KI übernimmt die ersten Bürojobs: Warum ein Nobelpreisträger jetzt den »vielseitigen Nerd« fordert, damit junge Menschen nicht den Anschluss verlieren

Stanford-Daten belegen ein Minus bei Junior-Jobs. Weil KI die Lernschritte ersetzt, müssen Nachwuchskräfte Spezialist und Allrounder zugleich werden.

Ungewisse Aussichten im Büro: Wenn Maschinen die gewohnten Anfänger-Aufgaben übernehmen, wird der Einstieg ins Berufsleben für Nachwuchskräfte spürbar schwerer. (Bildquelle: Adobe Stock, MINAE) Ungewisse Aussichten im Büro: Wenn Maschinen die gewohnten Anfänger-Aufgaben übernehmen, wird der Einstieg ins Berufsleben für Nachwuchskräfte spürbar schwerer. (Bildquelle: Adobe Stock, MINAE)

Viele kennen das von früher: Wer die Karriereleiter hinaufklettern wollte, musste durch die Schule des Lebens gehen.

Egal, ob Recherche, Tabellenpflege, Informationen zusammenfassen, eine erste, möglichst professionelle Präsentation bauen, ein kleines Stück Code schreiben oder einen Entwurf anfertigen – am Ende stand meist ein erfahrener Kollege mit dem Rotstift.

Wirklich glamourös war das für die meisten wohl eher nicht. Aber dafür womöglich wichtiger, als es auf den ersten Blick aussah.

Denn genau das sind die Aufgaben, an denen Berufseinsteiger bei typischen Bürotätigkeiten lernen und wachsen, bis sie eben keine Anfänger mehr sind.

Doch genau auf dieser ersten Sprosse sitzt inzwischen immer häufiger eine Maschine.

KI erledigt viele typische Einstiegsarbeiten

Denn generative KI kann längst immer mehr dieser Aufgaben übernehmen.

Sie recherchiert, formuliert Texte, analysiert Daten, programmiert sogar und erstellt Präsentationen.

Natürlich ist das nicht immer brillant, aber immerhin oft gut genug. Und das vor allem in wenigen Sekunden oder Minuten – bei stetig steigender Qualität.

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Dass das langsam zu einem Problem für Berufseinsteiger werden könnte, zeichnet sich mittlerweile sogar in Arbeitsmarktdaten ab.

Denn Forscher des Stanford Digital Economy Lab haben festgestellt, dass auf dem US-Arbeitsmarkt Berufe, die besonders stark von KI betroffen sind, einen auffälligen Rückgang bei jungen Arbeitnehmern verzeichnen.

Bei den 22- bis 25-Jährigen liegt die Beschäftigung dort inzwischen 19 Prozent unter einem vergleichbaren Entwicklungspfad, der sie ähnlich wie Gleichaltrige entwickelt hätte, die eben nicht so sehr dem Einsatz von KI ausgesetzt sind.

Interessant ist dabei auch noch eine weitere Beobachtung:

Der Rückgang scheint dabei eher über weniger Neueinstellungen zu entstehen als über zusätzliche Entlassungen.

Das Problem könnte größer sein als ein paar verlorene Jobs

Trotzdem sollte man das jetzt nicht zu einer Geschichte vom großen KI-Jobkiller auswalzen.

Denn die Effekte von KI lassen sich aktuell noch nicht trennscharf von anderen Einflüssen unterscheiden. Dazu zählen etwa der Bildungsgrad, Zinsentwicklungen, die es Unternehmen schwerer machen, Leute anzustellen, Homeoffice oder andere bereits vorher bestehende Trends.

Dennoch wirft die Entwicklung eine grundsätzliche Frage auf:

Was wird geschehen, wenn Unternehmen immer weniger junge Menschen für einfachere Tätigkeiten einstellen, an denen sie eigentlich lernen und wachsen sollten?

Eine mögliche Antwort darauf lautet:

Spezialisierung.

Nicht jede Spezialisierung schützt

Wenn sich der Trend fortsetzt und KI immer mehr Aufgaben übernimmt, könnten sich besondere Kompetenzen als wertvoll herausstellen.

Das können verschiedene Dinge sein: seltenes Wissen und Verständnis in bestimmten Bereichen oder tiefe Branchenkenntnisse, die über Jahre entstanden sind.

Dass Spezialisierung allein ausreicht, um sich zu schützen, ist allerdings eher unwahrscheinlich.

Vielleicht könnte man es folgendermaßen herunterbrechen: Entscheidend ist weniger, wie speziell eine Tätigkeit ist, sondern wie stark sie von Urteilskraft, Erfahrung und offenen Problemen abhängt.

Im Umkehrschluss bedeutet das jedoch, dass Arbeit, deren Regeln klar beschrieben und deren Ergebnisse leicht überprüfbar sind oder sein werden, tendenziell leichter der Automatisierung zum Opfer fallen.

Vielleicht brauchen wir mehr vielseitige Nerds

Der Wirtschaftsnobelpreisträger und MIT-Ökonom Simon Johnson schlägt für die neue Arbeitswelt daher einen scheinbar gegensätzlichen Typus Mensch vor.

Diesen nennt er den »general-purpose nerd«. Also einen vielseitigen Nerd, was zunächst wie ein Widerspruch klingt.

Gemeint ist damit kein Mensch, der sich in sehr vielen Bereichen ein wenig auskennt, aber dafür nicht überall sehr tief drinsteckt, sondern jemand, der schnell komplexe Dinge versteht, sich ebenso flott in fremde Themen einarbeiten, ungewöhnliche Quellen finden, mit Menschen sprechen und Informationen bewerten kann.

Das ist interessant, weil es etwas anachronistisch ist: Die Idee erinnert entfernt an den alten Typus des Universalgelehrten – Menschen wie Leonardo da Vinci oder Gottfried Wilhelm Leibniz, die Wissen aus sehr unterschiedlichen Gebieten miteinander verbanden.

Die Welt von heute ist jedoch viel zu komplex und viel zu spezialisiert, um dieses Ideal in seiner reinen Form zurückzuholen. Aber eine Fähigkeit dieser Geistesgiganten könnte mitunter entscheidend sein: Wissen auf andere Bereiche zu übertragen.

Technologie ist dabei vor allem ein Werkzeug.

Der eigentliche Wert liegt darin, Fachwissen aus verschiedenen Gebieten, Menschen und Maschinen miteinander zu verbinden.

Junge Menschen sollen gleichzeitig tiefer und breiter werden

Diese Erkenntnis stammt nicht allein aus den USA. Auch internationale Studien betonen, dass neben technischem Fachwissen Fähigkeiten wie Problemlösung, Kreativität, Kommunikation und Zusammenarbeit zunehmend wichtiger werden.

Für junge Menschen führt das zu einem Konflikt:

Sie sollen gleichzeitig breiter und tiefer aufgestellt sein. Tiefer, weil durchschnittliche Büroarbeit durch KI immer leichter umsetzbar wird. Und breiter, weil einzelne Fähigkeiten schneller veralten und Maschinen immer mehr klar umrissene Aufgaben übernehmen können.

Womöglich ist deshalb schon die Frage falsch gestellt: »Spezialist oder vielseitiger Nerd?«

Es scheint fast so, als würden besonders jene Arbeitnehmer wertvoll, die beides miteinander verbinden.

Wenn die ersten Sprossen fehlen

Nur macht das den Einstieg ins Berufsleben viel schwerer. Nicht allein deshalb, weil Expertise nicht vom Himmel fällt, sondern weil es besondere Begabungen braucht, die wohl nicht jeder mitbringt.

Wer Expertise erlangen will, braucht Wiederholung, Fehler, Feedback und schließlich Erfahrung.

Und genau dort beißt sich die Katze in den Schwanz.


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Vielleicht besteht die größte Herausforderung für junge Berufseinsteiger deshalb gar nicht darin, sich zwischen Spezialist und Generalist zu entscheiden.

Sie müssen womöglich lernen, beides gleichzeitig zu werden. Eine Art moderner Universalgelehrter im Kleinformat.

Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der Maschinen immer mehr jener Arbeiten erledigen, an denen frühere Generationen gelernt haben.

Es fallen also immer mehr der ersten Sprossen weg, die junge Menschen brauchen, um die Karriereleiter hochzuklettern. Doch dafür müssen sie wohl erst einmal herausfinden, wie man überhaupt noch nach oben kommt.


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