Das Ende von Mass Effect 3 :

Zum Thema » Mass Effect 3 im Test So bewerten wir das Sci-Fi-Epos » Mass Effect 3 im Technik Check Systemanforderungen und Grafikvergleich Mass Effect 3 ab 5,99 € bei Amazon.de Mit Mass Effect hat Bioware eine einzigartige Trilogie erschaffen. Eine Trilogie, in der sich meine Entscheidungen über alle Episoden hinweg auswirken. Eine Trilogie, in der ich etwas bewege, statt nur durch Science-Fiction-Kulissen zu stapfen. Eine Trilogie, die ein würdiges, ein befriedigendes Ende verdient.

Doch genau daran hapert’s nun offenbar, viele Spieler beschweren sich über das Finale von Mass Effect 3 . Deswegen (und wegen des verständlichen Ärgers über den lächerlichen Day-One-DLC »Aus der Asche«), vergeben die User der Wertungssammel-Plattform Metacritic an Mass Effect 3 magere 5,0 von 10 Durchschnittspunkten (für die Xbox-Version, PC und PS3 liegen noch niedriger). »Zu 90 Prozent war Mass Effect 3 eines der besten Spiele, die ich jemals gespielt habe«, schreibt ein verärgerter Fan. »Aber die letzten zehn Prozent haben alles ruiniert.«

Hunderte weitere Spieler schlagen in dieselbe Kerbe, einen derartigen »Das Ende ist blöd«-Aufschrei habe ich noch nie erlebt. Nun kann ich diese Unzufriedenheit durchaus nachvollziehen. Aber ich teile sie nicht.

Spoiler-Warnung
Achtung: Im Folgenden gehe ich auf die Enden von Mass Effect 3 ein und verrate Details, die Sie bestimmt lieber im Spiel erleben möchten – Weiterlesen auf eigene Gefahr.

Fakt ist: Das Finale von Mass Effect 3 ignoriert die Entscheidungen, die ich in den Vorgängern getroffen habe. Egal, ob guter oder böser Shepard, gerettete oder frittierte Rachni-Königin, tote Ashley oder toter Kaidan: Am Schluss habe ich immer dieselbe Wahl zwischen drei alternativen Enden – deren jeweilige Folgen Bioware zudem klarer und lebendiger hätte darstellen können.

Noch dazu fehlt weitgehend die persönliche Note, am Schluss kraxeln zwar eine Handvoll Crewmitglieder aus der bruchgelandeten Normandy, das weitere Schicksal der liebgewonnen Charaktere und der geretteten Völker lässt Bioware aber offen. Vielen Spielern fehlt deshalb das Gefühl, wirklich fertig zu sein, ihnen fehlt die Befriedigung. Wie gesagt, das kann ich nachvollziehen.

Mir fehlt diese Befriedigung jedoch nicht. Denn ich habe mich nie der Illusion hingegeben, dass Mass Effect eine Serie sei, in der sich meine Entscheidungen wirklich auswirken. Man nehme nur das Ende des ersten Teils: Ob ich den Rat rette oder nicht, beeinflusst zwar Dialoge, die Handlung aber läuft unbeeindruckt weiter. Das hat mich damals tatsächlich gestört.

Allerdings sehe ich keinen Grund, mich jetzt immer noch über etwas aufzuregen, was mir seit Jahren klar ist: Bioware wollte die Handlungszügel niemals aus der Hand geben; nicht ich bestimme den Verlauf der Story, sondern die Entwickler. Nun kann es sein, dass sie hier die falsche Erwartungshaltung geweckt haben, eine Mitschuld an der Enttäuschung will ich Bioware gar nicht absprechen. Dennoch beruhen die Beschwerden auf der Illusion einer Freiheit, die es in Mass Effect nie gegeben hat. Wobei Mass Effect 3 meine Entscheidungen ja sehr wohl aufgreift, nur eben wie immer in Dialogen und Nebenaufträgen.

Was mich zum nächsten Punkt bringt: dem Schicksal der Charaktere und der Völker. Okay, es wäre eine gute Idee gewesen, die Zukunft der Personen, ach, der ganzen Galaxis kurz anzureißen, sei’s auch nur in Textform. Bioware lässt diese Zukunft aber offen, und ich vermute: bewusst. Indem Shepard die Massenportale zerstört, stürzt er die Milchstraße in eine ungewisse Zukunft: Die Kooperation der Völker ist vorerst beendet, jede Welt auf sich allein gestellt.

Das erinnert mich frappiernd an Dan Simmons’ »Hyperion« und »The Fall of Hyperion«, zwei der besten Science-Fiction-Romane, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Auch hier stürzt die Menschheit am Ende nach dem Verlust ihrer Reiseplattform in ein dunkles Zeitalter, das weitere Schicksal des Universums bleibt offen - und trotzdem habe ich nicht das Gefühl, unbefriedigt auszusteigen. Schon klar, in »Hyperion« habe ich nicht zahllose Wochen meines (Spieler-)Lebens investiert, noch dazu gibt es zwei Romanfortsetzungen, die aber erst Jahre später erschienen sind und die ich nie gelesen habe. »Hyperion« ist für mich abgeschlossen, trotz des ungewissen Endes.

Mass Effect 3
Im eindrucksvollen Auftakt kämpfen wir uns auf der Erde durch die Invasion der Reaper.

Und, um auch das klar zu sagen: Ich hätte mich fürchterlich geärgert, wenn sich am Ende von Mass Effect 3 Menschen, Turianer, Asari & Co. an den Händen gefasst hätten und um die zerstörten Reaper getanzt wären. Kitschig-schmierige Hollywood-Happy-Enden braucht niemand. Shepard hat die Galaxis eben nicht nur gerettet, er hat sie für immer verändert. Dieses Gefühl bringt Mass Effect 3 für mich bestens rüber, genauso wie die Tatsache, dass die Shepard-Trilogie nun zwar vorbei und die Reaper-Bedrohung pulverisiert ist, das Universum aber weiterlebt. Wie genau, wird sich zeigen.

Wobei ich zugeben muss, dass Mass Effect diese Stimmung längst nicht so elegant transportiert wie Dan Simmons in den »Hyperion«-Romanen. So leiden die Enden von Mass Effect 3 unter einigen Logikbrüchen, da steigen schon mal Charaktere aus der zerstörten Normandy, die eigentlich gar nicht mehr an Bord sein dürften. Noch dazu führt Bioware unmittelbar vor Schluss eine neue Macht ein, die die Reaper erschaffen hat und das in meinen Augen auch gut begründet.

Trotzdem gehört es erzählerisch nicht gerade zum guten Ton, auf den letzten Metern Parteien aus dem Hut zu zaubern – ich erinnere an den »Architekten« aus dem zweiten Matrix-Film. Auch wenn Mass Effect 3 diesen Twist zuvor ein paar Mal andeutet, fühlt sich die Erklärung für die Reaper-Invasionen nicht so an, als sei sie vom Serienbeginn an so geplant gewesen. Mag sein, dass das am erzählerischen Unvermögen der Entwickler liegt.

Dass Entwickler ihre Probleme mit über mehrere Spiele hinweg erzählten Geschichten haben, ist nichts Neues. Mit Grausen erinnere ich mich ans verschwurbelte Ende von Halo 3, das mich seinerzeit mit dem Drang zurückließ, den Fernseher zu packen, zu schütteln und »Hä?!« zu brüllen. Gleiches gilt im Jahrestakt für Assassin’s Creed. Beide Serien haben wesentlich, wesentlich schlechtere Enden als Mass Effect 3, dennoch blieb hier der große Fan-Aufschrei aus.

Nun kann man natürlich argumentieren, dass das irgendwann besser werden muss, irgendwann müssen die Entwickler doch das Erzählen lernen. Stimmt zwar, aber warum bei Mass Effect, warum bei einem Spiel mit einem zwar nicht perfekten, aber guten Ende? Warum nicht bei Halo, warum nicht bei Assassin’s Creed, warum nicht bei all den anderen Serien mit unendlich viel schlechteren Enden (Command & Conquer)? Wer sich über Mass Effect ärgert, müsste sich doch schon sein ganzes Leben lang unentwegt die Haare raufen angesichts all jener viel plumper erzählten Spiele, die seit Jahrzehnten die Händlerregale füllen.

Das Ende von Mass Effect 3 : Michael Graf Michael Graf Ich hingegen rechne es Bioware hoch an, dass »ihr« Ende die Hauptfragen der Serie beantwortet: Wer sind die Reaper, wo kommen sie her, warum kehren sie alle 50.000 Jahre zurück? Deshalb bleibe ich keineswegs fluchend zurück, sondern fühle mich durchaus erhellt. Wie gesagt, all das könnte eleganter erzählt sein, mir fallen aber nur wenige Spiele und noch weniger Spieleserien ein, die’s besser hingekriegt hätten. Die handwerklichen Erzählfehler kann man Bioware natürlich trotzdem vorwerfen – man muss sich dann eben nur im Klaren sein, dass man auf sehr hohem Niveau kritisiert.

Ich jedenfalls bin Bioware verdammt dankbar dafür, dass sie den spieleübergreifenden Handlungsbogen nicht nur gespannt, sondern auch zu einem befriedigenden Abschluss gebracht haben. Mass Effect bleibt eine meiner Lieblingsserien. Auch und gerade weil ich mit Mass Effect 3 eben nicht den Spiel gewordenen Messias samt bestem Ende aller Zeiten erwartet habe, sondern ein großartiges Rollenspiel voller denkwürdiger Momente. Das ist es auch geworden.