Wird immer beliebter bei der Arbeit: »Chronoworking« widersetzt sich der Regel, dass man früh im Büro zu sein hat

Nicht jeder läuft morgens um sieben zur Hochform auf – und genau hier setzt »Chronoworking« an. Der Arbeitstrend richtet die Arbeitszeit nach der inneren Uhr aus, und erste Betriebe in Deutschland setzen ihn bereits um.

Die Bürowelt belohnt traditionell den frühen Vogel: Wer um acht Uhr fit am Schreibtisch sitzt, gilt als fleißig – wer erst gegen Mittag zur Hochform aufläuft, schnell als bequem.

Dabei ist das eher eine Frage der Biologie, nicht der Disziplin. Genau hier setzt ein Arbeitstrend an, der den starren Bürobeginn infrage stellt: »Chronoworking«. Die Idee dahinter ist einfach: Die Arbeitszeit soll sich am persönlichen Biorhythmus orientieren – soweit es der Job zulässt. Statt gegen die innere Uhr anzuarbeiten, sollen anspruchsvolle Aufgaben in die individuellen Leistungshochs wandern.

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Was der Chronotyp ist – und warum er kaum verhandelbar ist

Hintergrund ist ein Phänomen, das die Forschung als »sozialen Jetlag« bezeichnet. Gemeint ist der Dauerkonflikt zwischen innerer Uhr und äußeren Arbeitszeiten.

Eine im Fachjournal »Frontiers in Psychology« veröffentlichte Studie verweist darauf, dass sowohl die Menge als auch die Qualität des Schlafs entscheidend für Leistungsfähigkeit und Gesundheit sind – bei Schlafmangel leiden Reaktionsvermögen, Entscheidungsfindung und Stressbewältigung erheblich.

Im Zentrum steht der Chronotyp, also das individuelle Muster aus Schlaf- und Wachphasen, das bestimmt, wann Körper und Kopf am leistungsfähigsten sind. Er steuert nicht nur das Schlafbedürfnis, sondern auch Hormonausschüttung und sogar die Regulation der Körpertemperatur.

Bekannt ist vor allem die vereinfachte Einteilung in »Lerchen«, die früh aufstehen und vormittags ihr Hoch haben, und »Eulen«, die spät am Tag oder abends zur Hochform auflaufen. Die meisten Menschen liegen als »Misch-Chronotypen« zwischen diesen Extremen.

Ein bayerisches Klinikum macht den Praxistest

Dass Chronoworking über die Theorie hinausgeht, zeigt ein Beispiel aus dem Schichtbetrieb – also dort, wo flexible Arbeitszeiten besonders schwer umzusetzen sind. Die Klinik Wartenberg in Bayern bietet ihren Mitarbeitern an, den eigenen Chronotyp kostenlos bestimmen zu lassen. Per Betriebsvereinbarung können Beschäftigte einfordern, dass die Schichtplanung ihren Chronotyp berücksichtigt.

  • Norman Daßler, Leiter im Controlling der Klinik, hat das Projekt von Beginn an begleitet. Gegenüber t3n berichtet er, dass teilnehmende Mitarbeiter, die ihre Arbeit nach dem Chronotyp ausrichteten, zufriedener und fitter gewesen seien. auch gesundheitliche Beschwerden hätten sich gebessert, weil die Menschen bewusster auf sich achteten.
  • Bestätigung kommt aus der Forschung: Eine japanische Querschnittsstudie mit 8.155 Büroangestellten (Shimura et al., 2022) fand, dass Spättypen häufiger unter »Präsentismus« litten – also unter Produktivitätsverlust trotz Anwesenheit. Der Zusammenhang verlief dabei nicht direkt, sondern wurde vollständig über Schlafstörungen vermittelt.

Mehr zum Thema: Der Gang ins Büro sollte Mitarbeiter auf bessere Ideen bringen. Das Problem ist, dass sie dafür alle am gleichen Tag gehen müssen.


Den eigenen Chronotyp bestimmen: Vom Fragebogen bis zur Haarwurzel

Wenn ihr wissen wollt, wo ihr selbst steht, gibt es mehrere Optionen. Am simpelsten sind Fragebögen: Der Horne-Östberg-Fragebogen, auch »Morningness-Eveningness Questionnaire« (MEQ) genannt, umfasst 19 Fragen und lässt sich online beim Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund ausfüllen.

  • Es geht auch labortechnisch: Die Klinik Wartenberg setzt laut Daßler auf eine Haarwurzelanalyse, in der Pilotphase kam eine Blutabnahme zum Einsatz – beide Methoden seien geeignet gewesen.
  • Wer es ohne Labor versuchen will, kann sich über mehrere Wochen selbst beobachten: Wann fällt Konzentration leicht, wann kippt sie ins Tief?

Eine Grenze hat das Modell allerdings. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) – die staatliche Fachbehörde für Arbeitswissenschaft – verweist darauf, dass flexible Arbeitszeiten zwar Zeitsouveränität schaffen, bei sehr hoher Flexibilität aber zur »Entgrenzung« neigen.

Beschäftigte müssten im Umgang mit dieser Zeitsouveränität geschult werden; eine vollständig grenzenlose Flexibilität bewertet die Behörde kritisch. Chronoworking heißt also nicht, dass jeder arbeitet, wann er will. Es heißt, die vorhandenen Spielräume klüger zu nutzen – mit der inneren Uhr statt gegen sie.


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