Was macht Gaming-Sickness eigentlich mit einem?

Von MissDean · 5. Juli 2020 · ·
Eine Selbstbeobachtung
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  1. Meine erste Erfahrung mit Gaming-Sickness machte ich, bevor ich überhaupt aktiv zu zocken angefangen habe.
    Damals – an einem Freitagabend 2008 und ich war noch junge 19 – saßen mein Mitbewohner und ich in unserer Bielefelder WG vor seinem (für damalige Verhältnisse) riesigen Fernseher und wollten Half Life anzocken.
    Da ich meine ersten Runden NFS, sehr zum Leidwesen der männlichen Mitglieder unserer WG, schon extrem erfolgreich absolviert hatte, suchte Christian nach einer neuen Herausforderung. Wir saßen also auf dem Sofa, der Charakter auf dem Fernseher stieg in die unterirdische Bahn ein und fuhr und fuhr und fuhr – und als er wieder aus der Bahn ausstieg übergab ich mich in Christians Papierkorb.
    Wir haben es auf das halbe Bier geschoben, es hätte ja schlecht geworden sein können. Und auf das Bahnfahren. Also haben wir das Spiel gewechselt: Fall Out 3. Natürlich aus der Ego-Perspektive. Geburtstagsfeier…erster Schritt in die verseuchte Welt…und ich war erst grün, dann weiß im Gesicht, kalter Schweiß am ganzen Körper – so schlecht habe ich mich noch nicht mal nach sämtlichen Höllenachterbahnen gefühlt. Also wohl doch das halbe Bier. Der Abend endete dann sehr früh zunächst über der Toilette und anschließend äußerst elend im Bett – von dem ich mich dann das ganze Wochenende über nicht mehr erhoben habe.
    Woran es lag, dass es mir so schlecht ging, fand ich erst einige Jahre später heraus.
    In der Zwischenzeit hatte ich meine ersten Schritte auf meine Gaming-Leidenschaft zu gemacht. Als erstes der All-Time-Favourite Diablo 2, mit einem guten Hack & Slash kann man einfach nichts falsch machen. Und dann kam BioWares Dragon Age: Origin und ich war endgültig verloren – diese Liebe hält bis heute.
    Zunächst noch misstrauisch beäugt, bekam ich schließlich immer mehr Tipps aus meinem Freundeskreis. O-Ton: „Wenn du Dragon Age magst, wirst du Oblivion lieben!“ Sie nahmen ein tragisches Ende, diese ersten kurzen Berührungsversuche mit The Elder Scrolls. Nun liefen wir beim ersten Date einen endlos scheinenden Turm per Wendeltreppe in Ego-Perspektive hinab. Das würde auch im Reallife Übelkeit bei mir auslösen. Und wie es der Zufall wollte, war auch schon Alkohol geflossen. Einfach eine schlechte Kombination. Als es dann aber bei Skyrim in der Ego-Perspektive völlig nüchtern und ohne schwindelerregende Bewegungen im Spiel ebenfalls mit einer Porzellanumarmung endete, konnte irgendwas mit mir nicht stimmen. Mein Mann machte sich an die Ursachenforschung.


    Diagnose: Gaming-Sickness – meine Augen und mein Gleichgewichtsorgan haben ein Kommunikationsproblem.


    Die Augen nehmen Bewegungen auf dem Bildschirm wahr, sei es von einzelnen Extremitäten des Charakters oder auch nur der Umgebung, das Gleichgewichtsorgan übermittelt ans Gehirn jedoch die Bewegungslosigkeit des eigenen Körpers. Damit ist das Chaos perfekt und der Körper reagiert physisch auf die widersprüchlichen Signale. Gaming-Sickness ähnelt in seinen Symptomen der Reisekrankheit. Diese wird jedoch aufgrund einer Bewegung des Körpers ausgelöst und nicht durch das Ausbleiben eben dieser. Schwindel, Schweißausbrüche, Übelkeit, Erbrechen. Nicht jeder reagiert so heftig wie ich, aber Gaming-Sickness scheint weit verbreiteter, als ich annahm. Abtrainieren funktioniert bei mir zumindest auch nicht, hat nur zu sehr vielen elenden Stunden geführt.


    Fazit: Pech gehabt, Ego-Perspektive ist raus.


    Selber spielen geht überhaupt nicht und zugucken nur für einen kurzen Augenblick. Sobald der Charakter aus der Kameraperspektive verschwindet, ist es vorbei mit dem Spielspaß.
    Zum einen entgehen mir dadurch natürlich wirklich großartige Spiele, zum anderen habe ich einen sehr mitteilsamen Ehemann, der doch so einige FP-Games sein Eigen nennt und mir immer sehr, sehr gerne Szenen zeigen möchte. Nicht immer ganz einfach. ;)
    Aber ich kann sehr gut verstehen, dass einige Entwickler bei ihren Spielen nicht auf First-Person als Spielmechanik verzichten. Die Spielmechanik kann sehr entscheidend für Spielspaß und die Atmosphäre des Spiels sein. Aber ich freue mich immer über „Third-Person“-Tags und bin jedem Studio dankbar, wenn die Perspektive vom Spieler frei gewählt werden kann. Von der unglaublichen Vielfalt an Mods mal ganz zu schweigen.
    Und zum Glück ist die Auswahl an Spielen so immens, das wirklich für jeden das richtige Spiel irgendwo da draußen wartet, unabhängig von Genre und Spieleschmiede.


    Game on!

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    Über den Autor

    MissDean
    Weiblich, Jahrgang 1988, studierte Geisteswissenschaftlerin
    -
    Heldin von Fereldin
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    Champion von Kirkwall
    -
    Inquisitorin

Kommentare

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  1. MissDean
    @MadCat und @CallMeTeci Danke für das Feedback!
    Bei Third-Person habe ich gar keine Probleme, durch The Elder Scrolls sind wir drauf gekommen, dass es an der Perspektive liegen könnte. Selbst Over-Shoulder ist bei mir auch schon kritisch, da muss ich schon ordentlich rauszoomen können. Mein Mann hat gerade "Outer Wilds" gespielt und mir so viel zeigen wollen, wirklich kein Vergnügen.
    An VR habe ich mich bisher noch nicht rangetraut, könnte es aber nächstes Mal bei einem Bekannten vielleicht einfach mal ausprobieren. Mit einem Eimer an der Seite. ;)
      MadCat und CallMeTeci gefällt das.
  2. CallMeTeci
    Das klingt jetzt erstmal zum buchstäblichen kotzen...
    Kenne Gefühle von Übelkeit nur von zwei Szenarien - 1. Übertriebener Motion Blur und Tiefenunschärfe (+-Chromatische Aberration und unnötige Weichzeichner) und 2. wenn V-Sync die Reaktion der Kamera verzögert und merklich schwammiger macht.

    Beides ist zum Glück eher selten der Fall und ich würde wohl richtig angefressen sein, wenn das nun per se auf First-Person-Spiele zuträfe. Den Tipp mit Skyrim in der Third-Person hat die MadCat ja schon gegeben und auch so gibt es ja vergleichsweise eher wenige reine First-Person-Spiele.

    Stellt ich mir nun die Frage: Wie sieht das denn mit VR aus? Immerhin muss man sich da zum Teil bewegen - größtes Problem ist da wohl noch die Fortbewegung, ohne das Körperfeedback der eigenen Beschleunigung. :hmm:
      MissDean gefällt das.
    1. MadCat
      VR ist bei mir sehr unterschiedlich. DCS geht prima, Rennsimulationen wie Project Cars dagegen, dagegen gar nicht. Da ist mir nach spätestens fünf Minuten speiübel. Andere Sachen probiere ich gar nicht erst aus, nach dem die ISS-Tour auch nur für böse Motion Sickness gesorgt hat. Für großes Gefuchtel wie in Beat Saber, fehlt mir eh der Platz. :D
  3. MadCat
    Hatte das erste mal in Half-Life 2 Probleme, damals noch mit einem Röhrenmonitor. In den normalen Shooter-Segmenten ging's, aber als das Boot und später der Buggy kamen, ging's mir schnell ziemlich übel. Musste mir zwar bisher nie das Essen noch mal durch den Kopf gehen lassen, aber es legt mich locker eine Stunde komplett lahm. Ich weiß gar nicht, wie ich das richtig beschreiben soll. Es ist keine richtige Übelkeit, kein richtiger Schwindel, aber dennoch bin ich komplett neben der Spur und bekomme zusätzlich einen fiesen Kopfschmerz. Das wünscht man seinem ärgsten Feind nicht ...

    Interessanterweise betrifft mich das fast nur bei Spielen mit der Source Engine und bin damit auch nicht alleine. Es gibt viele Tips zu Motion Sickness durch die Source Engine, aber geholfen hat mir bisher keiner. Ab einem gewissen Punkt, hat man auch keine Lust mehr, was auszuprobieren, wenn's einem nachher dreckig geht.

    Oblivion und Skyrim kann man auch in der Third-Person-Perspektive spielen. Hast Du probiert, ob es dabei auch auftritt?
      MissDean gefällt das.
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