»Der Vorhang zu und alle Fragen offen« - Dieses Brecht-Zitat wollten wir nicht nur schon immer mal in einem Artikel unterbringen, es passt auch hervorragend auf die Microsoft-Pressekonferenz vor der E3 2013. Denn statt die heißen Eisen Gebrauchthandel oder Datenschutz anzupacken, konzentriert sich die Firma auf der Veranstaltung wie versprochen auf die Spiele.

Das Kalkül: Durch die Ankündigung der ungeliebten Always-On-Restriktionen mit all ihren Folgen ein paar Tagen vor der Pressekonferenz lässt man die Spielerschaft erst mal den dicken Frosch schlucken, bevor man dann später - wenn der Zorn verraucht ist - die eigentliche Attraktion auspackt: die Spiele. Ob diese Rechnung aufgeht, wird sich in den Tagen nach der E3 zeigen. Immerhin: Dank eines starken Spieleaufgebots könnte das Ablenkungsmanöver sogar gelingen.

Xbox 360: nicht vergessen!

Etwas komisch für eine Pressekonferenz am Beginn einer neuen Konsolen-Ära: Nach einem schicken Trailer zu Metal Gear Solid 5 für die Xbox One widmet sich Microsoft erst mal ausführlich der mittlerweile in Ehren ergrauten Xbox 360 - und verpasst ihr eine ordentliche Botox-Spritze! Ein neues Modell mit an die Xbox One angelehntem Design könnte die olle Kiste wieder interessant machen.

E3: Microsoft-Pressekonferenz - Analyse : Die neue Version der Xbox 360, ab sofort erhältlich. Die neue Version der Xbox 360, ab sofort erhältlich.

Einen Preis für das Gerät nennt Microsoft zwar nicht, doch offenbar soll die neue 360 als Einsteigerkonsole platziert werden, ähnlich wie damals die PSone als es schon längst die PlayStation 2 gab. Dazu passt, dass Xbox Live Gold-Kunden in Zukunft jeden Monat zwei alte Spiele (zum Start im Juli etwa Assassin's Creed 2 ) gratis bekommen. Darüber mögen PlayStation Plus-Abonnenten nur gelangweilt gähnen, für Konsolen-Einsteiger ist so ein Angebot zusammen mit einem günstigen Gerät aber durchaus interessant. Zumal es ja trotzdem noch neue Titel geben soll, etwa Dark Souls 2 oder den Indie-Titel Max: The Curse of Brotherhood .

Spannend: Vom PC kommt die Free2Play-Erfolgsgeschichte World of Tanks auf die Xbox 360. Das Konzept bleibt das Gleiche: Der Download selbst ist gratis, dafür zahlt man im Spiel Kleinbeträge für Upgrades etc. Wir sind gespannt, ob es World of Tanks schafft, das F2P-Konzept auf Konsole zu etablieren, in dieser Konsequenz hat das bisher noch niemand versucht. Der große Xbox 360-Teil in der Pressekonferenz wirkt ein wenig wie ein Friedensangebot an die bisherige Fan-Gemeinde. Quasi als Trostpflaster für die fehlende Abwärtskompatibilität der Xbox One bekommen sie jeden Monat Gratisspiele und auch weiterhin neue Titel - nett.

Ganz schön exklusiv

Wenn die alte Konsolen-Weisheit immer noch stimmt, dass nur gute Software die Hardware spannend macht, dann hat Microsoft gar nicht mal so schlechte Karten. Mit Exklusivtiteln wie Cryteks Ryse: Son of Rome , Quantum Break (geniale Gesichtsanimationen) der Alan Wake-Macher Remedy, Titanfall , Forza Motorsport 5 oder dem neuen Halo 5 stehen hochwertige Titel parat. Allerdings ist das Angebot noch ziemlich actionlastig, zudem erscheinen einige der Spiele erst 2014. Dann müssen eben Multiplattform-Titel wie The Witcher 3 dafür sorgen, dass alle Genres bedient werden.

Anders als auf der Xbox 360 wird die Japano-Fraktion nicht mehr umgarnt. Als einziger asiatischer Entwickler war Hideo Kojima auf der Bühne, zum Panzer Dragoon-Enkel Crimson Dragon gab es immerhin einen kleinen Trailer. Vorbei aber die Tage der Exklusivdeals mit Mistwalker (Blue Dragon) und Co. Offenbar hat Microsoft den Markt Japan mittlerweile endgültig aufgegeben, verdenken kann man es der Firma nach jahrelang erfolglosem Kampf nicht. Im Großen und Ganzen scheint das Spiele-Angebot aber rund und ausgewogen.

Bei der Präsentation der Spiele während der Pressekonferenz entsteht der Eindruck, dass Microsoft eine Checkliste abarbeitet. Fans von Little Big Planet und Spielebaukästen? Hier habt ihr Project Spark ! Die Indie-Gemeinde fühlt sich vernachlässigt? Hier sind Below und natürlich das unvermeidliche Minecraft ! Ihr findet Retro-Zeug cool? Hier ist euer Remake von Killer Instinct ! Das ist alles super, uns wäre aber eine klare Strategie wie man in Zukunft Indie-Spiele behandeln will lieber.

Smarte Technik

Unvermeidlich bei der Vorstellung einer neuen Konsole: Spiele, die ganz auf die neue Technik zugeschnitten sind und die ohne gar nicht funktionieren würde. Das Episodenspiel D4 vom sympathisch-durchgeknallten Deadly Premonition -Macher Swery65 funktioniert etwa nur mit Kinect, in Dead Rising 3 (wenn es denn nach Deutschland kommt) holen wir per Smartglass-Unterstützung Artilleriefeuer auf die Karte. Und die Fahrer-KI in Forza 5 ist angeblich ohne Cloud-Unterstützung nur halb so schlau. Mag alles stimmen, doch neue Technik muss sich immer erst im Spiele-Alltag beweisen. Deshalb sind wir bei diesen Features erst mal nur vorsichtig optimistisch.

Das gilt auch für die in der Pressekonferenz gezeigte Sharing-Funktion, dem so genannten Game DVR. Besonders coole Szenen lassen sich mit der App Upload Studio schneiden und - ähnlich wie im Trailer-Studio der Apple-Software iMovie - mit einem Vorspann versehen. Per Kinect-Mikrofon spricht man noch einen Kommentar zum Video ein und stellt das Ding in seine Timeline. Die können dann Freunde entweder auf der Xbox oder via Smartglass-App betrachten und das Video anschauen. Auch hier: Nette Funktion, aber warten wir mal ab, ob und wie sie im Spieleralltag tatsächlich genutzt wird. Ein paar zusätzliche Infoschnipsel ließ Xbox Live-Chef Marc Whitten eher nebenbei fallen: In Zukunft gibt es keine Microsoft-Points mehr, abgerechnet wird dann - endlich - in echter Währung. Auch nett: Xbox Live Goldmitgliedschaften gelten auf der Xbox One für die ganze Familie, so kann sich auch der kleine Bruder mal in Online-Matches stürzen. Ob auch das ein kleiner Trost für die ansonsten so restriktive DRM-Politik sein soll?

Fazit

E3: Microsoft-Pressekonferenz - Analyse : Markus Schwerdtel: Wer von der Microsoft-Pressekonferenz Antworten auf Fragen zu DRM, Always On und Datenschutz erwartet hat, der wurde enttäuscht. Offenbar will man in Redmond das Thema aussitzen. Oder warten, wie Sony mit diesen Problemen umgeht und erst dann reagieren. Denn gerade bei der Kernkundschaft ist das eine Möglichkeit, sich zu profilieren und als Freund der Spieler darzustellen. Allerdings dürfte es für Microsoft schwer werden, nach dem Informations-Wirrwarr der letzten Wochen hier noch glaubwürdig zu agieren.

Apropos Sony: Das Erscheinungsdatum der Xbox One nur vage mit November 2013 anzugeben, könnte auch ein Lauern auf die Konkurrenz sein. Sobald Sony ein fixes Datum bekannt gibt, kommt man mit der Xbox One zwei Wochen früher und hat damit schon mal die ungeduldigsten Spieler abgeholt. Der Preis von 499 Euro dagegen ist keine Überraschung. Er passt zur gebotenen Hardware und wird ohnehin über kurz oder lang fallen. So oder so: Microsoft hat Wort gehalten und auf der Pressekonferenz tatsächlich hochwertige Spiele gezeigt. Über den Erfolg einer Konsole bestimmen aber mittlerweile auch viele andere Faktoren, und da haben die Redmonder noch viel Überzeugungsarbeit vor sich.