Eine Kuh aus Österreich demonstriert eine Fähigkeit, die wir sonst nur von den intelligentesten Tieren des Planeten kennen

Uns unterscheidet von den meisten Lebewesen auf Erden unter anderem unsere Fähigkeit, Werkzeug zu benutzen. Nun haben Forscher erstmals ein neues Mitglied im Club beobachtet: eine Kuh.

Solch ein Besen kann für so Manches herhalten. Zum Beispiel, um sich mal richtig ordentlich am Rücken zu schrubben. Das dachte sich auch Veronika – und schockt damit die Forschung.
(Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI) Solch ein Besen kann für so Manches herhalten. Zum Beispiel, um sich mal richtig ordentlich am Rücken zu schrubben. Das dachte sich auch Veronika – und schockt damit die Forschung. (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI)

In der Idylle der österreichischen Alpen juckt einer Kuh der Rücken. Soweit nicht ungewöhnlich, stellen doch Insekten eine alltägliche Plage für ihre Spezies dar. Sie weiß sich jedoch zu helfen – sie kratzt sich mit einem Werkzeug. Ihr Name Veronika und sie avanciert derzeit unter Forschern zu einem Star.

Eine Studie aus unserem Nachbarland befasst sich mit ihr und obschon die Arbeit auf den ersten Blick banal anmutet, erschüttert sie doch unser Weltbild. Sie rüttelt nämlich an einem kulturell-wirtschaftlichen Dogma: Rinder als weitestgehend unbegabte und eher dümmliche Tiere.

Kuh, hilf Dir selbst

Unter der Leitung von Dr. Antonio Osuna-Mascaró von der Universität für Veterinärmedizin, mit Sitz in Wien, besuchte die Forschungsgruppe die 13 Jahre alte Kuh Veronika (Art: Bos taurus), die als Haustier gehalten wird – also ohne eine Verwendung als Nutzvieh. Auch sie nervt bisweilen etwas auch uns Vertrautes: der Rücken juckt.

Beim Umgang damit offenbart sich exemplarisch eine ganze Reihe kognitiver Fähigkeiten. Wir nehmen einen Gegenstand und kratzen uns, die meisten Tiere würde sich aber eher an irgendwas reiben, es aushalten oder sich auf dem Boden wälzen. Veronika wählt den menschlichen Weg.

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Über mehrere Testreihen hinweg benutzt sie einen Stock sowie einen Besen als Kratzhilfe. Im Maul haltend schubbert sie geschickt an den leidigen Stellen. Als beachtenswert stellen die Forscher auch die Art und Weise heraus, wie Veronika mit Besen oder Stock hantiert – oder heißt es maultiert?

Sie geht damit umsichtig und bewusst um, weiß augenscheinlich sehr genau, was sie wie erreichen möchte. Hierbei zielt sie exakt auf Körperregionen und wechselt sogar je nach Stelle die Seite des Besens.

Für die empfindlicheren Zonen am Unterleib nutzt sie das abgerundete Ende des Stieles. Für die dickere, robustere Oberseite ihres Rückens wendet sie das Gerät geschickt im Maul und fegt Dreck und Juckreiz quasi hinfort. Daraus lässt sich eine ausgeprägtere Wahrnehmung von Zusammenhängen herleiten.

In der verlinkten Studie findet ihr auch ein Video. Hier demonstriert Veronika ihre Fähigkeiten eindrucksvoll. Für sie sei dieses Verhalten seit zehn Jahren Alltag, wie ihm Veronikas Besitzer während des Forschungsaufenthaltes berichtet habe, so Osuna-Mascaró. Sie habe damit nach dem Tod ihrer Mutter begonnen.

Veronika liebt ihren Besen, befreit er sie doch vom störendem Juckreiz.
(Bildquelle: current-biology, Antonio Osuna-Mascaró) Veronika liebt ihren Besen, befreit er sie doch vom störendem Juckreiz. (Bildquelle: current-biology, Antonio Osuna-Mascaró)

Der Forscher beobachtete den kuhlichen Akt der Körperpflege erstmals in einem Video im Internet und beschloss dem nachzugehen – ohne es zu bereuen, ganz im Gegenteil:

Es ist wichtig zu wissen, dass Kühe die Fähigkeit besitzen, Werkzeuge innovativ und flexibel einzusetzen, denn dies sendet eine starke Botschaft darüber, wie voreingenommen wir hinsichtlich der Intelligenz und der Fähigkeiten von Kühen waren.

Antonio Osuna-Mascaró, sciencefocus, bbc

Neu bei Kühen, bekannt anderswo

Die Verwendung von Werkzeug haben wir derweil schon bei anderen Tierarten beobachtet, zum Beispiel Schimpansen oder Krähen, aber eben noch nie bei über Jahrzehntausende hinweg gezüchteten und domestizierten Tieren.

Die Forscher verdächtigen einen simplen Effekt als ursächlich für das Verhalten von Veronika: Gelegenheit und Zeit. Veronika muss als wahrscheinlich durchschnittliche Vertreterin ihrer Art gelten – ihre Lebensumstände auf Erden aber keinesfalls.

Im Gegensatz zu den unzähligen anderen Rindern, fristet sie ihr Dasein nicht für wenige Jahre auf engstem Raum, sondern lebt in einer geradezu luxuriösen Umgebung mit viel Platz und unter keinerlei Druck, als Nutzvieh zu funktionieren.

Zudem schauen wir wahrscheinlich auch nicht genau genug hin, da es uns schlicht als abwegig erscheint. Wer denkt schon an domestizierte Kühe, wenn es um den Einsatz von Werkzeugen geht?

Fälle wie dieser zeigen, dass selbst in unserer nächsten Nähe, bei uns eigentlich bestens bekannten Tierarten Überraschungen lauern. Wer weiß, welch Vielfalt an Begabung zu intelligentem Verhalten wir allerorts noch entdecken werden. Veronika beweist uns: Hinschauen lohnt sich. Übrigens auch bei Quallen, denn in ihrer DNA stecken die Bausteine für Substanzen, die heutzutage schon Millionen von Menschen geholfen haben.

Antonio Osuna-Mascaró schließt sein Paper mit einem Aufruf an die breite Öffentlichkeit: »Wir würden gerne von Leuten hören, die persönlich Rinder bei solch einem Verhalten beobachtet haben.«

Macht doch direkt hier den Anfang. Was habt ihr an Verhalten bei Tieren, ja vielleicht sogar bei Kühen, beobachtet, das euch überraschte? Schreibt uns eure tierischen Entdecker-Geschichten doch gerne in die Kommentare!

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