Zum Thema Battlefield 1 ab 16,99 € bei Amazon.de Battlefield 1 für 49,99 € bei GamesPlanet.com Nachdem es auf der E3 2016 endlich komplette Multiplayer-Partien zu Battlefield 1 zu sehen gab, lese ich auf Youtube, Facebook, reddit und Co. gefühlt in jedem fünften User-Kommentar, wie unrealistisch die gezeigten Weltkriegsschlachten seien. Und ich frage mich immer mehr: Was zum Geier haben die Fans denn erwartet?

Ich kann es mir nur so erklären: Der Erste Weltkrieg ist als Szenario quasi brandneu und hat viele dazu bewogen, sich über diesen vergleichsweise (und unverdientermaßen) unbekannten Krieg zu informieren. Hätte DICE die Grabenkämpfe authentisch umgesetzt, würde aber wohl kaum echter Spielspaß aufkommen.

Viele Spieler bemängeln im Speziellen die hohe Anzahl an Halb- und vor allem vollautomatischen Waffen (wie der allgegenwärtigen MP18) in der Alpha-Version, die beim EA Play-Event gespielt wurde. Außerdem seien die Fahrzeuge, allen voran die Panzer, im Vergleich zu ihren realen Vorbildern aus dem Ersten Weltkrieg viel zu schnell und wendig unterwegs.

Tatsächlich entsprechen die Spielszenen aus Battlefield 1 kaum dem, was sich im Ersten Weltkrieg tatsächlich ereignet hat. Viele der Waffen aus Battlefield 1 wurden erst gegen Ende des Krieges fertig entwickelt, waren noch in der Erprobungsphase oder wurden nur in sehr geringen Stückzahlen produziert. Auch die Panzer waren weder so flott, noch so zahlreich, wie im Spiel. Die Bewaffnung eines durchschnittlichen Soldaten beschränkte sich meist auf genau ein Repetiergewehr - daher fordern viele Spieler einen stärkeren Fokus auf diese Waffengattung und weniger auf Maschinengewehre oder -pistolen, die erst gegen Ende des Krieges zum Einsatz kamen.

Mangelnder Realismus in Battlefield 1 : Der Autor
Als Community-Manager beschäftigt sich Phil häufig mit User-Kommentaren unter Videos oder Artikeln. Im Fall von Battlefield 1 wunderte ihn, wie stark und wie häufig historische Ungenauigkeiten von den Spielern hervorgehoben und kritisiert wurden.
Phil hat bislang jeden Battlefield-Teil bis zum Umfallen gespielt und vor allem Battlefield 1942 besonders in Herz geschlossen. Über mangelnden Realismus hat er sich bisher allerdings nicht beschwert - denn wenn er den will, stürzt er sich in eine Partie Red Orchestra 2.

Ist der allgemeine Vorwurf also berechtigt, dass sich Battlefield 1 vor allem bei Waffen und Ausrüstung nicht an historisch Fakten hält? Absolut. Ist er im Serienkontext wirklich fair? Ich finde nicht. Denn Battlefield 1 nimmt sich damit letzten Endes nicht mehr Freiraum, als seine Vorgänger. Fast jeder Battlefield-Teil bietet zahlreiche Waffen und Fahrzeuge, die niemals in einer zeitgenössischen Armee eingesetzt wurden und höchstwahrscheinlich auch nie werden.

Vorschau von der E3: Unsere erste Runde Conquest in Battlefield 1

Beispiele gefällig? Moderne Soldaten, die mit Giftpfeilen und Bogen ins Gefecht ziehen, wie es mit dem Phantom in Battlefield 4 möglich ist, klingen kaum plausibel. Der Mateba aus Battlefield 4 ist eine äußerst seltene Mischung aus Revolver und Halbautomatik-Pistole für den Zivilmarkt, die eher bei reichen Sammlern zu finden sein wird, als beim Militär und nie zur Dienstausrüstung irgendeiner Einheit gehörte. Gleiches gilt für die Magpul PDW-R, eine experimentelle Maschinenpistole, die noch im frühen Prototypen-Stadium steckt - in Battlefield 4 aber von jeder Soldatenklasse eingesetzt werden kann. In Battlefield 3 können Spieler mit der experimentellen Schrotfline Jackhammer losziehen, die aber tatsächlich nie in Massenproduktion ging und sogar seit Ende der 90er gar nicht mehr gebaut wird.

Gleiches Bild bei den Battlefield-Teilen mit historischem Setting: Die Standard-Waffe der US-Assault-Klasse in Battlefield 1942 ist die Browning Automatic Rifle (kurz BAR), die im 2. Weltkrieg jedoch nur von einigen speziell ausgebildeten Soldaten genutzt wurde und nicht zur Standard-Ausrüstung jedes GIs gehörte. Tatsächlich kam nur auf circa jeden fünften US-Soldaten eine vollautomatische Waffe.

Gleiches gilt für die Assault-Klasse auf Seiten der Deutschen: Hier war das StG 44 die Standard-Waffe, obwohl es tatsächlich erst vier Jahre nach Kriegsausbruch in Massenproduktion ging. Hier wären also ähnlich wie in Battlefield 1 viel eher Waffen wie das M1 Garand oder das Kar98 die authentischere Wahl gewesen. Ganz zu schweigen von den Huey-Hubschraubern in Battlefield Vietnam, die Kanonenboote und Panzer quer über die Map fliegen konnten, wozu sie in der Realität nicht in der Lage gewesen wären. Und, und, und... ich könnte noch Dutzende weitere Beispiele nennen.

Kurzum: Ja, Battlefield 1 mag sich nicht akkurat an historische Gegebenheiten halten. Aber das ist durchaus im Sinne der Serie, denn es sorgt schlichtweg für mehr Spaß und spielerische Abwechslung. Man stelle sich vor, Battlefield 4 orientiere sich bei der Waffenwahl akkurat an einem fiktiven gegenwärtigen Konflikt zwischen Russland und den USA, dann würden alle Spieler mit einer M16- oder einer AK-Variante herumlaufen. In Battlefield 1 hätte jeder Kämpfer ausschließlich ein Repetiergewehr und keinerlei spielerisch spannende Gadgets wie Sprengstoff oder Zielfernrohre dabei. Wie soll sich so ein Soldat nun gegen ein anrückendes Fahrzeug wehren? Wozu dann die dynamische Zerstörung auf den Schlachtfeldern? DICE selbst hat bezüglich Battlefield 1 stets betont, dass die Spielbarkeit bei allen Designentscheidungen im Vordergrund steht, will heißen: Gameplay kommt vor Realismus.

Und das ist auch gut so. Battlefield hat sich nie als Simulation verstanden und war in diesem Sinne auch nie »realistisch«. Die Ausrüstung und die Vehikel passten zwar immer in den jeweiligen Kontext, mehr aber auch nicht. Battlefield-Spieler erwarten eben auch ein Battlefield-Spielgefühl und keine knallharte Geschichtsstunde zum Nachspielen. Denn wer danach sucht, ist wohl mit Titeln wie ARMA, Red Orchestra oder Verdun weitaus besser beraten.

Battlefield 1
Vorallem durch tolle Lichtstimmung und spektakuläre Panoramen setzt Battlefield 1 grafisch Maßstäbe.