»Modern Warfare 2 killt die Spielekultur « - Kommentar der Chefredaktion

Unsere Chefredakteure Michael Trier und Markus Schwerdtel nehmen im Kommentar Stellung zur kontroversen Flughafen-Terror-Mission aus Call of Duty: Modern Warfare 2.

von Markus Schwerdtel, Michael Trier,
06.11.2009 18:36 Uhr

Michael Trier, Chefredakteur GameStar (l.) und Markus Schwerdtel, Chefredakteur GamePro.Michael Trier, Chefredakteur GameStar (l.) und Markus Schwerdtel, Chefredakteur GamePro.

Wenn gestandene Spielejournalisten bei einer Shooter-Szene weiche Knie und einen flauen Magen bekommen, muss das Spiel etwas ganz Besonderes sein. Besonders gut zum Beispiel. Oder besonders brutal.

In diesem Fall geht es um die so genannte Flughafen-Szene von Call of Duty: Modern Warfare 2, die schon seit einiger Zeit durch das Internet geistert. Wir haben bisher dazu nicht Stellung genommen, weil wir das Spiel bis heute nicht selbst gespielt hatten und unser Urteil nicht von möglicherweise aus dem Zusammenhang gerissenen Video-Schnipseln abhängig machen wollten. Das überlassen wir auch weiterhin »Frontal 21«, »Hart aber Fair« und ähnlichen Politmagazinen.

»Killerspiel«-Debatte einfach gemacht

Nur werden es die Spielegegner in Zukunft gar nicht mehr nötig haben, Tatsachen zu verdrehen, Bilder sinnentstellend aneinander zu schneiden oder angebliche Gräueltaten hinter von düsteren Kommentaren begleiteten Schwarzblenden zu verstecken.

Terroristen feuern in Modern Warfare 2 an einem Flughafen auf Zivilisten.Terroristen feuern in Modern Warfare 2 an einem Flughafen auf Zivilisten.

Denn die Munition für Ihre Attacken bekommen Gewaltspiel-Kritiker ironischerweise nun vom Actionspiel-Spezialisten Activision Blizzard frei Haus und mit Geschenkband geliefert.

Doch worum geht es eigentlich? Um diese Szene des offiziell am 10.11.2009 in Deutschland erscheinenden Shooters für Erwachsene, Modern Warfare 2. Einer der Protagonisten des Spiels, in dessen Rolle Sie schlüpfen, wurde undercover in eine russische Terrorgruppe eingeschleust. Auf einem der Einsätze richtet die Gruppe auf einem Flughafen ein Blutbad unter Zivilisten an, schießt auf wehrlose Passagiere, streckt panisch schreiende Verwundete final nieder - ein Massaker. Man muss diese Szene übrigens nicht spielen, sie lässt sich überspringen. Aber wer lässt sich schon freiwillig einen ganzen Abschnitt eines ohnehin sehr kurzen und teuren Stücks digitaler Unterhaltung entgehen? Und vor allem: Warum wurde sie dann überhaupt programmiert, welchen Zweck erfüllt die Terror-Horror-Sequenz?

Gewalt, Lügen und Videospiel

Für den Publisher Activision Blizzard und den Entwickler Infinity Ward ist die Sache klar: Man wolle die Abscheulichkeiten des Terrorismus zeigen und es dem Spieler ermöglichen, sich in die Gedankenwelt der Verbrecher zu versetzen.

Die PC-Version von Modern Warfare 2.Die PC-Version von Modern Warfare 2.

Wenn das tatsächlich das Ziel der Entwickler war, haben sie hier bemerkenswert schlechte Arbeit geleistet. Denn von der Gedankenwelt der Terorristen erfahren wir in dieser Szene soviel wie vom Kuchenbacken, nämlich nichts. Hätte man tatsächlich ein Empfinden für das Leid der Opfern solcher Verbrechen schaffen, also Empathie erzeugen wollen, wäre die Perspektive eines der Opfer die richtige gewesen, nicht die reaktionslose Beobachter- oder sogar Mittäterrolle. Zwar bricht das Spiel in der deutschen Fassung mit einem »Game over« ab, sobald Sie selbst das Feuer auf die wehrlosen Menschen eröffnen (auf Polizisten, die die Passagiere verteidigen, kann übrigens weiter geschossen werden). Diese Änderung gegenüber dem US-Original geschah aber nicht aus ethischen Überlegungen, sondern weil der deutsche Markt es so verlangt. In der internationalen Version können Sie ohne jede Sanktion auf die umstehende Menge feuern.

Das sind genau die Szenen, die wir bald bei jeder Diskussion um die sogenannten »Killerspiele« zu sehen bekommen werden. Und wir werden nicht mehr dagegen sagen können: »Halt, das stimmt so nicht!« Denn es ist wahr.

Rücksichtslos ohne Kompromisse

Viele Spiele verfolgen ähnliche Ziele und zeigen ebenfalls gewalttätige Szenen. Und doch geht uns das russische Flughafen-Attentat besonders nah. Das liegt vor allem am kompromisslosen Ernst der Umsetzung. Hier gibt es keine übertriebenen Physik-Effekte wie in GTA 4, keine trockenen Sprüche wie in Borderlands, keinen ironischen Unterton wie in Fallout 3. In der Flughafen-Szene gibt es nur rücksichtslose Gewalt zur Durchsetzung ideologischer Ziele (nämlich die der Terroristen).

Die angeblich angestrebte Empathie bleibt dabei komplett aus: Das Blutbad läuft vergleichsweise steril ab, die Opfer bleiben seltsam gesichtslos, es gibt keine Kinder unter den Passagieren. Es ist ganz einfach, bei diesen lässigen Kerlen mitzumachen und eben auch den Abzug zu drücken. Modern Warfare 2 setzt die Hemmschwelle so weit wie möglich herunter, ordnet zugleich aber die Tat in keiner Weise ein. Es fehlt eine emotionale Reaktion des Spielcharakters, alle Reflektion liegt bei der Person vor dem Bildschirm.

Kalkulierter Tabu-Bruch

So nachvollziehbar die »wir zeigen euch das wahre Gesicht des Terrors«-Absicht sein mag, für uns ist sie nur ein Vorwand. Die Flughafen-Sequenz ist eine kalkulierte Provokation - ein PR-Gag, wenn man so will. Spielerischen Nährwert hat sie ohnehin nicht.

Was bleibt ist Ärger. Ärger darüber, dass es dem Entwickler Infinity Ward offenbar an jeglichem Feingefühl mangelt. Ärger darüber, dass selbst Gamedesign-Profis glauben, auf solche Holzhammer-Methoden zurückgreifen zu müssen, um beim Spieler Emotionen zu erzeugen. Ärger darüber, dass man den fast schon beruhigten »Killerspiel«-Gegnern ohne Not neue Munition liefert. Und vor allem Ärger, weil ein spielerisch so hochqualitativer Titel wie Modern Warfare 2 solchen Müll eigentlich gar nicht nötig hat.

Markus Schwerdtel, Chefredakteur GamePro
Michael Trier, Chefredakteur GameStar

» Video: Redaktionskommentar zur Flughafen-Mission


Kommentare(643)

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.