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Grimoire: Heralds of the Winged Exemplar im Test - Retro-Masochismus für 37 Euro

Nach 20 Jahren »in Entwicklung« erscheint dieses Oldschool-Rollenspiel reichlich unfertig – und ohne Anleitung.

von Sascha Penzhorn,
24.08.2017 13:44 Uhr

Grimoire sieht aus wie aus den 90ern, weil es seit den 90ern entwickelt wird.Grimoire sieht aus wie aus den 90ern, weil es seit den 90ern entwickelt wird.

Grimoire: Heralds of the Winged Exemplar versetzt uns zurück in die Zeit von Wizardry 7, Might & Magic 3 - 5, Eye of the Beholder und ähnliche klassische Rollenspiele. Damals ging es in RPGs noch um extrem komplexe Charakterentwicklung, abartig schwere Rätsel und Kämpfe und um richtig tödliche Fallen, Flüche, Krankheiten und Bossmonster.

Das alles steckt auch in Grimoire - obendrauf gibt's Bugs, unfertige Spielelemente und gelöschte Speicherstände. So erscheint das Rollenspiel der ganz, ganz alten Schule 20 Jahre nach seiner Ankündigung in einem Zustand, der sich stark wie Early Access zum Vollpreis anfühlt. Eine Anleitung gibt's derzeit übrigens auch nicht - die wurde zwar angekündigt, hat sich aber auf unbestimmte Zeit verschoben.

Warum sehen die Screenshots so komisch aus? Normalerweise leben wir in einer Zeit, in der sich 16:9 als Standardformat für Internetbilder ziemlich flächendeckend durchgesetzt hat. Grimoire stammt aber aus einer Zeit, als das noch nicht der Fall war - und das sieht man auf den Bildern. Wir haben das Spiel nicht in 16:9 zum Laufen bekommen, weshalb die Bilder sehr hochkantig aussehen. Sorry.

Was machen wir hier eigentlich?

In der Charaktergenerierung erwarten uns stolze 14 Rassen und 15 Klassen. Rattenmenschen, Aliens, Vampire - die Figuren sind hässlich, aber einfallsreich. Wir dürfen eine Gruppe aus bis zu acht Helden bilden, die über Attribute wie Devotion, Metabolism und Fellowship verfügen. Gibt's da keine deutschen Begriffe dafür?

Nein, denn Grimoire ist komplett in Englisch, eine Übersetzung fehlt. Was genau die Eigenschaften bringen, erklärt das Spiel auch nicht - und das ist noch viel schlimmer als die verpatzte Übersetzung. Zwar haben Fans ein Wiki gestartet, das ist sich aber ebenfalls nicht ganz so sicher. So lautet die Wiki-Beschreibung zum Attribut Willpower: »Resistenz gegen Geistesattacken, vielleicht ein paar Angriffsboni?«

Grimoire: Heralds of the Winged Exemplar - Screenshots aus der Testversion ansehen

Einige der gelisteten Charakterklassen stehen scheinbar zur Auswahl, sind aber ausgegraut. Die können wir erst im späteren Spielverlauf über Multiclassing oder Klassenwechsel wählen, wie uns ein hilfreicher Spieler im Forum erklärt. Was ist der Unterschied zwischen Sage, Wizard und Thaumaturge? Wieso steht der Metalsmith als Charakter zur Auswahl, obwohl dessen Spezialfertigkeit der Metallverarbeitung noch nicht ins angeblich fertige Spiel eingebunden wurde?

Wieso dürfen wir pro Charakter nur drei Mal die Startattribute auswürfeln und müssen mit der Generierung von vorne anfangen, wenn das Ergebnis drei Mal hintereinander Schrott ist? Das Spiel frustet, bevor es überhaupt losgeht.

Am schönsten ohne Ton

Wir folgen der kosmischen Eule, um die Uhr des Schicksals wieder aufzuziehen, bevor diese für alle Zeit stillsteht. Oder so ähnlich. Die Story wird stumm in Textform übermittelt, bei Dialogen mit NPCs müssen wir Fragen eintippen. Unsere Helden bleiben stumm und verfügen über keinerlei Persönlichkeit. Ganz so wie früher eben.

Und Sie fanden den Inventarbildschirm von Diablo 2 altbacken? Weit gefehlt ...Und Sie fanden den Inventarbildschirm von Diablo 2 altbacken? Weit gefehlt ...

Doch bei aller Liebe zu Retro-Games - Grimoire ist echt hässlich. Klar, über Geschmack lässt sich streiten, über Grafikfehler beim Erforschen der insgesamt mehr als 200 Oberweltkarten und Dungeons jedoch nicht. Die Benutzeroberfläche stammt direkt aus der Hölle. Das Inventarsystem besteht aus einer horizontalen Reihe von Icons, durch die wir uns mühsam durchklicken müssen, wenn wir nach Gegenständen suchen. Die Beschreibungstexte vieler UI-Elemente sind mikroskopisch klein und praktisch unlesbar.

Perfekt abgerundet wird der Look des Spiels durch piepsige Midi-Hintergrundmusik und durch extrem lästige Monster-Sounds in jedem Kampf. Als uns ein Bandit angreift, ertönt sein Kampfschrei wieder und wieder aus den Lautsprechern und kommt mit einem merkwürdigen Hall-Effekt, als kämpften wir gerade gegen ein ganzes Dutzend brüllender Feinde. Viel besser haben sich viele Spiele in den 90ern auch nicht angehört, aber ganz so Retro muss es dann doch nicht sein.

Fehler führen zum Tod

Die ersten paar Kämpfe sind grausam. Unser Ranger ist auf Fernkampf spezialisiert, beginnt das Spiel aber mit einem Dolch. Pfeile gibt's in den ersten Spielstunden so gut wie überhaupt keine. Nach dem Kampf mit einem giftigen Käfer wird unser Ranger krank, dann geistesgestört und schließlich gelähmt, weil wir die Krankheit nicht schnell genug heilen.

Das ginge eigentlich ganz einfach mit einem Zauber oder mit Äpfeln, die im Startgebiet wachsen, was wir zu diesem Zeitpunkt aber nicht wissen. Und seit der Kollege gelähmt ist, fällt ihm auch das Kauen der Äpfel schwer. Unser Berserker hat derweil die »Berserk«-Fähigkeit, die probieren wir im Kampf aus.

Die Kämpfe laufen wie früher rundenbasiert ab. Die eigenen Recken sieht man dabei nicht.Die Kämpfe laufen wie früher rundenbasiert ab. Die eigenen Recken sieht man dabei nicht.

Dabei fügt sich der Kamerad selbst Schaden hinzu, um in Rage zu geraten, dann teilt er den gewaltigsten Hieb aus, den wir je im Spiel gesehen haben und fällt ein von ihm selbst ausgewähltes Ziel mit einem einzigen Treffer: Unseren Ranger.

Anscheinend nimmt es diese Charakterklasse nicht so genau damit, wen sie angreift. Also beleben wir den Ranger wieder, worauf er dauerhaft zehn Punkte Constitution verliert und so für immer etwas schwächer bleibt. Learning by dying. Einen Augenblick später tritt unsere Gruppe in eine offenbar ziemlich Pfütze und ertrinkt jämmerlich. Game Over.

Stellenweise unterhaltsam

Mit den oben beschriebenen »Besonderheiten« muss man klarkommen, dann ist Grimoire zum Teil gar nicht mal so übel. Als wir wissen, wie man Krankheiten kuriert, dem Wasser erst mal fernbleiben und unseren Berserker ohne seine Spezialfähigkeit kämpfen lassen, gelangen wir recht fix zum ersten Dungeon. Und dort gibt's haufenweise Geheimtüren, die wir beispielsweise über Magie oder die Scout-Fähigkeit unserer Diebin aufspüren.

Eine Tür öffnet sich nur, wenn wir die Antwort auf ein Rätsel eintippen. Außerdem gibt's reichlich Schatztruhen. Okay, das Minispiel zum Schlossknacken ist nicht gerade intuitiv und erfordert einen weiteren Besuch im Forum, doch als wir endlich Kisten knacken und Stöcke und Steine durch Schwerter und Äxte ersetzen, fühlt sich das gut an.

Was in der Spielwelt passiert, wird häufig über Texteinblendungen am unteren Bildschirmrand geregelt.Was in der Spielwelt passiert, wird häufig über Texteinblendungen am unteren Bildschirmrand geregelt.

Erste Minibosse fallen mit der richtigen Taktik und unsere kleine Heldengruppe wird langsam etwas stärker und ist nicht mehr vollkommen hilflos.

Das ist ein wichtiger Teil klassischer Rollenspiele, den Grimore hervorragend drauf hat - die Abenteurer starten als absolute Luschen und wachsen nach und nach zu einer schlagkräftigen Truppe zusammen. Oder scheitern kläglich! Blöd nur, dass ein paar Stunden später alles in sich zusammenfällt.

Balancing, Blackscreen, Bugs

Für das Balancing und die Abstimmung der einzelnen Spielelemente hatte der einzige Entwickler von Grimoire offenbar keine Zeit in den letzten 20 Jahren. Resistenzen bringen derzeit anscheinend überhaupt nichts. Wenn wir ein Bossmonster paralysieren, einfrieren oder einschläfern, wird es vollkommen hilflos, der Rest des Bosskampfs zur Lachnummer.

Dumm nur, dass wir kaum eine andere Wahl haben, als solche billigen Taktiken einzusetzen. Denn ein Endgegner startet schon mal zwei Dutzend Attacken, bevor unsere Gruppe (oder was davon übrig ist) überhaupt zum Zug kommt.

Manche Gegner sind so übermächtig, dass sie Helden mit vollem Lebensbalken mit einem einzigen Schlag ins Jenseits befördern. Das allein wäre nervig genug, würden die Spielupdates nicht obendrein regelmäßig unsere Savegames zerstören.

Kein Witz! Von einer Spielversion zur nächsten kann es passieren, dass sämtliche Fortschritte verloren gehen und wir wieder bei null anfangen müssen. Zudem können bestimmte Grafikoptionen dazu führen, dass das Spiel nur noch mit komplett schwarzem Bildschirm startet. Das zu beheben, erfordert die Löschung der Konfigurationsdatei oder eine Neuinstallation. Um solche Hindernisse zu überwinden, braucht es schon sehr, sehr viel Abenteuerwillen.

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