Die »kleinsten vorstellbaren Erdbeben« sollen Handys in Zukunft noch dünner machen

Ein neuartiger Chip will mithilfe von mikroskopisch kleinen Vibrationen die Smartphone-Architektur revolutionieren.

Ein neuer Laser erzeugt kontrollierte Oberflächenwellen auf einem Mikrochip und soll so künftige Smartphones kompakter und effizienter machen. (Bildquelle: Flitsart via Pixabay) Ein neuer Laser erzeugt kontrollierte Oberflächenwellen auf einem Mikrochip und soll so künftige Smartphones kompakter und effizienter machen. (Bildquelle: Flitsart via Pixabay)

Ein Forschungsteam der University of Colorado Boulder, der University of Arizona und der Sandia National Laboratories hat einen Chip entwickelt, der mikroskopische Vibrationen erzeugt. Die Entwicklung verspricht nach Angaben der Forscher eine neue Ära für drahtlose Kommunikationsgeräte: dünner, schneller und energieeffizienter als aktuelle Modelle.

Oberflächenwellen ersetzen Dutzende Filter-Chips

Smartphones nutzen bereits heute sogenannte akustische Oberflächenwellen (AOW), die als Filter in der Signalverarbeitung dienen. Wenn ein Handy Funksignale von einem Mobilfunkmast empfängt, wandeln Chips diese in winzige Vibrationen um, filtern unerwünschte Signale heraus und konvertieren die gereinigten Schwingungen zurück in Funkwellen. Dieser Prozess findet bei jedem Telefonat, jeder Textnachricht und jedem Internetzugriff statt.

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Das Problem: Aktuelle AOW-Systeme benötigen mehrere separate Chips und komplexe Energiezufuhr, um diese Wellen zu erzeugen. Hier soll der entwickelte »Phonon-Laser« der Forscher zum Einsatz kommen, der demzufolge künftig die gesamte Signalverarbeitung auf einem einzigen Chip ermöglichen soll.

Kontrollierte Erdbeben im Miniaturformat

»Man kann es sich vorstellen wie die Wellen eines Erdbebens, nur auf der Oberfläche eines winzigen Chips«, erklärt Alexander Wendt, Doktorand an der University of Arizona und Hauptautor der am 14. Januar 2026 im Fachjournal Nature veröffentlichten Studie.

  • Der Chip besteht aus drei dünnen, übereinander gestapelten Materialschichten auf einem etwa einen halben Millimeter großen Chip. Die Basis bildet Silizium; darüber liegt Lithiumniobat, ein Material, das Elektrizität in Vibration umwandelt, und oben sitzt eine hauchdünne Schicht Indium-Gallium-Arsenid, die Elektronen rasant beschleunigt.
  • Zusammen ermöglichen diese drei Schichten eine direkte Wechselwirkung zwischen mechanischen Wellen und schnell bewegten Elektronen – der Schlüssel zur gesamten Technologie.

Der Wellenpool als Analogie

Die Funktionsweise des Phonon-Lasers ähnelt den Forschern zufolge einem Wellenpool: Elektrischer Strom erzeugt Oberflächenwellen im Lithiumniobat, die wie Licht zwischen Spiegeln in einem Laser hin und her laufen.

  • Bei jedem Durchgang nach vorn werden die Wellen verstärkt, beim Rückweg verlieren sie fast 99 Prozent ihrer Kraft. Das Team hat das Design eigenen Angaben zufolge so optimiert, dass eine Verstärkung diesen enormen Verlust ausgleicht.
  • Nach mehreren Durchgängen ist die Welle so stark, dass sie an einer Seite des Chips austritt – vergleichbar damit, wie Laserlicht zwischen Spiegeln aufgebaut wird und schließlich austritt.

Dieser Phonon-Laser war der letzte fehlende Dominostein, den wir umstoßen mussten. Jetzt können wir buchstäblich jede Komponente herstellen, die man für ein Funkgerät benötigt, auf einem einzigen Chip mit der gleichen Technologie.

Matt Eichenfeld, Leiter der Forschungsarbeit

Die aktuellen Prototypen arbeiten bei rund einem Gigahertz. Diese Frequenz wird bereits bei der drahtlosen Kommunikation genutzt. Die Forscher gehen davon aus, dass sich das Design auf deutlich höhere Frequenzen skalieren lässt.

Höhere Frequenzen würden schnellere Signalverarbeitung und sauberere Filterung ermöglichen. Das soll nach Angaben der Forscher den Bedarf an mehreren Funkkomponenten in Smartphones reduzieren – einer der Hauptgründe, warum moderne Geräte so dicht gepackt sind.

Nicht nur Handys sollen profitieren – wenn die Marktreife erreicht wird

Die Forscher betonen, dass sich die Anwendungsmöglichkeiten weit über Smartphones hinaus erstrecken: Wearables, GPS-Systeme, Radartechnik und andere drahtlose Systeme, die sauberere Signale und präziseres Timing benötigen, sollen nach Angaben des Teams ebenfalls von der Technologie profitieren.

Die Entwicklung vom Laborprototyp zum marktfähigen Produkt steht allerdings noch aus. Die im Forschungspapier genannte Schwellenspannung von 36 Volt liegt deutlich über den üblichen Versorgungsspannungen in Smartphones, und das Team muss noch nachweisen, dass die Technologie zuverlässig deutlich höhere Frequenzen in einem serienreifen Gehäuse erreichen kann.

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