Enttäuschung des Jahres 2016 - Dimi: »Ich habe meiner Enttäuschung eine 86 gegeben«

Persönliche Enttäuschungen müssen nicht immer mit schlechten Wertungen einhergehen. Dimis Flop ist sogar ein richtig tolles Spiel.

von Dimitry Halley,
29.12.2016 10:00 Uhr

Dimis Flop des Jahres ist eigentlich ein richtig gutes SpielDimis Flop des Jahres ist eigentlich ein richtig gutes Spiel

Ich weiß, was viele jetzt denken. »Dimi, Deus Ex: Mankind Divided ist ja wohl kein Flop. Spinnst du? Du hast dem Spiel selbst eine Wertung von 86 gegeben, es sogar als herausragend angepriesen!« Und selbst die Kollegen, die mich kennen, sind darüber verwirrt, denn es gibt 2016 diverse andere Spiele, die für mich persönlich in die Kategorie Enttäuschung fallen, und deutlich mehr Macken haben als Mankind Divided. Mafia 3 zum Beispiel. Oder Street Fighter 5 mit seinem anfänglichen Content-Mangel.

Oder Mighty No. 9, das angebliche Revival von Mega Man, bei dem der Entwickler selbst nach Release ein deprimierendes »Besser als nichts« konstatierte. All diese Spiele wären »gute« Kandidaten, das räume ich ja auch ein, aber wie ich bereits in meinem Fazit zum Test von Mankind Divided geschrieben habe: Deus Ex nimmt bei mir einen ganz besonderen Stellenwert ein. Und deshalb ist der aktuelle Teil meine Enttäuschung des Jahres - trotz seiner hohen Qualität.

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Eine augenöffnende Erfahrung

Das erste Deus Ex hat mir als Jungspund die Augen geöffnet, was Spiele in puncto Storytelling leisten können. Die düstere Geschichte rund um JC Denton, Verschwörungen, aufeinanderprallende Philosophien und das Schicksal einer gebeutelten Welt - hach, das alles hat mich so hineingezogen in diese packende Cyberpunk-Mär. Selbst hinter vermeintlich platten Figuren wie Cyborg-Rambo Gunter Hermann steckten spannende Facetten, wenn man an den richtigen Stellen hinsah (haben Sie sich mal gefragt, warum das Passwort für seinen Computer »Zeitgeist« ist?).

Deus Ex: Mankind Divided - Screenshots ansehen

Mit seiner Spielwelt knüpft Mankind Divided durchaus an das Original an: Prag ist eine lebendige Cyberpunk-Stadt, gespickt mit politischen Spannungen und interessanten Geschichten - dass die zu den größten Stärken des Spiels gehört, steht außer Frage.

Aber für mich entpuppt sich die eigentliche Story als riesige Enttäuschung: Der Plot von Mankind Divided verläuft so belanglos - und ich erinnere mich im Rückblick auf 2016 so lebhaft an meine Gefühle, als der Abspann das erste Mal rollte. Das war die Story? Darauf habe ich über vier Jahre gewartet? Dieser Plot beantwortet nicht eine einzige der Fragen, die ich mir nach Human Revolution gestellt habe. Und er formuliert auch keine spannenden neuen Fragen. Die Verschwörungsgeschichte von Mankind Divided wirkt im Vergleich zu früher wie eine Requisite, die man halt in ein Deus-Ex-Spiel reinpacken muss.

Verpasste Chancen

Human Revolution hat vor einigen Jahren als Prequel zu den ursprünglichen Deus-Ex-Spielen einen Story-Kosmos auf den Weg gebracht, von dem ich mir neue Perspektiven auf das Deus-Ex-Universum erhofft habe. Wie kam der Plan von Bob Page zustande? Was steckt wirklich hinter den Illuminaten und deren Verbindung zu Silhouette?

Das erste Deus Ex macht so viele Andeutungen über Hintergründe, die bis in unsere Gegenwart zurückreichen - da die Story von Adam Jensen tatsächlich fast in unserer Zeit angesiedelt ist, wird sie zur perfekten Bühne, aus diesen Hinweisen eine waschechte Verschwörungsgeschichte zu basteln. Human Revolution macht an der Stelle Grundlagenarbeit, und von Mankind Divided habe ich mir eine vernünftige Fortsetzung gewünscht (logisch, ist ja auch der zweite Teil).

Deus Ex: Mankind Divided - Testvideo - Die gute und die schlechte Nachricht 7:35 Deus Ex: Mankind Divided - Testvideo - Die gute und die schlechte Nachricht

Stattdessen führt das Spiel keinen dieser losen Fäden in eine spannende neue Richtung, bereitet im besten Fall nur einen dritten Teil vor, erzählt meist aber eine völlig belanglose Agenten-Story. Die ist nicht per se schlecht, aber wirkt für mich wie Füllmaterial zwischen Human Revolution und der nächsten »richtigen« Deus-Ex-Geschichte. Ich will hier gar nicht groß darauf herumreiten, im Detail gibt's meine Einschätzung zur Story ja bereits im Testartikel. Mich enttäuscht in einem größeren Kontext einfach, wie wenige wirklich gute Geschichten es 2016 im Gaming-Bereich gab. Abseits von Enderal, dem Addon zu The Witcher 3 und der Erzählweise von Mafia 3 fehlt mir persönlich in der Hinsicht ein echtes Highlight im Triple-A-Bereich.

Klar, im Indie-Segment gibt's natürlich jede Menge spannender Ansätze, aber die Branche braucht auch im großen Stil vernünftige Story-Meilensteine, um sich als Medium mal nach vorne zu bewegen. Die Filmindustrie wäre ohne ihren Godfather, ohne Kubrick, Ridley Scotts Blade Runner oder The Matrix ein ganzes Stück weiter hinten. Auch in der Spielelandschaft brauchen wir solche Meilensteine, schließlich ist Gameplay nicht alles. Deus Ex war mein heißester Kandidat. Und 2016 hat er's in dem Bereich vergeigt - da kann das Spiel an sich noch so gut sein.


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