Deepfakes und KI-Agenten arbeiten heute Hand in Hand, um im Namen echter Personen zu agieren oder beliebige Identitäten in Videokonferenzen vorzutäuschen. Deshalb suchen Unternehmen nach Wegen, um sicherzustellen, dass auf der anderen Seite des Bildschirms tatsächlich ein echter Mensch sitzt.
Genau in diesem Szenario meldet sich »World« zu Wort – das von Sam Altman mitbegründete Biometrie-Unternehmen.
Dessen Versprechen: Die eigene Technologie liefere genau diesen zusätzlichen Sicherheitsbaustein. Als Zielgruppe hat World die Finanzbranche ins Visier genommen. Banken sollen die Technik künftig nutzen können.
Kurz zusammengefasst: Alex Blania, Mitbegründer von World, präsentierte am 18. Oktober auf der Konferenz Money20/20 eine Version der World ID, die gezielt auf den Banken- und Finanzsektor zugeschnitten ist.
Es ist das erste Mal, dass das Unternehmen sein Identitätsprotokoll als spezifisches Paket für eine Branche schnürt – wobei »schnüren« wörtlich zu nehmen ist, da hier drei bereits bestehende Produkte gebündelt werden:
- World ID App: Eine Identitäts-Wallet, die eure Nachweise speichert und bei Bedarf vorlegt.
- World ID for Zoom: Bestätigt bei Videogesprächen, dass euer Gegenüber ein echter Mensch und kein Deepfake ist.
- World ID for Agents: Ermöglicht es euch, diese Nachweise an einen KI-Agenten zu delegieren, damit dieser sie gegenüber Dritten erbringt.
Mehr zum Thema: Sam Altman: »Ich finde kein Wort, das dramatisch genug wäre, um das Problem zu beschreiben, das auf uns zukommt«
Die Finanzbranche als Zielgruppe
World nennt mit Bain Capital, OpenExchange, Outtake, Pantera Capital und VanEck Funds fünf Designpartner aus der Finanzbranche. Eine Bank ist bislang nicht darunter.
Pantera und Bain Capital Crypto sind zugleich Geldgeber von World: Sie waren im Juli 2026 an einer Finanzierungsrunde mit über 52,5 Millionen US-Dollar beteiligt. Namentlich genannte Banken und Preise sind noch nicht an die Öffentlichkeit getreten.
Laut einem World-Sprecher gegenüber Fortune könnten einzelne Partner Orbs in ihren Büros aufstellen, um Mitarbeitende ohne bisherige World-ID-Verifizierung zu registrieren.
Dieser Artikel stammt im Original von unserer spanischen Schwesterseite Xataka und erscheint bei GameStar Tech in übersetzter und angepasster Form.
Das Iris-Projekt
Damit rückt jener »Orb« wieder in den Mittelpunkt, über den vor einigen Monaten heftig debattiert wurde. Im Jahr 2019 gründeten Sam Altman und Alex Blania »Tools for Humanity« und stellten später den Orb vor, einen metallischen Iris-Scanner, der in zahlreichen Städten platziert wurde. Als Gegenleistung gab es Krypto-Token.
World betont, dass die aufgenommenen Irisbilder nicht dauerhaft gespeichert, sondern zur Erzeugung eines individuellen Iris-Codes verarbeiten würden. Kritiker wenden dennoch ein, dass aus biometrischen Merkmalen abgeleitete, dauerhaft eindeutige Identifikatoren ein hohes Risiko bergen: Anders als ein Passwort lassen sie sich im Fall eines Missbrauchs oder Datenlecks nicht einfach ändern.
Nach massiver Kritik benannte sich das Unternehmen im Oktober 2024 in World um und verlegte seinen Schwerpunkt auf Sicherheit im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Das neue Ziel: Werkzeuge bereitzustellen, mit denen bewiesen werden kann, dass jemand im Internet tatsächlich ein Mensch ist.
Laut Unternehmensangaben haben bereits über 18 Millionen Menschen an einem Orb verifizieren lassen.
Handlungsbedarf besteht durchaus
Unabhängig von den Bedenken betonte Blania auf der Money20/20, dass dieser Identitätsnachweis künftig die Grundlage für nahezu jede Transaktion im Netz bilden könnte. Die aktuelle Lage erfordere neue Schutzmaßnahmen.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um Alltagskriminalität wie den Enkeltrick via Messenger, sondern um Bedrohungen im Umfeld großer Finanzkonzerne.
Laut einer Prognose von Deloitte von 2024 könnten Betrugsverluste in den USA durch generative KI bis 2027 auf 40 Milliarden US-Dollar steigen, nach 12,3 Milliarden im Jahr 2023.
CoinCentral verweist dabei auf einen Fall, den auch World selbst anführt: Ein Mitarbeiter des britischen Planungs- und Ingenieurbüros Arup überwies im Jahr 2024 rund 25,6 Millionen Dollar, nachdem er an einer Videokonferenz teilgenommen hatte, bei der sämtliche anderen Teilnehmenden reine Deepfakes waren.
50:25
Stimme von KI-Firma geklaut! Leben wir schon in einer Dystopie?
Das große Aber
Auch wenn World verspricht, Konzerne vor KI-gestütztem Finanzbetrug zu schützen, verlangt die Lösung extrem sensible biometrische Daten.
Genau in diesem Punkt schleppt World eine beachtliche Historie an Konflikten mit Aufsichtsbehörden mit sich herum. In Spanien verhängte die Datenschutzbehörde AEPD einen vorläufigen Stopp gegen die Datenverarbeitung von Worldcoin, nachdem sich dort bereits über 400.000 Personen registriert hatten.
Im Dezember 2024 forderte die bayerische Datenschutzaufsicht die Löschung von Daten, und 2025 ordneten weitere Staaten die sofortige Einstellung des Betriebs an.
World verteidigt sich mit technischen Argumenten: Die tatsächlichen Iris-Bilder würden gelöscht und lediglich ein verschlüsselter Code pro Profil gespeichert, was den Schutz und die Privatsphäre gewährleiste.
Es bleibt abzuwarten, ob das Unternehmen nach den regulatorischen Dämpfern in der Vergangenheit nun einen Weg findet, sein Konzept an Großbanken zu verkaufen, bei denen tagtäglich Summen in kaum vorstellbarer Höhe bewegt werden.
Für einen weltweiten Rollout wird World allerdings in zahlreichen Ländern gegen bestehende Gesetze ankämpfen müssen.
Ein bitterer Beigeschmack bleibt: Ausgerechnet das Umfeld von Sam Altman, dessen OpenAI selbst Videogeneratoren anbietet, verkauft nun das Gegenmittel gegen Deepfakes.

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