzige gute Meldung, kommt es vielleicht ganz gelegen, das pandemie-bedingt gespenstige Stille herrscht und nicht das Getöse oder gar die Buh-Rufe der Fans.

    Dabei hat Blizzard zu seinem 30. Jubiläum tatsächlich wieder etwas positive PR. Die "Diablo 2 Resurrected" Ankündigung kommt gut an und lässt die WC3R-Schmach fast vergessen. Zumal mit der Entwicklung das nun Blizzard-interne Vicarious Visions beauftragt wurde, das als Activision-Arbeitstier vorher gefeierte Remakes abgeliefert hat. Die Chance, dass der nächste Blizzard-Klassiker verhunzt wird wie Warcraft 3 ist also relativ gering.

    Unter dieser Meldung geht fast unter, dass Blizzard mit der "Blizzard Arcade Collection" am selben Tag seine alten Silicon & Synapse Klassiker wieder neu auflegt. Ganz im aktuellen Trend der Wiederveröffentlichung von Retro Titeln gibt man sich in der von den Retro Experten Digitale Eclipse (Mega Man Legacy) entwickelten Sammlung mühe, der Nostalgie gerecht zu werden.

    Auch wenn Viele den Preis von 20€ für zuvor übers Battle.net kostenlos verteilte Spiele als zu hoch erachten, wird den Fans der frühen Blizzard-Titel einiges geboten:
    • Verschiedene Konsolen-Versionen der Klassiker "The Lost Vikings, Rock'n'Roll Racing" und "Blackthorne" sowie verbesserte "Definitive Editions" mit neu programmierten Extras.
    • Eine für wahrscheinlich viel Geld lizenzierte Studioversion des legendären Rock'n'Roll Racing Soundtracks mit Songs von Steppenwolf, Rush und Black Sabbath (sowie den Original-Chiptunes).
    • Und für diesen Blog besonders wichtig: Hintergrundmaterial wie frühe Konzeptgrafiken und Making-Of-Interviews mit den Originalentwicklern.
    Und damit kommen wir endlich zum Drama!



    Mike Morhaime existiert nicht

    Die alten Herren mit grauen Haaren (außer Jungbrunnen-Samwise Didier) erzählen tatsächlich interessante Anekdoten über ihre wilden Anfangsjahre, als Blizzard eher einem Studentenwohnheim glich als einem Entwicklerstudio.
    Rockkonzerte wurden besucht, es wurde gezockt bis zum Abwinken und zwischendurch wurden in wenigen Monaten komplette Spiele aus dem Boden gestampft.

    Zum Beispiel The Lost Vikings, das ursprünglich ein Lemmings-Klon mit hundert Wikingern werden sollte, die am Ende zu Olaf, Erik und Baleog komprimiert wurden. Oder Rock'n'Roll Racing, bei dem der Soundtrack für wenig Geld aus einem Musikkatalog für Kaufhaus-Gedudel lizensiert wurde, der verrückterweise auch Rock-Klassiker beinhaltete.

    Schöne Geschichten über eine längst vergangene Zeit, die einen irgendwie auch etwas melancholisch zurücklassen, weil das damalige Blizzard mit dem heutigen in etwa so viel gemein hat, wie die Blackthorne-Sharewareversion mit Funko Pop Illidan.

    Spätestens nach dem vierten Video stellt sich aber im Hinterkopf immer penetranter eine Frage:

    WO. ZUM. TEUFEL. IST. MIKE MORHAIME?

    Mike Morhaime ist nicht jemand der ein paar Jahre später dazugestoßen ist. Er ist eines der drei Gründungsmitglieder aus alten Schulfreunden und war praktisch der Chef der Truppe. Er war Mr. Blizzard in Person!
    • In der gesamten Interview Reihe wird das Wort "Morhaime" kein einziges mal ausgesprochen.
    • Allen Adham wird praktisch alleine als der Boss dargestellt.
    • Es werden dutzende Fotos von der Arbeit in den alten Büroräume gezeigt - auf keinem ist Mike Morhaime zu sehen.
    Nur zweimal in dem an die 40-minütigen Filmmaterial schlüpft den Interviewten das Wort "Mike" aus dem Mund, was fasst wie ein Versehen wirkt. Einmal Samwise Didier, der über die beengten, alten Büros sinniert und sich daran erinnert, dass er seins mit "Mike" teilen musste. Und einmal der Grafiker, der sich daran erinnert, dass die finanzielle Lage teils so bitter war, dass "Frank" und "Mike" die Gehälter aus eigener Tasche bezahlt haben.

    Es wird mit Lob um sich geworfen. Sogar Interplays Brian Fargo wird für seinen Input angepriesen. "Mike", der im Büro von Samwise sitzt hat anscheinend nichts gemacht.
    Auf mit Abstand am meisten Zuspruch darf sich Allen Adham freuen.



    Warum Blizzard, warum?

    Im Nachhinein betrachtet wirkt das ganze nahezu surreal.
    Warum? Was will Blizzard damit bezwecken?
    • War Blizzard einfach zu bräsig beim Ex-Chef nachzufragen, ob sie Bildmaterial und Stories teilen dürfen und haben es dann gelassen? Wirkt wie eine ziemlich schlechte Ausrede, weil auch andere ehemalige zu Wort kommen, inklusive Frank Pearce.
    • Hat Mike Morhaime nicht eingewilligt, dass Material von ihm gezeigt wird oder sein Name genannt wird? Warum will er dann in derart rigoroser Weise nichts mehr mit seinem Vermächtnis zu tun haben? Was ist da passiert?
    • Oder ist Jemand bei Activision Blizzard extrem sauer und will in kindischer Weise, dass "der Name" nie mehr genannt wird. Auch hier stellt sich die Frage, was dazu geführt hat.
    Irgendwas muss jedenfalls passiert sein.

    Bobby Kotick ist hier natürlich ein Kandidat, der vermutlich mehr als einmal mit Mike Morhaime aneinander geraten ist. Activision und Blizzard waren lange Zeit eine Chimäre mit gegensätzlichen Philosophien. Auf der einen Seite gibt es den jährlichen Call of Duty Release, auf der anderen Seite den alten Blizzard-Perfektionismus. Das konnte nur gut gehen, solange Bobby mit dem WoW und Hearthstone Geldstrom zufrieden war. Wer nun gewonnen hat ist offensichtlich. In der neusten Investorenkonferenz spricht Kotick offen davon, dass "Diablo und Warcraft mehr wie Call of Duty gemacht werden sollen". Das klingt wie eine Drohung, dass auch das letzte Stückchen Blizzard zu Activision werden soll. Vielleicht ist dies auch schon geschehen.
    Blizzards "Team 1" wurde still im Herbst letzten Jahres aufgelöst und praktisch mit Vicarious Visions ausgetauscht. Team 1 heißt nicht umsonst so, es ist das original Blizzard Team, das Starcraft und Warcraft erschaffen hat - Mike Morhaimes "Heimteam". WC3R wird hier eine Rolle gespielt haben. Bis heute wird spekuliert, ob es schlicht Inkompetenz war, an einem unmöglichen Zeitplan gescheitert ist oder aktive Eigensabotage betrieben wurde.
    Ein interner WC3-Machtkampf klingt jedenfalls sehr nach einem Umfeld, in dem auch der alte Chef aus der Firmengeschichte gelöscht wird.

    Allen Adham ist der zweite Kandidat. Er ließ seinen Hedgefonds hinter sich und kehrte zurück, nachdem Activision schon angefangen hatte Blizzard umzubauen. Auch sonst wirkt er wie der Gegenentwurf zu Mike Morhaime.



    Ein Video handelt über den Humor in früheren Blizzard Titeln und im Büro selbst. Hauptverantwortlich dafür sei wieder mal Allen Adham gewesen, wie einem in sehr humorloser Weise versichert wird. Im Gegensatz zu seinen Kollegen wirkt Adham in den Interviews wie eine totale Spaßbremse.

    An Humor hat es Mike, dem nutzlosen Büronachbarn von Samwise Didier jedenfalls nicht gemangelt.

    Über den Autor

    Blutschinken
    GSPBler seit 2005. Ist im Spieleforum erwachsen und erzogen worden.
    Lurtz, g0dehardt und mekk gefällt das.

Recent Reviews

  1. mekk
    "Sehr gute Zusammenfassung"
    5/5, 5 out of 5, reviewed 21. Februar 2021 um 09:57 Uhr
    Gut geschrieben und informativ. 5 Sterne
  2. g0dehardt
    "Interessante..."
    5/5, 5 out of 5, reviewed 21. Februar 2021 um 09:52 Uhr
    ...Einblicke, auf die ich gar nicht geachtet habe.

Kommentare

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  1. mekk
    Sehr sehr schön geschrieben, Blutschinken. :yes:

    Scheint tatsächlich so als wären Mike Morhaime und ActiBlizz nicht im guten auseinander gegangen.
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