.... sie ist sehr gut

Von Motoer · 14. März 2019 ·
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  1. Die Stadt befand sich am Ausgang eines kleinen und idyllischen Flusstals und am Anfang eines unansehnlichen Beckens, einem Ärgernis der hiesigen Geographie und der Schöpfung selbst. Die Stadt stand alleine da und überblickte das weite Becken im Norden. Es war absolut keine bemerkenswerte Stadt – sie war schon sehr alt , plump, viereckig, aus Ziegelsteinen erbaut und hatte kein W-Lan außer am Anger und viel weniger Bäume als früher, der es aber dank einer bebauten Brücke über besagten Fluss mehr oder weniger gelang, das Auge zu erfreuen. Die einzigen Menschen, die diese Stadt in jeder Hinsicht bemerkenswert fanden, waren ihre Bewohner, die Erfurter, und das auch nur, weil diese zufällig in Erfurt wohnten.


    Die meisten Erfurter planten für diesen Tag in ihre Arbeit oder zur Schule oder zum Jobcenter zu gehen. Zum letzten Mal, wie sich bald herausstellte.

    Es war den Erfurtern immer noch nicht richtig klar, dass der Stadtrat selbst beschlossen hatte, die Stadt heute abreißen zu lassen um die ICE-City und den Logistikstandort ausweiten zu können. Natürlich würde es nach dem Abriss Erfurts keinen Stadtrat mehr geben, aber das würde gar nicht schlimm sein, weil jedes einzelne Mitglied des Stadtrates dann sehr viel reicher sein würde und z.B. in die Hafen City in Hamburg ziehen könnte.


    Donnerstagmorgen um acht fühlte sich z.B. Matthias B. (nicht im Stadtrat) nicht sehr gut. Er wachte benommen auf, schlurfte benommen in seinem Zimmer herum, machte ein Fenster auf, sah einen Bulldozer, fand seine Pantoffeln und schlurfte ins Badezimmer. Zahnpasta auf die Zahnbürste – so. Bürsten. Rasierspiegel – zur Zimmerdecke gedreht. Er stellte ihn richtig ein. Einen Augenblick lang spiegelte er durchs Badezimmerfenster einen zweiten Bulldozer wider. Richtigeingestellt spiegelte er Matthias B`s Bartstoppeln wider. Matthias rasierte sie weg, wusch sich, trocknete sich ab und schlurfte in die Küche, wo er was Schönes zu finden hoffte, dass er sich in den Mund schieben könnte. Teekessel, Stecker, Kühlschrank, Milch, Kaffee. Alexa. Gääääähnen. Einen Augenblick ging ihm das Wort Bulldozer im Kopfherum, es suchte nach einer Gedankenverbindung. Der Bulldozer vor dem Küchenfenster war ganz schön groß. Er starrte ihn an. »Gelb«, dachte er und schlurfte wieder in sein Schlaf-zimmer, um sich anzuziehen. Als er am Badezimmer vorbeikam, blieb er stehen und trank ein großes Glas Wasser, dann noch eins. Es kam ihm der Verdacht, dass er einen Kater hatte. Warum hatte er einen Kater? Hatte er sich letzte Nacht betrunken? Er hatte den Verdacht, dass er das wohl getan haben musste. Er er-spähte ein Schimmern im Rasierspiegel. »Gelb«, dachte er und schlurfte in das Schlafzimmer. Er stand da und überlegte. Der Pub, dachte er. Du liebe Güte, der Pub. Vage erinnerte er sich, wahnsinnig wütend gewesen zu sein, wütend über irgendwas, das wohl wichtig war. Er hatte den Leuten davon erzählt, er hatte den Leuten lang und breit davon erzählt, vermutete er beinahe: woran er sich noch am deutlichsten erinnerte, das war der glasige Blick in den Gesichtern der Leute. Irgendwas über eine Ausweitung des Logistikstandortes Erfurt hatte er gerade rausgefunden. Sie war schon monatelang geplant, bloß hatte offenbar niemand was davon gewusst. Lächerlich. Er trank einen Schluck Wasser. Das Problem würde sich von selbst erledigen, hatte er beschlossen, niemand wollte eine Ausweitung der ICE-City, die Stadtverwaltung würde kein Bein an die Erde kriegen. Es würde sich von selbst erledigen. Meine Güte, was für einen fürchterlichen Kater ihm das trotzdem eingebracht hatte! Er besah sich im Kleiderschrankspiegel. Er streckte die Zunge raus. »Gelb«, dachte er. Das Wort gelb ging ihm im Kopf herum und suchte nach einer Gedankenverbindung. Fünfzehn Sekunden später war er draußen und lag vor einem großen gelben Bulldozer, der den Gartenweg her-aufgefahren kam.


    Herr Denny M. war, wie man so schön sagt, auch nur ein Mensch. Mit anderen Worten, er war eine auf Kohlenstoffbasierende zweifüßige, vom Affen abstammende Bio-form. Genauer gesagt, er war vierzig und mies gelaunt und arbeitete in der Stadtverwaltung. Außerdem war er komischerweise, obwohl er es nicht wusste, in männlicher Linie ein direkter Nachfahre von Dschingis Khan, wenn auch die vielen Generationen und Rassenmischungen seither seine Gene so verheddert hatten, dass er keine eindeutig mongolischen Eigenschaften mehr besaß, und die einzigen Überreste seiner mächtigen Vorfahren äußerten sich bei Herrn D. Möller in ausgesprochener Übellaunigkeit und einer Vorliebe für kleine Pelzmützen. Er war absolut kein großer Krieger: im Gegenteil, er war ein nervöser, ängstlicher Mann. Heute war er besonders nervös und ängstlich, denn irgendwas an seinem Auftrag war ernstlich schiefgelaufen und dieser Auftrag war, dafür zu sorgen, dass B´s Haus noch vor Ende des Tages aus dem Wege geräumt wäre.

    »Hören Sie doch auf damit, Herr B«, sagte er, »Sie wissen, damit kommen Sie nicht durch. Sie können ja nicht ewig hier vor dem Bulldozer rumliegen.« Er versuchte, mit seinen Augen aggressiv zu blitzen, aber das taten sie einfach nicht. Matthias lag im Matsch und hackte zurück. »Macht mir nichts aus«, sagte er, »mal sehen, wer eher rostet.« »Tut mir leid, aber Sie müssen den Tatsachen ins Auge sehen«, sagte Herr M., packte seinen Pelzhut und drehte ihn auf seinem Kopf herum, »diese ICE-City muss gebaut werden, und sie wird gebaut!« »Ich höre zum ersten Mal davon«, sagte Arthur, »warum muss sie denn gebaut werden?« Herr M. drohte ihm ein kleines bisschen mit dem Finger, dann ließ er das und steckte ihn wieder weg. »Was soll das heißen, warum muss sie denn gebaut wer-den?« fragte er. »Es ist eine ICE-City. Und ICE-Cities baut man eben.« ICE-Cities und Logistikzentren sind sinnreiche Gebilde, die es einigen Leuten und Gütern erlauben, sehr schnell von Punkt A nach Punkt B zu sausen, während andere Leute und Güter sehr schnell von Punkt B nach Punkt A sausen. Leute, die am Punkt C wohnen, der genau in der Mitte dazwischen liegt, fragen sich oft verzweifelt, was an Punkt A so phantastisch ist, dass so viele Leute von Punkt B so versessen darauf sind, unbedingt dahin zu wollen, und was an Punkt B so phantastisch ist, dass so viele Leute von Punkt A so versessendarauf sind, unbedingt dahin zu wollen. Oft wünschen sie sich, die Leute würden sich einfach mal endgültig entscheiden, wo sie denn, verdammt nochmal, sein möchten. Herr M. wünschte sich, er wäre am Punkt D. Punkt D war nichts Spezielles, er war ganz einfach jeder annehmbare Punkt, der sehr weit von den Punkten A, B und C entfernt war. Er würde am Punkt D ein hübsches kleines Häuschen haben, mit Äxten über der Tür, und erfreulich viel Zeit am Punkt E verbringen, was der dem Punkt D am nächsten gelegene Pub wäre. Seine Frau wünschte sich natürlich Kletterrosen, aber er wollte Äxte. Er wusste nicht, warum – er mochte einfach Äxte. Unter dem höhnischen Gegrinse der Bulldozerfahrer errötete er heftig. Er verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, aber es war auf beiden genauso unbequem. Ganz offenbar hatte jemand grauenhaft versagt, und er hoffte bei Gott, er wäre es nicht selber. Herr M. sagte: »Sie hatten ja durchaus das Recht, zugeeigneter Zeit Vorschläge und Proteste zu äußern.« »Zu geeigneter Zeit?« schimpfte Matthias. »Zu geeigneter Zeit? Zum ersten Mal habe ich was davon gehört, als gestern ein Arbeiter bei mir aufkreuzte. Ich fragte ihn, ober zum Fensterputzen gekommen wäre, und er sagte, nein, er sei gekommen, um das Haus abzureißen. Natürlich hat er mir das nicht gleich gesagt. Nein, erst hat er ein paar Fenster geputzt und auch noch fünf Pfund dafür verlangt. Dann erst hat er’s mir gesagt.« »Aber Herr B., die Pläne lagen die letzten neun Monate im Planungsbüro aus.« »O ja. Als ich davon hörte, bin ich gestern Nachmittag gleich rübergegangen, um sie mir anzusehen. Man hatte sich nicht gerade viel Mühe gemacht, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Ich meine, dass man’s jemandem gesagt hätte oder so.« »Aber die Pläne lagen aus ...«»Lagen aus? Ich musste schließlich erst in den Keller des Rathauses runter ...«»Da werden sie immer ausgehängt.« »Mit einer Taschenlampe.« »Tja, das Licht war wohl kaputt.« »Die Treppe auch.« »Aber die Bekanntmachung haben Sie doch gefunden, oder?« »Jaja«, sagte Matthias, »ja, das habe ich. Ganz zuunterst in einem verschlossenen Aktenschrank in einem unbenutzten Klo, an dessen Tür stand Vorsicht! Bissiger Leopard!« Über ihnen zog eine Wolke vorbei. Sie warf einen Schatten auf Matthias B., der auf seinen Ellbogen gestützt im kalten Matsch lag. Sie warf einen Schatten auf Matthias B`s Haus. Herr M. sah es missbilligend an. »Es ist ja auch nicht so, dass es ein besonders schönes Haus wäre«, sagte er. »Tut mir leid, aber mir gefällt’s zufällig.« »Die ICE-City wird Ihnen auch gefallen.« »Ach, halten Sie Ihre Klappe«, sagte Matthias B. »Halten Sie Ihre Klappe und hauen Sie ab, und nehmen Sie Ihr verdammtes Logistikzentrum gleich mit. Das kriegen Sie hier nicht erweitert, und das wissen Sie auch.«


    Liebe Erfurter, das ist natürlich alles Quatsch. Erfurt wird noch nicht abgerissen, also außer die Bäume, die schon, die sind schon weg. Aber machen sie sich nichts vor. Erfurt könnte jeder Zeit abgerissen werden, unter der Federführung des eigenen Stadtrates. Und um das zu verhindern brauchen wir einen neuen Stadtrat. Wie es der Teufel will sind dieses Jahr Kommunalwahlen in Erfurt. Am 26.05.2019. Nur ist es leider so, dass das Problembewusstsein der Erfurter in den vergangenen Wahlen noch nicht ausgereift genug war. Deswegen darf die sehr gute Die PARTEI nicht so ohne weiteres zur hiesigen Wahl antreten. Tatsächlich muss sich ein beträchtlicher Teil der Erfurter Bürger dazu hinreißen lassen, im Bürgerbüro der Stadt Erfurt bis zum 18.04.2019 eine Unterschrift zu leisten, die den eigenen und selbstverständlichen freien Willen bekundet, dass die sehr gute Die PARTEI zur Kommunalwahl antreten dürfen soll. 200 Unterschriften müssen es sein. 199 währen zu wenig, aber 201 nicht zu viel.


    Deshalb, und um den Abriss Erfurts zu verhindern:


    1. Ins Bürgerbüro in der Bürgermeister Wagner Str. gehen

    2. An der Info fragen, wo man für die Die PARTEI unterschreiben kann

    3. Ins Zimmer 317 gehen, freundlich sein und unterschreiben!



    Vielen Dank



    Motoer

    PS: Douglas, vielen Dank, wenn ichs selber könnte hätte ichs mir nicht ausleihen müssen!

    Über den Autor

    Motoer
    Er wurde 1976 in Süddeutschland geboren. Er pfadfinderte, spielte American Football, tauchte (was) und fuhr Schützenpanzer und zur See. Dann studierte er nach zwei Auslandseinsätzen warum die Menschen grundsätlich so hinter ihrem menschlichem Potential zurückblieben. Zeugte zwei Töchter und heiratete und lässt es sich seitdem in Ostdeutschland als Sozialarbeiter so richtig gut gehen.

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