Dass Kinder das kleine Einmaleins nicht beherrschen, ist laut Nvidia-Chef kein Problem

Aussagen von Nvidia-CEO Jensen Huang zum Thema Bildung haben kürzlich hohe Wellen geschlagen. Was steckt dahinter?

Welche Rolle spielen grundlegende Fähigkeiten wie das Beherrschen des Einmaleins im KI-Zeitalter? Dazu hat sich Jensen Huang von Nvidia geäußert. (Bild: Jeuxvideo, Google Gemini) Welche Rolle spielen grundlegende Fähigkeiten wie das Beherrschen des Einmaleins im KI-Zeitalter? Dazu hat sich Jensen Huang von Nvidia geäußert. (Bild: Jeuxvideo, Google Gemini)

Im September 2026 sorgte Nvidia-CEO Jensen Huang in einem Gespräch mit dem Journalisten Ezra Klein im Podcast der New York Times für reichlich Aufsehen.

Konfrontiert mit den Ergebnissen einer aktuellen Studie aus China, nach der der Einsatz generativer KI Schülerinnen und Schülern bei Hausaufgaben Zeit sparen und ihre Ergebnisse verbessern kann, während zugleich ihre Leistungen in Prüfungen ohne KI zurückgingen, blieb der Unternehmenschef gelassen.

Was hinter seiner Haltung steckt, schauen wir uns genauer an.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Grundlagen des Lernens: KI kann Zeit für komplexere Aufgaben freiräumen. Forschung spricht zugleich dafür, dass grundlegende mathematische Kenntnisse und ein belastbares Verständnis von Zahlen und Rechenoperationen wichtig bleiben. Wie sich eine langfristige Auslagerung solcher Fähigkeiten an KI auf Lernen und Denken auswirkt, ist noch nicht abschließend geklärt.
  • Kognitive Anpassung an die Digitalisierung: Historisch wurden neue Medien und Technologien häufig von Sorgen über einen geistigen Niedergang begleitet. Auch bei digitalen Risiken ergibt sich heute kein simples Bild, in dem eine Generation grundsätzlich kompetenter ist: Jüngere und ältere Menschen unterscheiden sich je nach Art der Bedrohung, Nutzungserfahrung und möglichem Schaden.
  • Kommerzielles Eigeninteresse: Nvidia profitiert erheblich vom KI-Boom. Huangs positive Haltung gegenüber KI sollte deshalb auch vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Interessen seines Unternehmens betrachtet werden. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass seine Aussagen allein geschäftlich motiviert sind.

Dieser Artikel stammt im Original von unserer französischen Schwesterseite Jeuxvideo.com und erscheint bei GameStar Tech in übersetzter und angepasster Form.


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Vom kleinen Einmaleins bis zu Lücken im Alltag

KI ist in aller Munde – ebenso wie die anhaltende Kritik daran. Neben Vorwürfen aus der Kunstszene oder Debatten über den enormen Energiehunger von Rechenzentren hört ihr zunehmend eine weitere Klage im Bildungsbereich: Künstliche Intelligenz mache die Jugend dümmer denn je.

Wie steht der Chef eines der wertvollsten Tech-Konzerne der Welt dazu? Weit davon entfernt, den Rückgang klassischer Schulkompetenzen durch fortschreitende Automatisierung zu beklagen, steht Jensen Huang voll und ganz hinter diesem gesellschaftlichen Wandel:

Bittet heute mal ein Kind darum, eine schriftliche Division durchzuführen! Selbst das kleine Einmaleins verschwindet allmählich aus dem Gedächtnis. Und Quadratwurzeln ziehen? Du meine Güte! Elementare Mathematik gerät schlicht in Vergessenheit. Ist das schlimm? Ich glaube nicht.

Um seine Haltung zu untermauern, sprach Jensen Huang auch über eigene Gedächtnislücken, die er mit der Verfügbarkeit moderner Hilfsmittel in Verbindung brachte:

Ich mache Ihnen ein Geständnis: Ich kenne meine eigene Adresse gar nicht. Das ist die reine Wahrheit. Neulich musste ich tanken und an der Kasse wollten sie meine Postleitzahl wissen – ich bin regelrecht in Panik geraten. Ich kenne weder meine Postleitzahl noch meine Telefonnummer. Solche Dinge vergesse ich einfach, und ich kann hervorragend damit leben.

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Hinter dieser demonstrativen Gelassenheit steht zugleich ein offensichtliches wirtschaftliches Eigeninteresse: Nvidia gehört zu den wichtigsten Anbietern von Grafikprozessoren (GPUs), die für das Training und den Betrieb vieler KI-Systeme und Rechenzentren eingesetzt werden, und profitiert stark vom KI-Boom.

Huangs Aussagen über den Nutzen solcher Technologien sollten deshalb auch vor diesem Hintergrund betrachtet werden.

Das beweist allerdings nicht, dass seine Position zum Lernen lediglich einer Vertriebsstrategie folgt. Und unabhängig von seinen Motiven wirft sie eine berechtigte Frage auf: Welche Fähigkeiten sollten Menschen weiterhin selbst beherrschen, wenn technische Werkzeuge immer mehr Aufgaben übernehmen können?

Vom mechanischen Rechnen zum »Systemdenken«

Den Verlust dieser rein rechnerischen Gewandtheit begründet Jensen Huang mit dem Beginn eines neuen Zeitalters: dem Aufstieg der Systemdenker.

  • Aus seiner Sicht müssen sich Menschen nicht länger mit stumpfen Rechenaufgaben aufhalten. Stattdessen sollten sie ihre Energie auf übergeordnete Koordination, die Steuerung mächtiger Werkzeuge und das Lösen komplexer Probleme richten.
  • Fähigkeiten, die früher als unverzichtbar galten – etwa das manuelle Coden für Softwareentwickelnde oder Kopfrechnen für Ingenieurfachkräfte –, würden demnach zunehmend von Kreativität, kritischem Urteilsvermögen und strategischer Kommunikation abgelöst.

Huangs Zukunftsvision lässt allerdings eine wichtige Frage offen: Wie viel Grundlagenwissen braucht man, um komplexe Zusammenhänge überhaupt zuverlässig beurteilen zu können?

Forschung zum Mathematiklernen zeigt Zusammenhänge zwischen grundlegenden Rechenfähigkeiten, Zahlenverständnis, Arbeitsgedächtnis und späteren mathematischen Leistungen.

Daraus folgt nicht, dass beim Auslagern einzelner Rechenaufgaben zwangsläufig bestimmte essenzielle synaptische Verknüpfungen fehlen. Wohl aber spricht einiges dafür, grundlegende mathematische Konzepte zunächst ausreichend zu verstehen und einzuüben, bevor Hilfsmittel einen größeren Teil der Routinearbeit übernehmen.

Mehr Raum für Kreativität und komplexe Problemlösung kann sinnvoll sein – die Grundlagen vollständig aufzugeben, wäre nach heutigem Wissensstand kaum zu rechtfertigen.


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Der ewige Mythos vom geistigen Niedergang

Die aktuelle Debatte über Jugend und KI erinnert an eine lange Tradition der Skepsis gegenüber neuen Medien und Technologien. Ältere Generationen haben Veränderungen im Medien- und Technologiekonsum immer wieder als möglichen Verlust bestehender Fähigkeiten interpretiert.

  • Ein bekanntes Beispiel findet sich bereits in Platons »Phaidros«: Dort lässt Platon Sokrates die Sorge formulieren, die Schrift könne das Gedächtnis schwächen, weil Menschen sich stärker auf äußere Zeichen verlassen.
  • Auch bei späteren Technologien wie Taschenrechnern gab es intensive Debatten darüber, welche Fähigkeiten durch technische Hilfsmittel verloren gehen könnten.

Aus solchen historischen Beispielen lässt sich allerdings nicht ableiten, dass technischer Wandel grundsätzlich folgenlos bleibt. Häufig verändern sich vielmehr die Fähigkeiten, die im Alltag besonders gebraucht und trainiert werden.

Beim Taschenrechner etwa zeigt Forschung, dass sein sinnvoller Einsatz mathematisches Lernen nicht zwangsläufig verschlechtert und unter geeigneten Bedingungen auch das Arbeiten an komplexeren Zusammenhängen unterstützen kann.

Ob generative KI langfristig vergleichbare Effekte hat, ist noch offen: Sie kann Schülerinnen und Schüler von Routinearbeit entlasten, zugleich besteht das Risiko, dass Lernprozesse verkürzt werden, wenn die KI die eigentliche Denkarbeit übernimmt.

Von heutigen Kindern exakt dieselben Rechenroutinen zu verlangen wie von Schulkindern des Jahres 1950, ist daher nicht zwingend sinnvoll – grundlegendes Zahlen- und Rechenverständnis bleibt dennoch relevant.


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Digitale Kompetenzen unterscheiden sich nach Alter und Situation

Während Kulturkritiker vor den Folgen intensiver Bildschirm- und KI-Nutzung warnen, ist die tatsächliche Verteilung digitaler Kompetenzen wesentlich differenzierter. Jüngere Menschen wachsen häufig selbstverständlicher mit digitalen Diensten, sozialen Netzwerken und neuen Kommunikationsformen auf.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie gegen Betrug, Desinformation oder Manipulation besser geschützt sind. Digitale Kompetenz hängt unter anderem von Erfahrung, Medienbildung, der jeweiligen Plattform und der konkreten Betrugsmasche ab.

Auch Statistiken zu Online-Betrug ergeben kein einfaches Bild:

  • Je nach Untersuchung und Betrugsart können jüngere Erwachsene häufiger berichten, auf Online-Betrug hereingefallen zu sein, während ältere Opfer bei bestimmten Maschen – etwa technischem Support-, Anlage-, Romance- oder Identitätsbetrug – besonders gefährdet sein können und teilweise deutlich höhere finanzielle Verluste erleiden.
  • Die Aussage, ältere Menschen seien generell die häufigsten Opfer von Phishing und Betrugsnetzwerken, lässt sich deshalb nicht pauschal halten. Ebenso wenig ist belegt, dass jüngere Menschen grundsätzlich über eine überlegene digitale Hygiene verfügen.

Die Debatte zeigt damit vor allem, wie schwierig pauschale Urteile über ganze Generationen sind. Weder lässt sich aus der intensiven Nutzung neuer Technologien schließen, dass jüngere Menschen geistig abbauen, noch sind ältere Menschen grundsätzlich weniger medienkompetent.

Entscheidend ist vielmehr, welche Fähigkeiten Menschen erwerben, regelmäßig trainieren und bei Bedarf kritisch einsetzen.

Genau darin liegt auch die eigentliche Bildungsfrage hinter Huangs provokanter These: Welche Grundlagen müssen wir weiterhin selbst beherrschen – und welche Aufgaben können wir sinnvoll an technische Werkzeuge delegieren?


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