Mikrofon-Tuning: Störgeräusche latenzarm entfernen

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    Sei es beim Voice-Chat in Multiplayerspielen oder Videokonferenzen, nervige Mikrofonprobleme wie ein hörbares Rauschen, penetrantes Tastaturgehämmer oder zu leiser Ton plagen viele VoIP-Sitzungen. Dabei lässt sich das in Windows alles mit einfachen Mitteln auf praktisch jeder Hardware gratis und nahezu latenzfrei beheben. Selbst wenn ihr aktuell mit eurem Mikro zufrieden seid, dürfte euch das Ergebnis positiv überraschen. Habt ihr geräuschbelästigende Freunde, dann solltet ihr zumindest eure Ohren und Nerven schonen und ihnen diesen Guide vor den Mund halten. Wie sich alles Schritt für Schritt umsetzten lässt, erkläre ich euch in mehreren Abschnitten. Nach der kleinen Basiseinrichtung können alle restlichen Punkte nach den eigenen Vorzügen kombiniert werden.


    Übersicht

    Vorarbeit: Ausrichtung & Abhörung

    Per Software lässt sich vieles beheben, dennoch empfiehlt es sich, Probleme durch eine falsche Mikrofonpositionierung zu vermeiden. Bei den meisten Geräten sollte man nie direkt ins Membran sprechen. Stattdessen zielt ihr mit eurem Mundwerk leicht daneben, um Pop- und Atemgeräusche möglichst zu umgehen. Etwas Abstand sollte ohnehin eingehalten werden, dieser muss aber besonders zu anderen ungewollten Tonquellen wie der Tastatur beachtet werden. Optimalerweise herrscht eine Distanz von etwa 5 bis 20 Zentimeter zwischen Lippen und Mikro.

    Am besten hört ihr euch bei der Einrichtung einfach selbst ab. Drückt die Tasten Win + R und führt darüber mmsys.cpl aus. Im Soundpanel wechselt ihr zum Aufnahme-Tab und öffnet die Eigenschaften eures Geräts. Der Reiter mit dem Namen Abhören bietet die gewünschte Funktion. Zudem lässt sich in einem weiteren Tab der Pegel regulieren. Redet in verschiedenen Intensitäten und passt den Wert so an, dass ihr euch mit angenehmer Lautstärke hört. Bei Übersteuern muss gegebenenfalls der Mikrofonabstand erhöht werden oder ihr zügelt laute Siegesjubel. Über einen zu leisen Ton oder zu starkes Rauschen müsst ihr euch dabei momentan nicht sorgen.


    Basis: Equalizer APO

    Die Grundlage stellt eine Opensource-Freeware namens Equalizer APO dar. Mit dessen Konfigurator lässt sich der Treiber von Audiogeräten um ein höchst anpassbares Audio Processing Object (APO) erweitern. Damit integriert es sich möglichst effizient in die Audioarchitektur von Windows. Das bedeutet es muss kein extra Programm im Hintergrund laufen, entsprechend wird bei der Verwendung des Mikrofons kaum zusätzliche Rechenleistung oder Arbeitsspeicher verwendet. Im Gegensatz zu Tools wie VoiceMeeter, die neue virtuelle Geräte erstellen, müssen darüber hinaus keine latenzverursachenden Audiopuffer hin- und herkopiert werden.

    1. Equalizer APO 64-Bit-Version herunterladen (alternativ: 32-Bit-Version) und installieren.
    2. Am Installationsende öffnet sich der Konfigurator. Wiedergabegeräte wollen wir in diesem Guide nicht pimpen, hier sollte also kein Haken gesetzt werden. Stattdessen wird zum Tab der Aufnahmegeräte gewechselt und euer gewünschtes Mikrofon ausgewählt.
    3. Zum Abschluss den Rechner neu starten.
    4. Im Config-Ordner (standardmäßig %ProgramFiles%\EqualizerAPO\config\) config.txt mit einem Texteditor öffnen und den Inhalt löschen.
    Diese Konfigurationsdatei steuert welche Signaleffekte angewandt werden. Der ursprüngliche Inhalt ist nur ein generisches Beispielsetup, weshalb man diesen direkt entfernen sollte, um einen neutralen Ausgangspunkt zu erreichen. Ab hier lässt sich alles wünschenswerte leicht einstellen.


    Verstärkung: Lautstärke erhöhen

    War euer Mikrofon bisher immer zu leise, lässt sich das nun mit einem Befehl beheben. Schreibt ihr Preamp: 6 dB in die Textdatei, wird eure Stimme etwa doppelt so laut zu hören sein. Mit negativen Werten verringert ihr die Lautstärke.


    Wundermittel: RNNoise gegen Rauschen & Tastenklicks

    Die meiste Verarbeitungsarbeitet erfolgt durch ein rekurrentes neuronales Netz, das sich auf die Rauschunterdrückung fokussiert. Wer sich für die Details der einzelnen Bausteine von RNNoise interessiert, findet einen kompakten Artikel samt Demos von Xiph.Org. Für die Nutzung mit Equalizer APO setzten wir auf eine VST-Version des Tools.

    1. Den aktuellsten Releasebuild herunterladen und dabei wieder auf 32 oder 64 Bit achten.
    2. Im Ordner bin\vst des Archivs die dortige DLL in den VSTPlugins-Ordner kopieren (standardmäßig %ProgramFiles%\EqualizerAPO\VSTPlugins\).
    3. Erneut config.txt bearbeiten und diesmal VSTPlugin: Library librnnoise_vst.dll in einer neuen Zeile abspeichern.
    Wurdet ihr bisher von Rauschgeräuschen geplagt, wird ab nun Ruhe herrschen und eure Stimme klarer übertragen. Sogar Tastaturtippser filtert RNNoise schön heraus. Vermutlich ist es nicht ganz so gründlich wie RTX Voice, funktioniert dafür ohne teure Grafikkarte, läuft mit geringer Latenz und beeinflusst nicht die Spieleperformance.


    Hintergrund muten: ReaGate

    Für Sprachchats sollte idealerweise nicht durchgängig ein Signal übertragen werden, sondern nur wenn geredet wird. Gute VoIP-Software bietet zumindest einen simplen Regler zum Festlegen einer Lärmschwelle. Für mehr Feinjustierung oder wenn ihr das nicht in jedem Programm einzeln abstimmen wollt, lohnt sich ein Audio-Gate. RNNoise bietet selbst schon eine sehr zurückhaltende Stummschaltung, lässt meist aber laute Mitbewohner oder Arbeitskollegen durch. Hiergegen kann man sich mit ReaGate behelfen.

    1. Die VST-Sammlung ReaPlugs herunterladen und dabei wieder auf 32 oder 64 Bit achten.
    2. Den Installer als Archiv öffnen (alternativ einfach installieren) und die Datei reagate-standalone.dll in den VSTPlugins-Ordner kopieren (standardmäßig %ProgramFiles%\EqualizerAPO\VSTPlugins\).
    3. Erneut config.txt bearbeiten und diesmal VSTPlugin: Library reagate-standalone.dll in einer neuen Zeile abspeichern.
    4. Editor.exe im Hauptverzeichnis von Equalizer APO starten.
    5. In der Zeile von ReaGate das zugehörige Panel öffnen und die Lautstärkeschwelle mit dem großen Slider auf der linken Seite anpassen.
    Für mehr Anpassung könnt ihr auch die weiteren Voreinstellungen verändern, da RNNoise jedoch deutlich überlegen zu klassischer Rauschunterdrückung ist, wird dies weniger nötig.


    Feintuning: Filter & mehrere Geräte

    Wie der Name schon verrät, bietet Equalizer APO umfangreiche EQ-Möglichkeiten. Mit der Editor-Anwendung lässt sich leicht herumspielen, für Zugriff auf alle Befehle empfehle ich euch den Blick ins offizielle Wiki. Besonders die parametrischen Filter eignen sich für den letzten Schliff. Meine Tastatur verursacht beispielsweise unangenehmes Fiepen in der Aufnahme, wenn das dünne Audiokabel zu nahe kommt. Der Ton besteht aus Sinusfrequenzen im Abstand von einem Kilohertz, was sich leicht mit ein paar Notch- und einem Tiefpassfilter beheben lässt. Deaktiviert ihr die beiden VST-DLLs temporär, seht ihr unten im Analysepanel des Editors auch direkt den Einfluss eurer Filtereffekte auf den Frequenzbereich.

    Falls ihr Equalizer APO im Konfigurator an mehrere Tongeräte gekoppelt habt, läuft jeder Treiber selbstverständlich unabhängig, die Befehle werden dennoch alle von config.txt ausgelesen. Damit Kopfhörer keine ungewollte Rauschunterdrückung erhalten, kann die Textdatei mit den Befehlen Device oder Stage unterteilt werden. Packt ihr also Stage: capture an den Anfang des Dokuments, werden die nachfolgenden Einstellungen nur für Mikros angewandt.

    In über 99% der Fälle müsste eure Audio-Hardware, beziehungsweise der dazugehörige Treiber, kompatibel mit den Erweiterungen durch Equalizer APO sein. Bei Problemen könnt ihr die Troubleshooting-Schritte im Wiki befolgen oder euch im dortigen Forum umschauen. Und vergesst nicht, die Abhörfunktion von Windows zum Schluss wieder zu deaktivieren.

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