Wer von euch Seilbahn liest, hat wahrscheinlich direkt Bilder von Skigebieten oder Steilküsten vor Augen. Aber was würdet ihr sagen, wenn es heißt, in 20 Jahren könntet ihr damit täglich zur Arbeit pendeln?
Wenn es nach neueren Forschungsdaten geht, wäre solch ein Plan für fast jede größere deutsche Stadt sinnvoll. Andere Teile der Welt weisen dabei einen möglichen Weg, dort gehören die Gondeln am Himmel über den Straßenschluchten längst zum Alltag.
Wir erklären euch, wieso Seilbahnen sich langfristig auch bei uns durchsetzen könnten und warum sie heute in Politik und Gesellschaft einen schweren Stand haben.
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Schwebend zum Ziel
Ehe wir zu Details kommen, definieren wir erstmal, was eine Seilbahn ist. Damit sind nicht (nur) Skilifte gemeint, sondern bei der Verwendung als Massen-Verkehrsmittel geschlossene und mitunter auch klimatisierte Gondeln für mehrere Personen, Rollstühle oder auch Waren – oft bieten sie heutzutage sogar W-LAN.
Jede Gondel hängt einzeln, gesichert an einem Stahlseil, das über Träger gespannt etliche Kilometer in der Horizontalen sowie dabei mitunter Hunderte Meter in Vertikalen überbrückt. Angetrieben werden sie von Elektromotoren, die die Seile per Rollen bewegen (via Leitner).
Eine Studie belegt: Seilbahnen unterbieten beim CO₂-Fußabdruck Busse und Bahnen deutlich. Sie lief am weltweit größten städtischen Seilbahnnetz »Mi Teleférico« im bolivianischen La Paz. Die Anlage befördert derzeit täglich mehr als 300.000 Fahrgäste auf zehn Linien mit rund 33 Kilometern Streckenlänge. 1.400 Gondeln sind im Einsatz.
Klarstellung: Die obige Studie entstand in Kooperation mit dem Hersteller der »Mi Teleférico«. Auch sonst weisen viele Links auf die Industrie, die ihr Geld mit Entwicklung und Bau von Gondeln sowie Strecken verdient. Allerdings bestätigen auch unabhängige Wissenschaftler immer wieder: Seilbahnen weisen viele Vorteile gegenüber Straßen-, U-Bahnen oder auch Bussen auf. Zum Beispiel Professor für Bauingenieur- und Verkehrswesen Carsten-W. Müller aus Bremen im Interview mit dem Weser-Kurier:
Es gibt Systeme, die bis zu 5.000 Menschen pro Stunde und Richtung plus Fahrräder und Rollstühle befördern können. Seilbahnen können Nahverkehr. Sie sind zusätzliche Mobilitätsproblemlöser in einer bewegten Gesellschaft. Sie sollen den [übrigen] ÖPNV entlasten. [...] Was es jetzt braucht, ist einerseits Mut in der Politik und anderseits auch bei den Menschen. Vorurteilsfreies Denken ist bei neuen Lösungen immer besser, um zu guten Ergebnissen für alle zu kommen.
Was sagt die Studie zum CO2-Fußabdruck von Seilbahnen?
Die unter von der Hochschule Düsseldorf gesammelten Daten legen Folgendes dar:
- In der ökologischen Gesamtbetrachtung geht die Seilbahn als umweltfreundlichste Mobilitätslösung im Vergleich zu fossil betriebenen Bussen sowie nachhaltig-elektrisch fahrenden Straßenbahnen hervor. Dabei flossen in die Berechnung mit ein:
- Die Produktion der Fahrzeuge, der Aufbau aller notwendigen Anlagen sowie Betrieb und Wartung über 30 Jahre.
- eine für die Studie fiktiv angenommene Straßenbahn kommt auf 350 Prozent des Co2-Fußabdrucks von mit grünem Strom betriebenen Seilbahnen
- und fossil-angetriebene Busse sogar auf 400 Prozent
Eine ausführliche Darstellung findet sich in diesem PDF ab Seite 12.
Anmerkung: Natürlich verliert die Studie etwas an Gewicht, wenn wir jetzt annehmen, dass Busse Wasserstoff nutzen. Zudem verläuft jeder Bau individuell – egal ob jetzt Pfeiler oder Netze für den Nahverkehr.
Doch das grundsätzliche Verhältnis verschiebt sich wahrscheinlich nicht grundsätzlich, da Bauarbeiten wie das Verlegen von Schienen enorm zeitaufwendig, teuer und belastend für Umwelt wie Anwohner daherkommen. Von U-Bahnen brauchen wir in Sachen Aufwand wohl kaum zu sprechen.
Ein einzelner Pfeiler oder die zugehörige Station mag vor Ort als störend empfunden werden, aber ihr buchstäblicher Abdruck im Stadtbild bleibt relativ gering.
Wie sieht es mit den Kosten und der Finanzierung einer Seilbahn aus?
Hierzu nennt Professor Carsten-W. Müller folgende Zahlen:
Es gibt eine Untersuchung von PricewaterhouseCoopers, die festgestellt hat, dass ein Kilometer urbane Seilbahn, je nach System und den städtebaulichen Voraussetzungen, zwischen 3,5 und 19 Millionen Euro kostet. Für einen Kilometer Straßenbahn sind es elf bis 22 Millionen Euro, für U-Bahnen 45 bis 133 Millionen.
Was hält Seilbahnen vom Erfolg ab?
Vorab muss das relativiert werden, denn Seilbahnen erleben an sich eine globale Erfolgsgeschichte rund um Zugänglichkeit, Sicherheit und Umweltfreundlichkeit. Es gibt zehntausende von ihnen. Diese Übersicht eines führenden Herstellers bietet eine interaktive Weltkarte mit vielen Infos.
Nur tauchen sie in den Köpfen der meisten Deutschen meist eher in Verbindung mit Urlaub, Exotik, schwer zugänglichen Gebieten oder im einfachsten Fall, dem Skiurlaub auf. Deshalb sind Projekte selten, es gibt aber vereinzelte Ausnahmen, zum Beispiel in Bonn oder Herne.
Diese Punkte wiederholen sich stets als Gegenargumente in der Diskussion auf:
- Platz- oder Höhenangst
- Unfallgefahr: Der TÜV entwarnt hier klar –
Seilbahnen gehören zu den sichersten Verkehrsmitteln.
- Umweltbedenken, wie sie zum Beispiel in Prag zu einer Ablehnung führten. Wobei in Fällen wie diesem oft sehr vage argumentiert wird. Es wird beispielsweise auf eine
Veränderung des Landschaftsbildes
verwiesen – die Argumentation weist Ähnlichkeiten zu denen gegen Windkraftanlagen auf. - albern bis exotisch
- Kosten (siehe oben)
Was spricht noch für Seilbahnen im städtischen Verkehr?
Folgende Argumente sprechen nach wiederholter Nennung aus Stadtplanung und Forschung noch für Seilbahnen, zum Beispiel auch hier aufgelistet.
- Geringer Platzbedarf, da nur die Stützen Fläche am Boden brauchen
- Relativ kurze Bauzeit von nur wenigen Jahren für selbst längere Streckenabschnitte
- Tourismus als Nebenverdienst
- Relativ einfache Überbrückung von natürlichen Hindernissen wie Flüssen oder sogar ganzen Stadtvierteln
- Zuverlässiger Betrieb, einfacher Zeitplan, keine Staus
- Geringer Personalbedarf, hoher Grad an Automatisierung
- Kaum Lärm, keine Luftverschmutzung vor Ort
Was empfindet ihr bei dem Gedanken? Behagt euch die Vorstellung, vielleicht mal regelmäßig mit Seilbahnen im Stadtverkehr unterwegs zu sein? Schreibt uns eure Meinung gerne in die Kommentare.
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