Kolumne: Comicgrafik in Spielen :

Zum Thema Civilization 6 ab 19,98 € bei Amazon.de Sid Meier's Civilization VI für 42,99 € bei GamesPlanet.com Ich bin die letzte Person, die sich entsetzt abwendet, wenn Dice oder ein anderer Entwickler mal wieder ein Grafikbrett raushaut. Technischer Fortschritt gehört einfach zu Spielen, so war's schon immer, so wird's immer sein. Ich würde es nicht anders wollen.

Aber ich bin ganz sicher die Person, die grummelig wird, wenn Battlefield 4 meinem Empfinden nach nicht mal ansatzweise brauchbar auf dem gleichen System läuft, das Battlefield 3 noch ohne Mucken auf den höchsten Einstellungen gestemmt hat. Und weil ich weiß, dass ich mit diesem Grummeln nicht alleine bin, und weil ich weiß, dass nicht jeder Mensch alle zwei Jahre seine Grafikkarte austauschen will oder kann, um aktuelle Spiele genießen zu können - allein schon deswegen finde ich Comicgrafik wichtig und richtig.

Kolumne: Comicgrafik in Spielen : Die Autorin

Petra Schmitz denkt oft mit Wehmut an die Zeiten, als sie mit offenem Mund vor den damaligen Optikgranaten Quake 3 oder Unreal Tournament saß, um anschließend in den schnellen Multiplayer-Matches die Grafikleistung der Spiele auf ein Minimum zu reduzieren. Weil sie möglichst viel FPS haben wollte. Wie jeder, der damals Multiplayer-Shooter gespielt hat.

Einfache und klare Formen

Aber zurück auf Anfang: Als wir neulich unseren ersten Artikel zu Civilization 6 mit ersten Bildern und einem ersten Video online stellten, ahnten wir schon im Vorfeld, was passieren würde. Und siehe da, unsere Ahnungen bewahrheiteten sich, gleich der vierte Kommentar lautete: »Ich bin wirklich niemand, der über Grafik meckert, aber das ist doch wohl ein klarer Rückschritt. Und das nach all den Jahren.« So ging's munter weiter. Die Grafik sei ein »Problem«, ein »totaler Downer«, 60 Euro dafür seien zu viel etc. Um diesen Beißreflex deutlich in den Kontext zu setzen: Civilization 6 nutzt im Gegensatz zu den Vorgängern knuddelige Comicgrafik. Und Comicgrafik verbinden viele allein schon durch die vornehmlich mit diesem Look arbeitenden Free2Play-Strategie- beziehungsweise Aufbauspiele automatisch mit »simpel«, »billig« und »Abzocke«.

Diese Wahrnehmung finde ich einerseits völlig nachvollziehbar, andererseits begann die Beziehung zwischen Strategiespielen und Comicgrafik bei Weitem nicht erst mit den F2P-Titeln. Erinnert sich vielleicht noch jemand an dieses Die Siedler von 1993? Und hatte dieses Warcraft 3 von 2002 nicht auch so einen Billigheimer-Anstrich? Pfui!

Okay, Scherz beiseite. Ich glaube nämlich sehr wohl, dass Firaxis die Entscheidung für den Comiclook auch unter dem Einfluss der Free2Play-Spiele getroffen hat. Der neue und serienuntypische Grafikstil könnte durchaus Menschen ansprechen, die bisher noch nie ein Civ angefasst haben. Etwa passionierte Spieler von Clash of Clans und Co., die einfach zu lesende Formen und Farben gewohnt sind. Und ja, Civ 6 sieht einfacher zu lesen aus als Teil 5, ich würde mich in den ersten Stunden damit weitaus leichter tun als mit Civilization 5.

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Die optische Vereinfachung bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht zwingend, dass das Spiel dadurch seichter wird. Komplexität ist nicht gleichbedeutend mit verschwurbelter oder opulenter Optik. Dass durch die - zugegebenermaßen auf den ersten Blick generisch wirkende - Comicgrafik eventuell alte Serienfans abgeschreckt werden, halte ich trotz der lauten Stimmen im Internet für ein eher geringes Risiko. Wir erinnern uns an Diablo 3: Da war das Geschrei wegen des Comiclooks zu Beginn auch groß, die Verkaufszahlen sprachen später aber eine andere Sprache. Und in Bewegung macht Civ 6 tatsächlich einen mehr als schicken Eindruck. Ob und inwiefern Civ 6 laut Firaxis auch einfacher zu modden sein soll als Teil 5, kann ich nicht einschätzen. Ich habe nie und werde nie modden.

Alte Rechner spielen gut

Aber die Entscheidung von Entwicklern für Comicgrafik liegt bei Weitem nicht nur bei möglichen neuen Märkten. Sie liegt auch bei alten Märkten. Oder konkret: Eben bei jenen Menschen, die sich nicht alle paar Jahre eine neue Grafikkarte kaufen wollen, um aktuelle Spiele genießen zu können. Comicgrafik ist im Vergleich zu Realismusbrettern oder Detailgranaten einfach viel, viel Hardware-schonender.

Und damit verabschieden wir uns von Civilization 6, denn selbst der Vorgänger lief seinerzeit auf mehrere Jahre alten Mittelklasserechnern einwandfrei. Wenden wir uns der (ehemaligen) Königsklasse der Grafik zu, den Shootern. Und in diesem Zusammenhang schauen wir dieses Overwatch ganz doll böse an. Auch Overwatch muss mit Meinungsbekundungen im Dunstkreis von »Kiddiegrafik« und »Was schon so aussieht …« leben.

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Overwatch
Der Ninja Genji kann feindliche Angriffe reflektieren. Das klappt sogar mit einigen ultimativen Fähigkeiten - das richtige Timing vorausgesetzt.

Wie zuvor schon gesagt: Ich bin die letzte Person, die von einer Grafik à la Battlefield 4 abgeschreckt wird, im Gegenteil. Aber ich bin auch die Person, die die »Kiddiegrafik«, die Blizzard hier gezogen hat, als sehr angenehm und stilistisch rund empfindet. Und ich musste für Overwatch keine neue Grafikkarte in meinen Rechner schrauben. Das Ding läuft. Flüssig. Immer! Wahrscheinlich auch auf einem handelsüblichen Rasenmäher.

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Blizzards durchgehender Erfolg mit all seinen Marken basiert unter anderem darauf, dass sie die Zielgruppe nicht durch hohe Hardwareanforderungen künstlich verknappen. Als Diablo 3 oder Starcraft 2 erschienen, mussten wir die Grafik nicht auf »hässlich« runterschrauben oder tief ins Portemonnaie greifen, um flüssig spielen zu können. Gleiches nun bei Overwatch. Die Entwickler von ArenaNet (Guild Wars 2) haben mir gegenüber mal gesagt, dass sie ihre Spiele stets so entwickeln, dass sie auf mindestens drei Jahre alten Systemen noch mit hohen Grafikeinstellungen laufen können. Blizzard fährt seit geraumer Zeit eine ähnliche Philosophie, darauf verwette ich mehrere Monatsgehälter. Und dabei ist die Comicgrafik tatsächlich einer der gangbarsten Wege.

Also auch wenn die Entscheidung für einen Comiclook in vielen Fällen schlicht eine marktgetriebene und nicht unbedingt eine ästhetische ist: Ich bin Blizzard und allen anderen Studios, die ähnlich handeln, dankbar. Dankbar dafür, dass sie Besitzer älterer Rechner nicht ausklammern. Dass sie uns nicht alle zwei Jahre vor die Anschaffung neuer Hardware stellen und uns trotzdem tiefe und langfristig unterhaltende Stunden vor dem Monitor schenken. Und trotzdem freue ich mich auf Battlefield 1. Weniger hingegen auf die ziemlich sicher zwingende Anschaffung einer neuen Grafikkarte. Auf der die zeitlose Comic-Optik von Civ 6 oder Overwatch kein bisschen besser oder schlechter aussieht als auf meiner alten.