Sherlock Holmes: The Devil’s Daughter : Sherlock Holmes: The Devil's Daughter im Test: Es hat eigentlich so viel Potenzial. Sherlock Holmes: The Devil's Daughter im Test: Es hat eigentlich so viel Potenzial.

Zum Thema ab 24,46 € bei Amazon.de Sherlock Holmes: The Devil’s Daughter für 35,99 € bei GamesPlanet.com Stellen wir uns mal folgende Szene vor: Wir sind die Jungs und Mädels des ukrainischen Entwicklers Frogwares und sitzen gerade gemütlich im Meeting-Raum zur Nachbesprechung von unserem zuletzt veröffentlichten Spiel Sherlock Holmes: Crimes and Punishments. Auf unsere Lippen liegt ein Lächeln, denn die internationalen Wertungen können sich echt sehen lassen. Selbst die GameStar, die für uns wichtigste, weil beste Spielezeitschrift der Welt, hat uns in ihrem erstklassig geschriebenen Test eine satte 85 samt Gold-Award verpasst. Klasse! Wir sind also so richtig gut drauf und besprechen direkt die Entwicklung des Nachfolgers - Sherlock Holmes: The Devil's Daughter.

Plötzlich betritt ein Typ den Raum. Schnieker Anzug, grimmiger Blick, mit dollargrüner Krawatte. Er hält vor unserem Team, pocht energisch mit dem Finger auf den Besprechungstisch und motzt: »Crimes and Punishments verkauft sich nicht! Adventures müssen besser performen!« Wir protestieren, verweisen auf die jubelnden Pressestimmen, aber der Kerl fällt uns wütend ins Wort: »Wir sind hier keine bunte Indie-Parade, sondern machen seriöses Business! Wir haben mal gescannt, was sich auf dem Spielemarkt da draußen super verkauft. Was wollen die Leute heutzutage? Die Antwort ist simpel: Action, am besten Hollywood-mäßig. Mit massig Rumms.«

»Aber Chef!«, klagen wir. »Wir machen Adventures. Das ist für sowas das verkehrte Genre. Hier geht's um Rätsel und Knobeleien - deshalb ja Sherlock Holmes.«

»Falsch!«, ruft der Anzug-Fritze. »Auch da gibt's eine einfache Lösung. Sprechen Sie mir alle nach: Quick. Time. Event. Am besten eine ganze Tonne davon. Und Explosionen. Und Bullet Time. Lösungen, meine Damen und Herren. Dafür sind wir ja hier.«

Okay, wir spekulieren hier natürlich nur. Wer weiß schon, wie es tatsächlich hinter den verschlossenen Türen von Frogwares und Publisher Bigben aussieht. Aber für uns würde dieses Gedankenspiel ein großes Rätsel lüften: Wie können dieselben Leute, die für das herausragende Crimes and Punishments verantwortlich sind, im Nachfolger plötzlich so vieles falsch machen, was ihnen im Vorgänger noch prima gelungen ist? Uns scheint es, als hätte man aus den Stärken und Schwächen des letzten Sherlock Holmes genau die falschen Lektionen gelernt. Wagen wir mal eine Bestandsaufnahme.

Facelift für Holmes? Ja, Holmes und Watson sehen jetzt komplett anders aus, obwohl The Devil's Daughter in derselben Story-Kontinuität spielt wie die Vorgänger. Im Gespräch mit dem Entwickler wurde uns verraten, dass es sich hier um eine Management-Entscheidung handelt. Holmes soll hipper aussehen. Und Watson offenbar wie Jude Law. Die Geschichte geht auf den Facelift nicht weiter ein - uns hat das alte Design besser gefallen, aber das ist Geschmackssache.

Holmes wird Papa

Zur Klarstellung: Sherlock Holmes: The Devil's Daughter ist kein durch die Bank schlechtes Spiel, sondern »lediglich« ein extrem enttäuschender Nachfolger. Einige Aspekte gefallen uns sogar richtig gut - die Optik zum Beispiel. Crimes and Punishments war schon ein hübsches Spiel, aber The Devil's Daughter setzt im Feinschliff nochmal einen drauf und punktet mit schärferen Texturen, tollen Charaktermodellen und herrlich detailverliebten Schauplätzen. Das hat allerdings seinen Preis: Vor allem auf Konsolen bricht die Framerate in belebten Straßen regelmäßig ein, die PC-Version kämpft außerdem spürbar mit Screen Tearing. Das alles hält sich allerdings noch im Rahmen. Gerade im Vergleich zur Adventure-Konkurrenz, die überwiegend auf zeitlose Comic-Optik setzt, legt Sherlock Holmes hier einen optisch frischen und deshalb beeindruckenden Auftritt hin.

Sherlock Holmes: The Devil's Daughter
Sherlock und Watson sind zurück, diesmal sogar mit Facelift.

Auch in puncto Story bemüht sich das Spiel, frischen Wind durchs viktorianische London zu pusten. Schließlich handelt es sich bei The Devil's Daughter je nach Zählung schon um den elften Teil von Frogwares' Reihe Adventures of Sherlock Holmes (Fleißpünktchen gibt's für jeden, der sie ohne Wikipedia aufzählen kann). Und an der Grundprämisse ändert sich erstmal nichts: Wir schlüpfen wahlweise aus Ego- oder Verfolgeransicht in die Rolle von Londons Meisterdetektiv, um in bester Adventure-Tradition schwierige Verbrechen aufzuklären. Dazu rätseln, kombinieren und befragen wir.

Als Kniff verbindet The Devil's Daughter das Episodenformat von Crimes and Punishments mit einer emotionalen Rahmenhandlung wie in Das Testament des Sherlock Holmes. Blöd nur, dass die beiden Vorgänger in ihren jeweiligen Story-Ausrichtungen qualitativ klar die Nase vorn behalten. Die Rahmenhandlung thematisiert die angespannte Beziehung zwischen Holmes und seiner Adoptivtochter Kate, die Fans bereits aus einem früheren Teil kennen. Was die nämlich nicht weiß: Eigentlich ist sie die Tochter des verstorbenen Oberschurken Moriarty. Als dann plötzlich eine dubiose Nachbarin mit Hang zum Okkulten neben Holmes einzieht die genau über diese tragische Vergangenheit Bescheid zu wissen scheint, geraten die Ereignisse aus dem Ruder.

Klingt erstmal spannend, in der Ausführung haut der Plot aber an keiner Stelle hin. Und wir klammern hier die eher enttäuschende deutsche Synchronisation noch aus, die gerade bei Tochter Kate voll danebengreift. Das Mädel wirkt meist eher merkwürdig angetrunken als ernsthaft betroffen, transportiert entsprechend keine Emotionen - und auch Holmes kann an keiner Stelle überzeugend zeigen, wie er mit dem Vater-Sein zu kämpfen hat.

Wie Dialoge nicht sein sollten

Auch die Dialoge sind auffallend hölzern geschrieben: Vor jedem neuen Fall gibt's einige Sequenzen, in denen wir mit Kate interagieren und dabei als Spieler eine Beziehung aufbauen sollen, indem wir Dialogoptionen auswählen. Diese Entscheidungen haben allerdings weder Auswirkungen auf den Handlungsverlauf, noch irgendeinen Belang in sich. Soll Kate Klavierunterricht erhalten? Verweigern wir ihr den mit einer Ausrede oder der Wahrheit? Ist uns alles eigentlich ziemlich egal. Wirklich unglaubwürdig wird's dagegen bei der Interaktion mit unserer dubiosen Nachbarin, allerdings müssen wir dafür eine Szene aus der Mitte des Spiels spoilern.

Warnung: der folgende Absatz enthält Spoiler

Sherlock Holmes erfährt bereits früh, dass seine Nachbarin okkulte Spielereien mag. Nach und nach entdeckt er, dass sie in ihrem Appartement tatsächlich sowas wie Totenbeschwörung betreibt, außerdem die Tochter eines alten Feindes von Holmes ist und völlig besessen vom Meisterdetektiv scheint. Trotzdem lässt er nach einigen vorsichtigen Protesten erstmal unbeeindruckt zu, dass sein eigenes Mädchen mit dieser Frau Ausflüge unternimmt und widmet sich stattdessen einem Fall. Und nein, das hat nichts mit Holmes' exzentrischer Art zu tun, sondern ist eines von vielen Plotlöchern, die die Rahmenhandlung von The Devil's Daughter an tausend Stellen perforieren.

Nun kann man die Story um Holmes' Tochter mit Ausnahme des letzten Kapitels zwar ignorieren, doch selbst die einzelnen Fälle hinken der Qualität von Crimes and Punishments an jeder Stelle hinterher. Zur Erinnerung: Im Vorgänger haben wir im nebligen Hinterland einen verschwundenen Zug gejagt, im römischen Badehaus den Tod eines Archäologen bis zu einem mysteriösen Kult verfolgt, den Mord an einem drakonischen Adligen untersucht und, und, und. Wir haben uns in Villen, Landhäusern, botanischen Ausstellungen, verlassenen Bahnhöfen und anderen spannenden Schauplätzen herumgetrieben.

The Devil's Daughter bietet quasi kein einziges Szenario, das mit einem dieser Fälle konkurrieren kann: Mal sind wir im Armenviertel Londons unterwegs, dann an einer Straßenkreuzung, in mehreren Kneipen, in der Polizeiwache (die aussieht wie im letzten Teil), dann wieder im Armenviertel. Gähn.