»Was ist denn bloß mit diesen Nerds los?«, werden sich so manche Fachfremde in den letzten Monaten gefragt haben. Da kündigt Marvel für den dritten Captain-America-Film den Untertitel Civil War an - und plötzlich rasten die Comic-Communitys weltweit in enthusiastischen Jubelschreien aus. Auch hierzulande bebt das Internet vor Euphorie. Dabei hat der amerikanische Strahleheld in Deutschland marketing-technisch doch eigentlich gar keinen so guten Stand - Stichwort: Änderung des deutschen Filmtitels in The First Avenger.

Weil ich als Comic-Fan selbst zu den jubelnden Nerds gehöre, will ich die Euphorie mal kurz aufdröseln: Civil War ist für uns ein ganz, ganz großer Name. Civil War hat als Megaevent im Jahr 2006 mit gigantischen Verkaufszahlen Marvel vor dem finanziellen Fiasko gerettet. Es gilt als das wichtigste, größte und wahrscheinlich beste Crossover-Event der letzten 20 Jahre, ein innovativer Kommentar auf die Post-9/11-Gesellschaft, dabei noch eine fesselnde Superhelden-Geschichte mit unvorhersehbaren Wendungen, die bis heute nachwirken. Und da sich Captain America, Iron Man und all meine Kindheitshelden auf die Mütze geben, schöpft natürlich auch die Action aus den Vollen.

Kurz: Civil War ist so verflucht gut, dass ich derzeit mit dem Gedanken spiele, für diese Komplettbox hier fast 500 Euro auszugeben. Herrje!

Wenn Marvel 2016 also mit Captain America: Civil War (oder The First Avenger: Civil War) eine Filmumsetzung dieses Comic-Meisterwerks in die Kinos bringt, dann hat der enorme Hype durchaus Hand und Fuß. Aber kann das Marvel Cinematic Universe mit seinem Popcornkino-Flair all den Facetten dieses Epos' gerecht werden? Meine persönliche Antwort: Nein, aber das muss es auch nicht. Denn der Film ist trotzdem grandios.

Spoiler-Freiheit: Ich habe mich bewusst bemüht, diese Filmkritik komplett ohne Spoiler zu strukturieren. Ich nehme keine inhaltlichen Zusammenhänge der Story vorweg. Trotzdem: Wer absolut unvoreingenommen in den Film gehen will, sollte sich die Kritik am besten nach dem Kinobesuch durchlesen.

Das Jahr, in dem sich Freunde kloppen

In Captain America: Civil War geben sich Superhelden gegenseitig auf die Mütze. Wer die Filmplakate gesehen hat, der weiß: Vor allem Iron Man und Captain America geraten im Lauf der Handlung aneinander, sammeln Verbündete und liefern sich einen fulminanten Schlagabtausch. Die Beweggründe, die zum Zerwürfnis führen, haben unter anderem mit dem sogenannten Superhuman Registration Act zu tun. Der bezeichnet ein Gesetz, das alle Superhelden verpflichtend zu Regierungsagenten macht, damit unkontrollierte Kollateralschäden wie beim Untergang von Sokovia in Avengers 2 in Zukunft vermieden werden können.

Der Streit zwischen den Helden entbrennt aber nicht nur über politischen Fragen, sondern hat auch persönliche Gründe. Mehr will ich dazu gar nicht verraten - nur so viel: Der Film nimmt sich glücklicherweise die Zeit, das Zerwürfnis in einer vernünftigen Hintergrundgeschichte zu verankern. In der Filmkritik zu Batman v Superman habe ich schon darübergeschrieben, wie schwierig es ist, intelligente Superhelden story-bedingt in eine blutige Fehde gegeneinander zu schicken, ohne dass man sie im Drehbuch »herunterdummt«.

Wenn in Civil War der Schlagabtausch beginnt, dann wirkt es für mich als Zuschauer zu diesem Zeitpunkt absolut plausibel - aus politischen, persönlichen und fremdbestimmten Gründen ergibt sich ein Faktorenbündel, das den zentralen Versus-Kampf gut begründet. Anders als in DCs düsterem Gegenstück greifen sich die Marvel-Helden aber auch nicht plötzlich mit dem Ziel der gegenseitigen Auslöschung an. Das ist sowohl gut, als auch schlecht.

Reform statt Revolution

Wo Batman v Superman sich mit seinem düsteren Ansatz darum bemüht, eine Revolution im Superheldengenre zu sein, gibt sich Civil War mit der Reformer-Rolle zufrieden. Heißt konkret: Der Film spielt gezielt die Stärken des Marvel Cinematic Universe aus und wagt sich nur an einigen Stellen so wirklich in narratives Neuland. Zum Beispiel bei einem Plot Twist am Ende des Films, der mit die beste Story-Wendung ist, die ich je in einem Marvel-Film gesehen habe. Der Vorteil an dieser Strategie: Die Filmemacher bauen auf einem Fundus an Charakteren und Erzählweisen auf, die sie durch und durch beherrschen - und diese Stilsicherheit merkt man an allen Ecken und Enden.

Einen Nachteil gibt's aber auch: Civil War steigt in seinen philosophischen Aspekten selten unter die Oberfläche. Auf persönlicher Ebene kommt der Konflikt zwischen Iron Man und Captain America zwar voll zum Tragen, der Superhuman Registration Act entpuppt sich im Lauf der Handlung aber eher als austauschbarer Katalysator. Die grundlegende Debatte darüber, wie man mit den unkontrollierbaren Kollateralschäden der Helden umgehen soll, wenn sie beim Weltenretten mal wieder eine Stadt in Schutt und Asche legen, tritt dann fast komplett in den Hintergrund. Im Vergleich zur komplexen Comic-Vorlage enttäuscht das schon ein bisschen.

Weil sich die Marvel-Helden darüber hinaus (anders als bei Batman v Superman) nicht gegenseitig die Lebenslichter ausblasen wollen, fällt auch die sogenannte Fallhöhe des Films im direkten Vergleich zu anderen Genre-Filmen ungewöhnlich niedrig aus. Der wahre Schaden, der in Civil War verhindert werden muss, hat diesmal weniger mit dem Leben von Millionen Unschuldigen zu tun - stattdessen drohen hier langjährige Freundschaften zu zerbrechen.

Diesmal stehen die Avengers selbst auf dem Spiel. Ich persönlich halte das für einen erfrischend andersartigen Ansatz, weil dem Cinematic Universe ein bisschen Charaktertiefgang durchaus gut tut - wer allerdings vor allem aufreibende Kämpfe auf Leben und Tod erwartet, könnte von Civil War ein wenig enttäuscht werden.

So geht Action-Kino

Das soll aber nicht heißen, dass die Action im Film zu kurz kommt. Ganz im Gegenteil: Die Choreographie der Kämpfe hat mich absolut überwältigt. Bereits in den ersten Minuten entfesseln Captain America und sein Team ein Feuewerk an coolen Manövern. Kamera und Sounddesign sind so aufeinander abgestimmt, dass jeder Tritt unheimlich viel Bumms hat - die Stunts der Helden können sich wirklich sehen lassen. Es mag ja schon ein kleines peinliches Eingeständnis sein, dass das Kind in mir sich natürlich freut, wenn Captain America und Tony Stark ordentlich Dresche verteilen. Aber immerhin: Dieses Kind hat beim Anschauen von Civil War 90 Minuten lang gestrahlt.

Auch die Auftritte der neuen Neuzugänge in der Heldenriege sind hervorragend gelungen. Black Panther wird beispielsweise nicht nur treffend und ausführlich in die Story eingebunden, sein Arsenal an Outfits und Kampffertigkeiten gehört auch jetzt bereits zu den coolsten im Marvel Cinematic Universe. Der eigentliche Star der Show ist aber Spider-Man: Mit frecher Schnauze und fantastischen Stunts werden seine Auftritte zu den Glanzlichtern des Films. Ich kann Spider-Man: Homecoming kaum abwarten!

Captain America 3 bleibt im Kern ein Popcorn-Actionfilm - deshalb beißt sich die Gute-Laune-Action auch an einigen Stellen mit dem eigentlich düsteren Tenor der Handlung. Schließlich prügeln sich hier Freunde die Seele aus dem Leib. Auf der anderen Seite wird genau diese vermeintliche Leichtherzigkeit im Finale direkt aus der Handlung heraus kommentiert. Civil War ist zwar schon von Beginn an spannend, wirklich herausragend wird der Film aber erst im letzten Drittel.

Ich hatte (von Deadpool mal abgesehen) lange nicht mehr so viel Spaß mit einem Superheldenfilm wie mit Captain America 3. Klar, der Film nutzt den großartigen Comic mehr als lose Vorlage und erreicht dessen Tiefgang eigentlich nie, aber nichtsdestotrotz hat Civil War Herz, Charisma und grandios choreographierte Action. Er erfindet das Rad des Marvel-Heldenfilms nicht neu, rüttelt aber an dessen Fundament. Und das dürfte Auswirkungen auf alle kommenden Veröffentlichungen haben. In den Rankings wird der direkte Vorgänger Winter Soldier wahrscheinlich weiterhin die Nase vorn behalten, für mich ganz persönlich avanciert The First Avenger: Civil War aber zum besten Solo-Marvelfilm seit dem allerersten Iron Man.