Google Chrome OS - Das Internet ist nicht genug

Google entwickelt ein eigenes Betriebssystem. Ab Mitte 2010 soll Chrome OS zum gratis Download bereit stehen. Daniel Visarius kommentiert die Hintergründe.

von Daniel Visarius,
09.07.2009 16:05 Uhr

Gestern war es soweit. Google kündigte ein eigenes Betriebssystem für Netbooks an. Bereits ab Mitte 2010 soll Google Chrome OS verteilt werden - wie fast alle Produkte des Suchmaschinengiganten natürlich kostenlos. Die Schwerpunkte sollen auf den Tugenden liegen, die Google groß gemacht haben: Geschwindigkeit, Unkompliziertheit und Sicherheit.

Sundar Pichai, Vize-Präsident bei Google für das Produktmanagement, versprach zusammen mit dem Entwicklungsschef Linus Upson sogar, dass Google Chrome OS keine Probleme mit Viren haben werde. Sicherheits-Patches seien ebenso überflüssig.

Das ist natürlich Unfug, schlimmer, eine grob unseriöse Lüge. Das sieht auch Bruce Schneier so, ein anerkannter Sicherheitsexperte und derzeit veranwortlich für die Sicherheit bei British Telecom: »Das ist eine idiotische Aussage«. Schneier ergänzt: »Schon vor Jahrzehnten wurde mathematisch bewiesen, dass es schlicht unmöglich ist, ein Betriebssystem zu entwicklen, das immun gegen Viren ist. Das ist keine Frage der Entwicklung, auch keine Frage der Technologie, sondern eine mathematische »2+2=3«-Unmöglichkeit«.

Genauso Unfug wie die scheinbare Selbstlosigkeit, mit der Google - nach Umsatz gemessen mittlerweile schon ein Drittel so groß wie Microsoft - immer neue Programme an die Internet-Gesellschaft »verschenkt«, darunter Google Mail, Google Docs, Google Earth und den noch jungen Internet-Browser Chrome, der schon mehrfach in das eine oder andere Sicherheitsloch getappt ist.

Es sind vergiftete Geschenke, die der falsche Robin Hood verteilt. Google verdient sein Geld mit Anzeigen, nicht über Software-Verkäufe. Je genauer Google seine Kunden kennt, desto teurer kann es auf die Kunden abgestimmte Werbung verkaufen. Das ist das Prinzip bei der Google-Suche, bei der der Suchmaschinengigant alle Suchanfragen über zig Monate speichert, und auch beim E-Mail-Dienst Google Mail, bei dem Google sogar die Inhalte der Post durchstöbert, um dazu passende Werbung einzublenden. Das ist im Grunde nichts anderes als eine privatwirtschaftliche Vorratsdatenspeicherung, durchaus vergleichbar mit der verfasssungrechtlich höchst problematischen Vorratsdatenspeicherung durch den Staat. Nur, dass hier außer den Verbindungsdaten auch gleich noch die Inhalte der Kommunikation verwendet werden - und zwar zum Gelddrucken. Auch Google Chrome OS wird so oder so ähnlich funktionieren.

Laut Google sei Chrome OS das erste Betriebssystem, das speziell für das Internet designt wurde. Was das bedeutet, erklärt die offizielle Ankündigung: »Für Anwendungsprogrammierer ist das Web die Entwicklungsplattform«. Zu Deutsch: Von lokal installierten Programmen hält Google nichts. Alle Programme sollen direkt im Webbrowser Google Chrome laufen, der wiederum die Google Suche verwendet. Alle Ihre persönlichen Daten, ob Dokumente, E-Mails oder Bilder speichert Google bereitwillig auf seinen Servern. So sind die Informationen komfortabel von überall aus abrufbar (solange das Internet und Googles Server funktionieren), aber außerhalb der Kontrolle des eigentlichen Besitzers. Welche Auswirkungen das haben kann, zeigt die sehenswerte Anti-Utopie EPIC 2015 von Robin Sloan und Matt Thomson, in der Google und Amazon zu einer gigantischen Datenkrake fusionieren.

Letztlich muss jeder selbst abwägen zwischen dem unbestritten vorhandenen Komfort der einen oder anderen Google-Anwendung und den Gefahren eines Seelen-Striptease vor der Werbeindustrie. Ich jedenfalls mache da nicht mit.


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