Darkwood: Tagebuch aus einem grandiosen Horrorwald

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    [...] Mittlerweile ist kurz nach Mitternacht.

    Weniger als acht Stunden bis die ersten Sonnenstrahlen die Baumspitzen überwinden und ihr erlösendes, wenn auch trübes Licht auf meinen heruntergekommenen Unterschlupf im Herzen des verdammten Darkwoods scheinen. Bisher war die Nacht verdächtig ruhig. Es wollte lediglich ein Wilder ins Nebenzimmer, hat das verbarrikadierte Fenster aber bloß beschädigt und sich dann in einen Kampf mit einem großen Köter verwickelt. Wäre das Tier etwas näher an meiner Haustür erschlagen worden, hätte ich mutig die Kommode beiseite geschoben und herausgelugt, ob die Luft rein ist, um mir Fleisch zu ergattern.

    Während mein schlafloser Körper in Gedanken irrte, fällt mir erst spät auf, dass die bedrückende Stille von einem leichten Wind durchbrochen wurde. Ehe ich es merke, wächst dieser zu einem heftigen Orkan heran. Die Wände beben unter den Peitschenhieben des Sturms. Ein schreckliches Heulen zieht über das morsche Dach und es fühlt sich an, als wolle mich eine übernatürliche Kraft aus meinem Versteck zerren. Durch alle Ritzen bläst das Unwetter hinein und die komplette Inneneinrichtung schabt sich über die modrig knarzenden Dielen in Richtung Osten. Alles vereint sich in einem ohrenbetäubenden Radau durch den ich nicht einmal das Kreischen einer Banshee hören würde, wenn sie direkt neben mir stände.

    Plötzlich wird alles schwarz.

    Panisch überlege ich, was mit meinen Lampen passieren konnte, bis mir einfällt, dass der Generator seit längerem nicht mehr nachgefüllt wurde. Für diesen dummen Anfängerfehler würde ich mir am liebsten auf meine nicht vorhandenen Lippen beißen, kauere mich aber stattdessen in die nächste Ecke, umschließe beidhändig den Griff meiner Schaufel und hoffe dieser Albtraum nimmt bald ein Ende.

    TAG 14

    Ich recke mich auf und schaue zur Person neben mir. Täglich aufs Neue wundert es mich, wie sich der Händler in mein Zimmer schleichen kann. Solange er mir Reputation für überlebte Nächte gibt, soll mir das aber egal sein. In meinem Inventar liegt noch etwas Plunder herum, den ich gestern gefunden hatte. Da ich sehr knapp vor Anbruch der Dunkelheit angeeilt kam, hatte ich ihn nicht mehr in der Werkbank verstaut. Das meiste davon gebe ich also direkt an den Händler ab und schnappe mir Altmetall, sowie das dringend nötige Benzin.

    Nachdem der Generator wieder voll ist und für ein paar Nächte ausreichen sollte, wird mir erst das komplette Ausmaß der Verwüstung klar. Das Sofa und den Schrank, die ich beide als provisorische Barrikaden vor zwei Durchgänge platziert hatte, wären fast vom Grundstück geweht worden. Ein Konstrukt aus Nachttisch und Badewanne, welches verhinderte, dass eine Tür mehr als einen Spalt aufging, stehen nutzlos in der gegenüberliegenden Ecke.

    Wenigstens sind diese Dinge unversehrt und das Verschieben kostet mich nur ein wenig Arbeit. Von dem südlichsten Fenster entferne ich bei der Gelegenheit dennoch gleich das beschädigte Holz und erneuere es mit frischen Nägeln und Brettern. Zumindest von letzterem hab ich mir einen guten Vorrat zurechtgesägt.

    Heutiges Ziel ist es, das "nach Hühnern stinkende Weibsstück" aufzusuchen. So hat sie der Wolfmann jedenfalls genannt, als er mir die grobe Position ihrer Siedlung gab. Der Wolf verhält sich als gehöre ihm der Wald, dabei beeindrucken seine kleinen Zähne niemanden mehr, auch wenn es erstaunlich bleibt, wie das mit seinem Gesicht passieren konnte. Seine herumkommandierende Art macht mich wütend, ich brauche ihn allerdings für mein Arztproblem. Helfe ich ihm, hilft er mir damit im Gegenzug. Ich notiere es gerne noch einmal: Einen anderen Weg in die Freiheit gibt es nicht!

    Der Wald hat sich seit Beginn der Epidemie verändert und zu einem riesigen Gefängnis entwickelt. Alle Insassen sind hinter einer turmhohen und stellenweise kilometerdicken Wand aus Bäumen eingeschlossen. Diese hölzernen Gitterstäbe vermehrten sich wie Ungeziefer in einem absurd dichten Abstand zueinander und ich konnte in Erfahrung bringen, dass jeder gefällte Stamm mit extremer Geschwindigkeit nachwächst.
    Wenn ich das Grundstück das erste Mal am Morgen verlasse, läuft die Zeit weiter - zum Glück auch langsamer als in der Nacht. Noch einmal tief einatmen… los geht es.

    In leichten Schlangenlinien bewege ich mich nun über die Karte, einerseits wegen der ungenauen Ortsbeschreibung, andererseits auch um möglichst keine Scheitvorräte oder gar Häuser (eigentlich eher Ruinen) zu verpassen. Dabei gilt immer aufzupassen wo man hintritt, wenn man sich kein Bein amputieren möchte. Die Welt nehme ich wie ein Vogel aus der Top-Down-Perspektive war, in der ich mir auf den Kopf sehen kann. Dorthin wo mein Blick zeigt, sehe ich mit einem Sichtkegel von neunzig Grad einige Meter vor meinen Körper. Außerhalb werden nur Umrisse der Umgebung wahrgenommen, keine Kreaturen und keine Men sonstigen Waldbewohner.

    Ich zucke leicht zusammen, als Krähen zu meiner Linken davonflattern. Obwohl das Leben hier nicht so ist wie man es aus billigen Jump-Scare-Filmen kennt, lauscht man doch immer aufmerksam in den Wald hinein. Und seltene Geräusche, die sich vom Wehen der Blätter abheben, können ungünstig überraschen. Obwohl das jetzt bestimmt schon meine vierte Begegnung mit diesen Schreihälsen ist.

    Bei der zerpickten Leiche durchsuche ich die Taschen und gebe mich mit zwei Lappen und einer Tablette zufrieden. Ich hoffe bald einen Lötkolben zu finden, den ich für das nächste Werkbankupgrade benötige, um endlich eine vernünftige Pistole herstellen zu können. Ein Kleinkalibermagazin hatte ich ja vorgestern erhalten.

    Wenige Schritte weiter ertönt ein kraftvolles Knurren. Dieser Klang gehört eindeutig zu einem großen Hund, vielleicht komme ich also doch noch an ein Stück köstliches Fleisch. Ich versuche ihn zu finden, denn so schaurig grandios die Soundkulisse auch ist, man hört lediglich auf welcher Seite etwas ist, nicht aber wie weit über oder unter mir.

    Als ich ihn am Rand einer Baumgruppe entdecke, schleiche ich mich über knacksendes Astwerk näher und hole zum Angriff aus. Er scheint gerade zufällig den Blick in meine Richtung geworfen zu haben und stürmt direkt auf mich los. Zum Wegrennen ist es jetzt zu spät, aber ich bin bereit genug – noch minimal warten bis er einen Sprung näher ist und…

    Das Schaufelblatt zischt durch die Luft während mein ganzer Oberkörper allen möglichen Schwung mitgibt. Das wilde Tier öffnet sein klingenbestücktes Maul in dem Moment, als sich mein Werkzeug seitlich in dessen Brustkorb gräbt. Die Wucht des Zusammenstoßes lässt den Stiel im ersten Moment fast aus meinen unruhigen Händen gleiten, letztlich behalte ich dennoch die Waffe solide bei mir. Die Bestie wird derweil von den muskulösen Pranken gerissen und rutscht einen halben Meter auf dem Rücken, steht aber direkt wieder auf allen Vieren als wäre nichts gewesen. Beim erneuten Ausholen meine ich ein leichtes Grinsen an meinem Gegner auszumachen, wobei mir auffällt, dass ich diesmal zu spät bin. Die sich schmerzvoll in meine Haut bohrenden Klauen bringen mich aus dem Gleichgewicht und brechen meine Attacke ab. Ohne Verschnaufpause richte ich mich ein letztes Mal aus, steche einmal kurz aber kraftvoll nach vorne und erfreue mich am Rums des umgefallen Biestes, der mir bestätigt, dass dieser Hieb zum Erlegen genügte.

    Erschöpft wird tief durchgeatmet und langsam die komplette Ausdauer regeneriert. Die Wunde ist nicht so tragisch wie befürchtet, einen Verband werde ich daher nicht verschwenden. Der Kampf verlief somit recht souverän, warum klappt das so nicht auch nachts. Dem Kadaver entreiße ich ein ordentliches Stück Fleisch, zusammen mit halluzinogenen Pilzen wird das in den Ofen kommen. Ich bin kein Junkie, die dadurch erlangbaren Fähigkeiten sind jedoch überlebenswichtig – trotz Nebenwirkungen.

    Wenig später höre und erspähe ich einen Elch, dessen prachtvolles Geweih ist mir allerdings nicht die Anstrengung und Gefahr einer Konfrontation wert, zumal ich nicht unnötig die Haltbarkeit meiner Schaufel verschlechtern will. Reparieren geht ja nur an der Werkbank.

    Nach dem Fund einer Kiste, die ich per Dietrich öffnete und ausräumte, bin ich schon am Weg angekommen, der zum gesuchten Dorf führt. Ein an einen Baumstamm gewickeltes Schwein wartet auf dem zugewucherten Pfad. Die heraushängenden Eingeweide sollen wohl unerwünschte Fremde willkommen heißen. Ich will mich nicht drücken, aber momentan ist gerade einmal Mittag und mein begrenztes Inventar bietet noch etwas Platz.

    Entsprechend entscheide ich mich noch ein Stück weiter westlich bis zur Ecke des Waldabschnitts zu wandern. Ein einzelner Wilder streift mir durch die Büsche entgegen – meine Schaufel ist in Angriffsposition. Als er mich erblickt, brüllt er nur verwirrt und schludert davon. Anstatt ihm nachzuhetzen, bleibe ich bei meinem Vorhaben und treffe am Rand auf einen verrosteten Lastwagen.

    Beim Annähern stellen sich mir die Nackenhaare auf. Aus der Ladefläche erklingt ein tiefes, langsam pulsierendes Grollen. Dieses Geräusch ist mir unbekannt, eins steht jedoch fest, was immer für ein Schrecken sich hier ankündigt, unvorbereitet werde ich nicht in diese dunkle Falle rennen. In sicherem Abstand versuche ich mich zu sammeln, nehme einen selbstgemachten Molotowcocktail aus dem Rucksack und platziere ihn griffbereit in meiner Gürteltasche.

    Mein Puls erhöht sich mit jedem Schritt den ich mich nähere. Weiterschreiben werde ich nachdem das erledigt ist.

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