Im Schatten der Lootbox - Abwerten oder nicht?

Entwickler machen ihre Spiele kaputt, um Mikrotransaktionen zu verkaufen. Sandro macht sich Gedanken, ab wann man dafür abwertet und was vertretbar ist.

von Sandro Odak,
09.10.2017 16:15 Uhr

Warner will dem Mittelerde-Spieler Lootboxen verkaufen, 2K Games dem NBA-Fan gleich komplette Talentbäume. Eine gefährliche Entwicklung.Warner will dem Mittelerde-Spieler Lootboxen verkaufen, 2K Games dem NBA-Fan gleich komplette Talentbäume. Eine gefährliche Entwicklung.

Hätte mir vor ein paar Jahren jemand gesagt, ich würde mir schon bald den »klassischen DLC« zurückwünschen - ich hätte ihn vermutlich ausgelacht. Aber da sind wir nun. Wir leben in einer Zeit, in der fast jedes Spiel Lootboxen, Skins und manchmal sogar handfeste Spielfigurverbesserungen enthält, für die man zusätzlich bezahlen soll. Egal, ob das zum Spielmodell passt oder nicht.

Sie kommen in verschiedenen Facetten daher - als Booster-Pack, Kiste, Truhe oder Lootbox. Das Stichwort bei diesem neuen Geschäftsmodell lautet Gamification: Selbst das Geldausgeben soll sich anfühlen wie ein Spiel. Ist das gewollte Item nicht in der Kiste? Schade, probier's doch gleich nochmal! Spieler sollen den Überblick verlieren und ein »beim nächsten Mal klappt's bestimmt«-Gefühl bekommen.

Über den Autor:
An Clash Royale (und damit Kartenpaketen für Geld) hat Sandro Odak ausgerechnet während der Recherche für eine Kolumne über Strategiespiele auf dem Handy Gefallen gefunden. Verwerflich findet er das Modell nicht - solange es eben keinen Vollpreis voraussetzt.

Das ist natürlich kein neues Problem. Und eigentlich mache ich mir daraus auch nichts. Ich gebe sogar gerne Geld aus! Was ich schon in Clash Royale oder Hearthstone investiert habe … Besser, ich verrate es nicht. Die meisten dieser Spiele haben eines gemein: Sie sind kostenlos. Free2Play. Jetzt haben aber auch Publisher von Vollpreisspielen Blut geleckt. In den letzten Tagen und Wochen erschienen gleich mehrere Spiele, die den Bogen überspannen. NBA 2K18 und Mittelerde: Schatten des Krieges nutzen, trotz Vollpreis, Mikrotransaktionen in einem Umfeld, in dem sie nichts verloren haben.

GameStar-Podcast Folge 1: Mikrotransaktionen sind nicht böse, nur gefährlich (PLUS)

NBA zwingt einen im Singleplayer dazu, unfassbar viele Matches zu spielen, um Fähigkeiten freizuschalten. Oder alternativ ein paar Euro auszugeben. Das wiegt besonders schwer, weil NBA ohne diesen Zwang ein besseres Spiel wäre. Ohne die Virtual Currency wäre die Wertung höher ausgefallen. Mittelerde hingegen erfindet einen halbherzig hinzugefügten Multiplayermodus samt unnötigem Ranglisten-Wetteifern, damit es sich lohnt, seltene und starke Orks zu sammeln. Das hat wenigstens keinen Einfluss auf die Solo-Kampagne, weshalb es sich auch nicht auf die Wertung auswirkt.

Jeder Haarschnitt kostet VC. Dafür könnte man aber auch Fähigkeiten freischalten - und die Punkte natürlich gegen Echtgeld eintauschen. Jeder Haarschnitt kostet VC. Dafür könnte man aber auch Fähigkeiten freischalten - und die Punkte natürlich gegen Echtgeld eintauschen.

Wie sie es trotzdem schaffen, dass man zugreifen will? Durch künstliche Verknappung. Und damit habe ich nun ein Problem: Entwickler ziehen ihre Spiele bewusst in die Länge oder knausern mit Belohnungen, um den Spieler zum Geldausgeben zu treiben. Selbst in einem letztlich recht harmlosen Fall wie Mittelerde geht mir das aus Prinzip gegen den Strich: Um den Gewinn zu maximieren, schraubt man am Spielspaß. Das ist eine neue Qualität der Unanständigkeit!

Wer den Vollpreis für ein Spiel hinlegt, der hat schon bezahlt und sollte nicht noch weiter zur Kasse gebeten werden. Außer für Inhalte, die das Spiel wirklich erweitern. Liebe Publisher, das ist der falsche Weg! Gebt mir einen echten Mehrwert, statt mich für dumm zu verkaufen. Dann kauf ich euch eure DLCs auch ab. Für so eine Dreistigkeit gibt es aber keinen Cent.

Lootboxen & Charity-Fail - Video: Warum die Spieler bei Mittelerde: Schatten des Krieges schon vor Release sauer sind 12:04 Lootboxen & Charity-Fail - Video: Warum die Spieler bei Mittelerde: Schatten des Krieges schon vor Release sauer sind

Wann wir abwerten - und wann nicht

In den Kommentarspalten unter dem Test, im Forum und anderswo im Netz sind GameStar-Leser nun in Rage: Warum werten wir nicht ab? Warum setzen wir kein Zeichen? Warum verpassen wir »denen« nicht einen Denkzettel?

Und meine Antwort darauf ist denkbar einfach: Weil wir nicht ideologisch werten. Wir bewerten Spielspaß, nicht Geschäftsmodelle. Dabei lässt unser Wertungssystem sogar Abwertungen für kundenfeindliche Praktiken wie unfaire DLCs, Mikrotransaktionen oder schlechte Always-Online-Systeme zu!

"Eine Always-On-Pflicht für Singleplayer-Modi (wie in SimCity), aufgesetzte Mikrotransaktionen (wie in Dead Space 3) und DLC-Wirrwarr (wenn sich Spiele zum Release nicht vollständig anfühlen) gehören laut unserer Umfrage zu den größten Ärgernissen heutiger Spieler. Deshalb werden wir künftig noch klarer davor warnen und gegebenenfalls abwerten - aber nicht automatisch, sondern je nach Schwere des Vergehens.

Wenn uns beispielsweise ein Vollpreisspiel alle paar Minuten einen Echtgeld-Shop unter die Nase reibt, werden wir das bestrafen. Wenn sich der Echtgeld-Shop hingegen im hinterletzten Menü versteckt und niemanden stört, werten wir nicht ab."

In Mittelerde: Schatten des Krieges kann man Lootboxen mit legendären Orks kaufen. Man kann sie aber auch im normalen Spiel problemlos rekrutieren - weshalb wir nicht abwerten.In Mittelerde: Schatten des Krieges kann man Lootboxen mit legendären Orks kaufen. Man kann sie aber auch im normalen Spiel problemlos rekrutieren - weshalb wir nicht abwerten.

Zusammengefasst: Sobald sich Mikrotransaktionen und DLCs spürbar auf den Spielspaß auswirken, werten wir ab - schließlich soll unsere Wertung genau diesen Spielspaß ausdrücken. Falls der Spielspaß nicht darunter leidet, weisen wir dennoch darauf hin.

Genau das haben wir in den aktuellen Fällen auch gemacht. Wir haben - teils im Test, teils in eigenen Beiträgen - auf die Bezahl-Thematik hingewiesen, uns auch mit eigenen Meinungen positioniert. Wir sind entschieden dagegen! Einige schreiben uns nun, mit Kolumnen und losgelösten Artikeln ließen wir Publisher mit einem leichten Klaps auf den Hintern davonkommen. Ich finde aber: Das ist mein Verständnis von Journalismus! Eine Meinung muss als solche gekennzeichnet sein, sie gehört in eine Kolumne. Wer abwertet, um Denkzettel zu verpassen und nicht um Qualität widerzuspiegeln, ist kein Journalist mehr, er ist Aktivist.

Die nächste Diskussion steht schon an: Battlefront 2 nutzt Lootboxen - aber zu welchem Preis?

E3-Talk, Folge 1 - »Das Zeitalter der Lootbox hat begonnen« PLUS 57:14 E3-Talk, Folge 1 - »Das Zeitalter der Lootbox hat begonnen«


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