Nostalgie ist ansteckend

Von Faerris · 21. Dezember 2017 ·
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  1. Ja, Nostalgie scheint ansteckend zu sein. Ich hatte nicht so viele Erwartungen in den C64-Rückblick von Harald Fränkel in der aktuellen Ausgabe. Doch der Text hat mich herzhaft zum Lachen gebracht, gerührt und motiviert - motivert selbst zurückzublicken auf meine Zeit als Spielerin. Eine Zeit, die gekennzeichnet ist von vielen kleinen verpixelten Liebesbeziehungen. Und ein Haufen kaputter Milli Vanilli Platten. Aber dazu später mehr.



    Fast hätte meine Computerbegeisterung aufgehört, bevor sie begonnen hat. Ich muss so neun oder zehn Jahre alt gewesen sein, als ich zum Kindergeburtstag eines Grundschulfreundes eingeladen war. Dort gab es etwas ganz neues, Tennis am Fernseher. Zum selber spielen. Völlig verrückt! Jeder Spieler einen Joystick und los geht es mit Balken und Punkten. Ich hatte mächtig Spaß, aber nur bis meine Eltern kamen und dem merkwürdigen Treiben ein Ende setzten, indem sie mich unter heftigem Kopfschütteln mit nach Hause nehmen. Teufelswerk, ganz eindeutig! Dabei sollten sich meine anfangs so ignoranten Eltern später noch als wahre Heilsbringer in Sachen Technik erweisen, aber auch dazu später mehr.



    In den folgenden Jahren verbrachte ich meine Kindheit wohl wie jedes 80er-Jahre-Kind. Dreckig, immer zu spät zu Hause und mit einem Haufen Fantasie ausgestattet. Wenn ich heute daran denke, wie wir Tunnel in Erdhaufen gebuldet und von Tennen in Stroh gesprungen sind, dann wird mir ganz anders.



    Die Leidenschaft für die Außenwelt blieb, wurde aber um etwas ergänzt, was ich so nicht kannte. Der geneigte Leser wird ahnen, worauf ich hinaus will. Richtig - der sagenumwobene C64. Der hielt an meinem 14. Lebensjahr bei mir Einzug. Genauer gesagt hielt mein neuer, ein Jahr älterer Nachbar Maik Einzug. Und mit ihm eine Leidenschaft für Videospiele. Ok, und für Maik... Wir verstanden uns auf Anhieb, waren ein Dreamteam. Was zum einen daran lag, dass wir beide Einzelkinder waren, zum anderen aber daran, dass Maik den C64 und ich den CD Player hatte. Jawoll, den hatten mir meine Eltern nämlich gegen meinen Willen geschenkt. Mir hätte ja völlig ein neues Kassettendeck gereicht, aber mein Vater hat sich sagen lassen, dass die neue Technik sich durchsetzt und die Kassetten ablösen wird. Ich hab davon kein Wort geglaubt, und wie sollte ich denn jetzt noch die Hits aus der Schlagerrallye aufnehmen?



    Ich erinnere, mich dass ich in Maiks Jugendzimmer gefühlte Ewigkeiten die Taste F10 gedrückt habe, um ein Spiel zu starten. Kurzweilig wurde die Wartezeit dadurch, dass mir Maik unentwegt von unserer aktuellen neuen Nachbarin Nadine vorschwärmte. Tja, Pubertät kann wunderschön und grausam zugleich sein. Aus Maik und Nadine wurde nichts, und Maik hat mir gezeigt, wie man den Computer so programmiert, dass er in Endlosschleife den Satz "Na und, Nadine?" auf den Bildschirm schreibt. Dieses Wissen habe ich später nie wieder angewendet. Unsere Freundschaft zerbrach leider genauso wie die Milli-Vanillia-Platten, die Überfan Maik in einem Wutanfall nach Herauskommen der Schummelei überall in seinem Zimmer zerbrochen hat. Heute treffen wir uns zuweilen zufällig, versuchen Smalltalk und gehen unserer Wege. Aber es war eine wunderschöne Zeit.



    Dann passierte wieder lange nichts, erst nach dem Abitur (!) wollte ich endlich einen eigenen Rechner haben, einen Pentium II. Sechs Wochen Schufterei im Hochsommer in einer Bäckerei und einen ordentlichen Eltern-Zuschuss später stand das gute Stück in meinem Zimmer, natürlich ohne Internet. Und es waren kleine Wuselinge, die sofort mein Herz eroberten. Die Siedler und die Lemminge, das waren meine Spiele! Gut, ich hatte offensichtlich Nachholbedarf. So sehr, dass ich mir von einem 14-jährigen Nachhilfeschüler, dem ich Lateinunterricht gab (ich hatte in der Schule keinen PC und habe nicht gespielt, aus Verwzeiflung und Langeweile musste ich lernen...) erklären lassen musste, wie um alles in der Welt ich das eine Level die Die Siedler 2 schaffen konnte. Und die Lemminge, das war ein gutes Gesprächsthema zwischen mir und einem sehr guten Freund, der später mein Ehemann werden sollte. Ha, diesmal hat es geklappt!



    Mit eben jenem Ehemanm zog ich zusammen. Was folgte, war ein kurzer, aber intensiver Abstecher in die Welt der Konsolen. Auch wir haben das sagenumwobene Butler-Tutorial in Tomb Raider auf der Playstation 1 kaum geschafft, vom Venedig-Level im zweiten Teil mal ganz zu schweigen. Die Rückkehr zum PC habe ich meiner alten Chefin zu verdanken. Im Volontariat verdiente ich so unanständig wenig (damals noch in D-Mark, wenn ich das heute erzähle glauben alle, das wären Euro und bemitleiden mich trotzdem), dass die Gute meinte, mich mit Sachmitteln ein wenig aufmuntern zu müssen. Meist waren das Bücher, aber einmal, einmal brachte sie eine klobie Box in mein Büro. Da drauf war ein Etwas (ein Drachenschädel?) und altertümliche Schrift. Gothic. Aha. Rollenspiel. Aha. Toll, nicht mein Genre. Aber - In Extremo, die liebte ich! Und die machen da mit? Dann kann ich mich ja wenigstens bis zu deren Auftritt durchspielen. Exakt jetzt war es um mich geschehen. Diese Welt, diese Atmosphäre, diese Quest und dann auch noch Mud. Ab da hat es mit gepackt, im zarten Alter von immerhin 23 Jahren.



    Viele Spiele sollten folgen, aber mit einigen verbinde ich nach wie vor Emotionen. Spaßige Stunden, Unterhaltung, das bietet alles, was länger als zum Tutorial auf meiner Festplatte bleiben darf. Aber Emotionen, Lebenserinnerungen, das schaffen nur spezielle Spiele. Darunter auch solche Gurken wie Angry Birds. Warum? Als mein Vater starb, war es das einzige Spiel, dass es schaffte ein wenig meinen Frust und meinen Hass auf die Welt abzumildern. Mit übergewichtigen Vögeln auf Gebäude zu schießen, dabei kurz nicht nachdenken zu müssen, das fühlte sich zu dem Zeitpunkt richtig an. Oder das Spiel, das ich so sehr mit meiner neuen Liebe verbinde - der Ehemann ist nur noch der Ex-Mann (aber immer noch guter Freund und leider konsolenaffiner Computerspiel-Gesprächsparter). Das Spiel heißt Gone Home, und wer es gespielt hat, wird vielleicht wissen warum.



    PS: Der CD Player steht heute noch in meinem Wohnzimmer. Und erst, wenn dieser keinen Mucks mehr von sich gibt, erst dann endet meine Kindheit.

Kommentare

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  1. Snape50
    Ich glaub ich werd langsam zu Alt ....Aber ich gerade das Ausgegraben , aber ich glaub ich muss den alten Brotkasten demnächst aus dem Keller holen ..
    https://www.golem.de/news/sam-s-journey-neues-kaufspiel-fuer-c64-veroeffentlicht-1712-131889.html
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