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Special: Heiko Klinges Jubiläumsrückblick

Vom Bewerbungsgespräch bis zur Brautschau

Heiko Klinge berichtet über seine 12 Jahre GameStar. Oder: Wie man mit Rundenstrategie Westfalen besänftigt und Wochenendausflüge in Chicago gestaltet.

Von Heiko Klinge |

Datum: 03.09.2012


Heiko Klinges Jubiläumsrückblick : Der Igelschnitt war 2001 voll gesellschaftsfähig, ehrlich! Zumindest hat er mich jung gehalten. So jung, dass ich noch mit 23 manchmal den Ausweis beim Bier bestellen vorzeigen musste. Der Igelschnitt war 2001 voll gesellschaftsfähig, ehrlich! Zumindest hat er mich jung gehalten. So jung, dass ich noch mit 23 manchmal den Ausweis beim Bier bestellen vorzeigen musste. Wow, 15 Jahre GameStar. Fast zwölf davon habe ich miterleben und mitgestalten dürfen. Wie die Zeit vergeht, wenn man Spaß hat! Ohne Flax: Mich aus einer Bierlaune heraus (im wahrsten Sinne des Wortes) als eigentlich frischgebackener Wirtschaftsinformatik-Student spontan bei meiner damaligen Lieblingszeitschrift GameStar zu bewerben, war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Ich finde es heute noch genauso fantastisch wie damals, dass ich morgens aufstehe und nicht die leiseste Ahnung habe, was im Büro passieren wird – den ebenso fähigen wie herrlich bekloppten Kollegen sei Dank. Mir fällt es entsprechend schwer, ein einzelnes Highlight herauszupicken. Aber folgende Anekdoten haben sich besonders in mein Hirn eingebrannt:

Bewerbungsgespräch, September 2000

Zum Thema » 15 Jahre GameStar Tops, Flops, Videos und Meinungen AC Unity ab 29,95 € bei Amazon.de Die erste Frage des damaligen stellvertretenden Chefredakteurs Martin Deppe an den tierisch nervösen Heiko: »Würdest du dich selbst als ordentlich bezeichnen?« Ich so: »Ich denke schon.« Er so (stellen Sie sich jetzt einen wütenden Westfalen vor): »Und dann gibst du solch eine schlampige Bewerbungsmappe ab?« Rumms, das hatte gesessen. Dabei hatte ich doch nur meine vier Jahre alte, rotzgrüne Altpapier-Bewerbungsmappe für meine Bankausbildung wiederverwertet und sorgfältig das »NORD/LB« erst mit Tippex und dann mit »GameStar« überpinselt. Ähem. Ich dachte ehrlich, die Mappe bringt Glück.

Glücklicherweise war wohl mein Probetext – ein Kurztest (!) zu Baldur’s Gate 2 – recht ordentlich. Und im Verlauf des Gesprächs gelang es mir außerdem, Martin mit ausgiebigen Fachdiskussionen zu seinen damaligen Lieblings-Rundenstrategiespielen Civilization 2, Heroes of Might & Magic 3 und Death or Glory (kennt das noch irgendwer?) erst abzulenken und schließlich wieder zu besänftigen. Ich weiß auch noch, dass wir damals darüber philosophiert haben, wie lange man den Job als Spieletester überhaupt machen könne. Zwölf Jahre später schreiben wir zwei immer noch für die GameStar. So wütend wie beim Bewerbungsgespräch habe ich ihn übrigens nie wieder erlebt.

Jedi Academy Titelstory, März 2003

Heiko Klinges Jubiläumsrückblick : Heiko mit 29 und verwegenem Fransenscheitel. Ich meine, auch erste Falten erkennen zu können. Lachfalten, natürlich. Heiko mit 29 und verwegenem Fransenscheitel. Ich meine, auch erste Falten erkennen zu können. Lachfalten, natürlich. Das Telefon klingelte am Mittwochabend. Am Apparat war der damalige Chefredakteur Jörg Langer, der wissen wollte, ob ich am Wochenende schon was vorhätte. Ich: »Nö, wieso?« Jörg: »Weil ich jemanden brauche, der morgen nach Wisconsin reist, um am Freitag bei Raven Software das neue Jedi Knight anzuschauen und am Samstag die Titelstory zu schreiben, damit wir sie am Sonntag fertigstellen können!«

Die folgenden Tage erlebte ich wie im Traum: Der Flug nach Chicago, am Freitag die Besichtigung der Raven-Büros und die weltexklusive Präsentation des Spiels auf Großbildleinwand, das gemeinsame Abendessen mit den Entwicklern, der zehnstündige Schreibmarathon am Samstag im Hotelzimmer, die Erleichterung beim Versenden des fertigen Artikels, die Nervosität beim Mail-Postfach-Öffnen am Sonntagmorgen, der Stolz beim Lesen der Mail von Jörg, dass nicht nur alles geklappt hat, sondern der Artikel auch noch richtig gut geworden ist.

Erst jetzt war Zeit zum Luftholen und zum Realisieren, was ich eigentlich – trotz aller harter Arbeit – für einen unfassbares Glück habe. Ich weiß noch genau, wie ich damals allein im Frühstücksaal meines Hotels saß, das größte Omelette meines Lebens verspeiste, durch das Fenster auf die geschäftigen Straßen Chicagos schaute und mit einem leicht debilen Grinsen im Gesicht immer wieder ungläubig den Kopf schüttelte. Die Hotelangestellten müssen mich für ziemlich bekloppt gehalten haben.

Vorstellung von /GameStar/dev auf der Game Developer Party in Mülheim, 20.7.2005

Eigentlich war es eine völlig bekloppte Idee, für die mich die damaligen GameStar- und GamePro-Chefredakteure Gunnar Lott und André Horn im Frühjahr 2005 gewinnen wollten: ein Fachmagazin für Spieleentwickler, und ich sollte die Projektleitung übernehmen. Dazu muss man wissen, dass es der deutschen Games-Industrie zu diesem Zeitpunkt unfassbar schlecht ging. Es gingen reihenweise Firmen Pleite, großzügig gerechnet gab es in der Industrie vielleicht noch 5.000 Beschäftigte. Nicht gerade das, was man gute Voraussetzungen nennt. Zum Vergleich: GameStar hat zu diesem Zeitpunkt noch weit über 200.000 Hefte pro Monat verkauft.

Aber wir haben es natürlich trotzdem gemacht. Nahezu ohne Budget und größtenteils in unserer Freizeit. In der Erstausgabe gab es einen Studiobericht von Lionhead, ein Exklusivinterview mit Crytek-Chef Cevat Yerli, und Designer-Legende Bruce Shelley (Age of Empires) musste in unserer »dev-Challenge« romantische Beziehungen zu einem Spielelement der Echtzeitstrategie machen.

Heiko Klinges Jubiläumsrückblick : Ein wenig beruhigt es ja schon, dass ich mit 34 fast noch genauso aussehe wie mit 29. Erste Anzeichen von Altersschwäche machen sich lediglich bei der Sehfähigkeit bemerkbar. Und graue Haare kann man ja glücklicherweise mit Schwarz-Weiß-Fotos kaschieren. Ein wenig beruhigt es ja schon, dass ich mit 34 fast noch genauso aussehe wie mit 29. Erste Anzeichen von Altersschwäche machen sich lediglich bei der Sehfähigkeit bemerkbar. Und graue Haare kann man ja glücklicherweise mit Schwarz-Weiß-Fotos kaschieren. Am 20. Juli dann die Feuertaufe: Auf einer Game Developer Party in Mülheim (!) durfte/sollte/musste ich das Ergebnis unserer Arbeit der deutschen Spieleentwickler-Szene präsentieren – nahezu alle Geschäftsführer der verbliebenen deutschen Studios waren anwesend. Noch nie zuvor in meinem Leben war ich so nervös, noch nie zuvor habe ich mich so häufig verhaspelt, aber noch nie zuvor war das dermaßen egal.

Die Geschäftsführer fanden nicht nur unser neues Heft klasse, sondern entpuppten sich auch noch fast durchgehend als gleichermaßen unkomplizierte wie sympathische und nerdige Jungs, die genau wie ich ihr Hobby zum Beruf gemacht haben und mit denen ich fast genauso gut über Games fachsimpeln konnte wie mit den Kollegen. An diesem Abend habe ich nicht nur jede Menge Bier getrunken und neue Freundschaften geschlossen, sondern auch eine reizende junge Dame kennen gelernt. Und irgendwann an diesem Abend ist mir endgültig klar geworden, dass ich mir keinen schöneren Job vorstellen kann.

/GameStar/dev heißt inzwischen Making Games und ist mit rund 10.000 Lesern Zentraleuropas größtes Magazin für Spieleentwicklung und die reizende junge Dame von damals ist mittlerweile meine Frau. Also Ende gut, alles gut? Ich würde eher sagen: Mittendrin gut, alles gut. Denn das Beste kommt erst noch!

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Avatar erik573
erik573
#1 | 03. Sep 2012, 14:17
Schöner Artikel, es zeigt was für eine gute Arbeit ihr leistet, mir ist immer noch dein Anno1404 Artikel im Kopf geblieben, der mich dazu brachte Stunden um Stunden in dieses Spiel zu versenken ;D
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Avatar Juicebag85
Juicebag85
#2 | 03. Sep 2012, 14:19
Schöne Geschichte. Ein wenig träume ich ja auch von solch einem Job. :)
Muss schon toll sein.
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Avatar Sameric
Sameric
#3 | 03. Sep 2012, 14:24
Super Artikel Heiko, hab dich auf der Gamescom gesehen und "kennengelernt".

Ich kann nur sagen, mach weiter so. Und vielen Dank für dein Engagement, mit der du die deutsche Entwickler und vorallem Nachwuchsszene förderst.
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Avatar Rettungsschirm
Rettungsschirm
#4 | 03. Sep 2012, 14:27
Mensch Heiko....der Zahn der Zeit....du warst ja wirklich super jung damals...eben noch das RaumschiffGS-Video geguckt...habe dich da erst gar nicht wiedererkannt :D

Mein Kommentar soll nicht gemein sein oder so...mein Aussehen hat sich sich auch...nunja...gewandelt.

Schön, dass wenigstens einer der "alten Hasen" noch an Bord ist, hoffentlich bleibst du "uns" nochwas erhalten!
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Avatar Gaijin666
Gaijin666
#5 | 03. Sep 2012, 14:32
Schön. Wenn es doch nur bei mehr Leuten so gut laufen würde...

Weiter so!
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Avatar Locutus von Borg
Locutus von Borg
#6 | 03. Sep 2012, 14:34
Zitat von Thomas95:
Heikos Fachgebiet, Aufbauspiele, stirbt ja zurzeit leider aus. Finde aber seine Tests immer ganz aufschlussreich weil er von jedem Spiel die wahren Stärken raushaut und immer zeigt, was kein Spaß macht oder unpassend ist. Es lebe unser El Presidente.


es stirbt nichts aus....mal angenommen, es gibt für ein halbes jahr, oder ein jahr kein einziges neues spiel in diesem bereich, dann entsteht ein vakuum...das die entlickler als auch publisher sehen, somit werden dann viele neue spiele hervorkommen...es ist so wie mit fast jedem genre.
erst wird es halb tod geglaubt bis es ein revival erlebt. die einzige sorge die man sich dann amchen muss ist die quailität der spiele die das vakuum füllen wollen.
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Avatar Gman2448
Gman2448
#7 | 03. Sep 2012, 14:35
Ich versuche mir gerade das Bewerbungsgespräch bildlich vorzustellen. :-D
Ist schon seltsam wie sich die Zeiten geändert haben, ich glaube heutzutage würde man mit ner schlampigen Bewerbungsmappe nichtmal nen Job als Azubi in irgend ner drittklassigen Bürofirma kriegen.

Auch ich habe damals gegen Ende meiner Schullaufbahn überlegt mich einfach mal spontan zu bewerben, da Spieleredakteur eigentlich in meiner Jugend immer mein Traumberuf war. Leider war Deutsch nie wirklich mein Schokoladenfach und auch in Englisch wurde ich erst in der Kollegstufe richtig gut (ich vermute ja immer noch weil ich damals angefangen hatte vermehrt textlastige Rollenspiele auf englisch zu spielen). Meine wahre Stärke lag immer in den Naturwissenschaften.
Auch in der Erinnerung an meine erfolglosen Anfrage für ein Schülerpraktikum bei Gamestar in den Sommerferien habe ich es doch dann schlussendlich gelassen und mich für ein "vernünftiges" Studium eingeschrieben. Aber was wäre wohl gewesen wenn ich es damals auch gewagt hätte mit einer Bewerbungsmappe zu Gamestar zu marschieren und mit dem (ich glaube damals frisch ernannten) stellvertretenden Chefredakteur Michael Graf über Runtenstrategieklassiker und den besten Total War Teil zu philosophieren...
So sind Videospiele doch nur ein Hobby für mich geblieben, mit denen ich mit Gamestar zusammen viele schöne Stunden pro Woche verbringe und daher nichts bereue.

Heiko habe ich und schätze ich immer als Sportspielexperte, auch wenn er nach all dem was in dem Verein passiert ist, immer noch Wolfsburgfan ist. Seine Expertise in Fußballspielen hat dennoch nichts eingebüßt.
Auch über seine Artikel zu seinem zweiten Fachgebiet Aufbauspiele freue ich mich immer sehr, denn diese, vor allem Anno und Stronghold zählen (bei letzterem leider "zählten") ebenfalls zu meinen Lieblingsspielen.
Klar weiß ich auch, dass er auch andere Spiele testet (sonst wäre er ja auch wohl oft arbeitslos), doch dass die Preview von Jedi Academy von ihm kam wusste ich nichtmehr.
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Avatar Saebelschuetze86
Saebelschuetze86
#8 | 03. Sep 2012, 14:50
.....und mit einem leicht debilen Grinsen im Gesicht...

Also das hat der Gute ja heute noch drauf in den Gamestar Videos :)
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Avatar MetroLastNight
MetroLastNight
#9 | 03. Sep 2012, 14:57
Heiko is schon ein feiner Kerl xD

Ne im Ernst, ist wirklich schön zu lesen und macht fast schon etwas neidisch.. So'n cooles Leben hat auch nicht jeder. Weiter so!
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Avatar Lehtis
Lehtis
#10 | 03. Sep 2012, 15:01
Heiko ist echt ein super Redakteur. Der Text hier war echt super zu lesen. Ich hoffe er bleibt noch lange der Gamestar/Making Games treu.

Da bleibt eigentlich nur mehr eine Frage: Können wir endlich Heiko's Rohr anfassen?
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