Hat Gaming etwas mit Verantwortung zu tun...??

Von TheRoadwarrior · 3. März 2019 · ·
Soziale Verantwortung...das Verhalten der Spieler...hat sich das Alles verändert?

Inwieweit sind Spiele therapeutisch nutzbar? Was lösen Spiele emotional aus?
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  1. Therapeutisches Gaming?

    Klar - die Überschrift ist provokativ. Jeder weiß, dass in unserem Hobby ein gewisser Grad an Verantwortung liegt. Wenn wir spielen. Wann wir spielen - und wann nicht. Verantwortung dafür, Jüngeren nicht alles zugänglich zu machen. Verantwortung soziale Kontakt nicht völlig schleifen zu lassen. Darüber hinaus gibt es aber noch "mehr" als diese offensichtlichen Punkte.

    Ich bin ja nun schon einer der "älteren" Spieler und habe auch durch meinen Job immer wieder die Diskussionen, inwieweit Gaming Hemmschwellen herabsetzt, kriminelle Handlungen begünstigt oder schlicht zur Abstumpfung der Leute beiträgt. Heute im Nachtdienst bin ich besonders damit konfrontiert, muss ich doch meinem geplanten Konzept zum Einsatz von Videospielen in der forensischen Therapie auch einen Abschnitt zu diesen Theorien widmen.

    Nun kennen wir im Grunde ja Alle die Vorurteile, die nicht zuletzt durch die reißerischen Berichte in diversen Boulevard-Medien geschürt werden. Sicher, es gibt nach wie vor keine fundierten wissenschaftlichen Abhandlungen über den Zusammenhang von Videospielen mit Gewalttaten vor allem jugendlichen Spieler. In der Vita eines Kriminellen Videospiele zu finden ist dann kaum eine Kunst, diese Form der Unterhaltung ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und kann deswegen in nahezu jeder Biografie gefunden werden. Genauso gut könnte ich das Essen von Brot oder das Fahren eines Autos mit Gewalt in Verbindung bringen - fast jeder hat damit zu tun.

    Für und wider...

    Leider ist es bei Konzepten die Krux, dass man allen Argumenten Raum lassen muss und entsprechend darauf eingehen sollte. Ein "Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis. Punkt." reicht mir als passionierter Spieler vollkommen aus, als Profi in der Psychiatrie brauche ich weitaus mehr als das. Ich mache mir jetzt seit Stunden Gedanken über meine Erfahrungen der letzten 2 oder 3 Jahre in Spielen, besonders in FIFA und nun aktuell in CoD 4 im Blackout-Modus. In Letzterem stelle ich schon fest, dass irgendwie gern mal schwere Beschimpfungen ausgestoßen werden, wenn man einen Spieler ausschaltet. Ich bin zumeist im 2er-Modus mit einem Krankenpflegeschüler unterwegs, der wie ich zeitweise im Personalwohnheim lebt. Was wir in diversen Sprachen beschimpft werden nach einem Kill geht auf keine Kuhhaut mehr - trotzdem ist man es ja eigentlich schon gewohnt, man wird ja in diversen Spielen bei denen kommuniziert werden kann mit Beleidigungen belegt.
    Was ich viel interessanter finde, ist die Entwicklung, dass gerne mal gedemütigt wird. Es wird nicht der finale Kill gesetzt, solange der Spieler wehrlos kniet...es wird getanzt und ähnliches Zeug gemacht, der Mann am Boden kann sich kaum wehren und Rettung durch den Partner ist eher selten möglich. Das ist jetzt nix wirklich Böses, aber es ist einfach kein Verhalten wie ich es mir wünschen würde.

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    GTA V - anerkannt gewalttätig, dabei aber deutlich überzeichnet, teilweise als Parodie erkennbar, oft zynisch.
    In den Medien wurde über kein Spiel mehr gesprochen bzw. geschrieben - "Let'sPlayer" flippen indes nur selten aus, während sie mit dem Spiel beschäftigt sind.


    Ich habe mir angewöhnt nach Siegen in Blackout - oder auch nach knappen Niederlagen ganz am Schluss - ein "good game, well played" zum Besten zu geben, schon weil das mit Respekt zu tun hat. Sieg oder Niederlage sind da erst Mal egal, der bzw. die letzten Gegner sind auch weit gekommen und haben entweder kurz vor Schluss die Segel streichen müssen oder aber eben den Sieg davon getragen, was man anerkennen sollte. Leider bekommt man nicht selten ein "Du Hurensohn" oder ähnlich nette Komplimente zu hören...oder zumindest Beschwerden, weil man doch eine Granate benutzt habe, ohne die man es sonst NIE geschafft hätte...

    Lustig oder eher pathologisch?

    Was ich aber wirklich richtig krass finde und was leider ein echtes Argument GEGEN mein Konzept ist, ist das Verhalten diverser FIFA-Spieler. Es ist so, dass ich wenn ich Patienten spielen lassen will ohnehin nur Renn- oder Sportspiele einsetzen könnte. Einen Straftäter mir evtl. Körperverletzungsdelikten und diversen Verstößen im Suchtmittelbereich biete ich sicher kein GTA an.
    Nun gibt es in FIFA uferlos viele Streamer. Nicht Wenige dieser Jungs sind wenn sie spielen ständig am Schimpfen, am Fluchen und am Herumschlagen. Ob das der (sehr lustige) Italiener "IlMasseo" ist oder eine breite Masse an deutschen Spielern, die man auch in vielen FIFA-Rage-Videos bewundern kann, es ist der Wahnsinn, wie die Burschen ausflippen sind. Dass ein bekannter Streamer sich derart daneben benehmen kann und dennoch "gefeiert" wird, obwohl er offensichtlich seine Gegner wüst beleidigt und ein ziemlich schlechter Verlierer ist, ist irgendwie ein komischer Zustand. Man hört in kaum einem Spiel mal so was wie "Wow, das hat er gut gemacht." über den Gegner. Es ist immer "Luck", Zufall oder der Gegner spielt halt einfach uncool und nur deswegen schafft er das.

    Selbsterfahrungen...

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    FIFA 19 - vordergründig ein harmloses Sportspiel, friedlich und auch für mein Therapiekonzept geeignet.
    Auf den zweiten Blick lösen nur wenige Spiele derart emotionale oder gar aggressive Reaktionen aus - zu beobachten in diversen YouTube-Videos mit Schreien, Beschimpfungen und körperlichen Ausbrüchen.


    Ich kenne die Situation privat auch sehr gut. Ein sehr guter Freund von mir balgt sich nun seit 5 Jahren in FIFA mit mir. 80% der Spiele gewinne ich in etwa, 10% er - der Rest endet remis. Mal ist es mein Überstürmer (Suarez), der seiner Meinung nach zu krasse Werte hat (er hat Ronaldo im Team), mal ist das Spiel mies programmiert, mal stimmt das Verhalten der KI nicht...meistens habe ich aber einfach nur mehr Glück als er usw.
    Vieles von dem was mein Buddy da im Frust sagt kann ich sehr gut verstehen. FIFA ist in vielen Dingen merkwürdig programmiert, die KI ist teilweise vogelwild und generell hat er mit seiner Spielweise einfach nicht viel Glück. Aber FIFA ist für jeden User gleich - ich muss mit der gleichen KI arbeiten wie er. Solche Sachen schaden unserer Freundschaft nicht, sie helfen mir aber eine gewisse Entwicklung zu erkennen, die ich schade finde. Es gönnt keiner dem Anderen mehr etwas. Ich weiß nicht, ich spiele nach dem Spätdienst, um runter zu kommen, um entspannt mit meinen Freunden zu plaudern oder um einfach ein bisschen berieselt zu werden. Ich kann auch schlechte Laune kriegen, wenn ich online nur auf den Sack kriege. Aber ich bin noch nie auf die Idee gekommen, mein Joypad an die Wand zu pfeffern, herum zu plärren oder jemanden zu beschimpfen. Ich wechsle halt im Fall der Fälle das Spiel, zocke Singleplayer oder wende mich dem realen Leben zu.

    Emotionale Abhängigkeit...

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    CoD Black Ops 4 - Black Out...Shooter..."Survival" im Battle Royale...und vor allen Dingen ein soziales Experiment. In kaum einem Spiel zeigt sich der "Charakter" der Gamer deutlicher als in Spielen, in denen man einen Gegner auch mal "laufen lassen" kann. Nur zum Ende hin ist man wirklich gezwungen, in die Konfrontation zu gehen. Defensiv...offensiv...vorsichtig...das Risiko suchend...es gibt viele Facetten.

    Was mich daran interessiert und auch ein wenig fasziniert ist der Hintergrund dieser Dinge. Was passiert in den Leuten in dem Moment, in dem sie derart cholerisch werden? Was ist der Hintergrund für eine derart emotionale Reaktion auf etwas so Banales wie ein Public Match in irgendeinem Online-Spiel? Ich liebe Spiele, wirklich. Ich gebe sehr viel Geld aus für das Hobby, ich pflege meine Hardware und argumentative "Angriffe" auf uns Gamer nehme ich durchaus "persönlich" und versuche zu überzeugen. Dennoch gibt es für mich eine Art Grenze, über die hinaus ich nicht empfinden kann für Dinge wie ein Spiel. Ich verstehe Menschen nicht, denen ein Raid wichtiger ist als Zeit mit Freunden beim Grillen. Ich verstehe Menschen nicht, die sich von einem "Charakter" in einem Spiel nicht trennen können und deswegen seit 12 Jahren WoW spielen, weil halt soviel Zeit drin steckt. Neulich sagt eine Freundin zu mir, sie habe auf ihr MMO gar keinen Bock mehr seit 2 Jahren, aber die Leute in der Gilde seien halt ihre Freunde und das wäre der Grund es weiter zu spielen. Die Gute ist seit Jahren ohne Job und besitzt keinerlei Vortrieb, um daran etwas zu ändern. Es ist dieser Punkt, an dem ich die Verantwortung beim Gaming sehe. Ich selbst habe zu Zeiten von WoW Vanilla selbst keinen Bock gehabt zu arbeiten, ich wollte 15 - 18 Stunden am Tag WoW spielen, sonst hat mich nichts interessiert. Selbst meine Freundin war mir mehr oder weniger egal, sie spielte halt auch mit, damit sie Zeit mit mir verbringen konnte. Nach auf den Tag genau einem Jahr wurde mir klar, dass was richtig falsch läuft, ich habe die Gilde mit 200 Mitgliedern per /disband aufgelöst und das Spiel nie wieder angefasst. Ein paar Stunden lang dachte ich, ich müsse sterben, mein Leben sei vorbei und sinnlos und es gäbe absolut Nichts, was mich aufheitern könnte.

    Am Ende steht eine Selbsterkenntnis...

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    World of Warcraft - der Klassiker unter den MMOs, das Paradebeispiel für das emotionale Binden von Zockern an ein Spiel, meistgenannt im Zusammenhang mit Sucht in Bezug auf Computerspiele. Hier habe ich zum ersten Mal eigene, sehr intensive Erfahrung gesammelt was "Entzug" angeht und generell den Verlust eines "gesunden" Augenmaßes im Verhältnis zum realen Leben. "Ich kann nicht mit in den Biergarten, heute Abend ist Raid..." und ähnliche Aussagen kenne ich nicht nur von Freunden und Bekannten, sondern auch durch mich selbst.

    Heute - durch meinen Beruf - weiß ich genau, was das damals war: Kalter Entzug. Es war die Reaktion eines Süchtigen auf die Tatsache, dass die Droge weg war. Vor Allem der Umstand, dass die Qual selbst gewählt war, war eine echte Prüfung für meinen Willen und meinen Charakter. Weiter viel zu zocken aber nie mehr so zu versumpfen ist seit damals mein Damokles-Schwert, wenn es um Gaming geht. Warhammer Online, RIFT und was weiß ich noch Alles waren dann nicht mehr in der Lage, mich zu gefährden. Meine Ehefrau hätte mich ohnehin ersäuft in der Wanne, wenn ich so was gebracht hätte.

    Was mich so überrascht hat in der letzten Zeit war die Tatsache, dass derart emotionale Reaktionen in Spielen zu beobachten sind, die keinen wirklichen Tiefgang im Sinne einer Charakterbindung besitzen. In einem Shooter erschossen zu werden ist in 2 Minuten zu beheben, dann steigt man neu ein. In FIFA zu verlieren ist ärgerlich, stellt aber keinen Verlust dar. Eine Ausnahme ist vielleicht FUT, wenn Geld im Spiel ist, mag der Ärger über Niederlagen deutlich höher sein. Trotzdem zeigt sich gerade in diesem harmlosen Sportspiel, wie viel Potential zum Auslösen massiver - auch negativer - Emotionen vorhanden ist.

    Heute jedenfalls war mein Blog-Beitrag eine Art Denkhilfe für die Konzeptarbeit, die ich nebenher leiste. Ein wirklich viel zu wenig erforschter und beachteter Punkt, zumindest was eine tiefsinnigere Betrachtung angeht: Gaming und damit verbundene Emotionen. Es geht für mich darum, was beim Spielen "passiert". Was die Spiele und vor Allem die entstehenden Emotionen bei meinen Mitspielern auslösen - egal ob Gegner oder Partner. Und noch mehr geht es mir am Ende meiner Gedanken nun darum, was diese Emotionen mit mir selbst machen. Denn hinter Konzepten muss man stehen können - und an dem Punkt ist es dann in der Tat eine wirkliche Verantwortung, die man trägt. Abgesehen von der Verantwortung die jeder Mensch trägt im sozialen Kontakt mit seinem Umfeld - für sich selbst und für die Anderen.

    Über den Autor

    TheRoadwarrior
    1975 auf die Welt losgelassen bekam ich 1981 von meinen Eltern zu Weihnachten ein Atari 2600 überreicht - seitdem nahm die Spirale ihren Lauf. Ich bin seit inzwischen fast 38 Jahren "ingame". Durch verschiedene Berufe, Beziehungen, eine Ehe, Wohnorte und Weltanschauungen hindurch waren in meinem Leben in den letzten 25 Jahren nur 3 Sachen konstant: Motorräder. Heavy Metal. Gaming.

Kommentare

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  1. Blutschinken
    FIFA ist doch harmlos.
    Spiel mal ne Runde Mario Party. Selbst wenn du explizit nicht versuchst gemein zu sein, wirst du irgendwann Hass ernten!

    Wobei das auch einfach nur menschlich ist. Der Rage in FIFA wohl auch. Es gibt Leute, für die "Verlieren" ein großes emotionales Problem darstellt. Andere juckt das kaum. Und dann gibt es noch unzählige Abstufungen. Und wenn man anonym im Internet ist, kann man dem Frust freien Lauf lassen - in diesem Fall unterscheidet sich FIFA nicht von Twitter.

    Diese Leute währen aber wohl auch "schlechte Verlierer" beim Skat oder Tennis nur hält man sich da etwas mehr zurück, weil man nicht anonym ist. Genauso wie dein Kumpel, der bei dir nur ausreden bringt, aber allein womöglich im Dreieck springt, wenn er viel kassiert.

    Ich bin kein Psychologe, aber hinter dem "nicht verlieren können" steckt glaube ich noch eine tiefgreifendere Geschichte. Vielleicht kann das hier jemand vom Fach erklären. Mangelnde Empathie in Kombination mit wackeligem Selbstwertgefühl vielleicht?
      TheRoadwarrior gefällt das.
    1. TheRoadwarrior
      Dein letzter Satz fasst das ganze in "unprofessioneller" Ausdrucksweise ziemlich gut zusammen. Ich arbeite ja auf psychologischer Ebene mit Verhaltenstherapeuten zusammen, es geht ziemlich genau in diese Richtung bei vielen Betroffenen. Wobei natürlich der vorhandene oder nicht vorhandene Leidensdruck der Person darüber entscheidet, ob man sie überhaupt als "Betroffenen" bezeichnen kann. ;)
  2. Vainamoinen
    "Extrinsische Belohnungsschemata" heißt das auf gut deutsch, wenn die Belohnung nicht das Spielen selbst ist. Und der Fokus darauf durchdringt spätestens seit Einführung von "Achievements" die Industrie. Bei Multiplayer (sofern nicht Co-op) ist der Fokus noch stärker als in Single-Player-Spielen, was ein wesentlicher Grund ist, warum ich nie besonders viel Interesse an Multiplayer hatte.

    Aber auch bei Brettspielen suche ich nach kooperativen Erlebnissen lieber als nach kompetitiven. Ich meine, Trackmania hat in dem Moment seine Attraktivität für mich verloren, als es mehr und mehr Multiplayer wurde.

    Spiele haben heute erstaunliche Möglichkeiten, uns für 10-20 Stunden in die Schuhe anderer zu versetzen, und erzählen oftmals sogar Geschichten, in denen niemand ein gefühlloser Bösewicht ist.

    Diese Spiele eignen sich, da bin ich sicher, für deine Patienten noch besser als Racing. Du persönlich ziehst sicher andere Spiele vor, aber im Beruf muss man natürlich auch Opfer bringen. ;)

    Es war Ragnar Tørnquist, der vor einigen Jahren vergeblich versucht hat, den Begriff "social single player" zu prägen - also einen Spieler, der nicht allein vor Rechner oder Konsole sitzt, sondern mit Partner und Freunden. Und das kann ein wunderbares, verbindendes, kooperatives Erleben sein, bei dem niemand unter einem Leistungs- oder einem Siegesdruck steht.

    Nur so als Anregung. :)
      TheRoadwarrior gefällt das.
    1. TheRoadwarrior
      Ich finde Deinen Ansatz ziemlich interessant. Das "Problem" bei Rollenspielen, die mich ja in die Schuhe anderer versetzen, ist die fast immer einhergehende Gewaltanwendung, die ich ja vermeiden "muss". Der Witcher überzeugt seine Gegner leider nicht durch Argumente.

      Aber ich werd' auf jeden Fall auch von der Seite mal "randenken" jetzt.

      Vielen Dank :)
      Vainamoinen gefällt das.
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