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Kolumne: Keine Killerspiel-Diskussion in Deutschland

Die Killerspiel-Debatte ist tot!

Daniel Raumer wundert sich. Wundert sich, dass nach den schrecklichen Ereignissen von Norwegen nicht die Diskussion über »Killerspiele« wieder aufgewärmt wird - obwohl es diesmal so einfach gewesen wäre.

Von Daniel Raumer |

Datum: 04.08.2011


Keine Killerspiel-Diskussion in Deutschland : Daniel Raumer Daniel Raumer Nach schrecklichen, unverständlichen Ereignissen, nach Katastrophen möchten Menschen gerne Antworten. Sie möchten verstehen, warum etwas passiert ist und wie sie sich schützen können. Medien und Politik sind dann in der Regel erstaunlich schnell zur Stelle mit Erklärungen oder zumindest Erklärungsansätzen. Manche, um dieses (durchaus verständliche) Bedürfnis seriös zu befriedigen, andere, um die emotionale Wüste, die solche Ereignisse hinterlassen, als Nährboden für ihre Interessen (Verkaufs- / Zugriffszahlen; Wählerstimmen) zu nutzen.

Wir haben bisher mit voller Absicht auf Berichterstattung zum Thema Oslo verzichtet. Nun aber, mit einem gewissen zeitlichen Abstand und dem sorgfältigen Beobachten der Medienlandschaft, gibt es doch erstaunliches zu resümieren.

So wurden in der Vergangenheit gerade in Deutschland bei Amokläufen wie in Erfurt, Emsdetten oder Winnenden schnell Verbindungen zu Videospielen hergestellt, die angeblich aus jungen Menschen gewaltbereite Tötungsmaschinen machen würden. Die sogenannte »Killerspiel-Debatte« war geboren.

Eigentlich haben wir nach den schrecklichen Taten von Norwegen erwartet, dass wieder Computerspiele als Sündenbock herhalten müssen. Denn diesmal wäre es sogar leicht begründbar gewesen. Niemals hatte die Öffentlichkeit soviel Einblick in die Gedankenwelt eines Attentäters wie im Falle von Anders Breivik, der jedes Detail seiner Anschlagsplanung ausschweifend auf 1.500 Seiten festgehalten hat.

Hier finden sich explizite Hinweise auf Spiele: »Ich habe gerade Modern Warfare 2 gekauft, das Spiel. Es ist wahrscheinlich die beste Militärsimulation, die es gibt, und eines der besten Spiele des Jahres. Ich habe Modern Warfare 1 auch gespielt, aber das mochte ich nicht so. Ich bin eher der Typ für Fantasy-Rollenspiele.«

Keine Killerspiel-Diskussion in Deutschland : Für den Attentäter von Oslo ist Modern Warfare 2 "wahrscheinlich die beste Militärsimulation". Für den Attentäter von Oslo ist Modern Warfare 2 "wahrscheinlich die beste Militärsimulation". Darüber hinaus empfiehlt der Täter den Ego-Shooter als Übungsmethode: »Ich betrachte MW2 als eine Trainingssimulation für mich. Ich habe gelernt, es zu lieben und besonders der Mehrspieler-Part ist richtig toll. Man kann darin mehr oder weniger ganze Militäroperation simulieren.« Auch das Online-Rollenspiel World of Warcraft wird in Breiviks Manifest erwähnt.

Es hätte also diesmal nicht mal jemand »Hart aber fair« mit der »Frontal 21«-Linie zu Ausflügen durch Absurdistan abgeholt werden müssen, hier hätte ein Mindestmaß an argumentativer Stringenz gereicht, um eine mediale Anti-Spiele-Lawine ohne gleichen loszutreten. Aber sie haben widerstanden. Die versammelte Journaille hält diesmal merkwürdig still. Es wird zwar in etlichen Publikationen berichtet, dass der Täter gerne am PC spielte, aber kaum hysterisch und anklagend (Ausnahmen wie »Bild« bestätigen die Regel) wie in der Vergangenheit. Das Thema dient lediglich der unaufgeregten, korrekten Vervollständigung des Täterbildes, ist nicht Aufmacher oder gar Kern der Artikel. Reflexhafte Verbotsforderungen wie noch in jüngster Vergangenheit haben wir bisher nirgends entdeckt.

Auch die Politik hält sich bedeckt, niemand hat bisher das Thema aufgegriffen, um mit einem Spieleverbot auf Wählerstimmenfang zu gehen. Andere Themen der inneren Sicherheit werden in Berlin hingegen schon wieder fleißig beackert. Von der Vorratsdatenspeicherung über Internetsperren bis hin zum Verbot rechtsradikaler Parteien.

Keine Killerspiel-Diskussion in Deutschland : World of Warcraft steht ebenfalls im Manifest. World of Warcraft steht ebenfalls im Manifest. Die einzige auf Spiele gerichtete Reaktion ist bisher, dass eine norwegische Supermarktkette »aus Respekt vor den Opfern« die entsprechenden Spiele aus den Regalen entfernt hat. Eine ähnliche Forderung an deutsche Einzelhändler hat daraus aber bisher niemand abgeleitet. Wenn große Ketten vereinzelt von sich aus in dieser Weise tätig werden, beweist das lediglich, dass entsprechende Muster eingebrannt sind. Und das wissen wir ohnehin seit langem.

Wir haben den Eindruck, dass sich hierzulande langsam etwas ändert. Entweder hat sich herumgesprochen, wie absurd die monokausale Fokussierung auf die sogenannten »Killerspiele« ist. Das würde das Thema Videospiele wieder ein wenig mehr in die Mitte der Gesellschaft rücken. Oder der Begriff »Killerspiele« hat sich abgenutzt, taugt einfach nicht mehr zum schnellen Auflagen oder Einschaltquoten pushen. Wie dem auch sei: Alle Beteiligten haben so hoffentlich mehr Zeit, sich auf die Erforschung der wahren Ursachen zu konzentrieren, um solch schreckliche Gewaltakte in Zukunft zumindest weniger wahrscheinlich werden zu lassen. Und uns Spielern bleiben blinder Aktionismus und peinliche, Politikverdrossenheit schürende Medienbeiträge erspart. Das wäre ja schon was.

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Avatar Das URGESTEIN
Das URGESTEIN
#1 | 04. Aug 2011, 15:55
Ein sehr schön geschriebener Artikel Hr. Raumer!

mfg
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Avatar Thandor
Thandor
#2 | 04. Aug 2011, 15:59
>Wir haben bisher mit voller Absicht auf Berichterstattung zum Thema Oslo verzichtet.

Genau dabei hättet ihr es lassen sollen.
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Avatar LGLM
LGLM
#3 | 04. Aug 2011, 16:00
hab mich auch schon gewundert....
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Avatar Daniel1994GER
Daniel1994GER
#4 | 04. Aug 2011, 16:01
Ich denke das diese ganze "Killerspieldebatte" eine Art parabel auf die Zeit ist, wo "Rock als agressivmachend" galt ;)
ich frage mich wie wir wohl sein werden :D - hoffentlich mal offener für Neues

beste Grüße

Daniel
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Avatar Cygolino
Cygolino
#5 | 04. Aug 2011, 16:02
Tja in Deutschland vielleicht. Hier in der Schweiz bringen sich n paar Schwachköpfe grade in Position mit Verbotsforderungen >:(
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Avatar Vestor
Vestor
#6 | 04. Aug 2011, 16:04
"RIP: Die Killerspiel-Debatte ist tot!"

Diese Überschrift ist an Pietätlosigkeit wohl kaum noch zu unterbieten.


P.S. insb. in Richtung Seite 2 - Pietätlosigkeit ist nichts, womit man sich rühmt, deshalb wird als Stilmittel häufig ein "falscher/umgekehrter" Komparativ genutzt. Und angesichts der Ereignisse schon wieder auf diese "was macht ihr mit unserem Hobby, das hat doch damit nichts zu tun"-Schiene aufzusatteln, als wäre es das Einzige, was einen umtreibt, das finde ich ausgesprochen derb.

Beispiel:

Die einzige auf Spiele gerichtete Reaktion ist bisher, dass eine norwegische Supermarktkette »aus Respekt vor den Opfern« die entsprechenden Spiele aus den Regalen entfernt hat. Eine ähnliche Forderung an deutsche Einzelhändler hat daraus aber bisher niemand abgeleitet. Wenn große Ketten vereinzelt von sich aus in dieser Weise tätig werden, beweist das lediglich, dass entsprechende Muster eingebrannt sind. Und das wissen wir ohnehin seit langem.

- Warum ist "aus Respekt vor den Opfern" hervorgehoben? Das hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.
- Warum wird der Zusammenhang zwischen einer freiwilligen Selbstverpflichtung ("eine Supermarktkette") und einer Forderung seitens der Politik hergestellt? Es besteht da überhaupt kein Sachzusammenhang, diese Argumentation ist einfach vollkommen unseriös.
- Warum sollten diese Muster "eingebrannt" sein? Wäre es nicht vielleicht auch möglich, dass es sich um einen Akt der Anteilnahme handelt? Ist es so weit hergeholt, dass man die Spiele nicht mehr verkaufen möchte, die ein Attentäter (nach eigener Aussage!) als Trainingssimulation ansieht? Stattdessen wird so ein Verhalten schlichtweg als "Beißreflex" dargestellt, mit der Bemerkung "aber wir wissen es ja schon lange".

Mit seriösem Journalismus und einer der Situation angemessenen Rhetorik hat dies alles nichts zu tun.
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Avatar Borealis
Borealis
#7 | 04. Aug 2011, 16:04
jetzt wurde das thema doch noch angepackt...
hätte nicht sein sollen, ich sehe da keinen zusammenhang
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Avatar achnequark
achnequark
#8 | 04. Aug 2011, 16:05
Die suche nach einem Schuldigen außerhalb des Schuldigen ist in diesem Fall auch lächerlich, da er kein Woyzeck war, wie viele andere Amokläufer.
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Avatar Killererpel
Killererpel
#9 | 04. Aug 2011, 16:06
Vieleicht hetzt die Presse auch deshalb nicht darüber her,das der Attentäter noch lebt und jeder begriffen hat das er Geistesgestört ist.Das ist einer der ersten Amokläufer der nicht zu Tode gekommen ist.Und in seine kranken Psyche reinsehen können und was er für kranke phantasien hat, die mit Killerspielen nicht zu erklären sind.
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Avatar Raiptor
Raiptor
#10 | 04. Aug 2011, 16:07
Vestor
#6 | 04. Aug 2011, 16:04
"RIP: Die Killerspiel-Debatte ist tot!"

Diese Überschrift ist an Pietätlosigkeit wohl kaum noch zu unterbieten.


Da hast du genau recht
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