Vor 135 Jahren schoss er Samen per Schrotflinte – heute ist daraus ein riesiger Park entstanden

Vor 130 Jahren war die Sierra Espuña in Südostspanien fast baumlos. Ein paar Samen und eine Schrotflinte haben dabei geholfen, das zu ändern.

Ricardo Codorníu y Stárico in Murcia. (Bildquelle: Murcia Plaza) Ricardo Codorníu y Stárico in Murcia. (Bildquelle: Murcia Plaza)

Ein Berg ohne Bäume, heftiger Regen und eine schlimme Katastrophe: Die Wiederaufforstung der Sierra Espuña in der spanischen Region Murcia ist bis heute eine ungewöhnliche Geschichte.

Nicht zuletzt, weil der Ingenieur Ricardo Codorníu y Stárico sie maßgeblich mit einer bis heute schrägen Idee maßgeblich beeinflusste. In Murcia kennt man ihn noch heute als »Apóstol del Árbol«, auf Deutsch etwa »Apostel des Baumes« (via Murciaplaza).

Auslöser: die Flut von Santa Teresa

Den Anstoß gab die Überschwemmungskatastrophe Riada de Santa Teresa im Jahr 1879. Laut der Stadtverwaltung von Alhama de Murcia starben dabei nicht nur 761 Menschen zwischen Lorca und Murcia, was damals Aufsehen in ganz Europa auslöste. Auch die Natur in dem Gebiet wurde stark in Mitleidenschaft gezogen.

Als Reaktion entstand 1888 die Comisión de Repoblación de la Cuenca del Segura (»Kommission für die Wiederaufforstung des Einzugsgebiets des Segura«), zu der Codorníu als Forstingenieur gehörte.

Am 19. März 1889 stieg Codorníu zu Fuß auf den Berg Morrón de Espuña, um die Hänge des Guadalentín-Tals zu begutachten. Beim Abstieg durch das obere Einzugsgebiet des Río Espuña fand er absolut keine Bäume. In seinen Notizen hielt er das fest:

»Ich sah weder eine Kiefer noch eine einzige Steineiche.«

Seine Schlussfolgerung formulierte er ebenso knapp.

»Ich folgerte daraus, dass man alles wieder aufforsten musste.«


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Warum der Kahle Hang so gefährlich war

Die Sierra war nach Jahrzehnten von Rodung und Übernutzung fast kahl. Ohne Pflanzendecke floss das Regenwasser ungebremst die Hänge hinunter. Es riss den Boden mit und verschlimmerte die Hochwasser.

Die Arbeiten im Überblick: Die Arbeiten begannen im Juni 1891 mit dem Bau von Dämmen und umfassten rund 5.000 Hektar. Laut Murcia Plaza entstanden zuerst Wege, Pfade, Brücken und Baumschulen, erst danach wurde gesät. Codorníu leitete das Projekt gemeinsam mit den Ingenieuren José Musso und Juan Ángel de Madariaga. Durch Cordorníus Öffentlichkeitsarbeit wurde er aber am bekanntesten.

Die Maßnahmen zur Beforstung waren laut Murcia Plaza mannigfaltig. Dabei wurde folgendes für das Projekt gebaut oder errichtet:

  • 240 Kilometer Wege und Pfade, überwiegend neu angelegt, der Rest aus alten Trassen wiederhergestellt
  • 11 Häuser wurden für Ingenieure, Vorarbeiter, Wächter und Arbeiter
  • 2 Lager für Material und Saatgut
  • 144 Kilometer Hangdämme mit 420.000 Mini-Terrassen (»bancalitos«), die Erde und Wasser festhalten
  • 2 große Staudämme zur Regulierung von Hochwasser
  • 7 Baumschulen

Die größte Baumschule: Die erste Baumschule war die Huerta Espuña. Ihre 378 Anbaubeete wurden aus zwei Wasserbecken über 1.400 Meter Kanäle und Gräben bewässert. In den ersten fünf Jahren lieferte sie:

  • 6 Millionen Nadelbäume
  • 850.000 Laubbäume, zum Beispiel Steineichen
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Saatgut aus der Schrotflinte

Gesät wurde mit Samen einheimischer Pflanzen aus den Baumschulen. An Hängen, die zu Fuß nicht erreichbar waren, griffen die Arbeiter zu ungewöhnlichen Mitteln: Sie luden Pinienkerne in Flinten und Trabucos (Vorderlader-Gewehre) und schossen in die gewünschte Richtung. So kam Saatgut auch auf Gipfel und Steilhänge, wo niemand problemlos Löcher graben konnte.

Heutige Kiefernwälder, die das Naturgebiet in der Region Murcia bedecken. (Bildquelle: Alhama Nature) Heutige Kiefernwälder, die das Naturgebiet in der Region Murcia bedecken. (Bildquelle: Alhama Nature)

Die Methode hatte allerdings das übliche Problem von Direktsaaten im Gebirge. Laut Murcia Plaza fraßen Vögel und Ameisen mehr als 90 Prozent der Samen, Nager erledigten einen Teil des Rests. Deshalb setzte das Projekt zusätzlich auf die genannten Baumschulen. Die Basis des Waldes bildet die Aleppo-Kiefer (»pino carrasco«), die die Sierra bis heute prägt.


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Vorbild für ganz Spanien

Laut Murcia Plaza diente die Aufforstung als Vorbild für den Servicio Hidrológico-Forestal (hydrologisch-forstlicher Dienst), eine fachliche Einrichtung, die solche Arbeiten ab Anfang des 20. Jahrhunderts auf das ganze Land ausdehnte.

Der Schutzstatus der Sierra wuchs mit:

  • 1931: Erklärung von 5.084 Hektar zum »Sitio Natural de Interés Nacional«, einer damaligen spanischen Schutzkategorie für besonders wertvolle Naturgebiete.
  • 1992: Ernennung zum Regionalpark.
  • 1995: Der Regionalpark wurde auf die heute geschützten 17.804 Hektar erweitert.

Codorníu selbst erlebte die spätere Entwicklung nur teilweise. Er hoffte bereits während der Aufforstung, dass die neuen Wälder nicht nur die Landschaft verändern, sondern auch mehr Wasser liefern und den Menschen in der Region Arbeit geben würden:

»Unsere Hoffnungen wachsen, diese Sierra schon in wenigen Jahren wieder bewaldet zu haben.«

Der Wald sollte seiner Vorstellung nach also gleich mehrere Probleme lösen: Er sollte den Boden vor Erosion schützen, die Folgen von Hochwasser abmildern, die Quellen in der Region stärken und gleichzeitig den Tagelöhnern der Region Arbeit und Auskommen geben.


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