Spiele-Enttäuschung 2016 - Micha: Das schlimmste Setting 2016

Watch Dogs 2 ist ein gutes Spiel – aber die Hauptfiguren machen es für Micha kaputt.

von Michael Graf,
02.01.2017 12:00 Uhr

Die Hauptcharaktere von Watch Dogs 2 sind nicht cool. Sie sind schrecklich.Die Hauptcharaktere von Watch Dogs 2 sind nicht cool. Sie sind schrecklich.

Das Spielejahr 2016 war für mich eines der Enttäuschungen auf hohem Niveau. Civilization 6 - super, aber diese KI. Battlefield 1 - super, aber diese »Kampagne«. Dishonored 2 - super, aber diese Story. Mafia 3 - super, aber alles nach der ersten Stunde. Ich musste lange grübeln, welche Enttäuschung dieses Jahr die größte für mich war.

Bis ich Watch Dogs 2 gespielt habe. Auch das ist eigentlich ein sehr gutes Spiel mit tollem San Francisco und tollen Missionen. Aber warum zur Hölle lässt Ubisoft mich diese unerträglichen Skriptkiddies spielen?

Nicht, dass Aiden auf dem ersten Watch Dogs so ein sympathischer Charakter gewesen wäre. Ich habe Watch Dogs damals durchgespielt und musste trotzdem gerade seinen Namen googeln - das sagt eigentlich alles. Aber Aiden war als Untergrundrächer zumindest ein halbwegs glaubwürdiger Charakter, im Überwachungssetting von Watch Dogs umwehte ihn zumindest ein Hauch von »V for Vendetta«, ein Hauch von Antiheld, der sich gegen ein zerfressenes System auflehnt. Wenn auch aus egoistischen Motiven und nicht als edler Weltenretter, aber gut, immerhin.

Auftritt der Wachhunde: Watch Dogs 1 im Test

Watch Dogs 2 verkehrt das mit seinem zwangscoolen Hipstersetting ins Gegenteil. Datendiebstahl? Ja, Alter, bleib geschmeidig, macht man heutzutage halt. Message? Brauch ich nicht, so lange ich im Pixel-Pimpmobil die Lombard Street entlang cruisen kann. Wobei »meine« Hacker, die munter alles und jeden unterwandern, sich selbst beschweren, wenn eine Kollegin sie belauscht. Klar, Pivatsphäre und so, voll wichtig. Also für einen selber. Ansonsten wird alles gehackt, was nicht bei Drei hinter der Firewall ist.

Der bedrohte Riese: Wovor Ubisoft Angst hat (Plus)

Der Autor
Michael Graf gehört zur GameStar-Chefredaktion, leitet das Kolumnen- und Reportressort und verantwortet die Inhalte für GameStar Plus. Das beste Spiel aller Zeiten ist seiner Meinung nach Homeworld, da duldet er auch keine Diskussion. Oder hört einfach weg, falls jemand doch eine anfängt. Über die Feiertage hat er sich fest vorgenommen, Enderal endlich durchzuspielen. Wer braucht denn noch Vollpreisspiele, wenn er solche Mods hat?

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Das ist Satire?!

Der britische Kollege Jim Sterling, den ich wirklich sehr schätze, lobt das Setting von Watch Dogs 2 als »humorvoll«, der ebenfalls britische Guardian bezeichnet es gar als »Satire«. Leute, bitte! Der Brexit ist Satire, Watch Dogs 2 ist einfach dumm. Oder satirisch so meta, dass ich mir das Augenzwinkern zwanghaft einreden muss. Die schwache Moralnote ganz am Ende geht da gleich komplett unter.

Ich meine, natürlich kann ich die Hacktröten von Watch Dogs 2 als Spiegelbild einer Generation betrachten, die mit Daten umgeht wie ich mit Büro-Süßigkeiten (Ich klaue gerne welche, aber wehe, jemand klaut meine!) - aber das wäre schon sehr gezwungen.

Aber gut, nehmen wir mal an, Watch Dogs 2 sei satirisch gemeint. Dann will ich Ubisoft zumindest Unbeholfenheit vorwerfen, GTA 4 und GTA 5 arbeiten ihr satirisches Thema - die dunklen Seiten des »American Dream« - viel klüger auf. Zwar durchaus mit dem Holzhammer, aber der bringt die Botschaft wenigstens rüber. Watch Dogs 2 wirkt dagegen wie ein auf Pseudocoolness getrimmtes Hippiemärchen, das seine - wenn überhaupt vorhandene - Satire unter Jo-Alter-Sprüchen begräbt.

Watch Dogs 2 - Test-Video zur Hacker-Action 8:39 Watch Dogs 2 - Test-Video zur Hacker-Action

Und das ärgert mich. Nicht mal, weil ich mich unbedingt mit den Helden eines Spiels identifizieren möchte, die Gangster von GTA und der Hitman reflektieren ja auch nicht unbedingt meine reale Persönlichkeit respektive Frisur. Aber gerade das Setting von Watch Dogs 2 böte so fantastische Möglichkeiten, sich tatsächlich satirisch mit wichtigen Zukunftsthemen auseinanderzusetzen. Ob wir wollen oder nicht, digitale Überwachung, gläserne Gesellschaften und Cyberkriminalität sind Dinge, die uns alle betreffen. Und zwar schon in der Gegenwart.

Ich will dafür nicht schon wieder den ausgenudelten NSA-Skandal heranziehen, aber wenn sogar im US-Präsidentschaftswahlkampf munter Mailkonten gehackt werden und das Telekomnetz nach einer Attacke landesweit zusammenbricht, muss nicht erst jemand meinen Steam-Account klauen, damit ich merke, dass das Thema Hacking vielleicht irgendwie wichtig sein könnte. Wie das in 20 Jahren aussieht, will ich mir gar nicht vorstellen.

Aber die Entwickler von Watch Dogs 2 dürfen sich das gerne vorstellen. Tun sie ja auch, aber auf die - für mich - falsche Weise. Genausogut könnte man ein Spiel übers Robbenbabyklopfen entwickeln, in dem die Robbenbabyklopfer total hippe Witzereißer sind. Zumal es solche gewissensbefreiten Datensurfer wie das Dedsec-Trio wirklich gibt.

Etwa die »Scherzkekse« von Lizard Squad, die 2014 das PlayStation Network hackten und per Tweet eine Bombendrohung absetzten, um den Linienflug des Sony-Online-Entertainment-Chefs John Smedley zur Notlandung zu zwingen. Haha, lustig. Nicht. Schlimm genug, dass es solche Menschen in der echten Welt gibt. Ich muss sie nicht auch noch spielen.

Auf dem PC hackt sich's am besten: Watch Dogs 2 im Test

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