Bioware's Sternstunde

Die Community kommt zusammen, um den N7-Day zu feiern. Viel Futter gab es in letzter Zeit allerdings nicht. Wie gut spielt sich denn der Startpunkt der Mass Effect-Saga, über zehn Jahre nach Release?
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  1. Wer erst in den letzten Jahren angefangen hat, sich wirklich für Videospiele zu interessieren, dem wird beim Namen Bioware wohl eher weniger warm ums Herz. Die einstigen großen Stärken des Studios sind gerade in ihrem letzten Spiel Anthem fast zur Unkenntlichkeit verblasst. Auch für mich kam die Hochphase von Bioware zu früh, doch das Science-Fiction-Epos Mass Effect hat mir eindrucksvoll gezeigt, was ein Spiel braucht, um selbst über zehn Jahre nach Release noch zu begeistern. Ein Rückblick zum N7-Day.

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    Shepard blickt auf die Erde. Wahlweise kann man auch mit einem weiblichen Charakter spielen.

    Eine filmreife Geschichte
    Die größte Stärke des Rollenspiels war für mich definitiv die Story und die generelle Lore von Mass Effect. Das Szenario ist auch einfach richtig spannend: Die Menschheit entdeckt, dass sie nicht die einzigen Lebewesen im All sind. Und nicht nur das - die Außerirdischen sind intelligente Wesen, die sich bereits hierarchisch organisiert haben. Plötzlich sind wir nur eine Rasse unter vielen und müssen uns dem Vorsitz der Galaktischen Allianz unterordnen.
    Wir spielen als Commander Shepard, dem wir selbst das gewünschte Aussehen, eine Kampfklasse und eine Hintergrundgeschichte verpassen. Kritisch beäugt von den anderen Spezies kämpfen wir darum, zum ersten menschlichen Spectre zu werden - einer Elitegruppe an unabhängig operierenden Agenten. Die Zeiten sind ernst, denn ein unerhörter Verrat führt zu Instabilitäten, welche die Existenz des gesamten Universums bedrohen könnten.
    Die Hauptstory besticht mit einer straffen Spannungskurve, einigen spannenden Wendungen und tollen Charakteren. Gerade zum Ende hin wird Mass Effect so auch dank der gekonnten Inszenierung absolut filmreif. Die Handlung profitiert enorm von der umfassenden Hintergrundgeschichte, die sowohl in optionalen Dialogen, während Nebenmissionen, bei der Planentenerkundung und im mächtigen Kodex erzählt wird. Dies führt dazu, dass das Mass Effect-Universum trotz der in die Jahre gekommenen Optik immer noch äußerst lebendig, glaubwürdig und genaustens durchdacht wirkt.

    Angestaubte Optik mit Seele
    Wo wir gerade bei der technischen Seite sind: Ich habe für das Spielen die Mod "MEUITM" installiert, welche für schärfere Texturen sorgt. Besonders positiv sind mir die bei den Figurenmodellen aufgefallen. So wirken zumindest die Zwischensequenzen immer noch hübsch - böse Zungen mögen sogar behaupten, dass die Gesichtsmimiken besser aussehen, als im jüngsten Teil Mass Effect: Andromeda. Sonst kann aber auch die Mod nicht über die generelle Detailarmut und technische Limitationen hinwegtäuschen. Doch wo andere SciFi-Spiele schnell Gefahr laufen, generisch und austauschbar zu wirken, kann man das von Mass Effect wahrlich nicht behaupten. Wir bereisen während unseres Abenteuers viele markante Planeten, erkunden imposante Bauwerke und auch der Gang durch das gigantische Konstrukt namens Citadel, den Nabelpunkt der galaktischen Allianz, ist ein Erlebnis. Dazu kommt ein toller, stimmiger Soundtrack und eine solide deutsche Sprachausgabe. Nur die generelle Soundkulisse habe ich als etwas dünn empfunden, man gewöhnt sich aber daran.

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    Die Planeten selbst wirken (realistischerweise) ziemlich karg, doch der Blick Richtung Himmel bringt teils spektakuläre Bilder.

    Ein angenehmer Rollenspielanteil
    Die Missionen bieten eine gelungene Mischung aus Erkundung, Kampf zu Fuß sowie im Fahrzeug, Looten und Dialogen. In Gefechten von Angesicht zu Angesicht wird Mass Effect zum Deckungsshooter. Ich habe meinen Shepard bei der Charaktererstellung zum Biotik-Profi gemacht. Dadurch kann er viele coole Kinetik-Fähigkeiten und Ähnliches benutzen, sonst aber nur auf einfache Laser-Pistolen zurückgreifen. In unserem Planeten-Rover wird dagegen mit größeren Kalibern gekämpft - dank des guten Fahrgefühls haben sich die Fahrzeugkämpfe als nette Abwechslung herausgestellt. Individualisieren und weiterentwickeln lässt sich der Commander durch Modifikatoren für Rüstung, Waffen und Gadgets sowie durch einen umfangreiches Talentsystem. Das Looten und Verbessern hat sich motivierend angefühlt - Bioware ist hier ein guter Spagat zwischen Zugänglichkeit und Komplexität gelungen. Einzig die Übersichtlichkeit leidet in den langen, wenig ansprechend gestalteten Listenmenüs.
    Die Kämpfe haben sich gerade dank den Biotik-Fähigkeiten spaßig angefühlt, das Schussgefühl war aber nur mittelmäßig und die KI der Gegner hatte auch den ein oder anderen Aussetzer. Begleitet werden wir während Außenmissionen von zwei unserer Kollegen, die wir vor jedem Einsatz nach unseren Präferenzen auswählen, die den Weg zum Ziel mit interessanten Gesprächen verkürzen und sich auch im Kampf ganz ordentlich anstellen. Zwischen den Aufträgen könen wir mit ihnen auch auf unserem eigenen Schiff, der Normandy, eine engere Beziehung aufbauen - die Gelegenheit habe ich gerne genutzt, da sie natürlich wie fast alles in Mass Effect, über eine detaillierte und äußerst interessante Hintergrundgeschichte verfügen. Auch Romanzen sind möglich, auch wenn die teils ein wenig unbeholfen gewirkt haben.

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    Dank der MEUITM-Mod haben sich die Figuren ordentlich rausgeputzt. Davon profitieren besonders die Zwischensequenzen.

    Freiheit und Grenzen
    Die Geschichte war für mich auch der hauptsächliche Motivationsfaktor, um die Nebenmissionen anzugehen. Die sind zwar auf vielen kargen aber optisch durchaus abwechslungsreichen Planeten angesiedelt, doch bei den Missionsgebieten selbst sind Bioware wohl die Ressourcen ausgegangen. Wo die Umgebungen in den Hauptmissionen äußerst abwechslungsreich gestaltet sind, gibt es für die Nebenmissionen, die nicht auf der Citadel stattfinden (die sind nämlich fast ausnahmslos spitze!), gefühlt nur vier bis fünf verschiedene Gebäudetypen mit minimalen Veränderungen. Dass ich dennoch fast alle Sidequests, nahezu ohne aufkommende Langeweile abgeschlossen habe, spricht für die starken Geschichten und interessanten Dialoge mit den Questgebern.
    Und damit kommen wir auch zum letzten Punkt meiner "Abhandlung" - den Dialogen. Das die richtig gut geschrieben sind, dürfte man schon aus dem Review herausgehört haben. Sie wirken sich aber auch auf das Rollenspiel aus, da wir zwischen einer vornehmen, eloquenten Art und einem rabiateren Ton wählen können. Dies beeinflusst, wie viele Punkte wir im Talentsystem auf das Überzeugen oder Einschüchtern legen können. Sind unsere Skills dort hoch genug, lassen sich Missionen eventuell ohne Waffengewalt lösen. Schade allerdings ist, dass diese Spezial-Antworten in heiklen Dialogen immer klar gekennzeichnet werden. So fällt die Entscheidung für eine Gesprächsoption hier natürlich deutlich einfacher. Das lösen die neueren Deus Ex-Teile zum Beispiel deutlich spannender. Dennoch hat mir das Dialogsystem gut gefallen, auch weil die ein oder andere spannende Entscheidung, die den Questverlauf ändert, daran gekettet ist. Zudem reagiert die Welt um uns auf unsere Entscheidungen - so muss das sein in einem Rollenspiel!

    Hinweis: Besitzer von neueren AMD-Prozessoren stoßen in bestimmten Gebieten im Spiel wahrscheinlich auf einen nervigen Grafik-Bug. Einen einigermaßen gut funktionierenden Workaround gibt es hier: https://steamcommunity.com/app/17460/discussions/0/522729359284940264/?l=german

    Fazit: Die spannende Geschichte entführt auch über zehn Jahre nach Release noch in ein enorm glaubwürdiges, lebendiges Spieleuniversum. Mass Effect bleibt trotz angestaubter Technik eine strahlende Referenz auf dem Gebiet der storylastigen SciFi-Spiele!

    Über den Autor

    Larger-Than-Life
    Spielt quer durch alle Genres. Hat eine Vorliebe für Adventures und ungewöhnliche Mechaniken. Schreibt gerne über Spiele.

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