Sky`s Das Boot oder wie Sky das Boot versenkte

Von Motoer · 26. November 2018 ·
Ob es sich lohnen könnte Sky`s Das Boot zu gucken und dieses die enormen Erwartungen des älteren Semster erfüllen kann?
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  1. Das Boot

    (Enthält voll viele Spoiler, damit Sie sich dieses Drama nicht selber antun müssen)



    Eins vorne weg. Sky hatte nie vor eine Fortsetzung von Petersens Das Boot zu drehen. Das geben sie im Making of zu Sky`s Das Boot an. Gemerkt? Ich habe geschrieben “in Sky`s Das Boot“, nicht „in Prochaskas Das Boot“. Denn ich werde versuchen Andreas Prochaska in Schutz zu nehmen. Nun denn. Eine Fortsetzung wollten sie also nicht drehen, ein Remake auch nicht. Und da haben sie sich bei Sky wohl gedacht: „Scheiß drauf, Kunst interessiert uns nicht, nur Kohle, das wissen die Leute, wir nennen den Film trotzdem Das Boot.“

    Die Serie Das Boot zu nennen kann ja nur auf der Theorie basieren, dass das ältere Semester voller Hoffnung in der Erinnerung an das in den 80igern gedrehte deutsche filmische Meisterwerk überhaupt, auf den Serienstart hin fiebert. Und das hat wohl auch funktioniert, denn z.B. ich und mein Freund Löffel (ich A 53 Oker, er A50 Alster) haben letzte Woche noch schnell ein Sky Probeabo aktiviert. Und tatsächlich hatte Sky mit Das Boot einen doppelt so erfolgreichen Start als ein Jahr zu vor mit „Babylon Berlin“. Dies galt allerdings nur für die erste Folge. Eine zweite wollten viele Zuschauer dann schon nicht mehr gucken.



    Plot im Boot



    Herr Oberleutnant Hoffmann wird zum KptLt befördert, übernimmt U-612 und erbt ein brandneues Boot. (Neue Boote wurden in Deutschland in Dienst gestellt, und zwar mit der neuen Besatzung, die dann das Boot „einfuhr“ und dies dauerte ein paar Monate.) Sein IWO Tennstedt (pervitinabhängig) empfindet Hoffmann als Emporkömmling, der unverdient früh ein Kommando erhält, wo doch er selbst längst an der Reihe wäre.

    Dann geht’s auf See und mitten im Rudelangriff erhält U-612 den Befehl sich zu lösen und Koordinaten für eine besondere Mission anzulaufen. Das finden alle an Bord und die Zuschauer doof weil alle lieber Schiffe versenken wollen und geben Hoffmann, angeheizt durch den IWO die Schuld und bezichtigen ihn der Feigheit.

    An den Koordinaten angekommen übernimmt das Boot einen Amerikaner und soll ihn zu einem Gefangenenaustausch bringen. Dies geschieht. Der ausgetauschte deutsche Gefangene ist der in der ersten Szene der ersten Folge (in dieser Kritik nicht erwähnt) über Bord gegangene Kommandant eines bereits versenkten Ubootes.

    Dieser steigt zugleich ins Mobbing mit ein, beeinflusst den inzwischen komplett crystal geschädigten IWO stark genug, bis sie zusammen entscheiden, dass der durch eine Lungenentzündung angeschlagene eigentliche Kommandant Hoffmann in einem Dingo (faltbares Schlauchboot) ausgesetzt wird.

    Danach greift man total überstürzt einen Einzelfahrer an, der sich als Teil eines Konvois im Nebel herausstellt. Und die WaBo Jagd beginnt. Jetzt wird klar, der zurückgetauschte Herr Kapt`än hat einen an der Waffel und wollte sich selbst in einem erweiterten Suizid umbringen. Der IWO verfällt beim Gegenangriff der Zerstörer in Katatonie und ist auch raus. Der LI fährt weiter. Das Boot sinkt auf 250m. Da ist zum Glück Meeresgrund wo eigentlich keiner sein sollte.

    Das Boot wird repariert, der IWO opfert sich dabei selbst um die Ehre wieder herzustellen und stirbt am Chlorgas. Das Boot hat jetzt aber nicht mehr genug Treibstoff um nach Hause zu fahren. Zum Glück findet man einen, von Siebenbürgenern betriebenen kleinen Dampfer, die sich als Schlepper für jüdische Flüchtlinge herausstellen (Genau. Und die sind einfach so durch Gibraltar gefahren oder was?) und auf dem Weg nach Kanada war. Das Enterkommando von U-612 wird wieder durch den Verrückten Suezid Kapt`än geführt, der jetzt nicht mehr verrückt ist, sondern auf einmal auch nach Hause will. Auf dem Flüchtlingsschiff werden alle Schlepper umgebracht. Ein siebzehnjähriger, der in La Rochelle nicht mit einer Prostituierten schlafen wollte, vergewaltigt noch mal schnell eine von den Schleppern als Sexklavin gehaltene junge Frau (Ja. In Sachen Psychologie hat Sky ganz schön viel Fantasie). Die Flüchtlinge sind alle im Schiffsrumpf tot aufgefunden worden. Man pumpt den Treibstoff ab, und fährt nach Hause. Dort wird das gefälschte Kriegstagebuch übergeben. Geschichte Ende.



    Der Plot an Land

    (nimmt mehr Spielzeit in Anspruch als auf See, man hätte die Serie: „Das Land“ nennen sollen)



    Elsässerin Simon` Strasser kommt als überzeugte Deutsche nach La Rochelle um bei der örtlichen deutschen Kommandantur (3. Unterseebootsflotille?) als Übersetzerin zu arbeiten. Ihr Bruder ist dort als Funker an Land eingesetzt. Doch der Bruder muss auf See. Strasser erfährt das ihr Bruder Vater eines jüdischen Babies ist und wird zur Resistance Kämpferin und Geliebten der Resistance Zellen Chefin, die Morphium abhängig ist. Die jüdische Mutter stirbt an den Folgen einer Vergewaltigung. Die Resistance agiert unorganisiert und chaotisch und wird ausradiert. Das jüdische Baby wird nach Vichy Frankreich gerettet. Der Vater kommt mit U-612 wieder nach Hause. Aber die Zuschauer dürfen nicht erfahren was aus ihm oder seiner Schwester wird.



    Die Charaktere



    KptLt Hoffmann wird als junger Mann dargestellt, der wie alle jungen Männer, die Folgen seiner Entscheidungen zu spät begreift und dann auch bereut. Er wirkt aber grundsätzlich vernünftig und versucht sich vor allem an die Befehle des BDU (Befehlshaber der Uboote) zu halten, auch wenn ihm das schwer fällt.

    Insgesamt sind ausnahmslos alle Charaktere in Das Boot hervorragend „gezeichnet“. Jede einzelne Figur entwickelt sich und lässt den Zuschauer oft Sympathie und Abneigung im Wechsel empfinden. Hier wird die Handschrift des Regisseurs Prochaskas deutlich. Jeder Charakter wirkt glaubhaft und kaum einer kann als „gut“ oder „böse“ eingestuft werden.

    Erfrischend ist, dass die Serie es schafft, ohne einen einzigen typischen Nazi auszukommen. Und trotzdem wird deutlich, dass die deutsche Besatzung für die betroffenen Länder schrecklich sein musste. Hier erzählt Das Boot eine Wahrheit, die bis heute viele nicht wahrhaben wollen. Es braucht eben keine Nazis an sich für Kriegsverbrechen, Vergewaltigungen, Erschießungen von Zivilisten. Das konnten alle Angehörige der Wehrmacht, Kriegsmarine und Luftwaffe ganz gut in eigener Dynamik. Natürlich häufig schweren Herzens versteht sich. Aber begangen haben sie die Verbrechen eben doch. Und das, ohne die typischen Bösewichte, deutlich zu machen, ist eine hervorragende Leistung des Regisseurs und der Schauspieler.



    Kulisse und das Boot



    Die sehr gut gelungenen Kulissen und meines Erachtens eine enorme Detailverliebtheit, lässt die Umgebung sehr glaubhaft erscheinen. Warum das alte Das Boot Modell aus den Bavaria Studios allerdings nicht herhalten durfte muss ich noch herausfinden. Dieses neue Boot wirkt mir ein wenig zu segmentiert. Als ob Zentrale, die Maschine und Torpedoraum einzelne von einander getrennte Studios wären. Insgesamt, wie so oft in Eigenproduktionen von Netflix, Sky oder Amazon sind die einzelnen Orte des Geschehens etwas zu isoliert. La Rochelle wirkt zu wenig lebhaft. Die Übergänge der einzelnen Szenen sind etwas zu sprunghaft.





    Realismus



    Die Glaubhaftigkeit als Ganzes kann nicht in einem Satz beurteilt werden. Einerseits sind die Szenerien super ausgestattet. Die Uniformen scheinen korrekt. Die Fahrzeuge an Land auch. Das Boot sowieso. Aber dann wird’s auch schon eng. Über die Vorgehensweise der Resistance kann ich nicht urteilen, darüber weiß ich zu wenig.

    Aber dass im besetzten Frankreich so viele Zivilisten Autos besessen habe sollen, erscheint mir doch in höchstem Maße unglaubwürdig. Meiner Kenntnis nach wurden alle Privat Kfz konfisziert. Die Resistance würde ja sehr auf sich aufmerksam machen, wenn sie mit einem LKW durch die Gegend eiert. Und gab es 1942 in La Rochelle nachts keine Ausgangssperre? Nun, vielleicht nicht durchgehend. Aber wenn die Resistance so aktiv war, wie hier dargestellt doch ganz bestimmt? In der Serie bewegen sich alle völlig frei und treffen sich mal hier, mal da, alles easy.

    Ein U-Boot kann ca. 15 Seemeilen weit gucken. Ein Zerstörer kann 25 – 35 Knoten schnell fahren. Hier tauchen zwei Zerstörer nach einem Luftangriff innerhalb von fünf Minuten an einem sonnigen Tag auf und versenken letztendlich ein Uboot (nicht U-612). Also das geht so nicht. Aber wenn das alles ist, sollten wir damit leben können.



    Letztendlich…



    Das Boot gelingt es gerade in den ersten vier Episoden, den Zuschauer mit an Bord von U-612 zu holen. Der Spannungsbogen baut sich auf und man möchte schon wissen, wie die gruppendynamischen Prozesse an Bord ablaufen und wie die einzelnen Konflikte gelöst werden. Nur leider wird der Zuschauer bis zur letzten Folge immer wieder brutalst aus dem Boot gerissen und gezwungen, der Lindenstraße in La Rochelle weiter beizuwohnen. Nach der vierten Folge wird dann auch der Plot auf See zur Qual. Zur hanebüchen sind die Geschehnisse, zu wenig nachvollziehbar die Entscheidungen der Mannschaft. Sky hats ja auch selbst gemerkt. Ein Besatzungsmitglied merkt an, dass niemand all diese Geschichten glauben wird und wird dafür auch gleich umgebracht. Dafür gehörte Sky doch bestraft, nicht er. Denn recht hat er, wir glauben Sky tatsächlich kein Wort. Denn obgleich ich vorher angab, dass Sky es gelingt die Schrecken der Besatzung zu verdeutlichen tun sie mit dem überaus schlechten Gesamteindruck der Story weder dem Erbe, der durchaus zu respektierenden Resistance, noch den Männern in den eisernen Särgen, die nicht nur als Täter sondern eben auch als Opfer ihrer Naivität und Jugend angesehen werden können, absolut keinen Gefallen. Ich empfehle Sky das nächste Mal ein wenig Recherche zu betreiben was ihre Zuschauer angeht. Die alten Hasen wollen gerne Das Boot gucken. Junge Leute hätte man vielleicht mit einem Thriller über die Resistance abholen können. Aber beides in ein Boot zu packen, war wirklich eine saublöde Idee. Da kann dann

    auch ein Prochaska nichts mehr herausreißen.



    Wie geht’s weiter



    In der letzten Szene wird deutlich. Hoffmann ist im Schlauchboot in die USA gerudert und es wird noch deutlicher, dass er doch nicht die hellste Kerze der U-Boot Waffe ist, denn er möchte gerne zurück in den Krieg. Ich nehme mal an, dass die Einschaltquoten zu miserabel sind, um ihm diesen Wunsch letztendlich zu erfüllen. Aber falls doch, heißt es für die Zuschauer:



    „Alarm, taaaaauchen! LI, auf Schleichfahrt gehen. Kurs auf Petersens Das Boot nehmen.“

    Über den Autor

    Motoer
    Er wurde 1976 in Süddeutschland geboren. Er pfadfinderte, spielte American Football, tauchte (was) und fuhr Schützenpanzer und zur See. Dann studierte er nach zwei Auslandseinsätzen warum die Menschen grundsätlich so hinter ihrem menschlichem Potential zurückblieben. Zeugte zwei Töchter und heiratete und lässt es sich seitdem in Ostdeutschland als Sozialarbeiter so richtig gut gehen.
    Lasstmichdurch, raphael und Bakefish gefällt das.

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