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Report: Politik in Spielen

Kaiser ist cooler

Nennen Sie ein Spiel, in dem ein Politiker eine Vorbildrolle einnimmt! Schwierig? Kein Wunder, denn Politik ist in Computerspielen entweder korrupt oder irrelevant – oder reaktionär.

Von Christian Schmidt |

Datum: 20.12.2012


Politik in Spielen :

Zum Thema » Entscheidungen in Spielen Report: Wahl ohne Qual Gauntlet ab 17,99 € bei Amazon.de Politik ist ein kompliziertes, verdorbenes Metier, und regelmäßig erreichen uns neue Botschaften von Verfehlungen seiner Protagonisten. In den USA lässt ein Kongressabgeordneter seinen Onkel ermorden, um mit dessen Erbe seinen Wahlkampf zu finanzieren. Dem US-Botschafter im Vatikan werden Verbindungen zu einem Kinderprostitutionsring nachgewiesen. In Dubai vertuscht die Stadtverwaltung eine humanitäre Katastrophe und bringt ausländische Rettungskräfte zum Schweigen.

Das sind Skandale von erschütterndem Ausmaß, und doch fügen sie sich nahtlos ein in das Bild vom allgemeinen politischen Moralbankrott. Auch wenn diese Beispiele nicht aus den Nachrichten stammen, sondern aus den Videospielen GTA 4: The Lost & Damned , Hitman: Contracts und Spec Ops: The Line .

In keinem anderen Medium kommen Politiker so schlecht weg wie in Videospielen. Wenn sie auftauchen, selten genug, dann als Versager, Verhinderer oder Bösewichte. Dem gegenüber steht kein Korrektiv: Der Typus des »guten Politikers« hat in Spielen keine Tradition. Was bedeutet es, wenn ein globales Unterhaltungsmedium einen der Grundpfeiler unseres Zusammenlebens ausnahmslos von seiner schlechten Seite zeigt?

Politik in Spielen : Über den Autor
Christian Schmidt, 34, war Spielejournalist und als solcher zuletzt stellvertretender Chefredakteur bei GameStar, ist jetzt aber Game Analyst bei einer Spielefirma. Er gehört zur ersten Generation, die mit Videospielen groß geworden ist, und lässt keine Gelegenheit aus, das der zweiten Generation aufs Brot zu schmieren.

Er hat (noch) keine eigene Kinder, aber 4.200 PC-Spiele in seiner Privatsammlung, was in Sachen Sozialverträglichkeit, Liebe und Kosten in etwa aufs Gleiche hinausläuft. Gemeinsam mit Gunnar Lott betreibt er den Retrospiele-Podcast Stay Forever .

Natürlich liegt es am Sujet, wenn Spiele den intriganten Stadtrat oder machtgierigen Senator als Antagonisten auffahren – es sind Genre-Archetypen vor allem in Dystopien, Gangster- und Verschwörungsgeschichten wie GTA, Mafia oder Deus Ex , in denen das Bröckeln gesellschaftlicher Strukturen zum Thema gehört. Das halten Filme und Bücher nicht anders.

Die wesentlichere Frage ist, wie (und ob) Spiele diesen einseitigen Blick auf ein Berufsbild ausbalancieren. Für jeden korrupten digitalen Polizeichef lassen sich genügend Beispiele von Spielen finden, in denen gute Cops auftreten, selbstverständlich kommt auf jeden größenwahnsinnigen General mindestens ein integrer Anführer, und selbst skrupellosen Konzernlenkern steht mit den Tycoon-Spielen ein ganzes Genre gegenüber, das wirtschaftliche Entscheidungskraft glorifiziert. Wo also sind die guten Politiker?

Politik in Spielen : Artikel aus dem WASD-Magazin

Dieser Text stammt ursprünglich aus Ausgabe 2 des Print-Magazins »WASD - Texte über Games«. WASD ist ein Essaymagazin, das alle sechs Monate in einer kleinen Auflage erscheint. Die WASD dreht sich um Computerspiele.

Dieses Bookzine kommt ohne Prozentwertungen daher, ohne Tabellen, ohne Stiftung-Warentest-Attitüde und Spielspaßgraphen. Sie zählt nicht die Polygone eines Kampforks und enthält keine Previews zu Spielen, die erst in eine paar Jahren erscheinen. Die WASD enthält Texte. Texte zu Computerspielen.

» WASD-Magazin jetzt bestellen & mehr Infos

Heroische Gesetzlose

Es ist eine schwierige Suche, man kann sich über ihr den Kopf zerbrechen. Wenn Spiele Mentoren und integre Führungspersönlichkeiten auffahren, dann stammen sie in der Regel aus dem Militär, der Polizei oder Geheimdiensten, gern sind es auch Rebellen oder Lone Ranger, die sich explizit außerhalb gesellschaftlicher Strukturen stellen.

Der politische Aufklärer dagegen, der besorgte Minister als treibende Kraft? Eher nicht. Selbst im jeden Tiefgangs unverdächtigen Facebook-Spielchen SimCity Social kommt in einer der späteren Quests unter viel Jubel der Gouverneur zu Besuch und versucht prompt, die Herrschaft über die Stadt an sich zu reißen.

Man kann das für eine Banalität halten; wir sprechen immerhin von einem Unterhaltungsgut, das naturgemäß einen dramatisierten Blick auf die Realität hat, keinen Anspruch auf Authentizität. Dabei ist eine so eklatante Einseitigkeit für ein Medium, das energisch auf seine gesellschaftliche Relevanz pocht, ein unangenehmer Makel.

Viel mehr fällt aber ins Gewicht, dass Spiele mit ihren Rollenbildern immer auch Interpretationen der Wirklichkeit anbieten. Ganz unabhängig davon, ob das Spiel an sich eine politische Agenda hat oder nicht, schwingt allein in der krass negativen Darstellung von Politikern ein Weltbild mit, und zwar ein dezidiert antipolitisches.

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Avatar dyex
dyex
#1 | 20. Dez 2012, 15:00
Guter Artikel
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Avatar schwarzschildradius
schwarzschildradius
#2 | 20. Dez 2012, 15:03
Kann dem Autor nur zustimmen.
Sehr schöner Artikel.:)
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Avatar Cd-Labs: Radon Project
Cd-Labs: Radon Project
#3 | 20. Dez 2012, 15:03
Zitat von Gamestar:

Über den Autor
Christian Schmidt, 34, war Spielejournalist und als solcher zuletzt stellvertretender Chefredakteur bei GameStar, ist jetzt aber Game Analyst bei einer Spielefirma.

Traut ihr euch nun nichtmal mehr, den Namen Bigpoint zu nennen?

Zum Artikel: Kann mich nur meinen Vorgängern anschließen!
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Avatar bobachicken
bobachicken
#4 | 20. Dez 2012, 15:12
Ich empfehle dem Autor, Europa Universalis und die anderen Strategiespiele von Paradox zu spielen.
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Avatar Early
Early
#5 | 20. Dez 2012, 15:13
Sehr schöner Artikel. Ist einmal ein ganz neuer Ansatz gewesen, sich dem Thema Videospiele zu nähern - i like!
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Avatar MyDarx
MyDarx
#6 | 20. Dez 2012, 15:14
Interessanter Artikel. Obwohl ich selber politisch aktiv und Gamer bin, habe ich das noch nie aus diesem Blickwinkel betrachtet. Es gibt mir auf jeden Fall zu denken ...
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Avatar mr.miesfies
mr.miesfies
#7 | 20. Dez 2012, 15:15
Super Artikel, der Schmidt war halt immer noch der Beste. Ich bin in großer Versuchung mein Gamestar Abo zu kündigen und mir lieber die WASD zu holen. Die volle Packung GS gibts eh auf Gamestar.de - das Heft wird immer mehr in Richtung Überflüssigkeit gedrängt.

PS Es gäbe doch aber auch nichts langweiligeres als den "Angela Merkel Simulator 2013" - "Stehen Sie doof in der Gegend rum, schauen Sie noch doofer aus der Wäsche und lesen die langweiligen Reden ihrer Autoren noch langweiliger von Stichwortkarten ab - genau wie die echte Kanzlerin der BRD. Opposition Schmopposition, Sie sind die mächtigste Frau der Welt. Und als diese bewältigen Sie aufregende Missionen: rette den Euro, rette die Armen, rette genug Kohle auf Konten auf den Bahamas ohne dass der Schäuble was merkt,... - genau wie die echte Kanzlerin der BRD. Stigern Sie die Beliebtheitswerte Ihrer Regierung indem Sie erst die Energiewende abschaffen, nur um dann die brillante Idee der Energiewende zu haben, Sie können Ihre Meinung jederzeit stufenlos ändern - genau wie die echte Kanzlerin der BRD"
XD
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Avatar KilianN
KilianN
#8 | 20. Dez 2012, 15:16
Ich finde der Kongressabgeordnete aus The Lost and Damned ist einem mit der Zeit eben doch sympathisch geworden :D
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Avatar Sweet17
Sweet17
#9 | 20. Dez 2012, 15:16
Ausgezeichneter Artikel und auch noch in tollem Stil geschrieben!
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Avatar Michu
Michu
#10 | 20. Dez 2012, 15:22
Sehr guter Artikel! Kann dem hier Beschriebemem nur zustimmen und wuerde mir gerne mehr Mut von Entwicklern wuenschen, nicht immer nur Cliches zu bedienen. Kriege werden gefuehrt oder verhindert, weil Politker die entsprechenden Entscheidungen treffen, miteinander und untereinander... wenn wir im TV mit Game of Thrones edele und intrigante Staatamaenner gleichermassen so grandios vor die Fuesse geworfen bekommen, warum sollte das nicht auch in der Gegenwart und in Comouterspielen funktionieren... allein die kreative Umsetzung machts.
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