Ihr sitzt unter einem Baum, der keiner ist. Über euch wiegen sich Blätter im Wind, die nur so tun, und doch spenden sie angenehmen Schatten. Ein Hauch Zuflucht vor der Hitze inmitten des Großstadtdschungels – überall, wo wir sie brauchen.
Die Erfindung eines damaligen Studenten könnte sich in Zukunft vielleicht auch über euren Biergarten spannen, ihr Ziel: neuartige Erholungsoasen bei extremer Hitze. Sense of Shade
ist ein Sonnensegel mit Baumschatten-Effekt.
0:31
Solarenergie, Windkraft – und Wellenenergie: Wie ein Startup riesigen »Stromkugeln« für das Meer entwickelt hat, um eine dritte Quelle erneuerbarer Energie zu nutzen
Kiel als Testfeld für künstliche Baumkronen
Es begann als Suche nach Erlösung. Stereotypisch mündete das Bachelorstudium des heutigen Kieler Industriedesigners Kevin Müller in Stress. Vor wenigen Jahren fand er in der Natur aber mehr als das. Die Baumkronen brachten ihn auf eine Idee: Wie können wir deren Wirkung und Optik allerorts in die Städte bringen?
Gemeinsam mit Kommilitonen fotografierte er Bäume und entwickelte mit dieser Datengrundlage den ersten Prototypen von »Sense of Shade«. Dabei handelt es sich um ein Sonnensegel in mehreren Metern Höhe mit einem Blattschnittmuster. Es wirft Schatten, die an die von Bäumen erinnern – aber das ist nicht alles.
Die Idee hinter dem mehrschichtigen Aufbau zielt darauf ab, das stockwerkartige Kronendach eines Waldes nachzuempfinden, soll heißen: Nicht nur verschattet es, die sich unabhängig voneinander bewegenden Lagen erzeugen eine Interferenz von Licht und Schatten – also nicht nur Sonne oder Schatten, sondern viele Zwischenstufen, die aneinander dynamisch ablösen.
Zudem raschelt das recycelte Material aufgrund der Machart sogar im Wind. Logischer Nebeneffekt der Konstruktion: Sie lässt Wind sowie Regen hindurch, was sowohl der Bewässerung als auch der Belüftung der Zonen unter dem Pseudo-Naturdach zugutekommt.
Einen ersten Prototyp installierte das inzwischen gegründete Startup in Kiel am Alten Markt (23. Juli bis 11. September 2025). Möglich wurde das dank öffentlicher Förderung durch Mittel für Kunst im öffentlichen Raum.
Das Sonnensegel in Aktion: Das dynamische, abwechslungsreiche Muster sowie die mehrschichtige Natur treten klar zum Vorschein. (Bildquelle: Sense of Shade)
Werbung jenseits der Wissenschaft
Was soll das Ganze? Nun wird’s kompliziert, denn Ziele und Werbung des Unternehmens gehen weiter als das, was die Wissenschaft belegen kann.
Schatten ist nämlich an sich nur Mittel zum Zweck. Der Name des Produktes – lose übersetzt »Gefühl für Schatten« – legt dabei eine Fährte. Das sich als Blätterwerk ausgebende Sonnensegel will den Erholungseffekt der Natur in eine ansonsten weitestgehend künstliche Umgebung holen.
Laut dem Startup nimmt das Gehirn die Schattenspiele als natürlich wahr und erholt sich dadurch unbewusst. Die Website behauptet, das Gehirn unterscheide nicht zwischen natürlichem und menschengemachtem Objekt, solange die Wahrnehmung authentisch wirkt.
Obschon der angenehme Effekt als denkbar erscheint, fällt eine exakte Bezifferung dieses »Wohlfühlens« schwer. Die Segel bewirken etwas und auch mehr als nur simplen Schatten. Aber wie viel genau es einer Einzelperson nützt, bleibt offen.
So existieren zwar Studien, die den positiven Einfluss von Wäldern auf Blutdruck, den Puls und weitere Kennwerte der menschlichen Physiologie nachweisen – doch die Übertragbarkeit auf künstlich erzeugte Umgebungen ist fraglich.
Letztendlich bleibt es eine Idee mit Potenzial, denn selbstverständlich sorgt der Schatten für Abkühlung. Wie viel, schwankt jedoch stark je nach Umgebung und Wetter.
Doch allein der Effekt, dass unter Sonnensegeln dieser Art auch Pflanzen ohne künstliche Bewässerung (dank Regen) auskämen, eröffnet Einsatzfelder – vordergründig im Falle von ausladenden Planen, die eventuell sogar komplette Marktplätze überspannen. Dass wir in Städten Hilfe benötigen, um der Hitze der Klimakrise Herr zu werden, zeigen nicht zuletzt die neuesten Rekorde aus dem Frühsommer.
Kaum bis gar nicht ersetzbar zeigen sich aber diverse weitere Eigenschaften von Bäumen. Sie dienen ihrer Umgebung ja mit weit mehr als nur Schatten. Zum Beispiel:
- Verdunstungskühlung durch große Mengen aufgefangener Flüssigkeit
- Luftreinigung, inklusive resultierender Sauerstofferzeugung
- Lebensraum für Tiere
- Zierde
Einschätzung der Redaktion (Gerald Weßel): Gleichwohl steht Sense of Shade
in städtischen Umgebungen für eine neuartige Chance, Hitzeschutz, angenehme Optik und sonstiges Wohlbefinden miteinander zu kombinieren. Echtes Grün unter unseren Füßen, am Wegesrand und bisweilen über unseren Köpfen sollte dennoch zum Alltag eines jeden Menschen gehören.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.