Erinnert sich noch jemand an das Jahr 2008? Ausgerechnet Teenie-Schwarm Heath Ledger spielte mit Bravour den Joker, Marvels zweite Eigenproduktion rund um den unglaublichen Hulk lief mehr schlecht als recht, Wall-E räumte die Erde auf und Liam Neeson rettete zum ersten und gewiss nicht zum letzten Mal seine entführte Tochter. Doch die Überraschung des Jahres war die unerwartete Rückkehr des klassischen Monsterfilms.

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Mit »Cloverfield« zauberte Produzent J.J. Abrams einen viralen Marketing-Hit aus dem Hut, der im Fahrwasser von seinem anderen Eigengewächs »Lost« (2004-2010) den Nerv der Zeit traf. »Mystery« war wieder salonfähig. Das Publikum wollte so wenig wie möglich im Vorfeld zu einem Film wissen und lieber bis dahin mitraten. So war lange Zeit nicht einmal der Titel des Filmes bekannt, obwohl der erste Teaser-Trailer bereits unmittelbar vor Transformers im Kino lief.

Das Konzept sollte sich auszahlen. »Cloverfield« war ein Kassenerfolg und auch wenn der Film viele offene Fragen bewusst unbeantwortet ließ, sah es lange Zeit nicht nach einer Fortsetzung aus. Und »lange Zeit« heißt in diesem Falle fast acht ganze Jahre und eine Blitzankündigung später. Denn dass die Fortsetzung »10 Cloverfield Lane« kommt, erfuhr man, zusammen mit der Veröffentlichung des ersten Trailers, gerade einmal zwei Monate vor Kinostart. Abrams ist schon wieder mit einem Marketing-Stunt eine Überraschung geglückt und ganz nebenbei auch noch ein richtig guter Film.

Keine Spoiler! Da jedes Wort zur Handlung bereits ein Wort zu viel sein könnte, beschränken wir uns auf die Ausgangssituation und in welcher Verbindung der Film zu »Cloverfield« von 2008 steht. Das werden die Macher nämlich nicht müde zu betonen. Denn eine falsche Erwartungshaltung könnte sich prinzipiell negativ auf das Kinoerlebnis auswirken.

10 Cloverfield Lane : Manche Brettspiele brauchen gefühlt ewig um zu Ende gespielt zu werden - hier eindeutig ein Pluspunkt. Manche Brettspiele brauchen gefühlt ewig um zu Ende gespielt zu werden - hier eindeutig ein Pluspunkt.

Fortsetzung im Geiste

Michelle (Mary Elisabeth Winstead) hat Streit mit ihrem Verlobten (Bradley Coopers Stimme) und tut das, was sie ihr Leben lang schon immer getan hat, wenn's brenzlig wird: sie flüchtet. Allerdings kommt sie nicht weit, als sie in einen Autounfall gerät und angekettet in einem Kellerraum erwacht. Der ihr völlig unbekannte Howard (John Goodman) eröffnet Michelle, dass soeben die Welt untergegangen sei und er sie gerettet habe. Zusammen mit Howard und dem dazugestoßenen Emmett (John Gallagher Jr.) müsse sie nun die nächsten Jahre in dessen selbst gebauten Bunker verbringen, bis man die Erdoberfläche wieder betreten könne. Soll sie ihm nun glauben oder lieber erneut die Flucht antreten?

Das liest sich schon verblüffend anders als der Vorgängerfilm und das kommt auch nicht von ungefähr, denn anders als es der Filmtitel und auch diese Rezension bis hierhin suggeriert haben, ist »10 Cloverfield Lane« keine Fortsetzung - zumindest keine im klassischen Sinne. Und das ist auch kein Wunder, denn schließlich basiert der Film auf dem Drehbuch »The Cellar« (dt. »Der Keller«). Erst Produzent J.J. Abrams kam auf die Idee, die zunächst eigenständige Geschichte mit »Cloverfield« zu verbinden. Diese Verbindung ist aber rein thematischer Natur. Wer Antworten auf die offenen Fragen des vermeintlichen Erstlings sucht, wird hier nicht fündig werden.

Allerdings gibt es die meisten Antworten schon. Das angesprochene virale Marketing von »Cloverfield« beschränkte sich nämlich nicht nur auf den Spannungsaufbau, sondern lieferte im Nachgang die Erklärung für die Frage aller Fragen: Woher stammt das Monster und lebt es noch? Wer sich dafür noch interessiert, dem sei mit dem nachfolgenden Video von Nerdkultur geholfen.

Die Cloverfield-Erfahrung

Das ursprüngliche Drehbuch hat Damien Chazelle unter dem Cloverfield-Motto umgeschrieben und war auch selbst für die Regie vorgesehen. Das wiederum passte gut in das Konzept, denn was die beiden Filme de facto gemeinsam haben, ist das Debütieren eines jungen Regisseurs in einem Kinofilm. In »Cloverfield« war das noch Matt Reeves (Dawn of the Planet of the Apes). Chazelle sprang aber ab, weil er sein Leinwanddebüt noch lieber mit seinem Herzensprojekt »Whiplash« geben wollte, für das er später auch eine Oscar-Nominierung als Schreiberling einheimste.

Für die Regie von »10 Cloverfield Lane« war letztlich Dan Trachtenberg verantwortlich. Der sammelte Erfahrung und Aufmerksamkeit mit einem Kurzfilm, ebenfalls zu einer jungen Frau, die in Gefangenschaft erwacht: die Videospiel-Adaption zu »Portal«.

10 Cloverfield Lane : »10 Cloverfield Lane« ist das Kinodebüt von Dan Trachtenberg. »10 Cloverfield Lane« ist das Kinodebüt von Dan Trachtenberg.

»Cloverfield« ist also vielmehr ein weitergetragenes Konzept - eine Erfahrung - als eine simple Fortsetzungsgeschichte. Eine Katastrophe, erzählt aus der Perspektive der Protagonisten, die nicht über alles informiert sein können. Abrams und Trachtenberg vergleichen es mit der Kult-Serie »Twilight Zone«. Demnach also auch unzusammenhängende Erzählungen mit Mystery-Elementen. Man darf vermutlich auf weitere Vertreter gespannt sein, die dann vielleicht ähnlich lange unter Verschluss bleiben.

Von der Kunst »verrückt« zu sein

Und so hat bezeichnenderweise der heimliche Star den Vorgängerfilm nie gesehen: John Goodman. Der Schauspieler hat sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als nur emanzipiert von seiner einstigen Paraderolle in »Roseanne«. Gerade seine hoch frequentierten Auftritte in den Meisterwerken der Coen-Brüder (u.a. Fargo, No Country for Old Men) genießen Kultstatus. Doch einst wurde er von der Academy sträflich für seine Nebenrolle als Walter Sobchak in »The Big Lebowski« übergangen und so wurde Goodman noch nie für einen Oscar nominiert. Das könnte sich jetzt ändern. Das muss sich jetzt ändern.

Sein Howard meistert den schwierigen Spagat von Antagonist und Protagonist, von Antipathie und Sympathie, von Paranoia und Beschützerinstinkt. Was kaum gegensätzlicher sein könnte, muss sich in ihm vereinigen. Denn so wie Hauptfigur Michelle ist der Zuschauer in der ständigen Ungewissheit, ob man ihm nun Glauben soll oder man die vermeintliche Lüge durchschaut.

Und dazu kommt die Prämisse: Howard war immerhin verrückt genug, vorsorglich über Jahre hinweg einen Bunker zu errichten, um der drohenden Apokalypse zu entgehen. Einerseits ist er ihr vermeintlicher Retter, aber andererseits ist er immer noch ein Verrückter, der Bunker baut. Der ganze Film steht und fällt mit der ambivalenten Wahrnehmung von Howard durch Michelle. Und diese Ambivalenz füllt Goodman überragend aus.

10 Cloverfield Lane : Oscarverdächtig: John Goodman als Howard Oscarverdächtig: John Goodman als Howard

Intelligentes Kammerspiel

Mary Elisabeth Winstead beweist einmal mehr, dass sie nach »Scott Pilgrim vs. the World« und »The Thing« (2011) die toughe, aber zugleich fragile Frauenrolle beherrscht. John Gallagher Jr. (The Newsroom) fällt dagegen etwas ab. Das ist aber mehr seiner Rolle als ihm geschuldet.

Ohnehin lebt der Film von der Konfrontation und dem Zusammenspiel der Figuren. Der ehemals titelgebende Keller wird nicht zur Bürde, sondern zum Spielplatz der Geschichte und ihrer Darsteller. »10 Cloverfield Lane« ist vor allen anderen Dingen ein Kammerspiel - und zwar ein sehr intelligentes Kammerspiel. Das spiegelt sich beispielsweise in der durchdachten Bildsprache wider. Man beachte etwa die nicht fertig gestrichene Wand in Michelles Zelle. Der Raum, der einst für Howards Tochter vorgesehen war, teilt sich somit in Pink und Stahlbeton-Grau. Regisseur Trachtenberg nutzt das, um ihre jeweilige Gemütslage zusammen mit der Kameraeinstellung zu erzählen. Genial, auch wenn es sich weniger subtil liest, als es tatsächlich ist.

10 Cloverfield Lane : Der Bildausschnitt wird nicht nur durch die Personen geteilt, sondern auch durch den Raum selbst. Der Bildausschnitt wird nicht nur durch die Personen geteilt, sondern auch durch den Raum selbst.

Der Mensch ist das Mysterium

Aber ein Kammerspiel wäre kein Kammerspiel, wenn nicht gerade die Szenen mit allen Hauptdarstellern vereint für den größten Gesprächsstoff sorgen würden. Und deren herausragende Szenen gibt es hier einige. Eine davon beinhaltet eine Variante des Gesellschaftsspiels »Tabu«, in der Howard beinahe etwas entlarvt. Oberflächlich betrachtet ist die Szene vor allem spannend und komisch zugleich. In Wirklichkeit enttarnt sie aber Howards Beziehung zu Michelle und wie er sie wahrnimmt oder besser gesagt nicht wahrnehmen kann. Das ist schlichtweg phänomenal geschrieben.

Und so ist es trotz der definitiv überraschenden Auflösung des Filmes nicht diese, die letztendlich für den angekündigten Gesprächsstoff sorgen wird, sondern tatsächlich die zwischenmenschlichen Momente. Denn auch wenn diese auf den ersten Blick simpel oder sogar willkürlich wirken, sind sie bei genauerer Betrachtung in ihrer Kausalität unausweichlich und mit Hinweisen in der Vergangenheit der Protagonisten belegt.

Obwohl es das Mysterium ist, dass uns in den Kinosaal lockt, ist es der Mensch, der uns danach beschäftigt. Das ist das wahre Kunststück von »10 Cloverfield Lane«.