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Wikileaks - Webseiten-Besucher sind Spione [Update]

Wikileaks hat mit der Veröffentlichung geheimer Dokumente über den Krieg in Afghanistan viele US-Politiker gegen sich aufgebracht.

Von Georg Wieselsberger |

Datum: 03.08.2010; 13:30 Uhr


Wikileaks : spionage internet logo daten dieb hacker spionage internet logo daten dieb hacker Mike Rodgers, ein republikanischer Kongress-Abgeordneter, hat gegenüber dem US.-Radiosender WHMI 93.5 sogar die Todesstrafe für den mutmaßlichen WikiLeaks-Informanten Bradley Manning gefordert, sollte der Soldat in einem Prozess schuldig gesprochen werden.

Rodgers ist Mitglied des Geheimdienst-Ausschusses und der Meinung, dass das Weiterleiten der Dokumente an Wikileaks Hochverrat in Kriegszeiten entspricht und damit unter Todesstrafe steht. Außerdem kritisierte der Abgeordnete, dass es inzwischen eine »Kultur des Enthüllung« gäbe, die dafür sorge, dass jemand wie Manning die Weitergabe vertraulicher Dokumente für eine gute Sache halte. Das sei aber nicht der Fall, denn die Veröffentlichung habe viele Afghanen, die den USA geholfen hätten, quasi zum Tode verurteilt.

Dazu passend schreibt Marc A. Thiessen, der ehemalige Redenschreiber von Ex-Präsident George W. Bush, dass WikiLeaks durch seine Existenz höchstwahrscheinlich den Terrorismus unterstütze und daher von Netz genommen werden müsse. Julien Assange, der Kopf von WikiLeaks, der langsam zum Staatsfeind Nr. 1 der USA zu werden scheint, darf laut Thiessens Ansicht von den USA überall auf der Welt festgenommen werden, auch ohne Zustimmung des jeweiligen Aufenthaltslandes und ohne Rücksicht auf die dortige Gesetzeslage. Das sei aber nicht genug, auch alle Dokumente müssten beschlagnahmt und das gesamte Netzwerk von WikiLeaks zerschlagen werden.

Kein Wunder also, dass Wikileaks vor zwei Tagen eine 1,4 GByte große und anscheinend mit dem bisher ungeknackten AES256 verschlüsselte Datei veröffentlicht hat, die den Titel »Insurance« (Versicherung) trägt. Es wird vermutet, dass der passende Schlüssel veröffentlicht wird, sollte Assange oder einem anderen Wikileaks-Mitarbeiter etwas »zustoßen«. Dann würden bisher unveröffentlichte, noch brisantere Informationen ans Tageslicht kommen.

Fast könnte man glauben, es handle sich um einen arg klischeehaften Agentenfilm. Das Unheimliche ist allerdings, dass es in der Realität keine Zuschauer, sondern nur Mitwirkende und Betroffene gibt.

Update 05.08.2010

Der Abgeordnete Mike Rodgers hat gegenüber MSNBC nicht nur seine Ansicht bestätigt, dass Bradley Manning bei einer Verurteilung wegen Hochverrats hingerichtet werden soll, sondern auf Nachfrage erklärt, dass auch der bekannteste Whistleblower Daniel Ellsberg hätte hingerichtet werden sollen.

Ellsberg hatte 1971 geheime Pentagon-Papiere an die New York Times gegeben, aus denen klar ersichtlich war, dass die US-Regierung die Bevölkerung in Sachen Vietnam-Krieg belogen hatte. Danach gab das Weiße Haus der CIA den Auftrag, Ellsberg anzugreifen, durch heimlich verabreichte Drogen zu diskreditieren oder zu töten. Allerdings gab es damals im Gegensatz zu heute keinei offene Forderungen von Politikern für solche drastischen Strafen. Vor Gericht wurde Ellsberg außerdem freigesprochen. Er sympathisiert heute übrigens offen mit WikiLeaks.

In den USA gibt es nun sogar Forderungen, Webseiten wie Wikileaks aus dem Quellenschutz-Gesetz auszunehmen, da dieses nur für «traditionelle Nachrichtenaktivitäten« gelte.

Update 06.08.2010

Das US-Verteidigungsministerium bereitet sich laut einer Meldung des Sydney Morning Herald schon auf die Veröffentlichung von weiteren 15.000 Dokumenten durch WikiLeaks vor. Man habe eine gute Vorstellung, was diese Dokumente enthalten, so Sprecher Geoff Morrell, der WikiLeaks dazu aufforderte, die Dokumente nicht zu veröffentlichen, sondern an die USA zu übergeben und alle bisher veröffentlichten Dokumente zu löschen.

Die USA seien die rechtmäßigen Eigentümer der klassifizierten Unterlagen. Sollte WikiLeaks nicht »das Richtige tun«, dann müsse man sich »Alternativen überlegen, damit WikiLeaks sich eben dazu veranlasst sehe, das Richtige zu tun«. Für WikiLeaks stellt das eine ganz klare Drohung dar.

Intern verfolgt man bei den US-Streitkräften jedoch schon einen ganz anderen, drastischen Ansatz. Laut Ansicht des Marine Corps versucht jeder Besucher der WikiLeaks-Webseite unter Umgehung von Sicherheitsmaßnahmen absichtlich an klassifiziertes Material zu gelangen und dies sei demnach auch entsprechend zu bewerten, wie man dem eigenen Personal mitteilte.

Im Klartext heißt das: wer WikiLeaks aufruft, ist nach Ansicht der USA ein Spion und wird dementsprechend behandelt. Das erinnert nicht wenige Beobachter an die amerikanische Paranoia der McCarthy-Ära zwischen 1947 und 1956, als nahezu jeder verdächtigt wurde, ein Kommunist zu sein.

Damals gab es sogenannte »Loyalitätstests« für staatliche Angestellte. Sogenannte »unamerikanische Umtriebe«, für die es nicht einmal Beweise brauchte, wurden verfolgt. Auf diese Weise wurden Karrieren wie die von Charlie Chaplin - zumindest in den USA - beendet und Künstler, die vor den Nazis in die USA geflohen waren wie Thomas Mann, in andere Länder vertrieben.

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Avatar Darmstadtium
Darmstadtium
#1 | 03. Aug 2010, 13:54
Dieser Kommentar wurde ausgeblendet, da er nicht den Kommentar-Richtlinien entspricht.
Avatar Fenris79
Fenris79
#2 | 03. Aug 2010, 13:59
Julien Assange hat da was angefangen mit seinen Wikileaks.
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Avatar rintintin
rintintin
#3 | 03. Aug 2010, 14:05
So etwas wie Wikileaks ist wichtig. Gerade in Zeiten, in denen immer mehr demokratische Staaten härter als zuvor gegen den 'Verrat' von Staatsgeheimnissen vorgehen. Nicht nur in den USA.

Vorratsdatenspeicherung, verschärfte Telefonüberwachungsvorschriften, oder - ganz konkret etwa die von unserem damaligen Innenmisnister Schily angeordenete, höchst fragwürdige Durchsuchung der Redaktionsräume des Magazins 'Cicero' vor ein paar Jahren. Auch hierzulande sind die Zeiten deutlich härter geworden für jene, die (korrekter Weise) glauben, die Bürger hätten ein Recht darauf, zu erfahren, was hinter den Kulissen vorgeht.

Auf der anderen Seite trägt eine Organistaion wie Wikileaks aber auch eine große Verantwortung. Sollten durch die Veröffentlichung von Dokumenten tatsächlich Menschen in konkrete Lebensgefahr gebracht werden, ist das schwerlich akzeptabel. Wobei das im konkreten Fall natürlich erst einmal eine Behauptung ist, von der man sich gut vorstellen kann, dass sie nur deshalb aufgestellt wird, um WikiLeaks zu diskreditieren. Zukünftig wäre es trotzdem vielleicht besser, nicht riesige Stapel von Dokumenten zu veröffentlichen, jedenfalls nicht aus Krisengebieten, sondern sich stattdessen lieber auf einzelne Papiere zu beschränken, bei denen einigermaßen klar ist, dass durch ihre Veröffentlichung kein Informant zu schaden kommen kann.

Sicher eine schwierige Gratwanderung, aber nur so lässt sich sowohl die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft als auch die Verantwortung gegenüber der Unversehrtheit der Informanten einigermaßen widerspruchsfrei wahrnehmen.
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Avatar dertyp93
dertyp93
#4 | 03. Aug 2010, 14:10
Dieser Kommentar wurde ausgeblendet, da er nicht den Kommentar-Richtlinien entspricht.
Avatar ULecker
ULecker
#5 | 03. Aug 2010, 14:24
Das mit den noch brisanteren Themen glaub ich nicht, dass hat Assange nur gemacht um sein Leben etwas sicherer zu machen, damit ein paar Spinner Angst bekommen ihm was anzutun. Wenn er wirklich noch brisantere Sachen im Peto hätte, dann hätte er diese schon längst gezeigt.
Ausserdem ist Assange zur Zeit mehr in Sicherheit als er jemals zuvor hätte sein können. Den die USA kann es sich einfach nicht leisten Assange zu töten oder ausser gefecht zu setzen, weil dann gleich jeder wüsste dass die US Regierung hinter dem Attentat stecken würde. Im Gegenteil, der bekommt jetzt sogar noch Bodyguards von der US Regierung zur Seite gestellt : )
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Avatar Psykoman
Psykoman
#6 | 03. Aug 2010, 14:25
Zitat von rintintin:
So etwas wie Wikileaks ist wichtig. Gerade in Zeiten, in denen immer mehr demokratische Staaten härter als zuvor gegen den Verrat von Staatsgeheimnissen vorgehen. Nicht nur in den USA.
[...]
Sicher eine schwierige Gratwanderung, aber nur so lässt sich sowohl die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft als auch die Verantwortung gegenüber der Unversehrtheit der Informanten einigermaßen widerspruchsfrei wahrnehmen.


Eigentlich würde ich dir ja absolut zustimmen im gesamten Beitrag... wenn ich dann allerdings Aussagen höre wie:
"dass WikiLeaks durch seine Existenz höchstwahrscheinlich den Terrorismus unterstütze und daher von Netz genommen werden müsse. Julien Assange, der Kopf von WikiLeaks, der langsam zum Staatsfeind Nr. 1 der USA zu werden scheint, darf laut Thiessens Ansicht von den USA überall auf der Welt festgenommen werden, auch ohne Zustimmung des jeweiligen Aufenthaltslandes und der dortigen Gesetzeslage. Das sei aber nicht genug, auch alle Dokumente müssten beschlagnahmt und das gesamte Netzwerk von WikiLeaks zerschlagen werden."
dann sehe ich ganz klar, wer die wahren Verbrecher sind... und es ist nicht Julien Assange...
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Avatar Jigsaw
Jigsaw
#7 | 03. Aug 2010, 14:26
Erinnert mich ein bisschen an Digital Fortress von Dan Brown. ;)

Ich kann beide Seiten verstehen. Zum einen ist klar, dass gewissen Informationen nicht an die Öffentlichkeit gehören, weil sie einfach unglaublichen Schaden anrichten können und Menschenleben kosten. Zum anderen ist aber auch wünschenswert, dass gewisse Dinge nicht vertuscht werden, da somit die Bevölkerung und auch Entscheidungsträger wie Politiker in die irre geführt werden. Gerade bei letzteren kann das Fällen von Entscheidungen auf Basis falscher Informationen ebenfalls Menschenleben kosten. Eine vertrackte Situation.
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Avatar Michisauer
Michisauer
#8 | 03. Aug 2010, 14:36
In Zeiten totalitärer und demokratischer Staaten, die sich weder an Menschenrechte, noch an ihre eigenen Gesetze halten ist eine Institution wie WikiLeaks ein adäquates Druckmittel, um die Rechte der Bürger auf Information und Selbstbestimmung zu wahren.
Das Vorgehen der USA ohne Rücksicht auf andere Staaten fordert meiner Meinung nach den sofortigen Bruch der diplomatischen Beziehungen, da mit dieser Aussage eindeutig Grenzen der staatlichen Selbstbestimmung verletzt werden. Zudem muss sich jeder Staat, der dies nicht tut und in welchen Assange festgenommen wird vorwerfen müssen vorsätzlich Mord geduldet zu haben.... Traurig, aber wahr.

Wir leben offenbar in einer Zeit in der selbst demokratische Systeme nach totalitären Schwerpunkten handeln müssen, um ihren eigenen Bürgern die schöne Heile Welt vorgaukeln zu können.

Weiter so Herr Assange, bei mir sind sie herzlich Willkommen, sollten sie sich entscheiden in Deutschland Asyl zu suchen.
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Avatar HiddenHeadshot
HiddenHeadshot
#9 | 03. Aug 2010, 14:43
ich habe vor einiger Zeit gelesen, dass Wikileaks nicht alle Dokumente veröffentlicht hat. Dokumente die sehr brisant sind, haben sie nicht veröffentlicht, da sie nicht wollen, dass noch mehr Menschenleben in Gefahr geraten. Wikileaks will die USA nicht zerstören sondern die Leute aufklären, was dort wirklich passiert ist.
Wir bekommen nur die Nachrichten aus Afghanistan zu hören, die wir hören dürfen und die sind teilweise sehr verfälscht.
Beispiele sind, dass USA zugibt 20 Zivilisten getötet zu haben. Wie es dazu kam und dass es eigentlich 50 Zivilisten wissen wir nicht und solche Informationen veröffentlicht Wikileaks massenweise.
USA kann die Wahrheit nicht immer vertuschen. Krieg ist eine grausame Sache und hat nichts mit Heldentum oder sonstiges zu tun und Wikileaks will das der Bevölkerung klar machen.

Wer gibt eigentlich den USA das Recht, eine Person überall auf der Welt festnehmen zu können??? Haben wir jetzt eine Weltpolizei? Zweifelt Thiessen die Souveränität aller Staaten an, die nicht mit den USA kooperieren (Auslieferungsvertrag, usw)?
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Avatar Zera
Zera
#10 | 03. Aug 2010, 14:47
Auf Verrat steht nunmal die Todesstrafe. Was soll man denn auch sonst mit Leuten unternehmen, die sich gegen ihre Kommandanten richten?

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