5.000 Millionäre wollen eine Stadt bauen und die erste »digitale Nation« werden. Nach der Absage Grönlands zieht es sie nach Uruguay

Der Gründer von Praxis spielte mit dem Gedanken, Grönland zu kaufen, um eine Enklave für Millionäre zu errichten. Doch der Plan musste geändert werden.

Die Anwesen der Stadt sollen laut den Machern »nach den Maßstäben der weltweit besten Hotels gebaut und auf Langlebigkeit ausgelegt« sein. (Bild: praxisnation.com) Die Anwesen der Stadt sollen laut den Machern »nach den Maßstäben der weltweit besten Hotels gebaut und auf Langlebigkeit ausgelegt« sein. (Bild: praxisnation.com)

Während viele Menschen monatelang nach einer bezahlbaren Wohnung suchen, verbringt Dryden Brown, Mitgründer und CEO des Unternehmens Praxis, seine Zeit mit ganz anderen Dimensionen: Er sucht nach dem perfekten Ort, um eine komplette Stadt aus dem Boden zu stampfen – exklusiv reserviert für andere Millionäre.

Auf dem Programm seines utopischen Traums der ersten digitalen Nation der Welt stehen Gesetze nach Maß und ein Steuersystem, das wie für sie geschaffen ist. Auf der Homepage heißt es unter anderem folgendermaßen:

Eine Nation, die online entsteht, Menschen durch eine gemeinsame Kultur vereint und KI einsetzt, um gemeinsames Handeln zu ermöglichen und so eine neue Stadt in der realen Welt zu schaffen.

Ins Visier nahm Dryden Brown für seinen Stadtstaat unter anderem Mittelmeerstrände oder auch einen gescheiterten Versuch, Grönland zu kaufen – mit prall gefülltem Scheckheft im Gepäck. Nach der Absage der dänischen Behörden fiel die Wahl am Ende jedoch auf Uruguay.

Dieser Artikel stammt im Original von unserer französischen Schwesterseite Jeuxvideo.com und erscheint bei GameStar Tech in übersetzter und angepasster Form.

Das Wichtigste in Kürze

  • Modell des Netzwerkstaates: Das Projekt Praxis bringt Tech-Millionäre zusammen, um einen privaten Stadtstaat mit maßgeschneidertem Rechts- und Steuersystem zu finanzieren.
  • Suche nach territorialer Souveränität: Angesichts rechtlicher Schranken in Grönland und geopolitischer Risiken im Mittelmeerraum richtet das Unternehmen seine Standortsuche nun auf Südamerika aus.
  • Steuerliche und geopolitische Vorzüge: Uruguay punktet mit politischer Stabilität, großzügigen Steuerbefreiungen und der strategischen Lage abseits weltweiter Krisenherde.
  • Machbarkeit privater Städte: Historische Vorläufer zeigen, dass solche libertären Utopien regelmäßig an nationaler Souveränität scheitern und kaum über unverbindliche Absichtserklärungen hinauskommen.

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Eine Nation, geboren in Online-Chatgruppen

Das Konzept stützt sich direkt auf das Modell des »Netzwerkstaates« (oder Network State), das von Balaji Srinivasan, dem ehemaligen Chief Technology Officer von Coinbase, theoretisiert wurde.

In seinem Werk »The Network State: How To Start a New Country« beschreibt er eine simple Mechanik: Eine Gemeinschaft schließt sich online anhand gemeinsamer Werte zusammen, verfügt über gewaltiges Kapital, erwirbt ein Stück Land und fordert schließlich die diplomatische Anerkennung durch andere Staaten ein.

Auf seiner offiziellen Website gibt Praxis an, dass mehr als 5.000 Personen Interesse an diesem Schritt haben. Wie die New York Times berichtet, erklärte Dryden Brown, dass er während der Lockdowns in der Covid-19-Pandemie begann, in Foren zu stöbern und »ein bisschen seltsamen rechten Kram im Netz« zu lesen.

Später lud er diese »seltsamen Gestalten aus dem Internet auf Partys« ein – und die Utopie nahm Gestalt an, mitfinanziert über Mitgliedsbeiträge für sogenannte »Stahl-Visa«, die Loyalität zum Vorhaben belegen sollen.

Schon 2023 wies Praxis knapp 20 Millionen US-Dollar an Finanzmitteln vor, die von Risikokapitalfonds und Tech-Größen wie Sam Altman, Peter Thiel oder dem mittlerweile verurteilten Krypto-Promi Sam Bankman-Fried bereitgestellt wurden.

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Vom Mittelmeer in die eisige Kälte Grönlands

Als Anspielung auf die griechischen Wurzeln des Namens sollte das Projekt ursprünglich an den Küsten des Mittelmeers entstehen. Wie das Wall Street Journal berichtete, sah der ursprüngliche Plan rund 400 Hektar für etwa 10.000 »Praxianer« vor.

Doch das Team verwarf die Idee schließlich wieder, weil es die Region als zu nah an potenziellen Konfliktzonen einstufte, und fand eine Alternative.

  • Dryden Brown richtete seinen Blick auf die Arktis und reiste nach Grönland – mit dem klaren Plan, das Land zu kaufen.
  • Gegenüber TechCrunch räumte er später ein, dass der Nationalstolz der Grönländer den bloßen Gedanken an einen Kauf »nahezu beleidigend« wirken ließ. Und selbst wenn er sie überzeugt hätte, stand da immer noch eine unüberwindbare juristische Mauer: das Selbstverwaltungsgesetz von 2009.
  • Dieses verlangt drei Schritte zur Unabhängigkeit (die Zustimmung des Regionalparlaments, ein Referendum und das grüne Licht des dänischen Parlaments). Ohne Letzteres blieb der Traum des Praxis-Chefs im ewigen Eis stecken.

Also musste ein neuer Plan her, der inzwischen mehr und mehr Gestalt annimmt.

Warum ausgerechnet Uruguay?

So sieht ein Plan der angedachten Stadt aus. Unten befindet sich der Strand, in der Mitte das Zentrum der Stadt und oberhalb weitere Häuser auf Hügeln nahe dem Zentrum. (Bild: praxisnation.com) So sieht ein Plan der angedachten Stadt aus. Unten befindet sich der Strand, in der Mitte das Zentrum der Stadt und oberhalb weitere Häuser auf Hügeln nahe dem Zentrum. (Bild: praxisnation.com)

Das südamerikanische Land bietet eine seltene politische Stabilität, verlässliche Regeln und vor allem großzügige Steuerbefreiung für Neuzugezogene, die bis zu elf Jahre andauern kann. Dryden Brown beschreibt das Reiseziel fast wie ein Surfer: Das Land habe »den Vibe einer Schweiz in Südamerika« mitsamt »unglaublicher Wellen«.

Vor allem aber trifft sein Vorhaben vor Ort auf ein gigantisches Immobilienprojekt, das bereits in den Startlöchern steht: +Colonia, das eine ganz ähnliche Vision einer futuristischen, nachhaltigen und vernetzten Stadt verfolgt.

Eduardo Bastitta, ehemaliger Wirtschaftsberater von Javier Milei und Chef von +Colonia, verriet gegenüber Forbes Uruguay, dass Praxis beabsichtigt, bereits in den ersten Entwicklungsphasen eine Milliarde US-Dollar zu investieren.

Der Komplex soll in Colonia del Sacramento im Süden Uruguays entstehen – Luftlinie nur rund 45 Kilometer von Buenos Aires entfernt. Die Nähe zu Argentinien fällt dabei schwer ins Gewicht. Bastitta betonte im Gespräch mit Forbes:

Ein Zufluchtsort im Falle eines Dritten Weltkriegs ist zwar nur das dritte und am wenigsten entscheidende Argument. Aber genau das ermöglicht es uns, mit Dubai oder Katar zu konkurrieren, dessen Flughafen ins Visier geraten ist. In diesem Wettbewerb mit Europa und den Golfstaaten ist es ein gewaltiger Vorteil, weit weg von Kriegsgebieten zu sein.

Übrigens hat sich Peter Thiel bereits vor einigen Monaten in Buenos Aires niedergelassen. Und er ist nicht allein: Immer mehr Tech-Schwergewichte betrachten die Region als sicheren Rückzugsort für den Fall, dass die weltweite Geopolitik aus den Fugen gerät.


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Große Versprechen, wenig Greifbares

Bislang bleibt die Vereinbarung zwischen +Colonia und Praxis weitgehend unverbindlich. Bastitta räumte zudem ein, dass die Grundstückskäufe noch gar nicht abgeschlossen seien. Mit den ersten Bewohnerinnen und Bewohnern ist frühestens Mitte 2027 zu rechnen.

Dryden Brown wiederum verspricht, sich an die Gesetze Uruguays zu halten, und verlangt vorerst keine politische Autonomie.

Raymond Craib, Historiker an der Cornell University und Autor des Buches »Adventure Capitalism: A History of Libertarian Exit, from the Era of Decolonization to the Digital Age«, dämpft indes allzu große Erwartungen: Solche privaten Stadtstaaten hätten »sich bislang nie durch echte Erfolge hervorgetan«.

An gescheiterten Beispielen mangelt es jedenfalls nicht, wie ihr am Projekt »Próspera« sehen könnt: Diese private Enklave in Honduras versank in einem endlosen internationalen Schiedsgerichtsverfahren, nachdem die lokale Regierung das entsprechende Ermächtigungsgesetz wieder kassiert hatte.


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