Laßt uns mal wieder „Dreamweb“ spielen!

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  1. Um das Ende des Jahres 1994 bzw. Anfang 1995 veröffentlichte von Empire das vom Entwickler Creative Reality programmierte Spiel Dreamweb für den PC auf Diskette bzw. CD-ROM und den Amiga, sowohl für die alten Geräte, als auch für die neuen Modelle mit dem AGA-Chipsatz. Das Spiel, hauptsächlich programmiert von Neil Dodwell und David Dew, gehört ins Genre der Point’n’Click Adventure, besitzt allerdings eine für dieses Genre ungewöhnliche Perspektive. Wir blicken tatsächlich von oben auf das Geschehen, wobei nicht einmal der gesamte Bildschirm ausgefüllt wird. Der Rest des Bildschirmes besteht aus einer Leiste am oberen Bildschirmrand und einem Abbild des Protagonisten des Spieles Ryan, über das wir Zugriff auf das (beschränkte) Inventar haben. In der oberen Leiste versteckt sich das Menü zum Laden und Speichern, ein spezielles optionales Fenster mit Zoom, sowie die Uhrzeit im Spiel, sofern Ryan seine Armbanduhr trägt. Gesteuert wird das Spiel mit der Maus, wobei relativ häufig geklickt werden muß. Mit dem ersten Klick bewegt sich Ryan zu dem Gegenstand, den wir genauer untersuchen wollen, mit dem zweiten Klick erscheint ein Fenster, das den Gegenstand genauer beschreibt. Mit einem weiteren Klick können wir den Gegenstand nehmen oder ihn benutzen. Genauso verfahren wir, wenn wir mit einer Person sprechen wollen. Das klingt etwas umständlich, andere Adventure haben das damals schon besser gemacht. Mich persönlich hat es nach einer Weile aber nicht mehr gestört, die Stärken des Spieles liegen sowieso wo anders.

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    Im Schlafzimmer seiner Freundin Eden beginnt Ryans Abenteuer.

    Auch in der damaligen Presse kam das Spiel ganz gut an, es fuhr Wertungen zwischen ungefähr 75 und 85 Prozent ein. Nur die Wertung der PC Player fiel mit 66 % etwas schwächer aus, hauptsächlich wegen der etwas geringen Spielzeit. Von Dreamweb erfahren habe ich damals zwangsweise auch aus den damals von mir gelesen Zeitschriften, sprich der Power Play und der Amiga Games, eventuell auch die Play Time, das weiß ich aber nicht mehr so genau. Gespielt habe ich es damals aber nicht, es hat mich damals auch nie so richtig faszinierend, obwohl ich damals schon Adventure mochte. Keine Ahnung warum. Vielleicht lag es daran, daß ich damals noch ein paar andere Spiele auf der Rechnung hatte. Das Interesse an Dreamweb kam erst in letzter Zeit auf, auch durch die Beiträge von Lisa Duck aus dem Forum von Kultboy.com. Das laß sich alles so faszinierend, daß ich beschloß, mir die damaligen Tests nochmals anzuschauen und dann einfach mal selber Dreamweb nachzuholen, eine Entscheidung, die sich wirklich gelohnt hat.

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    Nach der erfolgreichen Beseitigung eines der Bösewichter landet Ryan im Dreamweb, wo er sich mit einem der sieben Wächter unterhält.

    Kommen wir zur Story. Dreamweb spielt wohl in der nahen Zukunft, zumindest in der nahen Zukunft des Jahres 1995. So gibt es noch Autos mit Verbrennungsmotoren, aber immerhin schon eine Art Internet, im Spiel einfach nur Netzwerk genannt, über das aktuelle Nachrichten und Wetterberichte gelesen werden können. Auch ein Mail-System gibt es und eine Art von Online-Banking. Daten können dabei auf sogenannte Steckkarten gespeichert werden. Was das Netzwerk nicht hat, ist eine GUI, also ein Graphic User Interface. Gesteuert wird es mit einer Handvoll, DOS-ähnlicher Befehle, wie LIST oder READ. Welche Befehle es gibt, findet man im Handbuch. Ort des Geschehens ist eine, nicht weiter genannte Großstadt, die wohl New York ist. Zumindest wird dies an einer Stelle durch die Lackierung der Polizeiautos erwähnt, zumindest in der deutschen Version. Held, oder besser gesagt, der Antiheld des Spieles ist Ryan, ein Barkeeper, der schon seit einiger Zeit von Alpträumen geplagt wird. Genaueres erfährt man in Ryans Tagebuch, das von Stephen Marley geschrieben wurde, und in gedruckter Form der Spielepackung beilag. Und dieses man unbedingt lesen sollte. In den Träumen erfährt Ryan, daß es ein Netz aus Träumen gibt, welches von sieben Menschen, sogenannten Wächter kontrolliert wird und welches die Kraft hat, sogar das reale Leben zu beeinflußen, mit potentiell katastrophalen Folgen. Dies machen die Wächter Ryan eines Nachts, die er bei seiner Freundin Eden verbringt, ziemlich deutlich klar, den Ryan ist der Auserwählte, der das Netz retten soll, vor den Mächten der Finsternis. Das Netz der Träume zu retten heißt im konkreten, sieben bestimmte Personen zu beseitigen, also zu töten. Nr. 1 hört dabei auf den Namen Crane.

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    Das "Netzwerk" ist eine Art Internet fürs Konto, Nachrichten und E-Mails, allerdings ohne grafische Benutzeroberfläche.

    Mit diesem Wissen wacht Ryan auf und wir Spieler übernehmen die Kontrolle. Was Ryan und wir nicht wissen ist, wer dieser Crane ist, wo er sich befindet und wo wir eine Waffe herbekommen. Das herauszufinden ist erstmals unsere erste Aufgabe, die wir adventuretypisch durch Gespräche mit NPCs und das aufmerksame Lesen von Informationen herausbekommen. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, aber das Netzwerk spielt dabei eine wichtige Rolle. Was Dreamweb erstmals sehr schwer erscheinen läßt, ist die Tatsache, daß es sehr viele Gegenstände im Spiel gibt, die eigentlich keine Rolle spielen. Bereits in Edens Wohnung gibt es mehr Gegenstände, als Plätze im Inventar. Das Spiel zwingt uns also, nur die Gegenstände einzusammeln, die wirklich relevant erscheinen. Edens Bluse und die Pillen gehören z.B. nicht dazu, genauso, wie Edens Zahnbürste. Erschwerend kommt hinzu, daß wir am Anfang keine Ahnung haben, was wir eigentlich tun sollen. Haben wir aber mal das Rätseldesign auch durchschaut, und uns auch erstmals in der Welt zurechtgefunden, wird es auch deutlich einfacher. Tatsächlich empfand ich die meisten Rätsel auch nicht als besonders schwer, abgesehen davon, daß einmal ein wichtiger Gegenstand von einem anderen verdeckt wurde. Zudem sind die Rätsel immer logisch und mit ein wenig Nachdenken auch lösbar. Teilweise hilft auch rohe Gewalt. Z.B. ist es vergebliche Mühe einen Weg zu suchen, sich in das Fernsehstudio zu schleichen, wenn man auch die Pistole nützen kann…

    Letzterer Satz deuten schon daraufhin, daß Dreamweb alles andere als ein Spiel für Kinder ist. Sex und Gewalt gehört zum Spiel dazu. Stellenweise ist es sogar ziemlich brutal und blutig. Ryan geht nicht gerade zimperlich vor, viele rote Pixel pflastern seinen Weg, manchmal auch der ein oder andere abgetrennte Arm. Da ist es nur fair, daß er auch an bestimmten Stellen das Zeitliche segnen kann, wenn wir nicht schnell genug eine bestimmte Handlung durchführen. Normalerweise ist es ja eher ein Kritikpunkt, wenn man in einem Adventure sterben kann, hier paßt es aber zum Szenario, auch wenn es natürlich ärgerlich ist, wenn man bestimmte Passagen nochmals spielen muß.

    Überhaupt das Szenario! So viele Fehler das Spiel und Ungereimtheiten in Sachen Steuerung und Design hat, so erstaunlich kurz das Spiel eigentlich ist, und so leicht man manche pixelgroßen Gegenstände gern man übersieht, so genial ist die Atmosphäre des Spieles. Dreamweb verbreitet eine düstere, deprimierende Stimmung einer Zukunft, die nicht gerade berauschend ist, unterstützt von einem eindrucksvollen Soundtrack, der für sich wenig spektakulär ist, aber halt perfekt zum Spiel paßt. Dazu paßt es auch, daß es im Spiel immer regnet, wenn Ryan auf der Straße unterwegs ist. So ein wenig halt, wie im Film Blade Runner. Anderseits ist das alles aber auch gehörig faszinierend und fesselnd. Nachdem ich erst einmal Zugang zum Spiel gefunden habe, konnte ich nicht eher ruhen, bis ich es gelöst hatte. Zudem ist Dreamweb erstaunlich konsequent in seiner Handlung und zieht es gnadenlos bis zum Ende durch, zu dem ich an dieser Stelle einfach mal gar nichts schreibe. Nur so viel, auch das Ende ist konsequenterweise genauso, wie es ist. Ein anderer Ausgang der Geschichte hätte auch überhaupt nicht gepaßt. Tatsächlich hat mich ein Ende eines Computerspieles, außer vielleicht Life is Strange, nie so sprachlos und nachdenklich zurückgelassen, wie Dreamweb.

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    Dieses Hotelzimmer mit Pool, muß nach Ryans Besuch definitiv gründlich gereinigt werden. Stellenweise ist Ryans Vorgehen ganz schön brutal.

    Dazu paßt auch, daß der Protagonist Ryan eigentlich ein typischer Versager ist, er flog von der Uni, wohnt in einer Bruchbude, trinkt zu viel, sein bester Freund ist ein Stubenhocker, und den schlechten Job, den er hat, verliert er auch noch. Dazu kommen psychische Probleme und Albträume. Nur seine Freundin, die ist eigentlich viel zu gut für ihn. Ryan ist damit einer der wenigen Antihelden, den man in einem Computerspiel spielt, aber damit halt auch ein interessanter Charakter, der zum Massenmörder wird, um die Welt zu retten… oder es zumindest glaubt. Es ist absurd, aber das Spiel schafft es Ryan so darzustellen, daß ich ihn nicht verteufeln kann, trotz seiner Taten. Stattdessen entwickelte ich tatsächlich so etwas wie Mitgefühl. Hier verweise ich nochmals auf das Tagebuch, das man unbedingt lesen sollte, wenn man sich intensiver mit dem Spiel beschäftigen will. Mal abgesehen, daß das Tagebuch auch die Lösung von zwei Rätsel enthält…

    Gamer verteidigen ihr Hobby meistens damit, daß Computer- und Videospiele Kunst sind. Nun, das mag stimmen, aber ich tue mir schwer irgendeinen künstlerischen Mehrwert in einem Battlefield, Call of Duty oder in einem FIFA zu entdecken (außer vielleicht die Kunst den Spielern das Geld aus der Tasche zu ziehen, aber das ist ein anderes Thema). Bei Dreamweb fällt es mir allerdings überhaupt nicht schwer. Dreamweb ist der beste Beweis, daß PC- und Videospiele mehr sein können, als reine Unterhaltung. Die veraltete Grafik war mir irgendwann egal. Nicht egal war mir, daß Story, Szenario, Charakterdesign und Musik perfekt ineinander greifen und im Zusammenspiel ein erzählerisches Meisterwerk erschaffen, daß man vielleicht sogar ein Kunstwerk bezeichnen kann (keine Ahnung, ich wage mich da nicht zu einer Aussage). Mein Fazit: Wer nicht gerade ohne moderner AAA-Grafik total unglücklich ist, spannende Geschichten und eine dichte Atmosphäre mag, sollte Dreamweb unbedingt mal spielen.

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    Nicht alle Toten im Spiel starben durch Ryans Hand. Die Explosion, welche dieses Haus zerstörte, hat jemand anderes zu verantworten.

    So, und wer jetzt Lust bekommen hat, Dreamweb zu spielen, sieht sich ein Problem gegenüber, denn das Spiel gibt es weder auf Steam, noch auf gog.com. Gefunden habe ich es aber auf der Homepage von ScummVM. Anscheinend ist, zumindest die PC-Version, mittlerweile Freeware. In dem zip-File fand ich auch die Anleitung und das Tagebuch, beides in Deutsch, wobei ich natürlich nur die deutsche CD-Version heruntergeladen habe, die übrigens auch eine anständig aufgenommene Sprachausgabe besitzt. Selbstverständlich läuft das Spiel ohne Probleme unter ScummVM.

    Kleiner Nachtrag: Mittlerweile sind ein paar Tage vergangen, seitdem ich Dreamweb durchgespielt habe, Zeit genug um das im Spiel erlebte etwas sacken zu lassen. Aber so richtig aus dem Kopf will mir das Spiel immer noch nicht. Okay, zugegeben, da hat auch dieser Blog-Beitrag eine gewisse Rolle gespielt. Aber unabhängig hiervon bleibe ich dabei, was ich weiter oben als Fazit geschrieben habe. Dreamweb ist mehr als ein Spiel, mehr als ein Stück reine Unterhaltung, es ist eine besondere Erfahrung. Die veraltete Grafik ist irgendwann egal, die kurze Spielzeit, kann man verzeihen. Aber die Atmosphäre und die Geschichte sind verdammt stark und beeindruckend.

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    Inhaltlich ist die Amiga-Version (AGA) natürlich gleich, auch grafisch gibt es kaum nennenswerte Unterschiede. Der größte Unterschied ist wohl das orangefarbene Netzwerk.

    Ich habe mir auch nicht nehmen lassen, in der Zwischenzeit die Amiga-Version durchzuspielen, wenn auch in der englischen AGA-Version. Die ist inhaltlich und spielerisch identisch, in Sachen Grafik und Sound der PC-Version sehr ähnlich. Nur die Sprachausgabe fehlt halt. Gleich ist die dichte Atmosphäre und die spannende Story. Ich rate aber trotzdem eher zur PC-Version, alleine schon wegen der Sprachausgabe.

    Zum Schluß noch eine Anmerkung: Zurzeit wird ja irgendwann fast jedes mehr oder weniger gute Spiel als Remaster, Remake oder was weiß ich neu veröffentlicht. Eigentlich sehe ich solche Neuauflagen eher kritisch, aber Dreamweb hätte ein Remake verdient. Also ein wirklich gutes natürlich. Tolles Spiel! Und unbedingt Ryans Tagebuch vorher lesen!

    Über den Autor

    Software-Pirat
    Irgendwann bekam der Software-Pirat mal einen NES zu Weihnachten geschenkt, obwohl er sich bislang für Video-Spiele nicht interessierte. Aber von da an ging es los. Später kam noch ein Amiga 500 ins Kinderzimmer, dann einen Amiga 1200. Ein PC gab es erst später. Seitdem gehören PC-Spiele zum Hobby des Software-Piraten.
    Misie Gaming gefällt das.

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