Das »Tor zur Unterwelt« ist inzwischen aus dem Orbit sichtbar. Wer hinabblickt, entdeckt den Schlund inmitten der sibirischen Taiga. Wie ein gigantisches Urzeit-Tier frisst es sich in die baumlose Ebene, die zuvor mehr als 500.000 Jahre ungestört da lag. Dabei entlässt es üppige Mengen an klimawirksamen Gasen – deutlich schlimmer als Kohlenstoffdioxid.
Wir stellen euch ein in dieser Ausprägung einzigartiges Naturphänomen vor, welches zum Vorbild eines neuartigen, für uns extrem gefährlichen Landschaftsbildes verkommen könnte. Denn der hohe Norden unseres Planeten wandelt sich – mit gravierenden Folgen.
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NASA-Video aus dem Jahr 2009: Wie der Klimawandel die Ozeane beeinflusst
Sibiriens Schlund der Vergangenheit
Wir reisen mit euch zur Tscherski-Bergkette in der ostsibirischen Taiga. Tief in Russland, in der Republik Sacha, Jakutien, klafft der Batagaika-Krater. Aus der Luft schaut er derzeit aus wie ein Riesentadpole oder Stachelrochen – ein langgestreckter Kopf, aus dem ein »Schwanz« herausragt.
Doch Wissenschaftler kennen ihn unter einem anderen Namen und seine Form ist ohnehin vergänglich: der größte Permafrost-Krater der Welt in uralten, seit Jahrtausenden ungestört daliegenden Böden – bis zu 650.000 Jahre alt und damit der älteste in Sibirien.
Geografie und Bodenkunde: Was steckt hinter Permafrost und Taiga?
Wir bewegen uns für diesen Artikel in der Taiga. Darunter verstehen Geografen ein südlich (im Fall der Nordhalbkugel/Nordhemisphäre) der Tundra gelegenes Nadelwald-Biom. Hier dominieren ohne menschlichen Eingriff ausgedehnte Wälder an Fichten, Kiefern und Lärchen. In Richtung des jeweiligen Pols schließt sich die Tundra an. Das ist eine baumlose Gegend, in der niedrige Vegetation, wie Moose, Flechten und Sträucher, vorherrscht.
Vor allem in letzter Kältezone kommt sogenannter Permafrost-Boden vor. Dabei handelt es sich um dauerhaft gefrorenen Boden, der mitunter Hunderte Meter tief in den Untergrund hinabreicht. In der Taiga, wo der Batagaika-Krater liegt, gefriert der Boden ebenfalls in vereinzelten Gegenden ähnlich anhaltend durch. Das hängt aber stark von lokalen Gegebenheiten ab – wie sie bei der wachsenden Erdgrube vorlagen.
Einer »Erdwunde« gleich, die ein jähzorniger Gott geschlagen hat, prangt er mehr als einen Kilometer lang und an manchen Stellen tiefer als 100 Meter im Erdboden.
Zwei Kräfte lassen ihn fortwährend weiter wachsen…
- Auftauen: Sobald die Wintersaison endet und die Sonne wieder höher am Himmel steht, fängt der nächste Tauzyklus an. Die Strahlung selbst sowie die erwärmte Luft lassen Eis im Boden schmelzen. Die Bindung zwischen Erde, Gestein, Pflanzen- und Tierresten löst sich auf. Schicht für Schicht setzt sich dieser Prozess fort. Der nun lose Untergrund wird angreifbar durch…
- Erosion: Darunter ist alles zu verstehen, was zum Abtrag des Hanges führt. Dazu zählen mechanische Einflüsse wie Wind und Wasser oder selbst Tiere, die Material lostreten. Durch die Schwerkraft fällt es hinab und entblößt neue Schichten. Der sich selbst erhaltende (und verstärkende) Kreislauf setzt sich fort.
Ein Ende der Ausweitung steht nicht in Aussicht, eher werde sich der Prozess in Zukunft beschleunigen. Stellt euch die Dynamik ähnlich vor wie bei einem auftauenden Kuchen. Solange er in einem Stück auf der Theke steht, braucht er relativ lange, um anzutauen, aber wenn ihr anfangt, ihn in Scheiben zu sägen, kommt eine zunehmend große Oberfläche mit der warmen Luft in Berührung.
Beim Batagaika-Krater gräbt sich Jahr für Jahr mehr Hitze aus Luft oder durch die Sonne in den für zuvor Jahrtausende gefrorenen Boden.
Wer einmal in den einstigen Untergrund abtauchen möchte, schaut am besten gleich diese unkommentierten Aufnahmen an. Am Rand der ausladenden Erdgrube erkennt ihr auch prächtig ausgeprägte Schichten, die durch Tausende Jahre an Ablagerungsprozessen entstanden.
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Ein Ort, viele Namen
Krater nimmt streng genommen sprachlich die falsche Abzweigung, es ist gar kein Krater. Denn er entstand nicht durch ein singuläres Ereignis, wie einen Einschlag oder Ausbruch. Vielmehr haben wir hier aus geologischer Sicht den weltweit größten fortdauernden Erdrutsch vor uns, der sein Material nur halt extrem langsam vom auftauenden Permafrost-Boden umzu erhält.
Experten nennen es deshalb fachlich exakt: Thermokarst-Depression. Letzteres Wort benennt schlicht eine lokale Absenkung im Gelände und ersteres steht für eine durch Auflösung von Gestein entstandene Landschaft – in diesem Fall durch »Thermo«, Hitze, beschleunigt.
Seinen literarisch anmutenden Namen als »Tor zur Unterwelt/Hölle« erhielt das Phänomen übrigens von der lokalen Bevölkerung. Denn der Schmelzprozess verursacht Geräusche: Knacken, Brechen, Rumoren und das zum Teil eben unterirdisch und so ohne erkennbare Urheber. Die Angst regte die Fantasie und dann im nächsten Schritt religiösen Aberglauben.
So entstand der Batagaika Krater vor rund 60 Jahren
Kaum mehr als eine Scharte dürfte es in den 1960ern gewesen sein, woraus sich in den Folgejahrzehnten die nimmer endende Zeitlupen-Lawine aus Erde auftun sollte. Ab den 1990ern waren schließlich erste kleine Einstürze zu erkennen – von da an griffen die entfesselten, wenn auch gemächlich agierenden Kräfte der Natur um sich: Bis 2016 bildete sich die heute sichtbare Mulde heraus.
Seitdem zeigte sich schlussendlich die stetig zunehmende Abbruchrate. Kamen in einem halben Jahrhundert 25 Millionen Kubikmeter an Material zusammen, gesellten sich innerhalb von acht Jahren 1/3 davon nochmal obendrauf – inzwischen mehr als 40 Millionen Kubikmeter. Die Wand schiebt sich rundherum etwa 40 Meter pro Jahr weiter ins Erdreich.
Addieren wir das gesamte bisher weggebrochene Material und formen es zu einem Würfel, käme dieser auf eine Kantenlänge von 330 Metern oder anders formuliert, wir sprechen hier vom Volumen von 14 Cheopspyramiden.
Der Auslöser für diesen nicht mehr zu stoppenden Vorgang ist simpel: Entwaldung. Seine Entstehung begann lange, bevor sich der heutige Krater überhaupt auch nur als eine Rinne im Schlamm ankündigte.
Ohne die halbwegs geschlossene Baum- und Bewuchsdecke des ehemaligen Batagai Waldes vermochte die Sonnenstrahlung erstmals seit Jahrtausenden ungestört in den Boden eindringen – erstmal nur wenige Millimeter, doch das genügte.
Aufgrund des oben beschriebenen sich selbst stützenden Prozesses vergrößerte sich die Mulde in der Erde erst langsam und inzwischen immer schneller. Seit den 1990ern konnte niemand mehr – vor allem aus der Luft – über die jetzt aufgerissene Wunde im einstigen Permafrost-Boden hinwegsehen.
Weshalb das »Tor zur Unterwelt« wahrlich Dämonisches für uns bereithält
Schlimmer als der Einbruch selbst ist das, was dabei freigesetzt wird. Denn Permafrost-Böden speichern wegen der Schichten reich an gefrorenen Pflanzenreste große Mengen an Treibstoffgasen, allen voran Methan.
Das ist der Stoff, welcher den Großteil von Erdgas ausmacht und mit dem SpaceX sein Starship betankt. Es ist also nützlich, aber wir wollen davon so wenig wie möglich ungebunden oder entwichen in der Atmosphäre haben.
Der Grund ist simpel: Methan ist 80-fach klimawirksamer als Kohlenstoff. Seine sogenannte Potenz beziffert eine enorme Gefährlichkeit: innerhalb von 20 Jahren sorgt die gleiche Menge für die 80-fache Erwärmungswirkung von CO₂.
Obendrauf kommt dann nochmal selbiges. Beides zusammen sorgt für eine weitere Erwärmung der Atmosphäre, wodurch sich wiederum das Auftauen beschleunigt, das setzt mehr zuvor in der Arktis gebundenes Methan und Kohlenstoff frei, usw.
Fachleute sprechen deshalb von einem regelrechten Teufelskreis (positive – wegen verstärkend – Feedback-Schleifen), der einen erheblichen Teil des Planeten als Bühne nutzt: Immerhin bedeckt Permafrost-Boden etwa 1/6 der Landfläche der nördlichen Hemisphäre.
Die Schätzungen reichen so weit, dass allein die in der Arktis ungefähr doppelt so viel Kohlenstoff enthalten, wie die ohnehin bereits schon durch uns damit angereicherte Atmosphäre heute – vom Methan ganz zu schweigen.
Sie hat das Potenzial für gewaltige Veränderungen des Klimasystems, die in sehr, sehr kurzen geologischen Zeiträumen auftreten.
Roger Michaelides, Geophysiker an der Washington University in St. Louis
Letztendlich bietet der Batagaika-Krater so aber auch eine – zum Glück – bisher einmalige Chance: Nirgendwo sonst auf Erde können wir erzwungenermaßen die Vorgänge eines großflächig abtauenden und zusammenfallenden Permafrost-Boden derart detailliert beobachten.
Vielleicht können Forscher Handlungsempfehlungen formulieren, wie wir die Folgen dieser Thermokarst-Gruben eingrenzen bzw. abmildern können.
Dass sie aber wahrscheinlich in den zukünftigen Jahrzehnten das alltägliche Landschaftsbild des hohen Nordens Eurasiens mitprägen werden, daran besteht mittlerweile aber kaum noch Zweifel.
Die Erde erwärmt sich und damit auch Regionen, die für Tausende Jahrhunderte wie in der Zeit stehen geblieben gefroren dalagen.
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