Alle Wege führen nach Rom – oder etwa nicht? An solch einem landläufig vertrauten Sprichwort, muss doch eigentlich was dran sein. Forscher von der Uni XXXX haben die Infrastruktur des Römischen Kaiserreichs auf die Probe gestellt.
Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes, dem Klischee widersprechendes Bild – mit einer wichtigen Ausnahme.
Rom ist nicht der Nabel des antiken Europas
Die Simulationen auf einer komplexen Rekonstruktion des Straßennetzes zeigen klar, dass Rom nur scheinbar im Zentrum liegt. Sein Standort auf der italienischen Halbinsel verhindert eine herausgehobene Stellung im Straßennetz. Denn die ins Mittelmeer ragende Landmasse ist selbst nur ein Anhängsel – sowohl geografisch als auch beim Verkehr.
Die simulierten Land-Verkehrsströme fließen eher als Nebenzweig hinab nach Zentralitalien. Andere Pfade schwellen deutlich stärker an, insbesondere jene, die zu Großstädten und Provinzzentren führen, wie beispielsweise Ankyra (heute Ankara in der Türkei) und Korinth (Griechenland) oder Byzanz (heutzutage Istanbul).
Vor allem letztere Metropole, die dereinst noch als Konstantinopel in die Geschichte eingehen sollte, nimmt eine Schlüsselrolle im Landverkehr ein. Sie ist der Knotenpunkt zwischen Europa und Asien.
Insgesamt zeigt die Analyse hier den meisten Verkehr: Der zentralste (im Sinne von wichtig für das Reich) Pfad verlief entlang der nordafrikanischen Küste. Dann zog er weiter ostwärts am Mittelmeer entlang, gen Norden durch die Levante. Von da an führte er nach Westen durch die heutige Türkei und über Byzanz rein auf den Balkan, bevor es ihn nördlich von Rom durch Mailand verschlug.
Aber: Die Studie schränkt die implizite Abwertung von Rom derweil an einer Stelle ausdrücklich ein: Wir sprechen hier ausschließlich vom Landverkehr. Beim See- und Flusstransport bleibt Rom hochzentral – sowohl ohnehin politisch, militärisch, wirtschaftlich als auch gesellschaftlich. Das römische Verkehrssystem wäre ohne Schiffe undenkbar gewesen – und vor allem die Versorgung Roms ein Ding der Unmöglichkeit.
Bei der Langstrecke dominierte das Schiff jede Form des Reisens zu Land, egal, ob mit oder ohne Straße. Rom sei »zentral gelegen für den mediterranen Schiffsverkehr, aber nicht besonders zentral im römischen Straßensystem«, so Co-Autor Tom Brughmans.
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Woher wissen wir so viel über die römischen Straßen?
Als Grundlage diente der Datensatz »Itiner-e« – gewissermaßen ein digitaler Atlas des römischen Straßennetzes. Das Team dahinter hatte im Vorjahr eine digitale, öffentlich zugängliche Karte der fast 300.000 Kilometer römischer Straßen veröffentlicht. Ein ähnliches Projekt ermöglicht sogar die Navigation im Stile von Google Maps.
Sie gibt den rekonstruierten Zustand des Netzes um das Jahr 150 nach Christus wieder – quasi die absolute Hochzeit des Imperiums nach räumlicher Ausdehnung. Wobei die Autoren so weit gehen, für einen längeren Zeitraum Anspruch auf Richtigkeit zu erheben: Grob sollten sie vom 2. bis zum 4. Jahrhundert passen.
Insgesamt umfasst die Datenbank 299.171,31 Kilometer Straßen. Dabei gelten rund 8.000 Kilometer als durch archäologische Beweise gesichert. 269.000 Kilometer wurden rekonstruiert. Darunter versteht die Forschung verschiedenste Verfahren, die mit hoher Sicherheit einen spezifischen Fakt nahelegen, oder vereinfacht ausgedrückt: Alles, was wir wissen, deutet auf römische Straßen entlang dieser oder jener Routen hin.
Es bleiben etwa 22.000 Kilometer übrig. Sie füllen als hypothetische Wegstrecken Lücken im Netz, wo wir über keine Daten, Funde oder Quellen verfügen. Indes deuten statistische Verfahren auf eine hohe Chance für ihre Korrektheit hin.
Kleinode im Datenschatz
Nebenbei wirft die Studie noch Licht auf einige oft übersehene Facetten des römischen Straßennetzes: Die Römer schlängelten sich beim Bau der Straßen durch das Gelände und passten sich so clever an das Relief an. Deshalb verlaufen die Straßen auch im Schnitt über deutlich kürzere Strecken gerade als unsere heutigen.
Vor allem in den Alpen griffen die Römer aber teils vehement ein. Das Gebirgsmassiv stand ihnen buchstäblich von Beginn ihrer Geschichte als Großmacht im Weg. Deshalb finden sich hier überdurchschnittlich viele Vereinfachungen und Abflachungen für Straßen, wie Geländeeinschnitte, Terrassierung, Stützmauern oder in Ausnahmefällen sogar Tunnel. Ingenieursleistungen stellten also nicht die Regel dar. Aber sie künden bis heute von dem Limit, zu dem sich Rom aufschwang, wenn es ein infrastrukturelles Problem wirklich effektiv lösen wollte – wenn auch unter erheblichem Ressourceneinsatz.
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Wenn wir das heutige Straßennetz Nordafrikas, Europas und Vorderasiens (grob die Ausbreitungsgebiete des Imperiums) über das von Rom legen, tritt etwas klar heraus:
- Stark vereinfacht finden sich durchaus überall dort, wo damals Hauptverkehrswege verliefen, derzeit moderne Entsprechungen. Allerdings überlagern neuzeitliche Verdichtung und Ausdünnung menschlicher Besiedelung das, heißt:
- Rund um Großstädte wie Paris, Marseille, Madrid und so weiter verlaufen heutzutage deutlich mehr Straßen.
- In damals enorm wichtigen Regionen, wie Griechenland, Kleinasien (heute Türkei) und Nordafrika wies das Verkehrsnetz im Vergleich zu heute eine höhere Dichte an Straßen auf.
Dank einer ausgeklügelten Infrastruktur, die den einzelnen Provinzen effektiv half zu funktionieren und sie zugleich vernetzte, vermochte das alte Rom zu existieren. Nur so konnte das Reich die Hauptstadt des Imperiums mit allem versorgen, was sie brauchte – und dafür mussten gar nicht alle Straßen nach Rom führen.
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