Computerspielsucht :

Ich stolpere auf Facebook darüber. In meiner Timeline taucht plötzlich ein Posting auf, das einen Screenshot aus einem aktuellen Artikel von Süddeutsche.de zeigt. Zu lesen ist auf dem Bild »Computerspielsüchtig werden vor allem junge Männer, die sich stärker von Ego-Shootern in Spielen wie League of Legion oder World of Warcraft angesprochen fühlen als Mädchen.« Kommentiert hat der Poster das Ganze mit »Liebe Süddeutsche Zeitung, das Spiel heißt League of Legends und ist (wie WoW auch) kein Ego-Shooter. Wer soll das ernst nehmen?«

Computerspielsucht : Die Autorin
Petra Schmitz kennt selbst Menschen, die unter Computerspielesucht litten. Sie hat außerdem den Sog, den bestimmte Programme ausüben können, auch schon am eigenen Leib erfahren, aber als süchtig hat sie sich noch nie wahrgenommen, das echte Leben kam bisher immer dazwischen. Und dafür ist sie dem echten Leben tatsächlich sehr dankbar.

Beißreflex

Ich spring auf sowas immer noch reflexartig an. Früher wurde ich böse, weil Halbwahrheiten und Lügen verbreitet wurden, um negativ geladene Aufmerksamkeit zu generieren, heute sorge ich mich eher, weil ich mich immer bang frage, ob die Tagespresse auch mit anderen Themen so schlampig umgeht, mit denen ich mich vielleicht nicht auskenne und welchen Blödsinn ich vielleicht schon über die amerikanische Präsidentschaftswahl lesen musste.

Immerhin ist die leidige Killerspieldebatte ja so gut wie durch. Erst jüngst las ich in »Computerspiele: Eine Ästhetik«, einem bei Suhrkamp verlegten Taschenbuch, dass »bis vor einigen Jahren von konservativen Mahnern und Vertretern des kulturellen Establishments noch vor der Schädlichkeit von Computerspielen gewarnt« wurde, aber diese »Stimmen heute weitestgehend verstummt« sind.

Computerspielsucht : World of Warcraft: MMOs sind Spiele, die viel Suchtpotenzial bieten. World of Warcraft: MMOs sind Spiele, die viel Suchtpotenzial bieten.

Dass es sich bei »League of Legion« im Kontext mit Ego-Shootern um Schlamperei und nicht um eine gefährliche Unwahrheit handelt, ist mir jedenfalls sofort klar und ich zürne nicht sonderlich, seufze nur und bange um Informationen rund um Trump und Clinton. Die Süddeutsche korrigiert wenig später in »Computerspielsüchtig werden vor allem junge Männer, die sich stärker von Ego-Shootern oder Spielen wie League of Legends oder World of Warcraft angesprochen fühlen als Mädchen.« Na also!

Spielesucht ist keine Panikmache

Obendrein spricht der Artikel ein wichtiges Thema an, weiß ich. Es geht, wie schon aus dem ursprünglich etwas verqueren Beispielsatz klar wird, um Spielesucht. Spielesucht habe ich schon in meinem näheren Umfeld erleben müssen. Ich sah Menschen ihre Jobs verlieren, weil sie nicht mit Counter-Strike oder World of Warcraft aufhören konnten. Erwachsene Menschen, mitten im Leben, mit Familie und Verantwortung und nicht nur Jugendliche, die sich erst noch ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen müssen, die zwischen Schulstress, Mobbing, fürsorgelosen Eltern und dem allgemeinen Überfordertsein in einer immer hektischer getakteten Welt orientierungslos herummäandern und sich in die Spiele flüchten, deren Regeln so überschaubar sind.

Kurz: Computerspielsucht ist keine Panikmache, es gibt sie. In unterschiedlichsten Ausprägungen mit unterschiedlichsten Genres, in vielen Altersgruppen. Es ist gut und wichtig, darüber zu informieren, dass es inzwischen eine Anlaufstelle in Deutschland gibt, wo Betroffenen geholfen werden soll. Nur wie es die Süddeutsche macht, ist es in meinen Augen nicht zielführend.

Hier geht's zur Website des Wohnheims Auxilium Reloaded in Dortmund

Unglückliche Sätze

Der Artikel heißt »Das Endspiel - im Wohnheim für Computerspielsüchtige«. Abgesehen davon, dass ich das Wort »Endspiel« in diesem Zusammenhang eher für mild übertrieben halte, weil Endspiel abseits vom Sport immer negativ besetzt ist und es immerhin um eine Institution geht, die abhängigen Jugendliche helfen und eine neue Perspektive geben will, lasse ich mir das noch gerade so gefallen. Der Journalist, der noch nie eine Headline überspitzt formuliert hat, um Leser zu gewinnen, werfe den ersten Stein, denke ich.

»Mit zwölf kiffen, mit 13 zocken« steht dann da als blickfangende Zwischenüberschrift. Eine schlichte Aufzählung, die griffig und bedeutsam klingt. Aber sie ist auch - nett formuliert - unglücklich, weil die den Eindruck erweckt, Spiele seien eine Folgedroge für Marihuana. Marihuana als Einstiegsdroge, der nächste Schritt: das Zocken? Ernsthaft?

Computerspielsucht : Die unterschiedlichen Waffenskins und die Jagd danach - CS:GO hat auch klassische Suchtmechanismen in der Hinterhand. Die unterschiedlichen Waffenskins und die Jagd danach - CS:GO hat auch klassische Suchtmechanismen in der Hinterhand.

Statt sich dem Thema aufklärend und im Idealfall sachlich zu nähern, wird das Computerspiel mit Drogen auf eine Stufe gestellt. Zitat aus dem Artikel: »Daniel wächst in Dortmund-Nordstadt auf, wo man leicht an Drogen kommt. Mit zwölf fängt er an zu kiffen, mit 13 an zu zocken.« Der Zyniker liest: In Dortmund-Nordstadt kommt man billig an die »Droge« Computerspiele und lacht trocken in sich hinein. Der noch nicht so abgestumpfte und medienversierte Computerspieler wird wie ich böse über diese Formulierung um der Formulierung willen. Und die eigentliche, wenn auch vielleicht nicht beabsichtigte Zielgruppe des Artikels - die »konservativen Mahner und das kulturelle Establishment« - fühlt sich bestätigt.

Drogen, Jogginghosen, Computerspiele sind schlecht

Sätze wie »In Jogginghosen und Kapuzenpullis schlurfen die Jungs zum Essen in die Küche des Wohnheims, aus einem der Zimmer dröhnt Gangster-Rap […]« oder »Man fühlt sich im Alltag überfordert, kann die eigenen Probleme nicht lösen, aber mit Drogen, Alkohol oder Spielen verdrängen.« zeichnen ein irreführendes Bild. Jogginghosen, Kapuzenpullis und zum Mittagsessen zu schlurfen, nachdem man in seinem Zimmer Gangster-Rap gehört hat - das ist zunächst mal nichts Schlechtes, das passiert in vielen deutschen Haushalten in steter Regelmäßigkeit an Sams- und Sonn- und vermutlich vielen anderen Tagen. In Haushalten von Akademikern, von Bäckern, von Installateuren. Genau wie Computerspiele längst überall gespielt werden, immerhin sagt der Artikel just hinter dem zu Beginn falschen Satz sehr richtig, dass Jugendliche aus allen sozialen Schichten betroffen sind, verfolgt das aber nicht weiter.

Computerspielsucht : Im Zusammenhang mit Diablo 3 sprechen auch wir gerne von Sucht. Sammelsucht! Im Zusammenhang mit Diablo 3 sprechen auch wir gerne von Sucht. Sammelsucht! Nicht falsch verstehen: Es ist legitim, in einer Reportage Eindrücke aus der Einrichtung zu schildern, und ich glaube auch, dass diese Eindrücke stimmen. Es ist genauso legitim, die Vorgeschichte der zentralen Figur Daniel zu umreißen, dessen Vater Selbstmord begangen hat, und der in einem Dortmunder Problemviertel aufgewachsen ist. Durch die Verbindung mit Alkohol und Drogen und den Fokus auf die erwähnten, oberflächlichen Merkmale (Jogginghosen & Co.) entstehen jedoch meiner Meinung nach nicht zulässige Verbindungen. Alkohol, Drogen, belastetes Elternhaus, Joggingklamotten, Gangster-Rap und dann auch noch Spiele - das klingt nach genau jener Art von verwahrloster Schmuddel-Ecke, die man als Bildungsbürger mit wohligem Ekel aus Distanz betrachten und sich denken kann: »Schaut euch diese gescheiterten Existenzen an! Wir haben es ja schon immer gewusst, Computerspiele sind genauso schlimm wie Alkohol und Drogen.«

Bitte nochmal

Dass Computerspielesucht insbesondere bei Jugendlichen, die aus einem schwierigen Umfeld kommen, ein größeres Problem darstellt als etwa bei Jugendlichen, die in einer intakten Familie leben oder generell bei Erwachsenen, ist ein Umstand, den ich nicht eine Sekunde bezweifle. Dass man aber ohne mit der Wimper zu zucken eine Kausalkette zwischen Drogen, Alkohol und Computerspiel zeichnen darf, das bezweifle ich aber vehement.

Computerspielsucht : Candy Crush Saga - Ja, auch und insbesondere Casual Spiele bieten gehöriges Suchtpotenzial. Candy Crush Saga - Ja, auch und insbesondere Casual Spiele bieten gehöriges Suchtpotenzial.

Ich werfe der Süddeutschen hier keine Absicht vor, aber doch Unachtsamkeit. Ein so wichtiges Thema wie die Spielesucht hat es verdient, dass aufklärerisch und helfend berichtet wird, dass man Menschen für das Problem sensibilisiert, Betroffenen einen Fingerzeig in die Richtung einer Lösung gibt, dass man die Thematik generell weniger eingeengt betrachtet. Der Artikel schafft das meiner Meinung nach nicht, sondern verschiebt die Problematik dorthin, wo sie gar nicht hingehört: An den Rand einer Gesellschaft, wo man sie aus sicherem Abstand betrachten kann. Einem sicheren Abstand, den es so gar nicht gibt - und der eine ernsthafte Auseinandersetzung damit verhindert. Spielesucht? Ach nee, betrifft mich ja nicht.

Ich würde mir jedenfalls wünschen, die Süddeutsche würde sich diesem Thema erneut und weitsichtiger annehmen. Computerspielsucht beschränkt sich nicht auf sozial schwach verankerte Jugendliche, sie geht weit darüber hinaus.