Das 120-Euro-Smartphone stirbt aus – und es kommt nicht mehr zurück

Die Speicherkrise wird vorübergehen, doch 230 Millionen Budget-Smartphones pro Jahr kehren damit nicht zurück. Für die Hersteller ist der Komponentenmangel die ideale Gelegenheit, die Einsteigerklasse endgültig abzuwickeln.

Die Speicherkrise könnte das langfristige Ende der Smartphones unter 200 Euro einläuten. (Bildquelle: XatakaMagnific) Die Speicherkrise könnte das langfristige Ende der Smartphones unter 200 Euro einläuten. (Bildquelle: Xataka/Magnific)

Die weltweiten Smartphone-Verkäufe sind im dritten Quartal 2026 im Jahresvergleich um 20 Prozent eingebrochen, wie Counterpoint berichtet. Es ist das schwächste dritte Quartal seit 2012. Weil sich DRAM und NAND massiv verteuert haben, kletterten die Gerätepreise im bisherigen Jahresverlauf bereits um 20 Prozent nach oben.

Und obwohl sich das Ganze schon seit Monaten abzeichnet, birgt die Prognose der Analysten die eigentliche Hiobsbotschaft: Wenn die Krise überstanden ist, wird sich das Einsteigersegment nicht wieder erholen.

Dieser Artikel stammt im Original von unserer spanischen Schwesterseite Xataka und erscheint bei GameStar Tech in übersetzter und angepasster Form.

Warum das wichtig ist: Der Speichermangel wiegt schwer, geht aber irgendwann vorüber. Das eigentliche Problem ist, dass er den Herstellern einen bequemen Vorwand liefert, um einen Schritt ohne Wiederkehr zu gehen: das endgültige Aus für wirklich günstige Smartphones.

Die Zahlen: Im Jahr 2030 werden voraussichtlich rund 1,2 Milliarden Smartphones verkauft – fast genauso viele wie 2025. Der Markt wird sich also stabilisieren, allerdings mit einer völlig veränderten Verteilung:

  • Bei Smartphones unter 200 Dollar wird der Absatz um 40 Prozent sinken. Das entspricht mehr als 230 Millionen weniger Geräten pro Jahr.
  • Bei Geräten im Wert von 200 US-Dollar oder mehr wird der Absatz um 26 Prozent steigen.

Counterpoint prophezeit einen deutlichen Rückgang von Smartphones unter 200 Euro. (Bildquelle: Cointerpoint) Counterpoint prophezeit einen deutlichen Rückgang von Smartphones unter 200 Euro. (Bildquelle: Cointerpoint)

Die Spurensuche: Würden diejenigen, die bisher zu einem Smartphone für 150 Euro gegriffen haben, künftig einfach 300 Euro ausgeben, müsste die Mittelklasse boomen. Doch dieser Bereich stagniert. Nur ein Teil der Kundschaft wandert nach oben ab. Der Rest nutzt das bestehende Gerät einfach länger, kauft Refurbished-Hardware oder hat in einigen Regionen schlicht gar kein Smartphone mehr.

Zwischen den Zeilen: Die Hersteller leiden zwar unter den Engpässen, nutzen die Lage aber auch gezielt zu ihrem Vorteil:

  • Xiaomis Marktanteil ist nach der Reduzierung seiner Angebote im Niedrigpreis- und Zweitmarkt um mehr als 30 Prozent gesunken. Seit einiger Zeit konzentriert sich das Unternehmen auf das High-End-Segment : die 18er-Serie, faltbare Smartphones und den hauseigenen XRING-O3-Chip. Das Budget-Smartphone blieb aus Gewohnheit im Angebot. Nun hat Xiaomi einen Grund, es einzustellen.
  • Oppo hat seine Geschäftstätigkeit mit Realme und OnePlus zusammengeführt und verlagert die Lieferkette hin zu den margenstärkeren Modellen.

Counterpoint bringt es mit einem treffenden Euphemismus auf den Punkt: geringere Bereitschaft, eine »nicht-strategische« Präsenz aufrechtzuerhalten.

Blackview Wave 2C
Blackview Wave 2C
Android 16, Octa-Core, 5 Megapixel, austauschbarer Akku, mit TPU-Case und Netzteil
119 €79 €

Wer profitiert: Apple knackt in einem dritten Quartal erstmals die Marke von 20 Prozent Marktanteil und klettert auf 22 Prozent, obwohl der Konzern weniger iPhones verkauft hat als vor einem Jahr.

Weniger Absatz, aber mehr Gewicht: Eine Krise, die vor allem etablierte Premium-Anbieter belohnt, ist keineswegs neutral.

Die Hintergründe: Die Speichermodule, die im Budget-Segment fehlen, wandern direkt in KI-Rechenzentren, die dafür ungleich tiefere Taschen haben. Die Rechenleistung wandert geballt in die Cloud, auf Kosten derjenigen, die ohnehin über das geringste Budget verfügen.


Passend zum Thema: Getty ist der erste Traditionskonzern, der an KI scheitert: Wenn andere nicht daraus lernen, wird er nicht der letzte sein


Counterpoint warnt selbst davor, dass ohne bezahlbare Endgeräte der Schritt ins mobile Internet für Menschen in finanzschwächeren Regionen massiv ausgebremst wird. In den vergangenen 15 Jahren war das Smartphone immerhin der demokratischste Computer der Menschheitsgeschichte.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, wann die RAM-Preise endlich sinken; dass das noch einige Jahre dauern wird, wissen wir bereits. Sie lautet vielmehr, ob überhaupt jemals wieder jemand ein Smartphone für 120 Euro bauen will. Wirtschaftliche Anreize gibt es dafür jedenfalls keine mehr.


Kommentare(0)
Kommentar-Regeln von GameStar
Bitte lies unsere Kommentar-Regeln, bevor Du einen Kommentar verfasst.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.