Der Bahngigant : Das Bahnhofsmenü in seiner vollen ausgeklappten Pracht. Das Bahnhofsmenü in seiner vollen ausgeklappten Pracht. Die Wurzeln von Der Bahngigant reichen lange zurück, genauer gesagt in Jahr 1992. Als damals in Europa erstmals ein A-Train erschien, wurde es aufgrund seiner Optik vorschnell als Sim City-Kopie abgetan und verschwand bald wieder in der Versenkung. Dabei ist die Serie 20 Jahre später immer noch am Leben, inzwischen beim neunten Teil angelangt und erfreut sich zumindest in Japan weiterhin großer Beliebtheit.

Grund genug für UIG, die mit Titeln wie dem Pistenraupen Simulator normalerweise ihr ganz eigenes Publikum ansprechen, das Ding mal wieder nach Deutschland zu bringen. Also wurde das in Japan bereits 2010 erschienene A-Train 9 ausgegraben, übersetzt, leicht angepasst und mit dem neuen Namen Der Bahngigant zu den Händlern geschickt. Dazu schnappte man sich aus dem Jowood-Nachlass die entsprechende Lizenz, um eine gewisse Ähnlichkeit zu bekannten Titeln wie Der Industriegigant zu suggerieren.

Starthilfe
Undefinierte Spielziele, teilweise katastrophale Steuerung, keine Tutorials und ein nur mäßig hilfreiches Handbuch: Die Gefahr, vor dem Bahngiganten dauerhaft zu kapitulieren, ist groß. Zum Glück gibt es Abhilfe: Auf der Seite Let’s Sim sind jede Menge schön eingesprochene halbstündige Videos zu finden, die das Spielprinzip hervorragend erklären. Hinter den Videos steckt mit dem Österreicher Tomdotio – seinen echten Namen will er nicht preisgeben – der wohl fundierteste deutschsprachige A-Train-Kenner. Er zeichnet übrigens auch für die Österreich-Szenarios in der Bahngigant verantwortlich.

Aber was heißt schon Ähnlichkeit? Obwohl es sich um eine klassisch-reinrassige Aufbau-Wirtschaftssimulation handelt, lässt sich das grundlegende Spielkonzept schwer erklären. Ein Sim-City-Derivat ist es schon mal nicht. Und auch die Beschreibung »Verkehrssimulation mit angehängtem Wirtschaftskreislauf« wie bei Transport Tycoon/Locomotion oder den bereits erwähnten Jowood-Giganten trifft es nur sehr unzureichend.

Wo geht’s hier zum Spiel?

Beim Einstieg hat Der Bahngigant dann auch schon sein erstes großes Problem. Wer einfach mal ein Spiel startet, ein Szenario auswählt und ein bisschen herumklickt (oder es zumindest versucht), wird gnadenlos scheitern. Und auch nach Stunden noch mit aufgeblasenen Backen vor dem Monitor sitzen, die Menüs das achtundsechzigste Mal abklappern und trotzdem keine Ahnung haben, was er denn nun genau machen soll.

Update & Wertungsänderung: Fanpatch liefert Züge nach
Pünktlich zum Release liefert ein von der Fanseite Bahngigant.de erstellter Patch die im Vergleich zur Japan-Version fehlenden Züge nach. Es handelt sich dabei um ein inoffizielles Update, zu dem der Publisher UIG keinen Support anbietet. Auch auf der UIG-Webseite ist vom Patch bislang weder etwas zu lesen noch ein Download verlinkt. Laut UIG wurde das Update aber gründlich getestet und auch frei gegeben.

Dass UIG ihn nicht offiziell vermarktet, ist kein Wunder – so müsste man sich der Frage stellen, warum die Zugvielfalt gegenüber Originalversion überhaupt erst so drastisch beschränkt wurde. Daneben bügelt der Patch vor allem einige Lokalisationsfehler wie unpassende Zeilenumbrüche aus.

Spielerisch hat die nun knapp verzehnfachte Zugauswahl eigentlich keine bedeutenden Auswirkungen. Da der reine Spielspaß steigt durch den aufgepeppten Fuhrpark aber durchaus – weshalb wir bei den beiden Wertungskategorien »Umfang« sowie »Einheiten & Gebäude« je einen Punkt drauflegen. Mit installiertem Patch kommt der Bahngigant also auf eine Gesamtwertung von 61 Punkten.

Zwar hat sich UIG redlich Mühe gegeben und legt ein 60-seitiges, gedrucktes Handbuch in die Packung gelegt. Doch leider beschränkt sich die Hilfestellung (wie auch bei den „Stadtberatern“ im Spiel) darauf, zu sagen, WAS man machen soll. Und verschweigt dabei, WIE man es denn nun genau machen soll. Selten zuvor haben wir bei einem Spiel ein Tutorial dermaßen schmerzlich vermisst.

Der Bahngigant

Dabei wäre das bitter nötig. Was neben den etwas eigenwilligen Mechanismen – wir versuchen uns gleich an einer Erklärung – vor allem an der teils unterirdischen Bedienung liegt. Simples Mauszeiger-Scrollen wird ebenso wenig unterstützt wie ein Rechtsklick samt passender Kontextmenüs.

Stattdessen ergießt sich eine Flut aus textlastigen Menüs, mäßig dokumentierten Icons und einer wahnwitzigen Kombination aus Kamerasteuerung und Minimap über den armen Spieler. Einige Steuerungskatastrophen lassen sich zwar durch einen Besuch im Optionsmenü abschwächen. Trotz des sich irgendwann einstellenden Gewöhnungseffektes bleibt das komplette Interface aber eine sehr frustrierende Angelegenheit.

Plane und baue

Natürlich dreht sich Der Bahngigant grundsätzlich darum, mit Zügen Passagiere und Güter zwischen Bahnhöfen hin- und her zu schippern. Und natürlich ist es schön, wenn jeder Zug dabei auch noch Gewinn abwirft. Dass es darum aber nicht vordergründig geht, zeigt schon die Tatsache, dass mit den seit jeher existierenden Gütertransporten erstmals ebenfalls Einnahmen generiert werden können.

Es gibt auch keine verschiedenen Güter oder ein Angebots-Nachfrage-Modell. Vielmehr dient die einzige (übrigens selbst produzierte) Warensorte als eine Art Baustoff für alle möglichen Gebäude und Einrichtungen. Die – mehr als schwierige – Kunst besteht nun darin, die Waren genau dorthin zu transportieren, wo man sie für die künftige Stadtentwicklung brauchen kann.

Der Bahngigant : Das Basisgeschäft sind natürlich die Eisenbahnen. Allerdings ist der potenzielle Gewinn im Vergleich zu anderen Optionen eher gering.

Eisenbahnen
Das Basisgeschäft sind natürlich die Eisenbahnen. Allerdings ist der potenzielle Gewinn im Vergleich zu anderen Optionen eher gering.

Ähnlich sieht es beim Personentransport aus: Zwar ist er traditionell eine der Haupteinnahmequellen von A-Train. Doch auch hier ist es mindestens ebenso wichtig, die virtuellen Einwohner geschickt und passend zu verteilen. Die potenziellen Passagiere stellen dabei keine gezielten Routen-Forderungen. Gefällt ihnen eine bestehende Linie, nutzen sie sie auch.

Der positive Effekt geschickt geplanter Schienennetze zeigt sich schnell: Rund um attraktiv gelegene Bahnhöfe siedeln sich alsbald die ersten Wohn- und Geschäftshäuser an. Um diese Art der indirekten Stadtentwicklung geht es letztendlich bei A-Train.

Der Bahngigant : Abseits vom Geldscheffeln ergeben sich durch das gewählte Szenario bestimmte »Missionsziele«. Hier haben wir zwar bereits einen Hochgeschwindigkeitszug, die Stadt ist aber noch unterentwickelt. Abseits vom Geldscheffeln ergeben sich durch das gewählte Szenario bestimmte »Missionsziele«. Hier haben wir zwar bereits einen Hochgeschwindigkeitszug, die Stadt ist aber noch unterentwickelt. Wächst und gedeiht ein Viertel, so ist es ratsam, dort seine eigenen Gebäude unterzubringen, im Spiel »Tochterfirmen« genannt. Denn mit Geschäften, Hotels und Wohnhäusern lassen sich regelmäßige Gewinne erzielen, wenn alles gut läuft. Vor allem aber steigen die Grundstückswerte eines prosperierenden Stadtteils geradezu explosionsartig an. Mit sehr früh und damit sehr billig gebauten Gebäuden lassen sich enorme Gewinne erzielen.

Eine weitere Möglichkeit zum Geldscheffeln besteht im Aktienmarkt. Der ist recht einfach gestrickt und trotzdem verwirrend, da sich hier Dutzende Unternehmen mit japanischen Namen und sehr ähnlichem Nennwert drängeln.

Die Notierung steigt und fällt in zyklischen Wellen, verkauft werden kann nur, wenn sich ein KI- Abnehmer findet. Nach ein paar Stunden hat man den Dreh raus und der Aktienmarkt fungiert fortan als effektive Möglichkeit für gewaltige Gewinne. Was insofern ein ziemlicher Klops ist, als dass er mit dem restlichen Spiel praktisch nichts zu tun hat, von der Stadtentwicklung sind die Kurse abgekoppelt.