Killerspieldebatte mal anders

Von Yeager · 2. August 2016 · Aktualisiert am 3. August 2016 ·
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  1. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/...menschen-amoklaeufern-huldigen-a-1105693.html



    Ich habe diesen gut recherchierten (einziger Fehler: Valve ist afaik kanadisch und kein US-Unternehmen) Artikel heute bei SPON gelesen und muss zugeben, dass ich einigermaßen schockiert bin. Zugegeben, MP-Shooter spiele ich relativ selten, bin da nicht auf dem Stand der Dinge. Aber letztlich vollkommen egal, denn was ich da las, hielt ich bislang für unmöglich, kann mich nicht erinnern das via Spielepresse jemals gelesen zu haben:

    Es gibt Amokläufer-FAN-Groups @ Steam?!
    Was bitte?!


    Es gibt Leute, die ihre Schulen @ CS nachbauen und da virtuelle Amokläufe veranstalten? Und das schon seit 10 Jahren? Und dass mir nun keiner mit "Alter Hut" kommt, sonst krieg ich angesichts der Kurzsichtigkeit und Ignoranz eines solchen Hinweises das Kotzen! Es gibt Leute, die online Amokläufern huldigen, sie gar als "Helden" verehren? Die ebenfalls Zocker sind wie ich - und die man fröhlich schalten und walten lässt in ihrem Wahnsinn? Und Valve pennt? Es gibt Kommentare via Twitter wie "Amoklauf bei Mcces, und so wenig Kills :(. Und erzählt mir jetzt nicht, dass die Speckschwarten weggelaufen sind."?

    Und ich werde als Zocker mit diesen - wie soll ich sie nennen, fällt das noch unter "Mensch"? Nicht mehr so richtig, oder? - "Leuten" in ein und denselben Topf geworfen? Ja, das wurde ich früher auch schon. Aber da habe ich mir wenigstens selbst einreden können, dass das nur Einzelfälle sind, isolierte Einzelgänger, die ein Spiel missbrauchen. Die da Dinge reininterpretieren, welche nicht da sind. Die das für bare Münze nehmen.

    Nie hätte ich jedoch gedacht, dass das Phänomen regelrecht "organisiert" ist, eine eigene Lobby hat. Die sich gegenseitig anstachelt, die ganz öffentlich Kultverehrung betreibt. Und das mitten unter uns, stillschweigend geduldet. Das wirft ein völlig neues Licht auf die Debatte rund um so genannte "Killerspiele".

    Nee, Freunde, hier hört der "Spaß" auf.

    Denn ganz ehrlich, beim Wiederaufflammen einer neuen Killerspieldebatte wüsste ich angesichts solcher "Umstände" nicht mehr, ob ich noch auf der richtigen Seite stehe.


    Ich könnte nicht mehr lachend auf die Pfeiffers und De Maizieres mit dem Finger zeigen. Ich könnte mir nicht mehr einreden zu den "Guten" zu gehören. Zu den Missverstandenen. Zu denen, die nur spielen wollen. Während eine Etage drüber solch eine Fan-Group existiert und ich mit solchen Leute vielleicht sogar zusammen zocke, in ein und demselben Team. Leuten, die sich nicht mal mehr die Mühe machen sich ins Dark Web zu verkriechen, sondern ganz offen, geradezu protzend mit ihrem proto-geistigen Dünnpfiff eifern. Ich hätte dann Verständnis für jeden Nicht-Spieler, wenn er uns vorwirft, dass wir es das Phänomen von Amokläufern zumindest dulden, indem wir wegschauen. Indem wir uns für etwas Besseres halten. Was wir dann nicht mehr wären, so wir es denn je waren.

    Ehrlich, ich las den Artikel - und fühlte mich eiskalt erwischt. Nicht mit an den Haaren herbei gezogen Argumenten vorgeführt, wie üblich, sondern knallhart entblößt. Denn er triefte eben nicht über vor Pauschalisierungen, Verbotsforderungen oder den üblichen Über-Den-Kamm-Scherereien. Im Gegenteil: Er wirkt gemässigt, man könnte schon fast sagen "relativierend". Da wird mit Meinungsfreiheit argumentiert, da ist von einer kleinen Gruppe die Rede, da wird von Gegengruppen gesprochen - es hat fast etwas Verharmlosendes in meinen Augen, selbst das Amokspiel Hatred wird nicht mal erwähnt - sodass ich selbst, obschon Hardcore-Spieler, mich dabei ertappe, wie ich im Geiste ironischer Weise den Zeigefinger erhebe und sage, Nee, das geht zu weit! Nur von der anderen Seite her diesmal.

    Mag ja sein, dass ich nicht jeden Schnippsel zu diesem Thema in den letzten Jahren gelesen habe. Nur, wer hat das schon? Es kann also sein, dass über diese Dinge längst berichtet wurde und nur ich den Dornrösschen-Schlaf seeliger Ahnungslosigkeit schlief. Doch es muss die Aufgabe der Spielepresse sein hier als Erste zu berichten und auch nicht locker zu lassen. Sonst kann ich auch genauso gut demnächst Spiegel, Stern oder sonstwas als Erstes konsultieren, wenn ich etwas über mein Hobby erfahren will.

    Wie ist es zudem möglich, dass sich der Marktführer digitaler Distribution so mir nix, dir nix dazu bedeckt hält? Mit dem hauseigenen VAC-System werden Cheater radikal gesperrt - aber Psychopathen dürfen Werbung für sich machen? Wie will man sowas bei einer Diskussion rechtfertigen? Mit Meinungsfreiheit, mit Spiele = Kunst? Ja, prima, warum auch nicht? Dann können wir auch überall Hakenkreuze zulassen, dann braucht's auch die USK nicht mehr, dann lasst uns doch in jedes RPG Folter, Vergewaltigung und Kindesmissbrauch als Quest einbauen - mit epischen Belohnungen. Oder ein Game, wo wir ein Terrorteam zusammen stellen, um eine französiche Satirezeitschrift "auszuhebeln", die Mohammed-Karrikaturen machte. Oder gleich den KZ-Simulator mit Mengele als Heilpraktiker. Sollte einfach sein, muss man nur Prison Architect modden. Lasst uns nicht mehr länger kleine Tiere in WoW töten - sondern sie vorher per embedded Quick-Time-Game noch ordentlich quälen, wie sich das gehört im Lebenslauf eines Psychopathen. Wie wäre es mit einem Spiel, in dem wir ein 8jähriges Mädchen entführen und 24 h Zeit haben es mal "ordentlich durchzunehmen" und Punkte bekommen für die Art und Weise ihrer unausweichlichen Ermordung? Wo sich der Highscore nach Art und Umfang ihres verzweifelten Wimmerns, ihres Flehens um Gnade und ihrer Todesschreie richtet? Gibt's dann irgendwann als GotY mit diversen DLC, welche "Special Tools" mit sich bringen. Zangen, Scheren, Brandeisen, Stricke, Messer und Säurebäder zum Beispiel. Und einem Vorbestellerboni, der uns auch einen 4jährigen Jungen gratis dazu legt. Mit einem besonderen Achievment, wenn beide Kinder besonders viel leiden mussten.

    Ja, da wären wir mal endlich echte Pro-Gamer, ultra-männliche Hechte. Was wir da protzen könnten mit unserem "Gameplayfun"! * (*Für die ganz Bekloppten: Das ist bitterster Sarkasmus, der liegt ein paar Etagen über der Ironie!)
    Um uns schon mal zu gewöhnen an eine völlig empathiebefreite, komplett inhumane Welt - die aber stolz ist auf ihre Meinungsfreiheit. Nicht, dass diese dann noch etwas wert wäre. Und wenn demnächst wieder der Opa von nebenan was Unreflektiertes über Spieler gleich Killer faselt, können wir seelenruhig darüber lächeln und ihm sagen, er hätte ja sowas von gar keine Ahnung.

    Nee, das geht zu weit. Darf es alles geben, weil es geht? Ganz klares Nein. Über Brutalitätsdarstellung und ihre Wirkung kann man sich streiten, aber hierfür habe ich kein Verständnis. Das wären "Meilensteine", die dazu führten, dass ich nichts mehr zu tun haben wollte mit der Gamer-Community. Da wäre mir Briefmarkensammeln wesentlich lieber. Ich bin Taktiker, Stratege und Rollenspieler - und am Rande FPSler. Ich mag Tiefe, Komplexität, brutal hohe Schwierigkeitsgrade. Ich mag Kriegsspiele, Action, wenn es kracht und explodiert. Aber ich mag auch Stille, Erkundung, Kontemplation und Immersion. Was ich jedoch nicht "mag", genauer, nicht dulde, sind Perversionen, ganz gleich, ob in Form eines Spiels oder eines Menschen, die meinen, sie hätten eine Artiklulationsberechtigtung aus sich selbst heraus - um jeden Preis, Betonung auf "jeden". Hier endet dann Meinungsfreiheit, weil es keine Meinungen mehr sind. Ob das juristisch richtig ist? Mit Sicherheit nicht. Ob es menschlich / ethisch richtig ist? Mit Sicherheit ja.

    Selbst Kapitalverbrecher im Knast wollen bekanntlich nichts zu tun haben mit Vergewaltigern und Kindesmördern. Selbst diese haben einen Ehrenkodex. Wenn wir als Spieler keinen solchen haben, dann zeigte es uns nur allzu deutlich, nur allzu schmerzhaft, wo wir damit stehen. Darunter nämlich. Dann wäre der Begriff "Killer" noch viel zu gut für uns.

    Warum springt die deutsche Spielepresselandschaft - und damit meine ich ALLE - nicht über den eigenen Schatten und gründet eine, sagen wir mal Interessengemeinschaft, um diese mediale Über-Instanz zu nutzen, um sich mal bei Valve & Co zu melden, mit dem Finger auf solche Dinge zu zeigen - und um "Nachbesserung" zu bitten? Liegt so etwas nicht auf der Hand? Hätte daran nicht jeder ein Interesse? Könnte man anhand dessen Otto-Normalverbraucher und seines Zeichens Nicht-Spieler nicht viel glaubwürdiger vermitteln, dass Spiele und SpieleR ungleich Killer sind?

    Dass irgendwelche auf blinden Aktionismus bedachten Politiker oder tendenziös-voreingenommenen Zeit-Zurück-Dreh-Woller seit Jahr und Tag ihr Ding durchziehen, nicht willens oder fähig sind sich mit den tatsächlichen Realitäten wirklich auseinander zu setzen, ist die eine Sache. Etwas ganz anderes ist aber unsere eigene 3-Affen-Mentalität: Nix sehen, nix hören, nix sagen. Das muss sich ändern. Denn es geht hier nicht um irgendeinen Firlefanz, sondern letztlich um Menschenleben. Valve darf solche Gruppen nicht tolerieren - und wir auch nicht.

    Wir sind es zu lange gewohnt gewesen, regelrecht konditoniert worden Beissreflex-artig auf wahllose Vorwürfe zu reagieren, uns zu wehren, unser Hobby zu verteidigen - um jeden Preis. Wir waren uns so sicher damit richtig zu liegen. Umso eiskalter erwischt es uns, wenn die Vorwürfe plötzlich ausbleiben. Wenn sachlich, objektiv, relativierend, beinahe verharmlosend berichtet wird. Denn nun sehen wir, was wir nie sehen wollten: Den Worst-Case, dass nämlich am populistischen Begriff "Killerspiel" mehr dran sein könnte, als wir wahrhaben wollten - und wir die wahren Populisten sind. Blinde, verharmlosende Ignoranten. Die von sich auf den Rest schlossen. Die weg schauten, sich in Sicherheit wähnten. Voller Toleranz - vorranging, eigentlich nur für sich selbst. Und damit Lobby-Sümpfe wie die Besagten überhaupt erst ermöglichten.

    Doch das muss so nicht bleiben:

    Wer keine Achtung vor echtem Leben hat, es in seiner grenzenlosen Verblödung sogar noch hipsterlike oder cool findet Sätze wie das obige Zitat zu bringen, wer meint, dass es zu jedem Scheiss eine Fan-Group geben darf, selbst für die bestialischsten und krankesten Dinge, wer meint, dass der Rest der Spielerschaft da genauso pennt wie Valve, der hat sich geirrt. Der hat KEINE Toleranz zu erwarten. NULL! Am allerwenigsten von uns Spielern. Es ist Zeit Farbe zu bekennen und einen Ehrenkodex zu etablieren. Der besagt, dass wir Spieler mit menschenverachtenden Personen nichts zu tun haben wollen.

    Sollte mir jemals solch eine Gruppe oder so ein Kommentar unter kommen, fackele ich nicht lange. Ist nix mit Beschwerde, das bringe ich sofort zur Anzeige.
    Und ich kann jedem anderen nur empfehlen dasselbe zu tun.

    Diese "Personen" können von Glück reden, wenn es bei diesen rechtsstaatlichen Maßnahmen gegen sie bleibt. Es würde mich nicht wundern, wenn früher oder später eine gewisse Gruppierung mit dem Erkennungszeichen einer weißen, grinsenden Maske, ironischer Weise selbst eines seit langer Zeit gehuldigten Attentäters, in Aktion tritt. Sich in deren Accounts hackt und die Realnamen und Anschriften veröffentlicht. Damit die Amokläufer In spe schon mal sehen könnten, wie sich jene Todesangst so anfühlt, die sie ihren Opfern einjagen. Doch es wäre moralisch falsch, denn selbst solche "Menschen" verdienen nicht den Tod. Aber eben auch keine blinde Toleranz.

    Wenn wir nicht wollen, dass die Debatte diesmal anders ausgeht, müssen wir uns von so etwas deutlich distanzieren, viel deutlicher als bisher. Wenn wir wirklich glaubwürdig sein möchten, dann dürfen wir solch einen Wahnsinn nicht dulden. Wenn wir nicht in einen Topf mit Psychopathen und Mördern geworfen werden wollen, dürfen wir nicht wegschauen, dürfen nicht achselzuckend zulassen, dass Spiele und Spieleplattformen missbraucht werden. Und wenn sich diese Spinner Feinde machen wollen, indem sie unser Hobby in den Dreck ziehen, sollen sie die bekommen.

    Aus ihren eigenen Spieler-Reihen.



    Hier muss das Ganze enden, ein für allemal.



    Yeager

    Über den Autor

    Yeager
    Chuck Yeager durchbrach als erster Mensch die Schallmauer.
    <br/>Ich stolperte über seinen Namen als damals noch kleiner Junge beim Gucken von "Der Stoff aus dem die Helden sind".
    <br/>Sein Name gefiel mir, wurde zum Nick und blieb es.

Kommentare

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  1. TheVG
    Das ist leider das ganze Problem an der Debatte. Spieler bagatellisieren gerne ihr Hobby im Zusammenhang mit negativen Ein-/Auswirkungen und rechtfertigen richtig abartige, moralisch fragwürdige Spiele mit der Freiheit der Kunst oder mit Sätzen wie das typische "laut Studie xy werde ich nicht zum Amokläufer". Die Grenze soll dann nur am eigenen Geschmack gezogen werden - leider wird verkannt, dass nicht jeder (hier noch eher: nicht so viele) ihre Grenzen ständig neu ausloten wollen. Die sind dann auch in der Mehrheit die Leidtragenden, wenn irgendwann wieder etwas passiert...
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  2. Yeager
    Vielen Dank, aber Prämierungen sind mir als Solche nicht wichtig. Ob ich da einen Blumentopf bekomme oder nicht: Werde kein besserer oder schlechterer Mensch sein dadurch. Ich glaube auch nicht, dass dieser Wettbewerb wirklich Sinn macht. Schließlich handelt es sich zumeist um völlig unterschiedliche Themen, was einem Vergleich von Äpfel und Birnen gleich kommt. Wichtig ist mir, dass es gelesen + verstanden wird (egal, ob man anderer Meinung ist oder nicht) - und dass darüber diskutiert wird.

    Leider ist es wohl so, dass nur die hervorgehobenen, also prämierten, wirklich vermehrt gelesen werden. Man sieht es als User am sprunghaften Anstieg der Likes/Dislikes - und natürlich der Zunahme an Kommentaren ab dem Moment der Prämierung. Mein Blog damals zum Thema "ASSA", wo ich ein neues Element zur Kategorisierung von Games vorschlug, hatte VOR der Prämierung ich glaub iwas um die 10 Votes oder so. DANACH explodierte es auf über 200. Das ist schade, dass es so ist. Denn der Blog wird durch eine Prämierung ja weder besser, noch schlechter. Er zieht nur mehr Leute aus Prinzipgründen an - und nicht wegen des Themas. Oder er geht einfach da oben in der Menüleiste unter.
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