Zum Thema » Stardew Valley Ein Bauernhof wird zum Steam-Topseller Wie definiert ein Spiele-Entwickler Erfolg? Sind es hohe Wertungen? Zufriedene Fans? Oder doch eher die nackten Verkaufszahlen? Letzteres ist wirtschaftlich gesehen der wichtigste Indikator für Erfolg.

Aber es gibt noch ein weiteres deutliches Indiz dafür, dass ein Spielkonzept mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit einen Nerv trifft: Nämlich wenn 99% von derzeit über 4.400 Bewertungen auf Steam positiv ausfallen.

Eines der derzeit bestbewerteten Spiele auf Steam kommt von Entwickler Wube Software aus Tschechien. Und heißt Factorio. Aber... Moment mal: Wie schaut das denn aus?

Matschbraune Pixelgrafik, spärliche Animationen, Menüs so sexy wie Buchhaltungs-Software. Warum zur Hölle soll das irgendjemand spielen wollen? Gehen wir dem Phänomen doch mal »kurz« auf den Grund!

30 Stunden später fällt uns ein, dass wir ja eigentlich noch einen Artikel zu Factorio schreiben müssen. Und ein Video machen. Aber eigentlich wollen wir nur weiterspielen...

Factorio : Unsere kleine Fabrik: Noch ist sie ruhig und beschaulich, will aber mal eine riesige, automatisierte Anlage werden. Unsere kleine Fabrik: Noch ist sie ruhig und beschaulich, will aber mal eine riesige, automatisierte Anlage werden.

Allein unter Aliens

Factorio : Ohne Strom geht nicht viel: Dampfmaschinen erzeugen Elektrizität, das Wasser müssen wir dafür aber erst pumpen und dann aufheizen. Ohne Strom geht nicht viel: Dampfmaschinen erzeugen Elektrizität, das Wasser müssen wir dafür aber erst pumpen und dann aufheizen. Die Geschichte, die wir in Factorio erleben ist so simpel wie effektiv: Unser kleines Männchen ist blöderweise auf einem fremden Planeten abgestürzt. Darauf leben hässliche Aliens, die hässliche Dinge mit uns vorhaben.

Wir sehen unseren Charakter in 2D und können ihn mit den WASD-Tasten über die zufällige generierte Planetenoberfläche steuern. Neben einer rudimentären Bewaffnung (Pistole und etwas Munition) haben wir ein bisschen Material im Inventar. Und was machen wir jetzt hier?

Entweder wir spielen das Tutorial - Pardon! - die Kampagne und folgen dieser Story ein bisschen. Oder wir legen die Bedingungen für eine zufällig generierte Endlosspiel-Karte fast und basteln einfach drauflos. Ähnlich wie in Minecraft wird die Welt dabei immer weiter prozedural generiert, je mehr wir erkunden.

Unser übergreifendes Spielziel ist es, die Raketentechnologie zu entwickeln, um damit wieder von dem Planeten runter zu kommen. Mit bloßen Händen wird das naturgemäß etwas schwierig, zumal wir nicht nur Raketen basteln, sondern uns parallel auch noch gegen die zunehmend aggressive Alien-Nachbarschaft verteidigen müssen. Zum Glück haben wir aber ein paar Baupläne für Maschinen im Gepäck - immerhin ein Anfang.

Produktion³

Factorio : Grundlegende Ressourcenverarbeitung: Eisen, Kupfer und Kohle gehören anfangs zu den wichtigsten Materialien. Grundlegende Ressourcenverarbeitung: Eisen, Kupfer und Kohle gehören anfangs zu den wichtigsten Materialien. Überall auf dem Planeten sind Ressourcenfelder für Stein, Kohle, Eisen oder Kupfer verteilt, die uns wohlig an Strategieklassiker wie Age of Empires oder Empire Earth erinnern. Doch statt langwierig selbst mit der Spitzhacke die Ressourcen aus dem Boden zu kratzen, bauen wir lieber Maschinen, die die Drecksarbeit für uns erledigen.

Zu Partiebeginn lassen wir etwa kohlebetriebene Bohrer auf den Feldern ackern, bei denen wir regelmäßig Brennstoff nachfüllen müssen. Während einige Baupläne direkt mit den Grundressourcen ausgeführt werden können, brauchen wir schon kurze Zeit später für komplexere Zutaten wie Eisenplatten weitere Maschinen - etwa einen Ofen, der aus Stein besteht. Der klitzekleine Anfang von schier wahnsinnigen Produktionsketten, die uns später Robotertechnik, Züge und tödliche High-Tech-Verteidigungsanlagen ermöglichen.

Factorio : Der Erzföderer baut Kohle ab und legt sie direkt auf dem Fließband ab.

Kohleförderung
Der Erzföderer baut Kohle ab und legt sie direkt auf dem Fließband ab.

Automation, Baby!

Damit wir nicht ständig irgendwelche Maschinen befüllen müssen und das Spiel zu repetitivem Materialschleppen verkommt, ist der eigentliche Sinn von Factorio, alle Produktionsvorgänge weitestmöglich zu automatisieren. Das erinnert uns sowohl an die Automation in Minecraft als auch an die Warenrouten und Herstellungsketten des großartigen Transport Tycoon.

Nehmen wir als »einfaches« Beispiel die Herstellung von Munition für unsere Waffen: Munition benötigt zwei Eisenplatten für die Herstellung. Wir bauen also einen Eisenerzförderer. Der verlangt wiederum Kohle als Brennstoff. Die lassen wir von einem Kohleförderer auf ein Fließband spucken. Ein Greifarm holt die Kohle vom Fließband und packt sie in den Eisenförderer, der nun anfängt zu arbeiten.

Factorio : Ohne Strom geht nicht viel: Dampfmaschinen erzeugen Elektrizität, das Wasser müssen wir dafür aber erst pumpen und dann aufheizen. Ohne Strom geht nicht viel: Dampfmaschinen erzeugen Elektrizität, das Wasser müssen wir dafür aber erst pumpen und dann aufheizen.

Das Roheisen lassen wir auf ein neues Fließband legen, von wo es durch einen anderen Greifarm in einen Ofen gepackt wird, um die Eisenplatten zu brennen. Die Kohle für den Brennvorgang holen wir uns ebenfalls per Greifarm vom ersten Fließband.

Die fertigen Eisenplatten liefern wir über ein weiteres Fließbandsystem samt Greifarmen an eine Montagemaschine, der wir das Handwerksrezept für Munition zuweisen. Die fertige Munition packt ein Greifarm schließlich in eine Kiste.

Klar soweit? Und das ist nur die Spitze des Automations-Eisbergs!

Feintuning? Logisch!

Factorio : In dem derzeit noch unübersichtlichen Technologiebaum erforschen wir neue Hilfsmittel wie Autos oder Züge. In dem derzeit noch unübersichtlichen Technologiebaum erforschen wir neue Hilfsmittel wie Autos oder Züge. Unsere erste Fabrik wurde bald ein Opfer totaler Unübersichtlichkeit. Wir hatten auf zu engem Raum zu viele Dinge angefangen. Etwa die Forschung, die uns neue, komplexere Technologien freischaltet.

Oder unsere Verteidigungsanlagen gegen die Aliens, die automatisch mit Munition versorgt werden wollen. Und der Ressourcenfluss darf währenddessen natürlich ebenfalls nicht abreißen.

Also haben wir eine neue Fabrik begonnen und direkt angefangen, vorauszudenken und zu optimieren. Wenn wir Kupfer und Eisen auf einem zentralen Fließband laufen lassen, können wir rechts und links Produktionen ansiedeln, die diese Grundstoffe benötigen. Wir lassen Fließbänder unterirdisch kreuzen, steigern unsere Stromproduktion um bessere, kohleunabhängige Maschinen zu verwenden.

Factorio : Forschung ist die halbe Miete: In diesen Kuppeln werden weiterführende Technologien erforscht. Forschung ist die halbe Miete: In diesen Kuppeln werden weiterführende Technologien erforscht.

Schnellere Greifarme und schnellere Fließbändern beschleunigen unseren In- und Output von Rohstoffen. Und wenn wir Eisen und Kupfer von weiter entfernten Ressourcenfeldern holen wollen, dann erforschen und bauen wir Züge, die wir sogar zeitlich präzise takten können.

Und was machen wir, wenn mal mehr Grundmaterialien produziert werden, als unsere Fabriken überhaupt verarbeiten können? Dann geht's mit der hohen Schule der Logikschaltungen weiter.

Wir bauen mit Hilfe von Kabeln und sogenannten Kombinatoren ganze Logikschaltkreise auf, die einen Produktionskreislauf nur unter bestimmten Bedingungen in Gang setzen - oder eben unterbrechen.

Factorio : Dieses Auto kommt neben einem ordentlichen Inventar mit einem aufmontierten Maschinengewehr aus der Produktion. Dieses Auto kommt neben einem ordentlichen Inventar mit einem aufmontierten Maschinengewehr aus der Produktion.

Die reine Komplexität der Optimierungsmöglichkeiten bietet kreativen Tüftlern ein riesiges Füllhorn an Motivation. Hier noch einen Produktionskreislauf auf einer kleineren Fläche realisieren, dort noch ein paar Werte verändern, um zu jeder Spielsekunde die bestmögliche Ressourcennutzung für unsere Fabrik zu erreichen.

Irgendwas gibt es immer zu optimieren, zumal wir auch unsere aggressiven Nachbarn im Blick behalten müssen. Denn je mehr unsere Fabrik wächst und gedeiht, desto größer wird die Gefahr durch Aliens!

Ein Hauch Command & Conquer

Factorio : Mit Geschütztürmen und Mauern à la Command & Conquer sichern wir unsere Basis. Mit Geschütztürmen und Mauern à la Command & Conquer sichern wir unsere Basis. Immer wieder bekommen wir ungebetenen Besuch von unseren außerirdischen Mitbewohnern, und dann nützt die effizienteste Fabrikanlage herzlich wenig, wenn sie nicht auch von ausgeklügelten Verteidigungsanlagen geschützt wird.

Wer an Command & Conquer oder Stronghold vor allem das Errichten eines echten Basisbollwerks geschätzt hat, findet hier sein Einigel-Eldorado mit unzähligen abwehrtaktischen Winkelzügen.

Der Clou an der Sache: Je mehr Außerirdische wir töten, desto weiter entwickeln sie sich die jeweiligen Spezies. Ihre Nester werden größer, sie produzieren mehr und kampfstärkere Widersacher.

Das Wettrüsten beginnt: Wir setzen uns mit einem Panzer zur Wehr, erforschen immer durchschlagskräftigere Munitions- und Geschützvarianten und ziehen natürlich kilometerweise dicke Mauern um unsere Anlagen.

Factorio : Shooter-Einlagen gefällig? Die Aliens wollen uns vernichten – also kommen wir ihnen zuvor. Aber Achtung: Die Viecher mutieren! Shooter-Einlagen gefällig? Die Aliens wollen uns vernichten – also kommen wir ihnen zuvor. Aber Achtung: Die Viecher mutieren!

Gut geölte Motivationsmaschine

Die große Leistung von Factorio ist, wie intuitiv hier ein Fabrikrädchen ins andere greift. Dank der Tutorial-Kampagne fällt der Einstieg erstaunlich leicht, wir wachsen und lernen im Gleichschritt mit unseren Aufgaben, weil sich nahezu alle Zusammenhänge logisch herleiten lassen.

Mit zwei kleinen Ausnahmen: Wie die logischen Netzwerke funktionieren, mussten wir uns mühevoll durch Wiki-Einträge und Forenpostings zusammenreimen. Und auch der Technologiebaum ist derzeit noch ein völlig unübersichtlicher Icon-Dschungel.

Factorio : Die hohe Kunst der Logistiksteuerung: Wir können logische Schaltkreise programmieren um Just-in-Time-Produktionen zu ermöglichen. Die hohe Kunst der Logistiksteuerung: Wir können logische Schaltkreise programmieren um Just-in-Time-Produktionen zu ermöglichen.

Dafür sind der Komplexität nach oben hin kaum Grenzen gesetzt, in keinem anderen klassischen Aufbauspiel-Strategiespiel – egal ob Anno, Sim City oder Die Siedler – können sich Bastler und Tüftler derart kreativ austoben.

Dabei ist das Spiel noch lange nicht fertig, unter anderem kommt demnächst ein richtiger, übersichtlicher Technologiebaum. Weitere Inhalte, Balancing-Optimierungen und noch mehr Möglichkeiten für Fabrik-Setups warten schon in der Produktions-Pipeline.

Dabei legen die Entwickler großen Wert auf das Feedback der Community. Eine deutsche Übersetzung ist ebenfalls mit am Start. Sehr vorbildlich für solch ein verhältnismäßig kleines Indie-Projekt!

Schönheit auf den zweiten Blick

Wer schon einmal eine richtig große Fabrik in Factorio gebaut hat, der weiß um die hypnotische Wirkung der wuseligen Labyrinthe aus Fließbändern, Greifarmen und Roboter-Drohnen. Die zweckmäßige Technik ist natürlich weit entfernt von aktueller Grafik, trotzdem schauen wir gern zu und entdecken dabei tonnenweise liebevolle Details.

Überall finden sich coole Animationen, was unsere Fabrik eben nicht kalt und starr wirken lässt, sondern fast schon lebendig. Und je mehr wir unsere Fabrik automatisieren, desto mehr Eigenleben entwickelt sie, desto mehr identifizieren wir uns mit unserem Werk und desto verbissener verteidigen wir unser Baby gegen die Aliens.

Ja, Factorio schafft es tatsächlich, dass wir eine Fabrik als unser Baby bezeichnen. Kein Wunder, dass wir uns nur schwer davon losreißen können.

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Factorio
Ein kleiner Frachtumschlagplatz: Die Greifarme entladen mit Höchstgeschwindigkeit den Güterzug.