Keine Killerspiel-Diskussion in Deutschland : Daniel Raumer Daniel Raumer Nach schrecklichen, unverständlichen Ereignissen, nach Katastrophen möchten Menschen gerne Antworten. Sie möchten verstehen, warum etwas passiert ist und wie sie sich schützen können. Medien und Politik sind dann in der Regel erstaunlich schnell zur Stelle mit Erklärungen oder zumindest Erklärungsansätzen. Manche, um dieses (durchaus verständliche) Bedürfnis seriös zu befriedigen, andere, um die emotionale Wüste, die solche Ereignisse hinterlassen, als Nährboden für ihre Interessen (Verkaufs- / Zugriffszahlen; Wählerstimmen) zu nutzen.

Wir haben bisher mit voller Absicht auf Berichterstattung zum Thema Oslo verzichtet. Nun aber, mit einem gewissen zeitlichen Abstand und dem sorgfältigen Beobachten der Medienlandschaft, gibt es doch erstaunliches zu resümieren.

So wurden in der Vergangenheit gerade in Deutschland bei Amokläufen wie in Erfurt, Emsdetten oder Winnenden schnell Verbindungen zu Videospielen hergestellt, die angeblich aus jungen Menschen gewaltbereite Tötungsmaschinen machen würden. Die sogenannte »Killerspiel-Debatte« war geboren.

Eigentlich haben wir nach den schrecklichen Taten von Norwegen erwartet, dass wieder Computerspiele als Sündenbock herhalten müssen. Denn diesmal wäre es sogar leicht begründbar gewesen. Niemals hatte die Öffentlichkeit soviel Einblick in die Gedankenwelt eines Attentäters wie im Falle von Anders Breivik, der jedes Detail seiner Anschlagsplanung ausschweifend auf 1.500 Seiten festgehalten hat.

Hier finden sich explizite Hinweise auf Spiele: »Ich habe gerade Modern Warfare 2 gekauft, das Spiel. Es ist wahrscheinlich die beste Militärsimulation, die es gibt, und eines der besten Spiele des Jahres. Ich habe Modern Warfare 1 auch gespielt, aber das mochte ich nicht so. Ich bin eher der Typ für Fantasy-Rollenspiele.«

Keine Killerspiel-Diskussion in Deutschland : Für den Attentäter von Oslo ist Modern Warfare 2 "wahrscheinlich die beste Militärsimulation". Für den Attentäter von Oslo ist Modern Warfare 2 "wahrscheinlich die beste Militärsimulation". Darüber hinaus empfiehlt der Täter den Ego-Shooter als Übungsmethode: »Ich betrachte MW2 als eine Trainingssimulation für mich. Ich habe gelernt, es zu lieben und besonders der Mehrspieler-Part ist richtig toll. Man kann darin mehr oder weniger ganze Militäroperation simulieren.« Auch das Online-Rollenspiel World of Warcraft wird in Breiviks Manifest erwähnt.

Es hätte also diesmal nicht mal jemand »Hart aber fair« mit der »Frontal 21«-Linie zu Ausflügen durch Absurdistan abgeholt werden müssen, hier hätte ein Mindestmaß an argumentativer Stringenz gereicht, um eine mediale Anti-Spiele-Lawine ohne gleichen loszutreten. Aber sie haben widerstanden. Die versammelte Journaille hält diesmal merkwürdig still. Es wird zwar in etlichen Publikationen berichtet, dass der Täter gerne am PC spielte, aber kaum hysterisch und anklagend (Ausnahmen wie »Bild« bestätigen die Regel) wie in der Vergangenheit. Das Thema dient lediglich der unaufgeregten, korrekten Vervollständigung des Täterbildes, ist nicht Aufmacher oder gar Kern der Artikel. Reflexhafte Verbotsforderungen wie noch in jüngster Vergangenheit haben wir bisher nirgends entdeckt.

Auch die Politik hält sich bedeckt, niemand hat bisher das Thema aufgegriffen, um mit einem Spieleverbot auf Wählerstimmenfang zu gehen. Andere Themen der inneren Sicherheit werden in Berlin hingegen schon wieder fleißig beackert. Von der Vorratsdatenspeicherung über Internetsperren bis hin zum Verbot rechtsradikaler Parteien.

Keine Killerspiel-Diskussion in Deutschland : World of Warcraft steht ebenfalls im Manifest. World of Warcraft steht ebenfalls im Manifest. Die einzige auf Spiele gerichtete Reaktion ist bisher, dass eine norwegische Supermarktkette »aus Respekt vor den Opfern« die entsprechenden Spiele aus den Regalen entfernt hat. Eine ähnliche Forderung an deutsche Einzelhändler hat daraus aber bisher niemand abgeleitet. Wenn große Ketten vereinzelt von sich aus in dieser Weise tätig werden, beweist das lediglich, dass entsprechende Muster eingebrannt sind. Und das wissen wir ohnehin seit langem.

Wir haben den Eindruck, dass sich hierzulande langsam etwas ändert. Entweder hat sich herumgesprochen, wie absurd die monokausale Fokussierung auf die sogenannten »Killerspiele« ist. Das würde das Thema Videospiele wieder ein wenig mehr in die Mitte der Gesellschaft rücken. Oder der Begriff »Killerspiele« hat sich abgenutzt, taugt einfach nicht mehr zum schnellen Auflagen oder Einschaltquoten pushen. Wie dem auch sei: Alle Beteiligten haben so hoffentlich mehr Zeit, sich auf die Erforschung der wahren Ursachen zu konzentrieren, um solch schreckliche Gewaltakte in Zukunft zumindest weniger wahrscheinlich werden zu lassen. Und uns Spielern bleiben blinder Aktionismus und peinliche, Politikverdrossenheit schürende Medienbeiträge erspart. Das wäre ja schon was.