Streaming – eine Pseudo-Unabhängigkeit?

Von MissDean · 12. Juli 2020 · ·
Ja, nein, vielleicht? Egal! Oder?
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  1. Seit 2008 besitze ich keinen Fernseher mehr – und davor hatte ich eine kleine quadratische Röhre (oh man, fühle ich mich gerade alt), die man bequem mit einer Hand tragen konnte. Nun hatte diese Röhre noch Drehknöpfe zum Bedienen, also nicht besonders chillig zum Zappen. Aber perfekt für meine Videokassetten (hm – Blick auf mein Geburtsjahr – ja, alt) und DVDs. Irgendwann ging dann mein bereits antik anmutender Videorekorder kaputt – zum Glück konnte ich Harrison Ford aber vor einem verfrühten Tod durch Bandsalat retten und er steht bis heute sicher in seinem Schober auf unserem Film-Regal.
    Der DVD-Player wurde dann sehr schnell von meinem Laptop-Laufwerk ersetzt. Nicht nur die Bedienung war entspannter, auch der Bildschirm war größer.
    Und damit endete meine Fernseher-Beziehung. Also im analogen Sinne. Ich bin ein großer Film-Fan, verehre fast schon den einen oder anderen Regisseur und liebe es ins Kino zu gehen, auch gerne alleine.
    Und wenn mich heute Menschen fragen, wie ich das nur aushalte, so ganz ohne Fernseher, verstehe ich die Frage nicht. Ok, vor 12 Jahren war die Frage vielleicht nicht völlig aus der Luft gegriffen, aber heute? Das Internet macht‘s möglich und ziemlich gute Monitore auch.
    Damals wie heute ist meine Antwort die gleiche. Ich gucke ziemlich viel fern, nur eben bewusster – zumindest bilde ich mir das ein.
    Und ich bin nicht mehr abhängig von den Sendezeiten, also kein verpasster Tatort trotz Sonntagsspät- oder -nachtschicht. Mit Netflix und den unzähligen anderen Streaming-Anbietern bräuchte man inzwischen wohl gar kein konventionelles Fernsehen mehr. Wobei ich seit meiner Fernseherlosigkeit viel mehr Öffentlich Rechtliches schaue als früher und die privaten Sender nur noch konsumiere, wenn mich wirklich etwas interessiert. Eben bewussteres Schauen.
    Und bis zu einem gewissen Maße mag das auch stimmen: Dass ich die Kontrolle über das habe, was ich schaue. Und wenn ich mal nicht weiß, was ich mag, frage ich einfach Netflix nach meinen Sehgewohnheiten. Willkommen in der fröhlichen Welt der Algorithmen.

    Wenn ich bei Freunden oder der Familie zu Besuch bin und der Fernseher an ist, weiß meist niemand, was da gerade läuft. Ich habe oft den Eindruck, dass es nur um Geräusch- und Bildkulisse geht. Ich finde das anstrengend. Fernsehgeräusche kann ich nur sehr schlecht ausklammern. Anders als in der Bahn oder im Café kann ich mich dann einfach nicht mehr vollständig auf meinen Gesprächspartner konzentrieren. Und das ist völlig unabhängig davon ob Werbung oder Schwachsinn kommt. Und davon läuft in meinen subjektiven Augen so, so viel.
    Wenn wir mal im Hotel übernachten und uns auf Old-School-Fernsehen freuen, stellen wir beim Zappen leider fest, dass wirklich so viel Müll im Fernsehen zu sehen ist – und man für die guten Sachen einfach zur falschen Zeit am richtigen Ort ist. Und dann zappt man eben, als Zeitvertreib. Für eine halbe Stunde vielleicht auch ganz lustig, aber länger halte ich das inzwischen nicht mehr aus. Wenn wir Glück haben, läuft auf einem der gefühlten tausend Kanäle ein Film, den wir beide schon so gut kennen, dass die fehlenden 40 Minuten Anfang kein Problem sind.

    Fassen wir zusammen: Ich bin über banales Fernsehen erhaben, wie gut, dass Einbildung auch eine Bildung ist.

    Nun ist mir aber folgendes passiert: Ich habe „Ultraviolett“ geguckt. Die vollen 88 Minuten, ok, den Abspann habe ich mir nicht mehr gegeben. Klar habe ich auch schon schlechte Filme in meinem Leben gesehen, das bleibt wohl nicht aus und macht einen nur stärker. Ich habe aber auch schon bei wesentlich besseren Filmen abgebrochen. In diesem Fall konnte ich aber einfach ich nicht wegschauen. So wie bei diesen riesigen schwarzen Spinnen, die wie Kankra aussehen, nur in etwas (aber wirklich nicht viel) kleiner – der Körper reagiert antiinstinktiv und man schaut einfach weiter hin, auch wenn sich alles in einem dagegen sträubt.
    So viel zu bewusstem Schauen. Ein Witz. Ich ahnte ja, dass Netflix mein Gehirn geknackt hat, aber dass es so schlimm ist? Da hilft höchstens noch eine Woche nur Arte und 3sat, falls überhaupt noch Rettung für mich besteht.

    Oder einfach back to the roots und ich verbringe wieder mehr Zeit mit Harrison Ford. Wobei ich mir dafür erst mal einen Fernseher besorgen müsste, und einen Videorekorder und beides noch mit kompatiblem Anschluss, und dann ist die Frage, ob das Band der Belastung nach all den Jahren überhaupt noch standhält oder das Filmdate sogar noch vor der Steinkugel vorbei wäre.

    Ach, gar kein Problem, läuft ja grad bei Netflix!


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    Über den Autor

    MissDean
    Weiblich, Jahrgang 1988, studierte Geisteswissenschaftlerin
    -
    Heldin von Fereldin
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    Champion von Kirkwall
    -
    Inquisitorin
    S.L.A.V.E.R. und Kalnasir gefällt das.

Kommentare

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  1. S.L.A.V.E.R.
    Ja das TV Programm ist schon so eine Sache.
    Ich habe mich auf Shows im TV geeinigt. Das heißt es werden nur noch "Shows" geschaut, also "Pocher" und "Jauch" und "Joko und Klaas". Mehr bietet das TV momentan nicht. Deswegen habe ich auch "Sky", "Amazon", "Netflix", "Disney+" und "TV Now". Weil jeder Anbieter was anderes Anbietet.

    Im Grunde könnte man die Kabelgebühren abbestellen...
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